Hyperhomocysteinämie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Hyperhomocysteinämie (erhöhter Homocysteinwert im Blut) mitbedingt sein können:

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • Neuralrohrdefekte (Fehlbildungen von Gehirn und Rückenmark) des Fetus (ungeborenen Kindes) – erhöhte maternale (mütterliche) Homocysteinspiegel sind Ausdruck einer gestörten Folat-/Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsellage (gestörten Folsäure-Stoffwechsellage) und mit einem erhöhten Risiko für Neuralrohrdefekte assoziiert; die stärkste präventive Evidenz besteht für die perikonzeptionelle (um die Empfängnis herum erfolgende) Folsäuresupplementierung (Folsäureeinnahme), nicht für Homocystein als isolierten kausalen Marker (Ursachenmarker) [5, 6, LL1]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Atherosklerotische Gefäßerkrankungen (Gefäßerkrankungen durch Arterienverkalkung) – erhöhte Homocysteinspiegel sind mit endothelialer Dysfunktion (Funktionsstörung der Gefäßinnenhaut), oxidativem Stress (Zellstress durch Sauerstoffradikale) und atherothrombotischem Risiko (Risiko durch Gefäßverkalkung und Blutgerinnselbildung) assoziiert; eine gesicherte direkte Kausalität (Ursächlichkeit) und ein konsistenter klinischer Endpunktnutzen (Nutzen für messbare Krankheitsereignisse) einer isolierten Homocysteinsenkung sind nicht für alle vaskulären Endpunkte (gefäßbezogene Krankheitsereignisse) belegt [1, 2, LL2]
  • Ischämischer Schlaganfall (Hirninfarkt durch Durchblutungsstörung) – am besten belegte vaskuläre Risikoassoziation (gefäßbezogener Risikozusammenhang); Folsäure-/B-Vitamin-basierte Homocysteinsenkung kann in ausgewählten Populationen (Patientengruppen), insbesondere bei niedriger Folatversorgung beziehungsweise ohne obligate Folsäureanreicherung, das Schlaganfallrisiko reduzieren [1-3, LL2]
  • Koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) – epidemiologische Risikoassoziation (in Bevölkerungsstudien beobachteter Risikozusammenhang); randomisierte Interventionsdaten (Daten aus zugeteilten Behandlungsstudien) zur Homocysteinsenkung zeigen jedoch keinen konsistenten klinisch relevanten Schutz vor koronaren Ereignissen (Ereignissen an den Herzkranzgefäßen) [1, 2, LL2]
  • Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie) – mögliche Manifestation (Krankheitsausprägung) einer venösen Thromboembolie (Blutgerinnselbildung in einer Vene); Hyperhomocysteinämie allein begründet keine gesicherte Hochrisikothrombophilie (stark erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln), kann aber als zusätzlicher Risikomarker berücksichtigt werden [4, 8, LL3]
  • Myokardinfarkt (Herzinfarkt) – erhöhte Homocysteinspiegel sind als vaskulärer Risikomarker relevant; ein kausaler therapeutischer Nutzen (ursächlicher Behandlungsnutzen) der isolierten Homocysteinsenkung zur Myokardinfarktprävention (Vorbeugung eines Herzinfarkts) ist nicht gesichert [1, 2, LL2]
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Gliedmaßenarterien) – Risikoassoziation im Rahmen systemischer Atherosklerose (Arterienverkalkung im gesamten Körper); die klinische Relevanz als eigenständiger therapeutischer Angriffspunkt bleibt begrenzt [1, 2, LL2]
  • Tiefe Beinvenenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Beinvene) – mögliche Manifestation einer venösen Thromboembolie; besonders relevant bei zusätzlichen Risikofaktoren wie Immobilisation (längere Ruhigstellung), Malignom (bösartiger Tumor), Östrogenexposition (Einwirkung von Östrogenen), Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) oder weiteren thrombophilen Faktoren (Faktoren mit erhöhter Blutgerinnselneigung) [4, 8, LL3]
  • Transitorische ischämische Attacke (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns) – vaskuläre Risikoassoziation analog zum ischämischen Schlaganfall; klinische Bedeutung vor allem bei erhöhtem Gesamtgefäßrisiko, Vitamin-B12-/Folatmangel, chronischer Niereninsuffizienz oder deutlich erhöhten Homocysteinwerten [1-3, LL2]
  • Venöse Thromboembolie – erhöhte Homocysteinspiegel sind mit einem erhöhten Risiko für venöse Thromboembolien assoziiert; die Kausalität ist wegen Confounding (Verzerrung durch Störfaktoren) und heterogener Interventionsdaten weniger gesichert als bei klassischen Hochrisikothrombophilien [4, 8, LL3]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Osteoporose (Knochenschwund) – mögliche Risikoassoziation über gestörte Kollagenquervernetzung (Verbindung von Bindegewebsfasern), oxidativen Stress und Veränderungen des Knochenstoffwechsels (Umbauprozesse im Knochen); klinisch stärker als Risikomarker denn als gesicherte monokausale (durch eine einzige Ursache bedingte) Folge zu bewerten [7, 10]
  • Osteoporotische Frakturen (Knochenbrüche bei Knochenschwund) – erhöhte Homocysteinspiegel sind in Metaanalysen (zusammenfassenden Studienauswertungen) mit erhöhter Frakturinzidenz (Häufigkeit von Knochenbrüchen) bei älteren Erwachsenen assoziiert; eine Frakturreduktion durch B-Vitamin-Supplementierung ist bisher nicht überzeugend belegt [7]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Demenzerkrankungen (Erkrankungen mit fortschreitendem Verlust geistiger Leistungsfähigkeit) – erhöhte Homocysteinspiegel sind mit kognitivem Abbau (Abnahme geistiger Leistungsfähigkeit) und Demenzrisiko assoziiert; die Evidenz spricht für eine besondere Relevanz bei älteren Patienten mit Vitamin-B12-/Folatmangel, vaskulärer Komorbidität (gefäßbedingter Begleiterkrankung) und bereits bestehender kognitiver Beeinträchtigung (Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit) [9, LL4]
  • Leichte kognitive Beeinträchtigung – erhöhte Homocysteinspiegel können mit Progression (Fortschreiten) kognitiver Defizite (geistiger Leistungsminderungen) assoziiert sein; die therapeutische Relevanz einer Homocysteinsenkung ist am ehesten bei nachgewiesenem B-Vitamin-Mangel plausibel [9, LL4]
  • Morbus Alzheimer (Alzheimer-Krankheit) – Risikoassoziation beschrieben, jedoch nicht als alleinige Ursache zu werten; pathophysiologisch (krankheitsmechanistisch) werden vaskuläre Mechanismen, Methylierungsstörungen (Störungen chemischer Zellmarkierungen) und neurotoxische Effekte (nervenschädigende Wirkungen) diskutiert [9]
  • Vaskuläre Demenz (gefäßbedingte Demenz) – biologisch und epidemiologisch plausible Demenzassoziation im Kontext von endothelialer Dysfunktion, zerebraler Mikroangiopathie (Erkrankung kleiner Hirngefäße) und Schlaganfallrisiko [2, 3, 9, LL2]

