Überzuckerung (Hyperglykämie) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Beurteilung des Bewusstseins – Wachheit und Orientierung prüfen; bei Bewusstseinsstörungen Glasgow Coma Scale (GCS) erheben und im Verlauf wiederholt dokumentieren. Zusätzlich Pupillenreaktion, Sprache, Motorik (Bewegungsfähigkeit) und Seitendifferenzen beurteilen. Fokalneurologische Ausfälle (örtlich begrenzte Ausfälle des Nervensystems) dürfen nicht allein der Hyperglykämie zugeschrieben werden.
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Körpertemperatur, Körpergewicht und Körpergröße; bei akuter Instabilität haben die Vitalfunktionen Vorrang vor der Erhebung der Körpermaße. Des Weiteren:
- Allgemein- und Hydratationszustand (Zustand der Flüssigkeitsversorgung) – Schleimhautfeuchtigkeit, Hautturgor (Spannkraft der Haut), Rekapillarisierungszeit und periphere Durchblutung (Blutversorgung an Händen und Füßen) beurteilen. Trockene Schleimhäute, stehende Hautfalten, Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) und Hypotonie (niedriger Blutdruck) können auf einen ausgeprägten Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel) hinweisen. Der Hautturgor ist besonders bei älteren Menschen nur eingeschränkt aussagekräftig.
- Inspektion
- Haut und Schleimhäute – auf Austrocknungszeichen sowie mögliche Infektionsherde achten; Füße, Hautfalten, Wunden und gegebenenfalls Insulininjektions- beziehungsweise Kathetereinstichstellen einbeziehen.
- Atmung und Atemgeruch – Atemtiefe, Atemfrequenz und Atemarbeit beurteilen. Eine tiefe, angestrengte Kussmaul-Atmung (tiefe, angestrengte Atmung bei Übersäuerung) und ein fruchtig-acetonartiger Atemgeruch können auf eine diabetische Ketoazidose (Übersäuerung durch Ketonkörper bei Diabetes) hinweisen; ihr Fehlen schließt diese nicht aus.
- Auskultation des Herzens – Herzfrequenz und Rhythmus beurteilen; auf Hinweise auf eine kardiale Begleiterkrankung (Begleiterkrankung des Herzens) achten.
- Auskultation der Lunge – auf fokale Atemgeräuschveränderungen und Rasselgeräusche als Hinweise auf einen pulmonalen Infektionsherd (Infektionsherd in der Lunge) oder eine Flüssigkeitsüberlastung achten.
- Untersuchung des Abdomens (Bauchraums) – Inspektion, Auskultation und Palpation; Druckschmerz, Abwehrspannung, Loslassschmerz und bei entsprechender Symptomatik Nierenlagerklopfschmerz prüfen. Eine diabetische Ketoazidose kann mit ausgeprägten Bauchschmerzen einhergehen. Lokalisierte oder anhaltende Beschwerden sowie peritoneale Zeichen (Hinweise auf eine Reizung des Bauchfells) erfordern die Abklärung einer zusätzlichen abdominalen Erkrankung (Erkrankung im Bauchraum).
Klinische Einordnung – Eine Hyperglykämie kann ohne auffälligen körperlichen Befund vorliegen. Die Untersuchung dient insbesondere der Beurteilung von Schweregrad, Volumenstatus und möglichen Auslösern. Eine diabetische Ketoazidose und ein hyperosmolares hyperglykämisches Syndrom (schwere Stoffwechselentgleisung mit stark erhöhtem Blutzucker und Flüssigkeitsmangel) lassen sich durch die körperliche Untersuchung allein weder sicher unterscheiden noch ausschließen [1, LL1].
Klinische Warnzeichen – Zunehmende Bewusstseinsstörung, Kreislaufinstabilität, ausgeprägte Austrocknung oder auffällige Atmung erfordern eine unverzügliche notfallmedizinische Beurteilung. Bewusstsein, Atmung und Kreislauf müssen bei Verdacht auf eine hyperglykämische Krise wiederholt kontrolliert werden [1, LL1].
Glasgow Coma Scale (GCS) – Skala zur standardisierten Beschreibung einer Bewusstseinsstörung [FI1].
| Kategorie | Kriterium | Punktzahl |
|---|---|---|
| Augenöffnen (E) | Spontan | 4 |
| Auf Ansprache | 3 | |
| Auf Druckreiz | 2 | |
| Keine Reaktion bei fehlenden beurteilungsstörenden Faktoren | 1 | |
| Verbale Reaktion (V) | Orientiert | 5 |
| Verwirrt, jedoch zusammenhängende Kommunikation | 4 | |
| Einzelne verständliche Wörter | 3 | |
| Unverständliche Laute | 2 | |
| Keine verbale Reaktion bei fehlenden beurteilungsstörenden Faktoren | 1 | |
| Beste motorische Reaktion (M) | Befolgt Aufforderungen | 6 |
| Lokalisiert den Druckreiz mit gezielter Abwehrbewegung | 5 | |
| Normale Beugung beziehungsweise Zurückziehen auf Druckreiz | 4 | |
| Abnorme Beugung auf Druckreiz | 3 | |
| Streckreaktion auf Druckreiz | 2 | |
| Keine motorische Reaktion bei fehlenden beurteilungsstörenden Faktoren | 1 |
Beurteilung
- Für jede Kategorie wird die beste beobachtete Reaktion dokumentiert. Bei vollständig prüfbaren Komponenten beträgt die Summe 3-15 Punkte. Einzelwerte für E, V und M sowie Untersuchungszeitpunkt zusätzlich zum Gesamtwert angeben [FI1].
- Bei nicht prüfbaren Komponenten, beispielsweise der verbalen Reaktion bei endotrachealer Intubation, „NT“ für „not testable“ dokumentieren. Dafür nicht 1 Punkt vergeben und keinen Gesamtwert bilden. Sedierung, Sprachbarrieren und andere Einschränkungen der Beurteilbarkeit angeben [FI1].
- Ein GCS-Wert von 8 oder weniger Punkten kennzeichnet eine schwere Bewusstseinsstörung und erfordert die sofortige Beurteilung von Atemwegsschutz und Ventilation. Eine endotracheale Intubation ist bei fehlendem Atemwegsschutz, unzureichender Atmung oder entsprechender klinischer Verschlechterung zu erwägen; der Summenwert allein bestimmt die Entscheidung nicht.
- Die GCS beschreibt den Bewusstseinszustand, bestimmt jedoch nicht dessen Ursache. Jede Verschlechterung erfordert eine unverzügliche erneute klinische Beurteilung.
Abkürzungsverzeichnis
- E: Augenöffnen
- GCS: Glasgow Coma Scale
- M: motorische Reaktion
- NT: not testable (nicht prüfbar)
- V: verbale Reaktion
Literatur
- Umpierrez GE, Davis GM, ElSayed NA et al.: Hyperglycemic Crises in Adults With Diabetes: A Consensus Report. Diabetes Care. 2024;47(8):1257-1275. doi: 10.2337/dci24-0032
Leitlinien
- American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: Glycemic Goals, Hypoglycemia, and Hyperglycemic Crises: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl. 1):S132-S149. doi: 10.2337/dc26-s006 [LL1]
Fachinformationen
- Glasgow Coma Scale: Assessment Aid und Frequently Asked Questions [FI1].