Unterzuckerung (Hypoglykämie) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) mitbedingt sein können:
Eine Hypoglykämie kann akute neuroglykopenische (durch Glucosemangel im Gehirn bedingte), vegetative (das unwillkürliche Nervensystem betreffende), kardiovaskuläre (Herz und Gefäße betreffende), respiratorische (die Atmung betreffende) und unfallbedingte Komplikationen verursachen. Klinisch relevant sind vor allem schwere Hypoglykämien, definitionsgemäß Ereignisse, bei denen die betroffene Person zur Behandlung fremde Hilfe benötigt. Bei Patienten mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ist eine schwere Hypoglykämie zugleich Marker eines vulnerablen Hochrisikoprofils; die Assoziation (Zusammenhang) mit kardiovaskulären Ereignissen und Mortalität (Sterblichkeit) ist daher prognostisch bedeutsam, aber nicht in jedem Fall kausal (ursächlich) zu interpretieren [1, 3-5, LL1, LL2].
Atmungssystem (J00-J99)
- Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Einatmen von Fremdmaterial) – mögliche sekundäre Komplikation schwerer Hypoglykämien mit Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, Erbrechen oder prolongierter Vigilanzminderung (verlängerte Verminderung der Wachheit); insbesondere relevant bei älteren Patienten, Frailty (Gebrechlichkeit), Dysphagie (Schluckstörung), Bettlägerigkeit oder neurologischer Vorerkrankung [LL1, LL2].
- Respiratorische Insuffizienz (Atemschwäche) – seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Komplikation bei schwerer prolongierter Hypoglykämie mit Koma (tiefer Bewusstlosigkeit), generalisiertem Krampfanfall oder Aspiration (Einatmen von Fremdmaterial) [LL1, LL2].
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Neonatale Krampfanfälle (Krampfanfälle bei Neugeborenen) – mögliche akute Komplikation einer ausgeprägten oder prolongierten neonatalen Hypoglykämie, insbesondere bei Risikoneugeborenen, Frühgeborenen, Kindern diabetischer Mütter, intrauteriner Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung im Mutterleib) oder perinataler Stresssituation (Stresssituation um die Geburt herum) [8].
- Neurodevelopmentale Entwicklungsstörungen (Entwicklungsstörungen des Nervensystems) nach neonataler Hypoglykämie – neonatale Hypoglykämien sind in Beobachtungsstudien und Metaanalysen mit einem erhöhten Risiko für spätere kognitive (geistige), motorische (die Bewegung betreffende), visuelle (das Sehen betreffende) und exekutive Funktionsstörungen (Störungen der Handlungsplanung und Selbststeuerung) assoziiert; die Evidenz ist überwiegend beobachtend und durch Heterogenität (Uneinheitlichkeit) der Grenzwerte, Messzeitpunkte und Behandlungsstrategien limitiert [8].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Hypoglykämiewahrnehmungsstörung (verminderte Wahrnehmung einer Unterzuckerung) – rezidivierende Hypoglykämien können die adrenerge Warnsymptomatik (durch Stresshormone vermittelte Warnzeichen) abschwächen und dadurch das Risiko weiterer schwerer Hypoglykämien erhöhen; relevant insbesondere bei langer Diabetesdauer, intensiver Insulintherapie, autonomer Neuropathie (Nervenschädigung des unwillkürlichen Nervensystems) und vorausgegangenen schweren Hypoglykämien [LL1, LL2].
- Gestörte hormonelle Gegenregulation (gestörte hormonelle Gegensteuerung) – wiederholte Hypoglykämien können zu einer verminderten sympathoadrenalen Gegenregulation führen und dadurch einen Circulus vitiosus (Teufelskreis) aus rezidivierenden Hypoglykämien, reduzierter Warnsymptomatik und erneutem Ereignisrisiko begünstigen [LL1, LL2].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – schwere Hypoglykämien sind bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes mit einem erhöhten Risiko für eine neu auftretende Herzinsuffizienz beziehungsweise eine Hospitalisation (Krankenhausaufnahme) wegen Herzinsuffizienz assoziiert [3, 4]. S. u. Prognosefaktoren.
