Nierensteine (Nephrolithiasis) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Nephrolithiasis (Nierensteinleiden) mitbedingt sein können:

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Nierenzellkarzinom (Nierenzellkrebs) – insbesondere Assoziation mit papillärem (warzenförmig wachsendem) Nierenzellkarzinom; in der Netherlands Cohort Study war das Risiko für papilläres Nierenzellkarzinom bei anamnestischen Nierensteinen erhöht, während keine vergleichbare Assoziation mit klarzelligem (hellzelligem) Nierenzellkarzinom nachgewiesen wurde [2]
  • Urothelkarzinom (Krebs der Harnwegsschleimhaut) der oberen Harnwege – erhöhtes Risiko bei anamnestischer Nephrolithiasis; die Assoziation ist epidemiologisch belegt, jedoch nicht gleichbedeutend mit einer individuell gesicherten Kausalität (Ursächlichkeit) [2]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Frühgeburt – kann bei symptomatischer Urolithiasis (Harnsteinleiden) in der Schwangerschaft, insbesondere bei Kolik (krampfartigem Schmerz), Infektion (Entzündung durch Krankheitserreger), Obstruktion (Verschluss) oder interventionspflichtigem Verlauf (behandlungsbedürftigem Verlauf), mitbedingt sein; die Evidenz beruht überwiegend auf Beobachtungsdaten und Metaanalysen nicht randomisierter Studien [5, LL 1]
  • Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) – in Metaanalysen und Kohortenstudien als mit Urolithiasis in der Schwangerschaft assoziiertes ungünstiges maternales Outcome (mütterlicher Krankheitsverlauf) beschrieben; die Evidenz ist vorwiegend beobachtend [5, LL 1]
  • Vorzeitiger Blasensprung – kann im Rahmen komplizierter Urolithiasis in der Schwangerschaft mitbedingt sein; die direkte Evidenz ist begrenzt und stammt überwiegend aus Beobachtungsdaten [5]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Dysurie (erschwertes/schmerzhaftes Wasserlassen) – kann bei irritativer Beteiligung (reizbedingter Beteiligung) der ableitenden Harnwege (harnableitenden Organe), distalem Ureterstein (Harnleiterstein im unteren Abschnitt), begleitender Harnwegsinfektion (Infektion der Harnwege) oder Urethrabeteiligung (Beteiligung der Harnröhre) auftreten [LL 1, LL 2]
  • Fieber – klinisch relevant insbesondere bei obstruierendem Stein mit infiziertem Harnstau (Harnrückstau); diese Konstellation ist als urologischer Notfall (Notfall der Harn- und Geschlechtsorgane) zu werten [LL 1, LL 2]
  • Flankenschmerz beziehungsweise Nierenkolik (krampfartiger Nierenschmerz) – typische akute klinische Manifestation bei obstruierendem Nieren- oder Ureterstein [LL 1, LL 2]
  • Hämaturie (Blut im Urin) – kann makroskopisch (mit bloßem Auge sichtbar) oder mikroskopisch (nur unter dem Mikroskop sichtbar) auftreten und ist eine häufige Begleitmanifestation der Nephrolithiasis [LL 1, LL 2]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Nierenschädigung (plötzliche Nierenschädigung) – insbesondere bei bilateraler Obstruktion, Einzelniere (nur eine vorhandene oder funktionierende Niere), relevanter Harnstauung, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder infizierter Obstruktion [LL 1, LL 2]
  • Chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) – erhöhtes Langzeitrisiko bei Patienten mit Urolithiasis; eine große nationale Kohortenstudie zeigte ein erhöhtes Risiko für inzidente chronische Nierenkrankheit, besonders relevant bei rezidivierender, obstruierender oder infektiöser Steinbildung [1, 3]
  • Harnsteinrezidiv (Wiederauftreten von Harnsteinen) – häufige Langzeitkomplikation; das Rezidivrisiko ist insbesondere bei Hochrisikoharnsteinbildnern (Harnsteinpatienten mit hohem Risiko) erhöht [LL 1, LL 2]
  • Harntransportstörung (Störung des Harnabflusses) – kann durch Ureterstein, Steinimpaktierung (Festsitzen eines Steins), Schleimhautödem (Schwellung der Schleimhaut), entzündliche Reaktion oder selten durch postinterventionelle Narbenbildung (Narbenbildung nach einem Eingriff) mitbedingt sein [LL 1, LL 2]
  • Harnwegsinfektion – kann durch Harnstase (Harnstillstand), Obstruktion, Biofilmbildung (Bildung eines Bakterienfilms), infizierte Steine oder ureasebildende Bakterien (Bakterien mit Harnstoffspaltung) mitbedingt beziehungsweise perpetuiert werden [4, LL 1, LL 2]
  • Hydronephrose (Wassersackniere) – Folge eines relevanten Harnabflussstaus (Rückstau des Urins) bei obstruierendem Stein; bei anhaltender Obstruktion Risiko einer Funktionsminderung der betroffenen Niere [LL 1, LL 2]
  • Nephrokalzinose (Kalkablagerung in der Niere) – bei bestimmten metabolischen (stoffwechselbedingten) oder genetischen (erblichen) Steinbildungsursachen möglich; zugleich Hochrisikokonstellation für rezidivierende Steinbildung [LL 1, LL 2]
  • Obstruktive Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung bei Harnabflussverschluss) – schwerwiegende Komplikation bei Kombination aus Harnstau und Infektion; erfordert rasche Drainage (Ableitung) beziehungsweise Dekompression (Druckentlastung) zusätzlich zur antiinfektiven Therapie (Behandlung gegen Infektionen) [LL 1, LL 2]
  • Ureterstriktur (Harnleiterverengung) – seltene Folge nach langdauernder Steinimpaktierung, chronischer lokaler Entzündung oder nach endourologischer Intervention (Eingriff über die Harnwege) [LL 1]
  • Urosepsis (Blutvergiftung durch Harnwegsinfektion) – potenziell lebensbedrohliche Komplikation bei infizierter Obstruktion; die Leitlinien bewerten die sofortige Dekompression der Obstruktion und antimikrobielle Therapie (Behandlung gegen Krankheitserreger) als Notfallmaßnahmen [LL 1, LL 2]

