Entzündungen und Tumorerkrankungen – Zusammenhang mit Kachexie und Wasting
Ungewollter Gewichtsverlust ist bei chronischen Entzündungen und Tumorerkrankungen ein häufiges und prognostisch relevantes Zeichen. Insbesondere die tumorassoziierte Kachexie stellt eine komplexe Stoffwechselstörung dar, die weit über eine unzureichende Kalorienzufuhr hinausgeht. Das Verständnis der zugrunde liegenden Ernährungsphysiologie ist entscheidend, um therapeutische Strategien gezielt einzusetzen und den Verlust von Muskel- und Fettmasse zu begrenzen.
Kachexie und Wasting – Definition und Abgrenzung
Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das durch anhaltenden Verlust an Skelettmuskelmasse (mit oder ohne Fettverlust) gekennzeichnet ist und sich durch konventionelle Ernährungstherapie allein nicht vollständig umkehren lässt. Wasting beschreibt allgemein einen krankheitsbedingten Gewebeverlust, insbesondere von Muskelmasse.
Bei Tumorerkrankungen tritt Kachexie in bis zu 50-80 % der fortgeschrittenen Stadien auf. Sie ist mit verminderter Therapietoleranz, reduzierter Lebensqualität und erhöhter Mortalität assoziiert.
Pathophysiologie – Rolle der chronischen Inflammation
Zentraler Mechanismus ist eine systemische Inflammation (chronische Entzündungsreaktion). Tumorzellen sowie Immunzellen setzen proinflammatorische Zytokine (Botenstoffe des Immunsystems) wie Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Interleukin-1 (IL-1) und Interleukin-6 (IL-6) frei.
Diese Mediatoren führen zu:
- Aktivierung des Ubiquitin-Proteasom-Systems (intrazellulärer Eiweißabbauweg)
- Hemmung der Muskelproteinsynthese (Muskelaufbau)
- Erhöhung des Ruheenergieverbrauchs (Grundumsatz)
- Störung der hypothalamischen Appetitregulation (Steuerzentrum im Zwischenhirn)
Das Resultat ist eine negative Proteinbilanz, selbst bei ausreichender Energiezufuhr. Muskelabbau entsteht somit primär durch katabole (abbauende) Stoffwechselprozesse.
Tumorstoffwechsel und Energieumsatz
Tumorzellen zeigen häufig den sogenannten Warburg-Effekt: eine gesteigerte Glykolyse (Zuckerabbau) trotz ausreichender Sauerstoffversorgung. Dies führt zu einer ineffizienten Energiegewinnung und erhöhtem Glukoseverbrauch.
Zusätzlich kommt es zu:
- Erhöhter Lipolyse (Fettabbau)
- Vermehrter Glukoneogenese (Neubildung von Glukose aus Aminosäuren)
- Insulinresistenz (verminderte Wirkung des Hormons Insulin)
Diese metabolischen Veränderungen fördern den Verlust von Muskel- und Fettgewebe. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf, während Appetitlosigkeit (Anorexie) die Energiezufuhr reduziert – ein pathophysiologischer Teufelskreis.
Beteiligung von Organfunktionen und Hormonen
Chronische Entzündungen beeinflussen mehrere Regulationssysteme:
- Kortisol (Stresshormon) fördert Proteolyse (Eiweißabbau)
- Verminderte Testosteron- und IGF-1-Spiegel (anabole Hormone) reduzieren Muskelaufbau
- Veränderungen der Darmbarriere können die systemische Inflammation verstärken
Auch Organinsuffizienzen, etwa bei chronischer Herzinsuffizienz oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, verstärken katabole Stoffwechsellagen.
Ernährungsphysiologische Konsequenzen
Die tumorassoziierte Kachexie ist keine reine „Mangelernährung“, sondern eine metabolische Dysregulation. Dennoch spielt die Ernährungstherapie eine zentrale Rolle.
Wesentliche Strategien umfassen:
- Hochkalorische, proteinreiche Ernährung (≥ 1,2-1,5 g Protein/kg KG/Tag)
- Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren (entzündungsmodulierend)
- Ausreichende Mikronährstoffversorgung
- Kombination mit moderatem Krafttraining zur Stimulation der Muskelproteinsynthese
Ein multimodales Therapiekonzept – bestehend aus Tumortherapie, Entzündungsmodulation, Ernährung und Bewegung – gilt als evidenzbasierter Ansatz.
Fazit
Entzündungen und Tumorerkrankungen führen über komplexe immunologische und metabolische Mechanismen zu Kachexie und Wasting. Im Mittelpunkt stehen chronische Inflammation, gesteigerter Energieverbrauch und gestörte anabole Signalwege. Eine frühzeitige, multimodale Intervention kann den Muskelverlust verlangsamen und die Prognose verbessern. Entscheidend ist das Verständnis, dass Kachexie nicht allein durch erhöhte Kalorienzufuhr behandelbar ist, sondern eine gezielte, stoffwechselorientierte Therapie erfordert.
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