- Hinweis – Antidiabetika mit geringem Hypoglykämiepotenzial, individualisierte glykämische Zielwerte und strukturierte Hypoglykämieprävention sind insbesondere bei älteren Patienten, kardiovaskulärer Erkrankung, chronischer Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Hypoglykämiewahrnehmungsstörung oder vorausgegangener schwerer Hypoglykämie zu bevorzugen [LL1, LL2].
- Herzrhythmusstörungen – Hypoglykämien können über sympathoadrenerge Aktivierung (Aktivierung des Stressnervensystems), Kaliumverschiebungen, QTc-Verlängerung und veränderte kardiale Repolarisation (elektrische Rückbildung des Herzmuskels) proarrhythmisch (rhythmusstörungsfördernd) wirken [1, 5].
- Vorhofflimmern – bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und kardiovaskulärem Risiko wurden Hypoglykämien mit vermehrten kardialen Rhythmusstörungen, einschließlich Vorhofflimmern, in Verbindung gebracht [1].
- Ventrikuläre Tachyarrhythmien (schnelle Herzrhythmusstörungen aus der Herzkammer) – schwere Hypoglykämien sind bei Typ-2-Diabetes mit einem erhöhten Risiko für QTc-Verlängerung assoziiert; dies kann das Risiko ventrikulärer Tachyarrhythmien erhöhen, insbesondere bei zusätzlicher kardialer Vulnerabilität (Verletzlichkeit des Herzens), Elektrolytstörungen, autonomer Neuropathie oder QT-verlängernder Medikation [5].
- QTc-Verlängerung – bei Typ-2-Diabetikern mit schwerer Hypoglykämie wurde ein um 66 % erhöhtes Risiko für eine QTc-Verlängerung beschrieben; besonders Patienten unter 62 Jahren waren gefährdet [5].
- Kardiovaskuläre Ereignisse – schwere Hypoglykämien sind bei Typ-2-Diabetes mit einem erhöhten Risiko kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert; zugleich können kardiovaskuläre Ereignisse das Risiko für schwere Hypoglykämien erhöhen, sodass eine bidirektionale Risikoassoziation (wechselseitiger Risikozusammenhang) vorliegt [3].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Bewusstseinsstörung – mögliche akute Komplikation einer ausgeprägten Neuroglykopenie; klinisch relevant insbesondere bei verzögerter Glucosezufuhr, älteren Patienten, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung, Insulintherapie oder Sulfonylharnstofftherapie [LL1, LL2].
- Demenzerkrankung beziehungsweise kognitive Verschlechterung – schwere Hypoglykämien sind bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes mit einem erhöhten Risiko für leichte kognitive Störung und Demenz (Gedächtnisabbau) assoziiert; wiederholte schwere Ereignisse erhöhen die prognostische Relevanz [6].
- Krampfanfall – mögliche akute Komplikation schwerer Neuroglykopenie, insbesondere bei raschem Glucoseabfall, prolongierter Hypoglykämie oder fehlender Gegenregulation [LL1, LL2].
- Neuroglykopenische Funktionsstörungen – Verwirrtheit, Konzentrationsstörung, Sehstörung, Sprachstörung, Verhaltensänderung, Somnolenz (Schläfrigkeit), Koordinationsstörung und fokal-neurologisch (umschrieben das Nervensystem betreffend) imponierende Defizite können auftreten und einen Schlaganfall imitieren [LL1, LL2].
- Psychotische Symptomatik (Symptome mit Realitätsverkennung) – akute Verhaltensauffälligkeiten, Agitation (Unruhe), Halluzinationen (Sinnestäuschungen) oder psychoseähnliche Zustände können Ausdruck einer Neuroglykopenie sein; sie sind primär als reversible Akutmanifestation (rückbildungsfähige akute Erscheinung) der Hypoglykämie und nicht als eigenständige chronische Psychose (Realitätsverlust) zu werten [LL1, LL2].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Asthenie/Erschöpfung – möglich nach ausgeprägter oder wiederholter Hypoglykämie, insbesondere nach nächtlichen Ereignissen, schwerer Gegenregulationsreaktion oder prolongierter Unterzuckerung [LL1, LL2].