Prognosefaktoren

Hochrisikogruppe der Harnsteinbildner (Harnsteinpatienten) – modifiziert nach S2k-Leitlinie und aktualisiert nach EAU-Guideline

  • Biographische Ursachen
    • Genetisch determinierte Steinbildung (erblich festgelegte Steinbildung)
      • 2,8-Dihydroxyadeninurie (vermehrte Ausscheidung von 2,8-Dihydroxyadenin im Urin) – Adenin-Phosphoribosyltransferase-Mangel (Mangel des Enzyms Adenin-Phosphoribosyltransferase); autosomal-rezessiver Erbgang (Vererbung über beide Elternteile) [LL 1, LL 2]
      • Cystinurie (vermehrte Cystinausscheidung im Urin) – genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung (Erkrankung des Stoffwechsels) mit erhöhter Ausscheidung von Cystin sowie Arginin, Lysin und Ornithin im Urin [LL 1, LL 2]
      • Lesch-Nyhan-Syndrom (angeborene Purinstoffwechselstörung) – X-chromosomal-rezessiv (über das X-Chromosom verdeckt vererbt) vererbte Störung des Purinstoffwechsels (Stoffwechsel von Purinbasen) [LL 1, LL 2]
      • Mukoviszidose (zystische Fibrose) – erhöhtes Risiko für Urolithiasis, unter anderem durch enterale Hyperoxalurie (erhöhte Oxalatausscheidung durch den Darm bedingt) und veränderte intestinale Resorption (Aufnahme im Darm) [LL 1, LL 2]
      • Primäre Hyperoxalurie (angeborene Überproduktion von Oxalat) – angeborene Störung des Glyoxylatstoffwechsels (Stoffwechsel von Glyoxylat) mit erhöhter Oxalatausscheidung (Ausscheidung von Oxalsäure) [LL 1, LL 2]
      • Renale tubuläre Azidose Typ 1 (Nierentubulus-Übersäuerungsstörung Typ 1) – distale tubuläre Ansäuerungsstörung (Störung der Säureausscheidung in den Nierenkanälchen) mit erhöhtem Risiko für Calciumphosphatsteine und Nephrokalzinose [LL 1, LL 2]
      • Xanthinurie (vermehrte Xanthinausscheidung im Urin) – angeborene Störung des Purinstoffwechsels mit reduzierter Xanthinoxidaseaktivität (Aktivität des Enzyms Xanthinoxidase) [LL 1, LL 2]
    • Kinder und Jugendliche – grundsätzlich als Hochrisikogruppe einzuordnen, da genetische, anatomische (den Körperbau betreffende) und metabolische Ursachen relativ häufiger sind [LL 1, LL 2]
    • Positive Familienanamnese (Krankheitsvorgeschichte in der Familie) – erhöhte Wahrscheinlichkeit rezidivierender oder genetisch/metabolisch determinierter Steinbildung [LL 1, LL 2]
  • Anatomische Anomalien
    • Hufeisenniere (hufeisenförmig verschmolzene Nieren) [LL 1, LL 2]
    • Kelchdivertikel (Ausstülpung eines Nierenkelchs)/Kelchzyste (Flüssigkeitsblase eines Nierenkelchs) [LL 1, LL 2]
