Unterzuckerung (Hypoglykämie) – Differentialdiagnosen

Hinweis zur Einordnung: Eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) sollte differentialdiagnostisch nur dann als gesichert gewertet werden, wenn die Whipple-Trias vorliegt: passende Symptome, dokumentiert erniedrigte venöse Plasmaglucose und Besserung nach Glucosezufuhr. Bei Erwachsenen ohne Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) sind vorrangig Medikamente, kritische Erkrankungen, Hormondefizite (Hormonmangelzustände), nichtinsulinproduzierende Tumoren (Geschwulste) und endogener Hyperinsulinismus (körpereigene Überproduktion von Insulin) abzuklären. Blutzuckermessgeräte, Stix-Messungen und kontinuierliches Glucosemonitoring können im niedrigen Messbereich relevante Abweichungen zeigen; für die diagnostische Sicherung ist die laborchemische Plasmaglucose maßgeblich.

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Angeborene Hyperinsulinismus-Syndrome – seltene, meist pädiatrisch manifeste Ursache rezidivierender Hypoglykämien durch inadäquate Insulinsekretion
  • Glykogenspeicherkrankheiten – können insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu Nüchternhypoglykämien, Hepatomegalie (Lebervergrößerung) und Lactatazidose (Übersäuerung durch Lactat) führen
  • Störungen der Fettsäureoxidation – können bei Fasten, Infekten oder körperlicher Belastung schwere hypoketotische Hypoglykämien verursachen

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)

  • Neonatale Hypoglykämie – insbesondere bei Frühgeborenen, Small-for-gestational-age-Neugeborenen, Large-for-gestational-age-Neugeborenen, perinatalem Stress oder mütterlichem Diabetes mellitus
  • Transitorischer neonataler Hyperinsulinismus – vorübergehende Hypoglykämie durch inadäquate Insulinsekretion, insbesondere nach perinatalem Stress oder bei Kindern diabetischer Mütter

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Insulin-Autoantikörper-Syndrom – autoimmune Hypoglykämie mit stark schwankender Glucoseregulation, postprandialer Hyperglykämie (Überzuckerung nach dem Essen) und verzögerter Hypoglykämie durch Freisetzung von an Antikörper gebundenem Insulin
  • Systemische Autoimmunerkrankungen – seltene Ursache autoimmun vermittelter Hypoglykämien, insbesondere bei Insulin-Autoantikörpern oder Insulinrezeptor-Antikörpern

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetes mellitus unter antidiabetischer Therapie – häufigste Ursache echter Hypoglykämien, insbesondere unter Insulin, Sulfonylharnstoffen oder Gliniden
  • Essstörung mit Mangelernährung – kann durch reduzierte Substratzufuhr, geringe Glykogenspeicher und prolongierte Nahrungskarenz Hypoglykämien begünstigen
  • Hypophyseninsuffizienz (Hirnanhangsdrüsenschwäche) – kann durch ACTH-Mangel und sekundären Cortisolmangel die Gegenregulation bei Hypoglykämie beeinträchtigen
  • Insulinresistenz mit verzögerter postprandialer Insulinantwort – mögliche Grundlage reaktiver Hypoglykämien, häufig mit prädiabetischer Stoffwechsellage assoziiert
  • Nebennierenrindeninsuffizienz (NNR-Insuffizienz) – Hypoglykämie durch Cortisolmangel und eingeschränkte Gegenregulation, insbesondere bei primärer Nebennierenrindeninsuffizienz oder Addison-Krise
  • Nicht-Insulinom-pankreatogenes Hypoglykämie-Syndrom (NIPHS) – postprandiale Hypoglykämien durch endogenen Hyperinsulinismus ohne nachweisbares Insulinom, meist etwa 2-5 h nach kohlenhydratreicher Mahlzeit
  • Postprandiale reaktive Hypoglykämie – Hypoglykämie nach Mahlzeiten, häufig etwa 2-5 h postprandial; ein 2-h-oraler Glucosetoleranztest kann diese Konstellation verfehlen
  • Pseudohypoglykämie – hypoglykämieähnliche Beschwerden bei normnaher oder nicht pathologisch erniedrigter Plasmaglucose, häufig nach rascher Verbesserung zuvor chronisch erhöhter Glucosewerte bei Diabetes mellitus mit hohem Ausgangs-HbA1c
  • Schwere Mangelernährung/Kachexie (Auszehrung) – Hypoglykämie durch reduzierte hepatische Glykogenspeicher, eingeschränkte Gluconeogenese und verminderte Substratverfügbarkeit