- Müdigkeit – möglich als Folge nächtlicher oder rezidivierender Hypoglykämien; differentialdiagnostisch sind Schlafstörungen, Übertherapie des Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, Ernährungsdefizite, Infektion (Ansteckung) und kardiovaskuläre Erkrankungen zu berücksichtigen [LL1, LL2].
- Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) beziehungsweise Kollaps (Kreislaufzusammenbruch) – mögliche Akutkomplikation schwerer Hypoglykämien mit Bewusstseinsverlust; relevant wegen des sekundären Verletzungsrisikos [LL1, LL2].
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Arbeitsunfälle – möglich bei neuroglykopenischer Einschränkung während sicherheitskritischer Tätigkeiten, insbesondere beim Bedienen von Maschinen, Arbeiten in Höhe, beruflichem Führen von Fahrzeugen oder Alleinarbeit [LL1, LL2].
- Verkehrsunfälle – möglich bei Hypoglykämie-bedingter Vigilanzminderung, Sehstörung, Reaktionsverzögerung, Koordinationsstörung oder Bewusstseinsverlust; besonders relevant bei Insulintherapie, Sulfonylharnstofftherapie, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung oder fehlender präventiver Blutzuckerkontrolle vor Fahrtantritt [LL1, LL2].
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Frakturen (Knochenbrüche) – schwere Hypoglykämien sind bei älteren Patienten mit Diabetes mellitus mit einem erhöhten Sturzrisiko assoziiert; daraus resultierend können Frakturen auftreten [7].
- Verletzungen durch Stürze, Verkehrsunfälle oder Bedienfehler – insbesondere bei Bewusstseinsstörung, Sehstörung, Koordinationsstörung, nächtlichen Hypoglykämien, körperlicher Aktivität, Alkoholkonsum, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung, Insulintherapie oder Sulfonylharnstofftherapie [7, LL1, LL2].
Prognosefaktoren
- Leichte Hypoglykämien – insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker, die über leichte Hypoglykämien berichteten, hatten in der Hoorn Diabetes Care System Cohort kein erhöhtes Mortalitätsrisiko; die Mortalität war in dieser Kohorte im Vergleich zu Patienten ohne berichtete Hypoglykämie niedriger. Dies sollte nicht als protektiver Effekt leichter Hypoglykämien interpretiert werden, sondern kann durch Unterschiede in Patientenprofil, Selbstwahrnehmung, Therapieadhärenz (Therapietreue) und Versorgungsstruktur mitbedingt sein [2].
- Schwere Hypoglykämien – Typ-2-Diabetiker mit schwerer Hypoglykämie im Verlauf einer Studie hatten ein um 80 % erhöhtes Mortalitätsrisiko, eine um 60 % erhöhte kardiovaskuläre Mortalität und ein etwa doppelt so hohes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz [3].
- Schwere Hypoglykämien als Hochrisikomarker – eine vorausgegangene schwere Hypoglykämie, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung, fortgeschrittenes Alter, chronische Niereninsuffizienz, kognitive Einschränkung, Multimorbidität (Mehrfacherkrankung), Polypharmazie (Einnahme mehrerer Arzneimittel), Insulintherapie, Sulfonylharnstofftherapie und unregelmäßige Nahrungsaufnahme erhöhen das Risiko weiterer schwerer Hypoglykämien und sollten zu einer Überprüfung der Therapieziele und Medikation führen [LL1, LL2].
- Kardiovaskuläre Vorerkrankung – Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung oder erhöhtem kardiovaskulärem Risiko sind bei Hypoglykämien besonders vulnerabel für Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen), QTc-Verlängerung, hämodynamische Instabilität (Kreislaufinstabilität) und Folgeereignisse [1, 3, 5].
- Kognitive Einschränkung und Demenzrisiko – schwere Hypoglykämien sind bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes mit späterer kognitiver Verschlechterung assoziiert; umgekehrt erhöhen kognitive Einschränkungen das Risiko für Medikationsfehler, unregelmäßige Nahrungsaufnahme und erneute Hypoglykämien [6, LL1, LL2].
