Essen trotz Kaustörungen und Schluckstörungen – Strategien zur gesunden Gewichtszunahme
Kaustörungen und Schluckstörungen (Dysphagie; erschwertes Schlucken) zählen zu den häufigsten Ursachen einer unzureichenden Energieaufnahme im höheren Lebensalter sowie bei neurologischen und onkologischen Erkrankungen. Die reduzierte Nahrungszufuhr kann rasch zu Untergewicht, Mangelernährung und Muskelabbau (Sarkopenie; Verlust an Muskelmasse und -kraft) führen. Eine gezielte ernährungsmedizinische Strategie ermöglicht es, trotz funktioneller Einschränkungen eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr sicherzustellen.
Pathophysiologie – wenn Kauen und Schlucken Energie kosten
Die orale Phase der Verdauung umfasst die mechanische Zerkleinerung, die Einspeichelung und die Bildung eines schluckfähigen Bolus (Nahrungsballen). Bei Kaustörungen – etwa infolge von Zahnverlust, schlecht sitzenden Prothesen, Kiefergelenkserkrankungen oder neuromuskulären Schwächen – ist diese Vorbereitung unvollständig. Gröbere Partikel erhöhen das Risiko für Husten, Verschlucken und Aspiration (Eindringen von Nahrung in die Atemwege).
Bei Dysphagie ist häufig die pharyngeale Phase betroffen. Die Koordination zwischen Schluckreflex und Atemschutzmechanismus ist gestört. Dies führt nicht nur zu Aspirationsrisiken, sondern häufig auch zu einer unbewussten Reduktion der Nahrungsaufnahme aus Angst vor Verschlucken.
Zusätzlich steigt der Energieaufwand für die Nahrungsaufnahme selbst – längere Esszeiten und erhöhte muskuläre Anstrengung können die ohnehin reduzierte Energiezufuhr weiter verschlechtern. Die Folge ist eine negative Energiebilanz mit Verlust von Fett- und Muskelmasse.
Texturmodifikation – Sicherheit und Praktikabilität im Alltag
Eine individuell angepasste Konsistenz ist die Grundlage jeder Therapie. Orientierung bietet die internationale IDDSI-Klassifikation (International Dysphagia Diet Standardisation Initiative).
Praktische Umsetzung im Alltag:
- Speisen mit dem Mixer oder Pürierstab homogenisieren; bei Bedarf durch ein Sieb streichen.
- Kartoffeln, Gemüse oder Fleisch mit Brühe, Milch oder Soße pürieren, um eine cremige Konsistenz zu erreichen.
- Fleisch durch weiche Alternativen ersetzen (z. B. Hackfleischgerichte mit Soße, Fisch, Eierspeisen).
Flüssigkeiten bei Bedarf mit geschmacksneutralen Andickungsmitteln anpassen.
Konsistenzprüfung:
Eine pürierte Speise sollte vom Löffel gleiten, ohne zu tropfen oder zu zerfließen. Klumpen oder Fasern sind zu vermeiden.
Energiedichte steigern – kleine Portionen, hohe Wirkung
Da das Essvolumen häufig reduziert ist, muss jede Portion möglichst energiereich gestaltet werden.
Fette gezielt einsetzen
Fette liefern 9 kcal pro Gramm und erhöhen die Energiedichte ohne zusätzliches Volumen:
- 1-2 Esslöffel Raps- oder Olivenöl in Gemüse- oder Kartoffelpüree
- Sahne oder Crème fraîche in Suppen
- Nussmus in Joghurt oder Pudding
Proteinzufuhr sichern
Eine tägliche Proteinzufuhr von 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht unterstützt die Muskelproteinsynthese.
Praktische proteinreiche Optionen:
- Quark- oder Joghurtcremes
- Angereicherte Milchgetränke
- Pürierte Hülsenfrüchte oder Linsensuppen
- Proteinpulver (geschmacksneutral) in Suppen oder Pürees
Trinknahrung strategisch einsetzen
Hochkalorische orale Nahrungssupplemente (1,5-2,4 kcal/ml) können zwischen den Mahlzeiten eingenommen werden. Eine kühle Serviertemperatur verbessert häufig die Akzeptanz.
Essumgebung und Essverhalten optimieren
Auch nicht-nutritive Faktoren beeinflussen die Energieaufnahme erheblich:
- Aufrechte Sitzposition (mindestens 90°) während und nach dem Essen (ca. 20-30 Minuten)
- Ruhige Essumgebung ohne Zeitdruck
- Kleine Löffelportionen
- Bewusste Schluckpausen
Bei ausgeprägter Dysphagie können spezifische Schlucktechniken (z. B. Chin-Tuck-Manöver; Kinn-zur-Brust-Technik) unter logopädischer Anleitung sinnvoll sein.
Mahlzeitenstruktur – Verteilung statt Belastung
Große Portionen überfordern häufig die Schluckkoordination. Empfehlenswert sind:
- 5-6 kleinere Mahlzeiten täglich
- Energie- und proteinreiche Zwischenmahlzeiten
- Kombination von Haupt- und Trinkmahlzeiten
Ein strukturierter Ernährungsplan erleichtert die Umsetzung im Alltag.
Interdisziplinäre Therapie
Neben der Ernährungsmedizin ist eine logopädische Schlucktherapie essenziell. Zahnmedizinische Sanierung verbessert die Kauleistung deutlich. In komplexen Fällen sollte eine geriatrische oder neurologische Mitbeurteilung erfolgen. Ziel ist die langfristige Erhaltung einer sicheren oralen Ernährung und die Vermeidung einer enteralen Sondenernährung.
Fazit
Kaustörungen und Dysphagie erhöhen das Risiko für Untergewicht erheblich. Neben der individuell angepassten Textur sind vor allem eine konsequente Erhöhung der Energiedichte, eine ausreichende Proteinzufuhr und alltagspraktische Essstrategien entscheidend. Durch eine strukturierte, interdisziplinäre Betreuung lässt sich die Nahrungsaufnahme sichern und eine nachhaltige Gewichtszunahme fördern.
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