Mundtrockenheit (Xerostomie) und Untergewicht – Ernährungsstrategien für eine ausreichende Energiezufuhr
Mundtrockenheit (Xerostomie; subjektives Trockenheitsgefühl infolge verminderter Speichelsekretion) ist ein klinisch relevantes Symptom mit erheblichem Einfluss auf die Nahrungsaufnahme. Speichel übernimmt zentrale Funktionen in der oralen Verdauung, der Schleimhautintegrität und der Immunabwehr. Eine chronische Hyposalivation (objektiv messbar verminderter Speichelfluss) kann zu einer reduzierten Energie- und Proteinzufuhr führen und somit Untergewicht sowie Mangelernährung begünstigen. Besonders betroffen sind ältere Menschen, multimorbide Patienten sowie onkologische Erkrankte nach Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich.
Speichelphysiologie – Schlüsselrolle in der oralen Verdauung
Die tägliche Speichelproduktion beträgt physiologischerweise etwa 0,5-1,5 Liter. Speichel besteht zu über 99 % aus Wasser, enthält jedoch funktionell relevante Bestandteile:
- Muzine (hochmolekulare Glykoproteine): sorgen für Lubrikation (Gleitfähigkeit) und ermöglichen die Bolusbildung.
- α-Amylase: initiiert die Kohlenhydratverdauung bereits in der Mundhöhle.
- Elektrolyte (z. B. Natrium, Kalium, Bicarbonat): stabilisieren den pH-Wert und schützen vor Säureschäden.
- Immunglobulin A (IgA): unterstützt die lokale Immunabwehr.
Bei verminderter Speichelmenge kommt es zu mechanischer Reibung, Mikroläsionen der Schleimhaut und erhöhter Infektanfälligkeit (z. B. orale Candidose). Gleichzeitig wird die orale Sensorik beeinträchtigt, wodurch Geschmack (Dysgeusie; Geschmacksstörung) und Appetit reduziert sein können.
Die Folge ist häufig eine verminderte Nahrungsmenge pro Mahlzeit sowie eine verlängerte Essdauer – beides fördert eine negative Energiebilanz.
Pathophysiologische Folgen für den Ernährungszustand
Die reduzierte orale Gleitfähigkeit erschwert das Schlucken fester Speisen. Betroffene meiden daher häufig proteinreiche Lebensmittel wie Fleisch, Brot oder trockene Beilagen. Dies führt zu einer disproportionalen Reduktion der Proteinzufuhr.
Eine chronisch unzureichende Proteinzufuhr beeinträchtigt die Muskelproteinsynthese (Aufbau von Muskelprotein) und begünstigt den Verlust fettfreier Masse. Parallel sinkt bei Untergewicht häufig die basale Stoffwechselrate (Grundumsatz), was die Gewichtsstabilisierung zusätzlich erschwert.
Ferner kann eine verminderte Speichelsekretion die orale Nahrungsvielfalt einschränken, was das Risiko für Mikronährstoffdefizite erhöht.
Ernährungstherapie – strukturierte Strategien zur Gewichtszunahme
Konsistenz und Feuchtigkeit optimieren
Ziel ist eine hohe Gleitfähigkeit bei gleichzeitig hoher Energiedichte:
- Cremige Suppen mit Öl- oder Sahneanreicherung
- Pürierte Gemüse- und Kartoffelgerichte mit hochwertigem Pflanzenöl
- Angereicherte Milchprodukte (z. B. Joghurt mit Nussmus oder Proteinpulver)
- Weiche Eierspeisen oder Fischgerichte mit Soße
Trockene, krümelige Speisen (z. B. Zwieback, trockenes Brot, Reis ohne Soße) sollten vermieden werden.
Energiedichte gezielt erhöhen
Da das Essvolumen oft reduziert ist, muss die Kaloriendichte pro Portion gesteigert werden:
- Fette: 1 Esslöffel Öl liefert etwa 120 kcal.
- Proteinanreicherung: Zielwert 1,2-1,5 g Protein/kg Körpergewicht, bei schwerer Mangelernährung auch höher.
- Orale Nahrungssupplemente: Hochkalorische Trinknahrungen (1,5-2,4 kcal/ml) können gezielt Lücken schließen.
Mehrere kleine Mahlzeiten (5-6 pro Tag) reduzieren die Belastung pro Essenssituation.
Speichelstimulation und symptomatische Maßnahmen
- Regelmäßige Flüssigkeitszufuhr in kleinen Mengen
- Zuckerfreie Kaugummis oder Lutschpastillen zur Stimulation der Speichelreflexe
- Speichelersatzpräparate (künstliche Speichelprodukte)
- Vermeidung alkoholhaltiger Mundspülungen
- Optimierte Mundhygiene zur Reduktion entzündlicher Veränderungen
Bei medikamentös bedingter Xerostomie sollte eine ärztliche Überprüfung der Medikation erfolgen.
Systemische Ursachen differenziert erfassen
Häufige Auslöser sind:
- Anticholinerge oder antidepressiv wirkende Medikamente
- Diabetes mellitus
- Autoimmunerkrankungen wie das Sjögren-Syndrom
- Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich
Eine ursachenorientierte Therapie verbessert langfristig die orale Nahrungsaufnahme.
Interdisziplinärer Ansatz
Eine Kombination aus zahnmedizinischer Betreuung, Ernährungsmedizin und gegebenenfalls internistischer oder rheumatologischer Abklärung erhöht die Therapieeffizienz. Ziel ist die Stabilisierung des Ernährungsstatus und die Prävention von Muskelabbau.
Fazit
Xerostomie beeinträchtigt die orale Verdauungsphase erheblich und kann über reduzierte Energie- und Proteinzufuhr zur Entwicklung von Untergewicht beitragen. Entscheidend sind eine strukturierte Erhöhung der Energiedichte, eine bedarfsgerechte Proteinzufuhr sowie Maßnahmen zur Speichelstimulation. Eine frühzeitige ernährungsmedizinische Intervention stabilisiert den Ernährungszustand und unterstützt eine nachhaltige Gewichtszunahme.
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