Essstörungen und Untergewicht – Abgrenzung zwischen Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und funktioneller Appetitlosigkeit

Untergewicht kann viele Ursachen haben – von somatischen Erkrankungen über hormonelle Störungen bis zu psychischen Belastungen. Besonders häufig steht ein verändertes Essverhalten im Mittelpunkt. Dabei ist die differenzierte Abgrenzung zwischen einer Anorexia nervosa, einer Bulimia nervosa und einer funktionellen Appetitlosigkeit (nicht primär psychische Essstörung) von zentraler Bedeutung. Die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen unterscheiden sich deutlich – ebenso wie Therapieansätze und Prognose.

Anorexia nervosa – willentliche Restriktion mit tiefgreifender Stoffwechselanpassung

Die Anorexia nervosa ist eine psychische Erkrankung aus dem Spektrum der Essstörungen. Kennzeichnend sind eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme, eine Körperschemastörung (verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers) sowie eine selbst induzierte Energie- und Nahrungsrestriktion.

Ernährungsphysiologische Hintergründe

Durch die chronisch reduzierte Energiezufuhr kommt es zu einer negativen Energiebilanz. Der Organismus reagiert mit adaptiven Mechanismen:

  • Absenkung des Grundumsatzes (Reduktion des Ruheenergieverbrauchs)
  • Verminderte Schilddrüsenhormonaktivität (Low-T3-Syndrom; verminderte Stoffwechselaktivität)
  • Hypothalamische Amenorrhö (Ausbleiben der Menstruation infolge hormoneller Regulationsstörung)
  • Erhöhter Cortisolspiegel (Stresshormon mit katabolem Effekt)

Gleichzeitig treten Veränderungen appetitregulierender Hormone auf. Leptin (Sättigungshormon) ist deutlich erniedrigt, während Ghrelin (Hungerhormon) paradoxerweise erhöht sein kann, ohne dass eine ausreichende Nahrungsaufnahme erfolgt. Die psychische Komponente überlagert hier physiologische Hungerreize.

Typisch ist ein deutlich erniedrigter Body-Mass-Index (BMI < 18,5 kg/m² bei Erwachsenen), häufig verbunden mit Muskelabbau (Sarkopenie), Osteopenie (verminderte Knochendichte) und Mikronährstoffdefiziten.

Bulimia nervosa – zyklische Essanfälle mit kompensatorischem Verhalten

Die Bulimia nervosa ist ebenfalls eine psychische Essstörung, unterscheidet sich jedoch wesentlich im Essmuster. Charakteristisch sind wiederholte Episoden von Essanfällen (Binge-Eating) mit Kontrollverlust, gefolgt von kompensatorischen Maßnahmen wie selbst induziertem Erbrechen, Laxanzienabusus (Missbrauch von Abführmitteln) oder exzessiver körperlicher Aktivität.

Gewichtssituation und Stoffwechsel

Im Gegensatz zur Anorexia nervosa liegt das Körpergewicht häufig im Normbereich. Untergewicht ist möglich, aber nicht obligat. Die metabolischen Veränderungen entstehen weniger durch dauerhafte Restriktion, sondern durch wiederholte Nahrungsaufnahme- und Eliminationszyklen.

Wichtige physiologische Konsequenzen sind:

  • Elektrolytstörungen (insbesondere Hypokaliämie; erniedrigter Kaliumspiegel)
  • Störungen des Säure-Basen-Haushalts (metabolische Alkalose durch Erbrechen)
  • Dysregulation von Insulin und Blutzuckerschwankungen

Langfristig kann es zu gastrointestinalen Motilitätsstörungen (veränderter Magen-Darm-Beweglichkeit) kommen. Das Untergewicht bei Bulimia nervosa entsteht primär durch unzureichende Nettoenergieaufnahme und hormonelle Dysregulation.

Funktionelle Appetitlosigkeit – wenn Hunger- und Sättigungssignale gestört sind

Die funktionelle Appetitlosigkeit ist keine klassische Essstörung im psychiatrischen Sinne. Sie tritt häufig bei chronischem Stress, depressiven Verstimmungen, entzündlichen Erkrankungen oder im höheren Lebensalter auf.

Pathophysiologische Mechanismen

Hier stehen neuroendokrine Veränderungen im Vordergrund:

  • Erhöhtes Cortisol bei chronischem Stress
  • Proinflammatorische Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe), die im Hypothalamus (Steuerzentrum für Hunger und Sättigung) appetithemmend wirken
  • Veränderungen im Ghrelin-Leptin-Gleichgewicht

Im Gegensatz zur Anorexia nervosa fehlt die Körperschemastörung. Betroffene berichten über fehlenden Hunger, frühe Sättigung oder Nahrungsaversion, ohne eine bewusste Gewichtsreduktion anzustreben.

Gerade bei älteren Menschen kann eine sogenannte „Anorexia of Aging“ auftreten – eine altersbedingte Verminderung des Hungergefühls mit reduzierter Magendehnbarkeit und veränderter Hormonantwort.

Klinische Abgrenzung – entscheidend für die Therapie

Die Differenzierung erfolgt anhand folgender Kriterien:

  • Psychopathologie: Körperschemastörung und Gewichtszunahmeangst sprechen für Anorexia nervosa.
  • Essmuster: Essanfälle mit kompensatorischem Verhalten sind typisch für Bulimia nervosa.
  • Motivlage: Bei funktioneller Appetitlosigkeit fehlt das Streben nach Gewichtsreduktion.
  • Hormonelle und metabolische Veränderungen: Bei Anorexia dominieren adaptive Hungerstoffwechsel-Mechanismen, bei Bulimia Elektrolytverschiebungen, bei funktioneller Appetitlosigkeit neuroendokrine Dysregulationen.

Eine sorgfältige internistische und psychosomatische Diagnostik ist essenziell, um somatische Ursachen (z. B. Hyperthyreose, chronische Infektionen, Tumorerkrankungen) auszuschließen.

Fazit

Untergewicht im Kontext von Essstörungen erfordert eine differenzierte Betrachtung. Die Anorexia nervosa ist durch bewusste Restriktion und tiefgreifende metabolische Anpassungen gekennzeichnet, die Bulimia nervosa durch Essanfälle mit kompensatorischem Verhalten und Elektrolytstörungen. Die funktionelle Appetitlosigkeit beruht hingegen meist auf neuroendokrinen oder entzündlichen Mechanismen ohne Körperschemastörung.

Eine präzise Diagnostik bildet die Grundlage für eine zielgerichtete ernährungsmedizinische und psychotherapeutische Behandlung und ist entscheidend für eine nachhaltige Gewichtsstabilisierung.

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