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Abort (Fehlgeburt), insbesondere rezidivierender früher Abort (wiederholte frühe Fehlgeburt) – erhöhte maternale Homocysteinspiegel und niedrige Folatspiegel sind mit rezidivierendem Schwangerschaftsverlust (wiederholtem Verlust einer Schwangerschaft) assoziiert; die Evidenz ist überwiegend beobachtend, sodass Hyperhomocysteinämie als Risikomarker und nicht als alleinige Ursache zu bewerten ist [LL5]
  • Plazentavermittelte Schwangerschaftskomplikationen (durch den Mutterkuchen vermittelte Schwangerschaftskomplikationen) – erhöhte Homocysteinspiegel wurden mit Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), fetaler Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes), Plazentainsuffizienz (Funktionsschwäche des Mutterkuchens) und Plazentalösung (vorzeitiger Ablösung des Mutterkuchens) assoziiert; die Datenlage ist heterogen, sodass die Einordnung als eigenständiger kausaler Faktor zurückhaltend erfolgen muss [LL6]

Prognosefaktoren

  • Ausmaß der Hyperhomocysteinämie – mild 15-30 µmol/l, moderat 30-100 µmol/l, schwer > 100 µmol/l; schwere Werte sprechen insbesondere für ausgeprägte genetische (erbliche) oder kombinierte Stoffwechselstörungen (Störungen des Stoffwechsels) und sind klinisch relevanter als grenzwertige Erhöhungen [10]
  • Begleitrisikofaktoren – Rauchen, arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Adipositas (Fettleibigkeit), Immobilisation, Östrogenexposition, Malignome und chronische Niereninsuffizienz sind prognostisch häufig bedeutsamer als eine isolierte milde Homocysteinerhöhung [1, 2, 4, 8, LL2, LL3]
  • Nierenfunktion (Nierenleistung) – chronische Niereninsuffizienz ist ein wichtiger Verstärker erhöhter Homocysteinspiegel und beeinflusst zugleich die vaskuläre Prognose (gefäßbezogene Krankheitsvorhersage) [2, 10, LL2]
  • Schwangerschaftskontext – bei Kinderwunsch und Frühschwangerschaft ist die Folatversorgung prognostisch entscheidend für das Risiko von Neuralrohrdefekten; Homocystein dient hier eher als Marker einer gestörten Folat-/Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsellage [5, 6, LL1]
  • Therapeutische Beeinflussbarkeit – Homocysteinsenkung durch Folat und B-Vitamine senkt Laborwerte zuverlässig; klinische Endpunktvorteile sind jedoch indikationsabhängig und am stärksten für Neuralrohrdefektprävention sowie ausgewählte Schlaganfallprävention belegt [1, 3, 5, 6, LL1]
  • Vitaminstatus – Folat-, Vitamin-B12- und Vitamin-B6-Mangel erhöhen Homocystein und bestimmen wesentlich die Reversibilität (Rückbildungsfähigkeit) der Hyperhomocysteinämie [1, 2, 5, 6, 10, LL1]
  • Vorhandene vaskuläre Erkrankung – Patienten mit Schlaganfall, transitorischer ischämischer Attacke, koronarer Herzkrankheit, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder venöser Thromboembolie haben bei zusätzlicher Hyperhomocysteinämie ein ungünstigeres Gesamtrisikoprofil [1-4, 8, LL2, LL3]