    • Markschwammniere (schwammartig erweiterte Nierenmarkkanälchen) [LL 1, LL 2]
    • Subpelvine Harnleiterstenose (Harnleiterverengung unterhalb des Nierenbeckens) [LL 1, LL 2]
    • Ureterozele (zystische Erweiterung des Harnleiterendes) [LL 1, LL 2]
    • Vesikoureterorenaler Reflux (Rückfluss von Urin aus der Blase in Harnleiter und Niere) [LL 1, LL 2]
  • Krankheiten, die mit Steinbildung assoziiert sind
    • Bariatrische Chirurgie (Adipositaschirurgie) – insbesondere durch enterische Hyperoxalurie nach malabsorptiven Verfahren (Eingriffe mit verminderter Nährstoffaufnahme) [LL 1, LL 2]
    • Chronische gastrointestinale Erkrankungen (Magen-Darm-Erkrankungen) – insbesondere Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung), Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Dickdarmerkrankung), Sprue/Zöliakie (glutenbedingte Dünndarmerkrankung) und Fettmalabsorptionssyndrom (gestörte Fettaufnahme im Darm) [LL 1, LL 2]
    • Gicht beziehungsweise Harnsäure-/Uratsteinbildung [LL 1, LL 2]
    • Harntransportstörung [LL 1, LL 2]
    • Hyperparathyreoidismus (Nebenschilddrüsenüberfunktion) [LL 1, LL 2]
    • Infektsteinbildung (Steinbildung durch Infektion) – insbesondere Struvit- beziehungsweise Carbonatapatitsteine bei ureasebildenden Bakterien [4, LL 1, LL 2]
    • Metabolisches Syndrom (Stoffwechselsyndrom) [LL 1, LL 2]
    • Nephrokalzinose [LL 1, LL 2]
    • Neurogene Blase (nervenbedingte Blasenentleerungsstörung)/Rückenmarksverletzung [LL 1, LL 2]
    • Polyzystische Nierenerkrankung (Zystennierenerkrankung) [LL 1, LL 2]
    • Sarkoidose (entzündliche Systemerkrankung) [LL 1, LL 2]
  • Umweltfaktoren
    • Cadmiumexposition (Belastung mit Cadmium) [LL 2]
    • Chronische Bleibelastung [LL 2]
  • Weiteres
    • Arzneimittelinduzierte Steinbildung (durch Medikamente ausgelöste Steinbildung) – zum Beispiel durch auskristallisierende Arzneistoffe (kristallbildende Medikamente) oder medikamentös induzierte metabolische Veränderungen [LL 1, LL 2]
    • Bilaterale große Steinmasse [LL 1, LL 2]
    • Brushit- und Carbonatapatitsteinbildung [LL 1, LL 2]
    • Einzelniere – nicht zwingend erhöhte Steinbildungswahrscheinlichkeit, aber erhöhte klinische Relevanz jedes Rezidivs wegen des Risikos einer relevanten Nierenfunktionsminderung [LL 1, LL 2]
    • Häufig rezidivierende Steinbildung – mindestens 3 Steine innerhalb von 3 Jahren [LL 2]
    • Residualsteine (Reststeine) nach vorausgegangener Therapie – erhöhtes Risiko für Steinwachstum, Symptome, Interventionen und Rezidivereignisse [LL 1, LL 2]

