Bluthochdruck (Arterielle Hypertonie) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung
- Standardisierte Blutdruckmessung* an beiden Armen bei der Erstvorstellung sowie Erfassung des Pulses [Praxisblutdruck ≥ 140/90 mmHg]
- Prüfung auf orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) bei der Erstvorstellung sowie bei entsprechender Symptomatik: Blutdruckmessung nach 5 Minuten Ruhe im Sitzen oder Liegen sowie 1 und/oder 3 Minuten nach dem Aufstehen; orthostatische Hypotonie bei Abfall des systolischen Blutdrucks (oberen Blutdruckwerts) um ≥ 20 mmHg und/oder des diastolischen Blutdrucks (unteren Blutdruckwerts) um ≥ 10 mmHg
- Bestimmung von Körpergröße, Körpergewicht, Body-Mass-Index (BMI) und Taillenumfang
- Inspektion auf klinische Hinweise für eine sekundäre Hypertonie (Bluthochdruck infolge einer anderen Erkrankung), insbesondere Cushing-Stigmata (typische körperliche Zeichen eines Cushing-Syndroms), akromegale Merkmale (Zeichen einer krankhaften Vergrößerung von Händen, Füßen und Gesichtszügen), Zeichen einer Schilddrüsenerkrankung sowie Café-au-lait-Flecken (hellbraune Hautflecken) bzw. Neurofibrome (gutartige Knoten an Nerven) bei entsprechendem klinischen Verdacht
- Kardiovaskuläre Untersuchung (Untersuchung von Herz und Kreislauf)
- Auskultation des Herzens hinsichtlich Herzfrequenz, Rhythmus, Herztönen und Herzgeräuschen
- Auskultation der Karotiden (Halsschlagadern)
- Palpation der Karotiden und peripheren arteriellen Pulse (Pulse an körperfernen Schlagadern) mit Beurteilung von Frequenz, Rhythmus, Amplitude und Seitengleichheit
- Vergleich der radialen und femoralen Pulse (Handgelenks- und Leistenpulse); bei Verdacht auf Aortenisthmusstenose (angeborene Verengung der Hauptschlagader) zusätzlich Vergleich der Blutdruckwerte an oberen und unteren Extremitäten
- Inspektion und Palpation der unteren Extremitäten hinsichtlich Ödemen (Flüssigkeitseinlagerungen) und Stauungszeichen (Zeichen eines Blutstaus)
- Beurteilung der Halsvenen sowie Auskultation der Lunge bei Dyspnoe (Atemnot) oder klinischem Verdacht auf eine hypertensive Herzerkrankung (durch Bluthochdruck verursachte Herzerkrankung) bzw. Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Untersuchung des Abdomens (Bauches)
- Auskultation des Abdomens bzw. der Flanken auf Gefäßgeräusche bei Verdacht auf eine renovaskuläre Hypertonie (Bluthochdruck durch eine Verengung der Nierengefäße)
- Palpation der Nierenregion bei klinischem Verdacht auf vergrößerte Nieren, insbesondere bei einer polyzystischen Nierenerkrankung (Nierenerkrankung mit zahlreichen Zysten)
- Augenärztliche Untersuchung
- Fundoskopie bei Blutdruckwerten > 180/110 mmHg im Rahmen der Abklärung eines hypertensiven Notfalls (akut gefährlicher Bluthochdruck mit Organschädigung) bzw. einer malignen Hypertonie (besonders schwere Form des Bluthochdrucks) sowie bei Patienten mit arterieller Hypertonie (Bluthochdruck) und Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); bei anderen Patienten mit Hypertonie bei klinischer Relevanz [hypertensive Retinopathie (Netzhautschädigung durch Bluthochdruck) mit retinalen Blutungen (Netzhautblutungen), Cotton-Wool-Herden (watteartigen Netzhautherden), harten Exsudaten (Fett- und Eiweißablagerungen in der Netzhaut) und/oder Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes)]
- Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems)
- Beurteilung von Bewusstseinslage, Orientierung und kognitivem Status (geistiger Leistungsfähigkeit)
- Orientierende Untersuchung der Hirnnerven (Nerven des Gehirns) sowie Prüfung von Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsvermögen), Koordination (Zusammenspiel von Bewegungen) und Reflexstatus (Ausprägung der Reflexe)
- Bei ausgeprägter Blutdruckerhöhung bzw. akuter neurologischer Symptomatik gezielte Untersuchung auf fokal-neurologische Defizite (umschriebene Ausfälle des Nervensystems) und Zeichen einer hypertensiven Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung durch stark erhöhten Blutdruck)
Red Flags (Warnzeichen) bei arterieller Hypertonie
- Blutdruck ≥ 180/110 mmHg in Verbindung mit klinischen Zeichen einer akuten hypertensionsvermittelten Organschädigung (durch Bluthochdruck verursachte akute Organschädigung); Verdacht auf hypertensiven Notfall
- Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder neu aufgetretene fokal-neurologische Defizite
- Retinale Blutungen, Cotton-Wool-Herde, harte Exsudate oder Papillenödem bei schwerer Blutdruckerhöhung
- Zeichen einer akuten Linksherzinsuffizienz (akuten Schwäche der linken Herzhälfte) bzw. eines Lungenödems (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) mit Tachypnoe (beschleunigter Atmung), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) bzw. Zyanose (Blaufärbung von Haut und Schleimhäuten) und beidseitigen feuchten Rasselgeräuschen (knisternden Atemgeräuschen)
- Neu aufgetretene ausgeprägte Puls- oder Blutdruckasymmetrie (deutlicher Seitenunterschied von Puls oder Blutdruck) bei klinischem Verdacht auf ein akutes Aortensyndrom (akute Erkrankung der Hauptschlagader)
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.
*Die Praxisblutdruckmessung soll standardisiert mit einem validierten Oberarmmessgerät und einer dem Armumfang angepassten Manschette erfolgen. Vor der Messung soll der Patient mindestens 5 Minuten ruhig sitzen; Rücken und Arm sollen unterstützt, die Beine nicht überkreuzt und der Arm auf Herzhöhe gelagert sein. Körperliche Belastung sowie der Konsum von Koffein und Tabak sollen mindestens 30 Minuten vor der Messung vermieden werden. Bei manueller auskultatorischer Messung werden drei Messungen im Abstand von jeweils 1 bis 2 Minuten vorgenommen; dokumentiert wird der Mittelwert der letzten beiden Messungen. Bei der Erstvorstellung ist an beiden Armen zu messen. Bei einer reproduzierbaren systolischen Seitendifferenz > 10 mmHg sollen weitere Messungen am Arm mit dem höheren Blutdruck erfolgen. Ein einzelner erhöhter Praxisblutdruck reicht bei klinisch stabilen, asymptomatischen Personen in der Regel nicht zur Diagnosesicherung aus; die Diagnose soll durch wiederholte standardisierte bzw. außerklinische Blutdruckmessungen bestätigt werden.