Literatur

  1. Ghattas Hasbun P, Calderon Martinez E, Arvelaez Pascucci J et al.: Efficacy of folic acid supplementation in the prevention of cardiovascular disease - a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. BMC Nutr. 2025;11:203. https://doi.org/10.1186/s40795-025-01178-z
  2. Yuan S, Mason AM, Carter P et al.: Homocysteine, B vitamins, and cardiovascular disease: a Mendelian randomization study. BMC Med. 2021;19:97. https://doi.org/10.1186/s12916-021-01977-8
  3. Pinzon RT, Wijaya VO, Veronica VV: The role of homocysteine levels as a risk factor of ischemic stroke events: a systematic review and meta-analysis. Front Neurol. 2023;14:1144584. https://doi.org/10.3389/fneur.2023.1144584
  4. Aday AW, Duran EK, Van Denburgh M et al.: Homocysteine Is Associated With Future Venous Thromboembolism in 2 Prospective Cohorts of Women. Arterioscler Thromb Vasc Biol. 2021;41(7):2215-2224. https://doi.org/10.1161/ATVBAHA.121.316397
  5. Viswanathan M, Urrutia RP, Hudson KN et al.: Folic Acid Supplementation to Prevent Neural Tube Defects: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA. 2023;330(5):460-466. https://doi.org/10.1001/jama.2023.9864
  6. Moges NA, Kassa GM, Begashaw B et al.: The effect of folic acid intake on congenital anomalies. A systematic review and meta-analysis. Front Pediatr. 2024;12:1386846. https://doi.org/10.3389/fped.2024.1386846
  7. He T, Wang C, Liu Y et al.: The association of homocysteine, folate, vitamin B12, and vitamin B6 with fracture incidence in older adults: a systematic review and meta-analysis. Ann Transl Med. 2021;9(14):1143. https://doi.org/10.21037/atm-21-2514
  8. Ospina-Romero M, Cannegieter SC, den Heijer M et al.: Hyperhomocysteinemia and Risk of First Venous Thrombosis: The Influence of (Unmeasured) Confounding Factors. Am J Epidemiol. 2018;187(7):1392-1400. https://doi.org/10.1093/aje/kwy004
  9. Wang Q, Zhao J, Chang H et al.: Homocysteine and Folic Acid: Risk Factors for Alzheimer's Disease-An Updated Meta-Analysis. Front Aging Neurosci. 2021;13:665114. https://doi.org/10.3389/fnagi.2021.665114
  10. González-Lamuño D, Arrieta-Blanco FJ, Fuentes ED et al.: Hyperhomocysteinemia in Adult Patients: A Treatable Metabolic Condition. Nutrients. 2024;16(1):135. https://doi.org/10.3390/nu16010135

Leitlinien

  1. [LL1] US Preventive Services Task Force: Folic Acid Supplementation to Prevent Neural Tube Defects: US Preventive Services Task Force Reaffirmation Recommendation Statement. JAMA. 2023;330(5):454-459. https://doi.org/10.1001/jama.2023.12876
  2. [LL2] Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42(34):3227-3337. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab484
  3. [LL3] Arachchillage DJ, Laffan M, Makris M et al.: Thrombophilia testing: A British Society for Haematology guideline. Br J Haematol. 2022;198(3):443-458. https://doi.org/10.1111/bjh.18239
  4. [LL4] Wang Z, Zhu W, Xing Y et al.: B vitamins and prevention of cognitive decline and incident dementia: a systematic review and meta-analysis. Nutr Rev. 2022;80(4):931-949. https://doi.org/10.1093/nutrit/nuab057
  5. [LL5] Diao J, Luo L, Li J et al.: Maternal homocysteine and folate levels and risk of recurrent spontaneous abortion: a meta-analysis of observational studies. J Obstet Gynaecol Res. 2020;46(12):2461-2473. https://doi.org/10.1111/jog.14500
  6. [LL6] Chaudhry SH, Taljaard M, MacFarlane AJ et al.: The role of maternal homocysteine concentration in placenta-mediated complications: findings from the Ottawa and Kingston birth cohort. BMC Pregnancy Childbirth. 2019;19:75. https://doi.org/10.1186/s12884-019-2219-5