- Neonatales Alter – bei neonataler Hypoglykämie sind Dauer, Schweregrad, Rezidive (Rückfälle), Begleiterkrankungen, perinatale Risikofaktoren und Verzögerung der Therapie entscheidende prognostische Faktoren für neurodevelopmentale Langzeitfolgen [8].
- Sturz- und Verletzungsrisiko – schwere Hypoglykämien sind mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden; dies ist besonders prognoserelevant bei älteren Patienten, Frailty, Osteoporose (Knochenschwund), Polypharmazie, Neuropathie (Nervenschädigung), Sehbeeinträchtigung oder Gangunsicherheit [7].
Literatur
- Chow E, Bernjak A, Williams S, Fawdry RA, Hibbert S, Freeman J, Sheridan PJ, Heller SR. Risk of cardiac arrhythmias during hypoglycemia in patients with type 2 diabetes and cardiovascular risk. Diabetes. 2014;63(5):1738-1747. https://diabetes.diabetesjournals.org/content/63/5/1738
- Rauh SP, Rutters F, Thorsted BL, Welschen LMC, Nijpels G. Self-reported hypoglycaemia in patients with type 2 diabetes treated with insulin in the Hoorn Diabetes Care System Cohort, the Netherlands: a prospective cohort study. BMJ Open. 2016;6:e012793. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2016-012793
- Standl E, Stevens SR, Lokhnygina Y, Bethel MA, Buse JB, Gustavson SM, Maggioni AP, Mentz RJ, Hernandez AF, Holman RR; EXSCEL Study Group. Confirming the Bidirectional Nature of the Association Between Severe Hypoglycemic and Cardiovascular Events in Type 2 Diabetes: Insights From EXSCEL. Diabetes Care. 2020;43(3):643-652. https://doi.org/10.2337/dc19-1079
- Echouffo-Tcheugui JB, Kaze AD, Fonarow GC, Dagogo-Jack S. Severe Hypoglycemia and Incident Heart Failure Among Adults With Type 2 Diabetes. J Clin Endocrinol Metab. 2022;107(3):e955-e962. https://doi.org/10.1210/clinem/dgab794
- Kaze AD, Santhanam P, Erqou S, Ahima RS, Bertoni AG, Golden SH, Echouffo-Tcheugui JB. Severe Hypoglycemia and Incidence of QT Interval Prolongation Among Adults with Type 2 Diabetes. J Clin Endocrinol Metab. 2022;107(7):e2709-e2716. https://doi.org/10.1210/clinem/dgac195
- Lee AK, Rawlings AM, Lee CJ, Gross AL, Huang ES, Sharrett AR, Coresh J, Selvin E. Severe hypoglycaemia, mild cognitive impairment, dementia and brain volumes in older adults with type 2 diabetes: the Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC) cohort study. Diabetologia. 2018;61(9):1956-1965. https://doi.org/10.1007/s00125-018-4668-1
- Lee AK, Juraschek SP, Windham BG, Lee CJ, Sharrett AR, Coresh J, Selvin E. Severe Hypoglycemia and Risk of Falls in Type 2 Diabetes: The Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC) Study. Diabetes Care. 2020;43(9):2060-2065. https://doi.org/10.2337/dc20-0316
- Diggikar S, Țîrif P, Mudura D, Prasath A, Mazela J, Ognean ML, Kramer BW, Galis R. Neonatal Hypoglycemia and Neurodevelopmental Outcomes-An Updated Systematic Review and Meta-Analysis. Life (Basel). 2024;14(12):1618. https://doi.org/10.3390/life14121618
Leitlinien
- McCall AL, Lieb DC, Gianchandani R, MacMaster H, Maynard GA, Murad MH et al.: Management of Individuals With Diabetes at High Risk for Hypoglycemia: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2023;108(3):529-562. https://doi.org/10.1210/clinem/dgac596
- American Diabetes Association Professional Practice Committee. 6. Glycemic Goals, Hypoglycemia, and Hyperglycemic Crises: Standards of Care in Diabetes-2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl 1):S132-S154. https://doi.org/10.2337/dc26-S006