Gewichtszunahme gelingt nicht – mögliche Ursachen bei therapieresistentem Untergewicht

Wenn die Gewichtszunahme trotz erhöhter Kalorienzufuhr und strukturierter Ernährungsintervention ausbleibt, spricht man von einem therapieresistenten Untergewicht. Für Betroffene ist dies häufig belastend, für Behandelnde diagnostisch anspruchsvoll. Entscheidend ist das Verständnis der zugrunde liegenden Ernährungsphysiologie sowie möglicher pathophysiologischer Blockaden, die eine positive Energiebilanz verhindern können.

Energiehomöostase und metabolische Anpassung

Die Gewichtsentwicklung wird durch die Energiehomöostase (Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch) reguliert. Bei länger bestehendem Energiemangel passt sich der Organismus an: Der Grundumsatz sinkt, die Thermogenese (Wärmeproduktion) wird reduziert und hormonelle Veränderungen treten auf. Insbesondere sinken Leptin (Sättigungshormon) und freies Trijodthyronin (T3; aktives Schilddrüsenhormon), wodurch der Energieverbrauch gedrosselt wird.

In der Reernährungsphase (Wiederaufnahme einer ausreichenden Energiezufuhr) werden Nährstoffe zunächst zur Auffüllung von Glykogenspeichern (Kohlenhydratspeicher in Leber und Muskulatur) und zur Regeneration von Muskelprotein genutzt. Sichtbare Gewichtszunahmen können daher zeitlich verzögert auftreten. Diese physiologische Adaptation wird nicht selten als Therapieversagen fehlinterpretiert.

Chronische Entzündung und kataboler Stoffwechsel

Persistierende Entzündungsprozesse führen zu einer vermehrten Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe) wie Tumornekrosefaktor-α oder Interleukin-6. Diese fördern einen katabolen Stoffwechselzustand (überwiegender Abbau von Körpergewebe).

Es kommt zu vermehrter Proteolyse (Eiweißabbau) und Lipolyse (Fettabbau), während anabole Prozesse (aufbauende Stoffwechselvorgänge) gehemmt werden. Die Folge ist eine negative Stickstoffbilanz (mehr Eiweißabbau als -aufbau), selbst bei ausreichender Energiezufuhr. Typische Ursachen sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen, chronische Infektionen oder Tumorerkrankungen mit Kachexie (krankheitsbedingter Gewichtsverlust). In diesen Fällen ist die Therapie der Grunderkrankung essenziell.

Malabsorption: Wenn Nährstoffe nicht ankommen

Eine Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen im Darm) kann dazu führen, dass zugeführte Kalorien nicht vollständig verwertet werden. Ursachen sind unter anderem:

  • Zöliakie (gluteninduzierte Dünndarmentzündung)
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz (unzureichende Enzymproduktion der Bauchspeicheldrüse)
  • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED)

Pathophysiologisch führen eine verminderte Resorptionsfläche, Enzymmangel oder eine gestörte Darmbarriere zu Energieverlusten. Besonders Fettverluste über den Stuhl (Steatorrhoe; Fettstuhl) können eine erhebliche kalorische Einbuße bedeuten. Eine gezielte Diagnostik ist Voraussetzung für eine wirksame Therapie.

Endokrine Ursachen und erhöhter Grundumsatz

Hormonelle Dysregulationen beeinflussen den Energiestoffwechsel maßgeblich. Eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) steigert den Grundumsatz und erhöht die Thermogenese. Auch ein unzureichend eingestellter Diabetes mellitus kann durch Glukosurie (Zuckerausscheidung über den Urin) zu Kalorienverlusten führen.

Chronischer Stress aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (zentraler hormoneller Stressregelkreis) und erhöht die Kortisolausschüttung. Eine dauerhaft erhöhte sympathoadrenerge Aktivität (Stressreaktion mit Adrenalin- und Noradrenalinwirkung) steigert den Energieverbrauch und kann anabole Prozesse hemmen.

Anabole Resistenz und Mikronährstoffstatus

Bei älteren Menschen tritt häufig eine anabole Resistenz auf, also eine verminderte Reaktion der Muskulatur auf Proteinaufnahme. Trotz ausreichender Proteinzufuhr bleibt die Muskelproteinsynthese eingeschränkt. Eine gleichmäßige Proteinverteilung über den Tag sowie eine ausreichende Leucin-Zufuhr (essenzielle Aminosäure zur Aktivierung der Muskelproteinsynthese) können hier unterstützend wirken.

Darüber hinaus spielen Mikronährstoffe eine wichtige Rolle:
Zink ist an Zellteilung und Proteinsynthese beteiligt, Vitamin D beeinflusst Muskelzellfunktion und Immunregulation. Defizite können anabole Signalwege beeinträchtigen und so die Gewichtszunahme verzögern.

Psychosoziale und verhaltensbezogene Faktoren

Auch bei rechnerisch ausreichender Kalorienzufuhr kann eine Diskrepanz zwischen dokumentierter und tatsächlicher Energieaufnahme bestehen. Unbewusst erhöhte Alltagsaktivität (Non-Exercise Activity Thermogenesis; spontane Bewegungsaktivität im Alltag) oder restriktive Essmuster können eine positive Energiebilanz verhindern.

Psychische Belastungen wie Depressionen oder Essstörungen beeinflussen Appetitregulation, Hunger-Sättigungs-Signale und hormonelle Steuerungsmechanismen. Eine interdisziplinäre Betreuung ist in diesen Fällen erforderlich.

Fazit

Wenn die Gewichtszunahme nicht gelingt, obwohl eine strukturierte Ernährungstherapie erfolgt, liegt häufig keine einfache Kalorienproblematik vor. Metabolische Anpassungsmechanismen, chronische Entzündungsprozesse, Malabsorption, hormonelle Dysregulationen sowie psychosoziale Faktoren können die Gewichtszunahme blockieren. Eine differenzierte Diagnostik und ein individualisiertes Therapiekonzept sind entscheidend, um ein therapieresistentes Untergewicht erfolgreich zu behandeln.

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