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Ursachen
Plötzlicher Kindstod

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

Die Pathogenese ist noch nicht genau bekannt. Es werden exogene und endogene Faktoren angenommen, die zum plötzlichen Kindstod (engl. sudden infant death syndrome (SIDS)) beitragen können.

Diskutiert wird eine nicht mehr ganz kompensierte passagere Minderdurchblutung des Hirnstamms [1]. Eine gestörte Serotonin-Homöostase im Gehirn kann die Folge dessen sein [5]. Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter in der Medulla oblongata, dem Ort des Atemzentrums.

Auslöser der Minderdurchblutung kann die Bauchlage dann sein, wenn dabei der Kopf stark rotiert und rekliniert ist, also zur Seite gedreht und rückwärtig überstreckt ist. Denn dadurch kommt es zu einer Flussminderung in der A. vertebralis (Wirbelbogenschlagader) auf der Gegenseite der Kopfdrehung.

Zu den möglichen Ursachen gehören auch Störungen von Membrankanälen („Channalopathy“) in den Zellen der quergestreiften Muskulatur. Verdächtigt wird das Gen SCN4A. Dieses enthält die Information für "NaV1.4", einem Natriumkanal auf der Membran der quergestreiften Muskelzellen. Bei SIDS-Opfern wurden vier Mutationen gefunden, in der Kontrollgruppe traten diese kein einziges Mal auf [7].
Hinweis: Diese Entdeckung könnte möglicherweise durch die Behandlung von Säuglingen mit Membranblockern den Tod der Säuglinge verhindern.

Butyrylcholinesterase (BChE), gemessen in getrockneten Blut einer Filterpapierkarte, das 2-3 Tage nach der Geburt entnommen wurde, war bei Babys, die später an plötzlichen Kindstod (sudden infant death syndrome (SIDS)) starben, niedriger als bei überlebenden Kontrollen und anderen Nicht-SIDS-Todesfällen. Die Autoren schlussfolgern, dass ein zuvor nicht identifiziertes cholinerges Defizit, identifizierbar durch abnormales BChE, bei der Geburt von SIDS-Babys vorhanden ist und eine messbare, spezifische Anfälligkeit vor ihrem Tod darstellt [11].
Hinweis: BChE ist ein Enzym des cholinergen Systems, einem Hauptzweig des autonomen Systems, und kann ein Maß für die autonome (Dys-)Funktion liefern.

Ätiologie (Ursachen)

Biographische Ursachen

  • Genetische Belastung
    • Plötzlicher Kindstod eines Geschwisterkindes oder
    • Tod eines Kindes mit ALTE (apparently life-threatening event; Near-SIDS; Symptomenkomplex, der mit Atemstillstand, verlangsamtem Herzschlag und Blässe des Säuglings einhergeht)
  • Sozioökonomische Faktoren – niedriger sozioökonomischer Status
  • Kurze Schulzeit der Mutter/kein Schulabschluss der Mutter
  • Erwerbslosigkeit
  • Kinderreichtum

Verhaltensbedingte Ursachen (= exogene Faktoren)

  • Ernährung
    • Ausschließliche Flaschenernährung
  • Genussmittelkonsum
    • Alkoholkonsum (> 1. Trimenon/Schwangerschaftsdrittel) + Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft (12-fach erhöhtes Risiko) [10]
    • Rauchen der Eltern während der Schwangerschaft – bereits ab einer Zigarette pro Tag ist ein 2-faches Risiko nachweisbar (Anstieg dosisabhängig) [8]
  • Drogenkonsum
    • Drogeneinnahme der Mutter (Kokain; Cannabis; Heroin- und Methadonkonsum) in der Schwangerschaft
    • Drogeneinnahme des Vaters nach der Geburt
  • Schlafen in Bauchlage gilt als Hauptrisikofaktor – auch die Seitenlage kann aufgrund der Instabilität nicht empfohlen werden (10-fache Risiko)
  • Zudecken des Kopfes/Decke über den Kopf ziehen (22-fache Risiko)
  • Überwärmung des Kindes (3,5-fache Risiko)
  • Schlafen mit einer anderen Person (oder einem Tier)
  • Schlafen auf dem Sofa – 67-fach erhöhtes Risiko für Säuglinge unerwartet zu sterben (wg. Erstickung oder Strangulation/weniger wg. des plötzlichen Kindstods) [2]
  • „swaddling“ (Pucken) von Säuglingen (Wickeltechnik: Wickeln des Kindes mit Decken, Schlafsäcken und anderen Umhüllungen) [4]
  • Zu weich gebettet [9]: 
    • Ersticken durch weiches Polstern (69 % aller Erstickungsfälle); häufig im Bett von Erwachsenen (49 %) und meistens in Bauchlage (92 %)
    • Ursache waren vor allem Decken (34 %), zu weiche Matratzen (23 %) oder Kissen (22 %)
    • Decken, Stofftiere
    Weitere Ursachen: Erstickungstod durch einen anderen Menschen (19 % aller Fälle), meistens durch Mutter oder Vater; meistens im Bett von Erwachsenen (73 %).