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Apoplex (Schlaganfall) – akute neurologische Defizite, Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall können eine Hypoglykämie imitieren; umgekehrt muss Hypoglykämie als Stroke-Mimic ausgeschlossen werden
  • Herzrhythmusstörungen – können mit Palpitationen (Herzklopfen), Schwitzen, Schwäche, Präsynkope oder Synkope hypoglykämieähnliche Beschwerden verursachen
  • Myokardinfarkt (Herzinfarkt) – kann vegetative Symptome wie Schwitzen, Übelkeit, Schwäche, Angst und Kreislaufinstabilität verursachen und eine Hypoglykämie imitieren
  • Orthostatische Hypotonie (lageabhängiger Blutdruckabfall) – Differentialdiagnose bei Schwindel, Schwäche, Schwitzen, Präsynkope und Synkope

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Malaria – kann insbesondere bei schwerem Verlauf, Kindern, Schwangeren oder Chinintherapie mit Hypoglykämien einhergehen
  • Schwere systemische Infektion – kann bei reduzierter Nahrungsaufnahme, Fieber, Organversagen oder erhöhter metabolischer Belastung Hypoglykämien auslösen
  • Sepsis (Blutvergiftung) – Hypoglykämie durch erhöhten Glucoseverbrauch, eingeschränkte hepatische Glucoseproduktion, Nebennierenbeteiligung oder Multiorganversagen

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Leberinsuffizienz (akutes Leberversagen) – Hypoglykämie durch gestörte Glykogenolyse und Gluconeogenese
  • Fortgeschrittene Leberzirrhose (Leberschrumpfung) – Hypoglykämie durch verminderte hepatische Glucoseproduktion, reduzierte Glykogenspeicher und eingeschränkte metabolische Reserve
  • Schwere Hepatitis (Leberentzündung) – kann bei ausgeprägter Leberfunktionsstörung Hypoglykämien verursachen

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Dumping-Syndrom – postprandiale Hypoglykämie nach Magenoperation oder bariatrischer Operation durch rasche Glucoseaufnahme und überschießende Insulinantwort
  • Kurzdarmsyndrom – Hypoglykämien durch Malabsorption (Aufnahmestörung), reduzierte Substratzufuhr und instabile postprandiale Glucoseregulation möglich
  • Postbariatrische Hypoglykämie – meist späte postprandiale Hypoglykämie nach bariatrischer Operation, insbesondere nach Roux-en-Y-Magenbypass
  • Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – kann bei Malabsorption, Gewichtsverlust oder reduzierter Nahrungsaufnahme hypoglykämische Episoden begünstigen

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hepatozelluläres Karzinom (Leberzellkrebs) – kann Hypoglykämien durch Leberfunktionsverlust, hohen Tumorstoffwechsel oder paraneoplastische Mechanismen verursachen
  • Insulinom (insulinproduzierender Tumor) – neuroendokriner Pankreastumor mit endogenem Hyperinsulinismus; wichtigste auszuschließende Ursache rezidivierender Nüchternhypoglykämien bei Erwachsenen ohne Diabetes mellitus
  • Mesenchymale Tumoren – klassische Tumorgruppe bei nichtinsulinproduzierender Tumorhypoglykämie, insbesondere große retroperitoneale oder thorakale Tumoren
  • Neuroendokrine Tumoren – können selten Hypoglykämien durch Insulinproduktion oder andere hormonelle/paraneoplastische Mechanismen verursachen
  • Nicht-Inselzell-Tumor-Hypoglykämie – paraneoplastische Hypoglykämie, meist durch tumorbedingte Produktion von insulinähnlichem Wachstumsfaktor 2 (IGF-2), typischerweise mit supprimiertem Insulin und C-Peptid
  • Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs) – seltene Ursache paraneoplastischer Hypoglykämien, insbesondere im Rahmen einer Nicht-Inselzell-Tumor-Hypoglykämie

