Kleine Mahlzeiten oder große Portionen – welche Mahlzeitengröße bei Untergewicht besser geeignet ist

Untergewicht ist häufig mit einer unzureichenden Energiezufuhr verbunden. Neben der Lebensmittelauswahl spielt die Struktur der Mahlzeiten eine entscheidende Rolle. Insbesondere die Frage nach der optimalen Mahlzeitengröße – wenige große Portionen oder mehrere kleine Mahlzeiten – ist für die ernährungsmedizinische Praxis von hoher Relevanz. Die zugrunde liegenden Mechanismen betreffen unter anderem die Magenphysiologie, die hormonelle Sättigungsregulation und die Energiebilanz.

Physiologische Grundlagen: Hunger, Sättigung und Magenkapazität

Die Regulation von Hunger und Sättigung erfolgt über ein komplexes Zusammenspiel gastrointestinaler und zentralnervöser Signale. Das Hormon Ghrelin (Hungerhormon) wird im Magen gebildet und steigt vor den Mahlzeiten an. Sättigungssignale entstehen unter anderem durch Cholezystokinin (CCK; Darmhormon zur Förderung der Verdauung) sowie durch mechanische Dehnung der Magenwand.

Bei Untergewichtigen zeigt sich häufig:

  • eine reduzierte Magenkapazität infolge chronisch niedriger Nahrungszufuhr
  • ein frühes Sättigungsgefühl durch rasche Magenfüllung
  • eine verminderte Wahrnehmung von Hungerreizen

Große Portionen führen zu einer schnellen Magenwanddehnung und damit zu einer verstärkten Aktivierung von Sättigungsrezeptoren (Dehnungsrezeptoren). Dies kann die Energieaufnahme vorzeitig begrenzen.

Große Portionen: Theoretische Vorteile und praktische Grenzen

Große Mahlzeiten ermöglichen rechnerisch eine hohe Energieaufnahme pro Essvorgang. In der Praxis ergeben sich jedoch mehrere Limitationen:

  • ausgeprägtes Völlegefühl
  • verzögerte Magenentleerung (Magenmotilität)
  • Übelkeit oder postprandiale Müdigkeit

Insbesondere bei Personen mit funktioneller Dyspepsie (Verdauungsstörung mit Völlegefühl und Druck im Oberbauch) oder Appetitmangel sind große Portionen häufig nicht tolerabel. Eine forcierte Nahrungsaufnahme kann zudem zu negativer Essverknüpfung führen und die Compliance (Therapietreue) verschlechtern.

Kleine, häufige Mahlzeiten: Physiologisch sinnvoll bei Untergewicht

Mehrere kleinere Mahlzeiten (z. B. 5–6 pro Tag) verteilen die Energiezufuhr gleichmäßig über den Tag. Ernährungsphysiologisch ergeben sich mehrere Vorteile:

  • geringere akute Magenbelastung
  • weniger ausgeprägte Sättigungssignale
  • stabilere Blutzuckerverläufe
  • bessere Integration energiedichter Zwischenmahlzeiten

Die kontinuierliche Zufuhr von Makronährstoffen (Kohlenhydrate, Fette, Proteine) unterstützt zudem eine positive Energiebilanz. Besonders relevant ist hierbei die Proteinzufuhr, da sie die Muskelproteinsynthese stimuliert (Aufbau von Muskelgewebe), insbesondere in Kombination mit moderatem Krafttraining.

Einfluss auf den Stoffwechsel und die Gewichtszunahme

Für die Gewichtszunahme ist primär die positive Energiebilanz entscheidend. Die Mahlzeitenfrequenz beeinflusst den Gesamtenergieverbrauch nur geringfügig. Der sogenannte thermische Effekt der Nahrung (Energieaufwand für Verdauung und Stoffwechsel) bleibt bei gleicher Gesamtkalorienzufuhr weitgehend konstant.

Entscheidend ist daher nicht die Größe einzelner Portionen, sondern:

  • die Gesamtkalorienmenge pro Tag
  • die Energiedichte der Speisen
  • die Verträglichkeit der Mahlzeitenstruktur
  • die langfristige Umsetzbarkeit im Alltag

Kleine Mahlzeiten erleichtern häufig das Erreichen des Energieüberschusses, da sie psychologisch weniger belastend wirken und gastrointestinal besser toleriert werden.

Individuelle Faktoren berücksichtigen

Die optimale Mahlzeitengröße hängt von individuellen Faktoren ab:

  • Vorliegen gastrointestinaler Beschwerden
  • Appetitregulation
  • Alltagsstruktur und berufliche Belastung
  • Begleiterkrankungen (z. B. chronisch-entzündliche Erkrankungen)

In manchen Fällen kann eine Kombination sinnvoll sein: drei moderate Hauptmahlzeiten ergänzt durch zwei bis drei energiedichte Zwischenmahlzeiten.

Fazit

Bei Untergewicht sind mehrere kleine, energiedichte Mahlzeiten in der Regel besser geeignet als wenige große Portionen. Sie reduzieren frühe Sättigung, verbessern die Verträglichkeit und erleichtern das Erreichen einer positiven Energiebilanz. Entscheidend ist eine individuell angepasste Mahlzeitenstruktur, die physiologische Mechanismen berücksichtigt und langfristig praktikabel ist.

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Literatur

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