Risikofaktoren für Steinwachstum und steinbezogene Ereignisse

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – in Beobachtungsdaten mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für Steinwachstum beziehungsweise steinbezogene Ereignisse assoziiert [6]
  • Hyperurikämie (erhöhte Harnsäure im Blut) – Risikofaktor für Harnsäuresteinbildung und mit ungünstigem Verlauf assoziiert [6, LL 1, LL 2]
  • Lebensalter > 60 Jahre – erhöhtes Risiko für steinbezogene Ereignisse in Langzeitbeobachtungen asymptomatischer (beschwerdefreier) Nierensteine [6]
  • Nicht unterpolige Steinlage – erhöhtes Risiko für Symptome beziehungsweise steinbezogene Ereignisse [6]
  • Residualfragmente (Restfragmente) > 4 mm – nach EAU-Guideline interventionsrelevant beziehungsweise prognostisch ungünstig [LL 1]
  • Steingröße > 5 mm – erhöhtes Risiko für steinbedingte Symptome und geringere Wahrscheinlichkeit eines spontanen Abgangs [6]
  • Unterpolige Steinlage – geringere Wahrscheinlichkeit eines spontanen Abgangs, insbesondere bei Steinen > 5 mm [6]

Literatur

  1. Kim JY, Lee JK, Park JT, Chang TI: Risk of incident chronic kidney disease among patients with urolithiasis: a nationwide longitudinal cohort study. Clin Kidney J. 2024;17(3):sfae030. https://doi.org/10.1093/ckj/sfae030 
  2. van de Pol JAA, van den Brandt PA, Schouten LJ: Kidney stones and the risk of renal cell carcinoma and upper tract urothelial carcinoma: the Netherlands Cohort Study. Br J Cancer. 2019;120(3):368-374. https://doi.org/10.1038/s41416-018-0356-7 
  3. Shang W, Li L, Ren Y et al.: History of kidney stones and risk of chronic kidney disease: a meta-analysis. PeerJ. 2017;5:e2907. https://doi.org/10.7717/peerj.2907 
  4. Razi A, Ghiaei A, Dolatabadi FK, Haghighi R: Unraveling the association of bacteria and urinary stones in patients with urolithiasis: an update review article. Front Med (Lausanne). 2024;11:1401808. https://doi.org/10.3389/fmed.2024.1401808 
  5. Salehi-Pourmehr H, Tayebi S, DalirAkbari N et al.: Management of urolithiasis in pregnancy: A systematic review and meta-analysis. Scand J Surg. 2023;112(2):105-116. https://doi.org/10.1177/14574969221145774 
  6. Li X, Zhu W, Lam W et al.: Outcomes of long-term follow-up of asymptomatic renal stones and prediction of stone-related events. BJU Int. 2019;123(3):485-492. https://doi.org/10.1111/bju.14565 

Leitlinien

  1. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Urolithiasis. 2025. https://uroweb.org/guidelines/urolithiasis 
  2. DS2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis. (AWMF-Registernummer 043-025) Mai 2019 Langfassung