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angststörung/Panikattacke – kann mit Zittern, Schwitzen, Palpitationen, Schwindel und Todesangst eine Hypoglykämie imitieren
  • Epilepsie (Anfallsleiden) – Krampfanfall, Bewusstseinsstörung und postiktale Verwirrtheit sind wichtige Differentialdiagnosen neuroglykopenischer Symptome; Hypoglykämie kann zugleich Anfälle auslösen
  • Funktionelle neurologische Störung – kann hypoglykämieähnliche Symptome wie Schwäche, Zittern, Gangstörung oder Bewusstseinsnähe imitieren
  • Migräne mit Aura – Differentialdiagnose bei Sehstörung, neurologischen Ausfällen, Übelkeit und vegetativer Begleitsymptomatik
  • Psychose – Differentialdiagnose bei Verwirrtheit, Agitation, Wahrnehmungsstörungen oder auffälligem Verhalten; Hypoglykämie muss vor psychiatrischer Einordnung ausgeschlossen werden
  • Somatisierungsstörung – kann rezidivierende vegetative Beschwerden mit subjektivem Unterzuckerungsgefühl verursachen, ohne dass eine laborchemische Hypoglykämie vorliegt

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Hyperemesis gravidarum (schweres Schwangerschaftserbrechen) – Hypoglykämie durch prolongiertes Erbrechen, reduzierte Nahrungsaufnahme und Ketose möglich
  • Schwangerschaft bei Diabetes mellitus – erhöhtes Hypoglykämierisiko unter Insulintherapie, insbesondere im ersten Trimenon und bei Übelkeit/Erbrechen

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Fieber mit reduzierter Nahrungsaufnahme – kann insbesondere bei Kindern, älteren Patienten oder Multimorbidität Hypoglykämien begünstigen
  • Hungerzustand/Nahrungskarenz – physiologische oder pathologische Hypoglykämie bei erschöpften Glykogenspeichern, insbesondere bei zusätzlicher Erkrankung oder Alkoholaufnahme
  • Präsynkope/Synkope (Beinahe-Ohnmacht/Ohnmacht) – Differentialdiagnose bei Schwäche, Schwindel, Kaltschweißigkeit, Sehstörung und Bewusstseinsverlust
  • Schwere körperliche Belastung – kann bei unzureichender Kohlenhydratzufuhr, antidiabetischer Therapie oder Alkoholaufnahme Hypoglykämien auslösen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Niereninsuffizienz (chronische Nierenschwäche) – erhöhtes Hypoglykämierisiko durch reduzierte renale Gluconeogenese, verminderte Insulin-Clearance und Akkumulation antidiabetischer Medikamente
  • Terminale Niereninsuffizienz/Dialysepflicht – Hypoglykämien durch reduzierte Medikamentenelimination, Malnutrition und metabolische Instabilität

Medikamente

  • ACE-Hemmer – seltene medikamentöse Mitursache von Hypoglykämien, vor allem bei zusätzlicher antidiabetischer Therapie oder eingeschränkter Nierenfunktion
  • Betablocker – können adrenerge Warnsymptome einer Hypoglykämie maskieren und dadurch die klinische Erkennung erschweren
  • Chinidin – seltene medikamentöse Ursache von Hypoglykämien durch Stimulation der Insulinsekretion
  • Fluorchinolone – können Dysglykämien einschließlich Hypoglykämien verursachen, insbesondere bei älteren Patienten, Diabetes mellitus oder Niereninsuffizienz
  • Glinide – häufig relevante Ursache iatrogener Hypoglykämien durch insulinotrope Wirkung
  • Insulin – häufigste medikamentöse Ursache schwerer Hypoglykämien bei Diabetes mellitus
  • Pentamidin – kann Hypoglykämien durch pankreatische Betazelltoxizität und inadäquate Insulinfreisetzung verursachen
  • Salicylate – seltene Ursache von Hypoglykämien, vor allem bei Intoxikation, Kindern oder zusätzlicher metabolischer Belastung
  • Sulfonylharnstoffe – relevante Ursache prolongierter und rezidivierender Hypoglykämien, insbesondere bei Niereninsuffizienz, älteren Patienten oder Nahrungsreduktion

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholintoxikation – Hypoglykämie durch Hemmung der hepatischen Gluconeogenese, besonders bei Nahrungskarenz, Mangelernährung oder Lebererkrankung
  • Illegale oder akzidentelle Insulin-/Sulfonylharnstoffexposition – Differentialdiagnose bei ungeklärter Hypoglykämie, insbesondere bei diskrepanten Laborbefunden oder fehlender plausibler Grunderkrankung
  • Quininexposition – kann eine insulinvermittelte Hypoglykämie auslösen, insbesondere bei Malariatherapie oder versehentlicher/übermäßiger Aufnahme