Krankheitsbedingte Ursachen (= endogene Faktoren)

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)

  • Frühgeburtlichkeit
  • Niedriges Geburtsgewicht
  • Perinatale Asphyxie (drohender Erstickungszustand im Zeitraum zwischen der 24. Schwangerschaftswoche und dem 7. Tag nach der Geburt)
  • Pränatale Dystrophie (vorgeburtliche Gedeihstörung durch mangelhafte Versorgung des Ungeborenen im Mutterleib/intrauterine Wachstumsretardierung)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Virale und bakterielle Infekte, rezidivierende

Neubildungen (C00-D48)

  • Neoplasie, unerkannte (0,33 % der autopsierten Kinder) – hämatologische Malignome waren unter den Krebserkrankungen als Ursache für einen plötzlichen Tod am häufigsten [6]

Weitere Ursachen

  • Säuglinge, die im US-Staat Colorado in einer Höhe von mehr als 8.000 Fuß (2.438 Meter) geboren werden, haben einer Studie zufolge ein 2,3-fach erhöhtes Risiko auf einen plötzlichen Kindstod (SIDS) [3]; wahrscheinliche Ursache ist ein Sauerstoffmangel.

Literatur

  1. Saternus KS, Adam G: Der Plötzliche Kindstod. Postmortale Flussmessungen an den großen Halsgefäßen zum Nachweis der lageabhängigen zerebralen Hypoxämie. Dtsch.Med.Wschr.1985;110: 297-303
  2. Rechtman LR et al.: Sofas and Infant Mortality. Pediatrics. Published online October 13, 2014. doi: 10.1542/peds.2014-1543
  3. Katz D et al.: Sudden Infant Death Syndrome and Residential Altitude. doi: 10.1542/peds.2014-2697
  4. McDonnell E, Moon RY; Infant deaths and injuries ­associated with wearable blankets, swaddle wraps, and swaddling. J Pediatr 2014; 165:1152-1156; doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.jpeds.2013.12.045
  5. Hynes R et al.: High serum serotonin in sudden infant death syndrome. July 3, 2017, doi: 10.1073/pnas.1617374114 PNAS July 3, 2017
  6. Bryant VA et al.: Childhood neoplasms presenting at autopsy: A 20-year experience. Pediatric Blood & Cancer First published: 6 February 2017 doi: 10.1002/pbc.26474
  7. Männikkö, R et al.: Dysfunction of NaV1.4, a skeletal muscle voltage-gated sodium channel, in sudden infant death syndrome: a case-control study. The Lancet Published online March 28, 2018 doi: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)30021-7
  8. Anderson TM et al.: Maternal Smoking Before and During Pregnancy and the Risk of Sudden Unexpected Infant Death. Pediatrics Volume 143, number 4, April doi: https://doi.org/10.1542/peds.2018-3325
  9. Erck Lambert AB et al.: Sleep-Related Infant Suffocation Deaths Attributable to Soft Bedding, Overlay, and Wedging. Pediatrics 2019; e20183408; https://doi.org/10.1542/peds.2018-3408
  10. Elliott AJ et al.: Concurrent prenatal drinking and smoking increases risk for SIDS: Safe Passage Study report. EClinicalMedicine January 20, 2020 doi:https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2019.100247
  11. Harrington CT et al.: Butyrylcholinesterase is a potential biomarker for Sudden Infant Death Syndrome eBioMedicine 2022;80:104041 May 06, 2022 doi:https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2022.104041
     
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