Diabetes mellitus Typ 1 – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

Ziel ist der bedarfsgerechte Ersatz des fehlenden Insulins mit möglichst normnaher Glucoseeinstellung, Vermeidung von Hypoglykämien (Unterzuckerungen) und diabetischer Ketoazidose (diabetesbedingter Übersäuerung des Blutes durch Ketonkörper) sowie Prävention mikro- und makrovaskulärer Folgeerkrankungen (Folgeschäden an kleinen und großen Blutgefäßen). Lebensqualität, Therapiebelastung, Hypoglykämiewahrnehmung, Begleiterkrankungen und individuelle Möglichkeiten sind bei der Zielvereinbarung zu berücksichtigen [LL1, LL2].

Glucose und kontinuierliche Glucosemessung

Parameter Therapieziel für die meisten nicht schwangeren Erwachsenen
Glucose präprandial 80-130 mg/dl (4,4-7,2 mmol/l).
Glucose 1-2 Stunden nach Mahlzeitenbeginn < 180 mg/dl (< 10,0 mmol/l).
HbA1c Individuelle Zielvereinbarung; nach deutscher S3-Leitlinie in der Regel 6,5-7,5 %. Für viele Erwachsene ist < 7,0 % sinnvoll, sofern ohne klinisch relevante Hypoglykämien erreichbar. Bei häufigen schweren Hypoglykämien, eingeschränkter Hypoglykämiewahrnehmung, erheblicher Komorbidität (zusätzlichen Erkrankungen) oder begrenzter Lebenserwartung weniger strenge Ziele.
Time in Range (TIR) > 70 % der Zeit im Bereich 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l).
Time below Range (TBR) < 4 % der Zeit unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) und < 1 % unter 54 mg/dl (3,0 mmol/l). Hypoglykämievermeidung hat Vorrang vor einer weiteren HbA1c-Senkung.
Time above Range (TAR) < 25 % der Zeit über 180 mg/dl (10,0 mmol/l) und < 5 % über 250 mg/dl (13,9 mmol/l).

Die genannten Glucose- und Sensorziele gelten nicht unverändert für Schwangerschaft, gebrechliche ältere Menschen oder besondere Hypoglykämierisiken [LL1, LL3].

Weitere Parameter

Parameter Konstellation Therapieziel
LDL-Cholesterin Moderates kardiovaskuläres Risiko (Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen) In der Regel < 100 mg/dl (< 2,6 mmol/l); Risikoeinstufung individuell.
LDL-Cholesterin Hohes kardiovaskuläres Risiko < 70 mg/dl (< 1,8 mmol/l) und Senkung um mindestens 50 % gegenüber dem Ausgangswert.
LDL-Cholesterin Sehr hohes Risiko, insbesondere manifeste atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung (bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung durch Gefäßverkalkung) oder schwere Zielorganschäden < 55 mg/dl (< 1,4 mmol/l) und Senkung um mindestens 50 %. Nicht jede mikroangiopathische Veränderung (Veränderung kleiner Blutgefäße) begründet automatisch dieselbe Risikokategorie.
Triglyceride Langzeitbetreuung; schwere Hypertriglyceridämie (starke Erhöhung bestimmter Blutfette) Werte < 150 mg/dl (< 1,7 mmol/l) sind günstig. Bei > 1.000 mg/dl vorrangig rasche Senkung unter 500 mg/dl zur Verringerung des Pankreatitisrisikos (Risikos einer Bauchspeicheldrüsenentzündung); ursachenbezogene Behandlung.
Blutdruck Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) In der Regel < 130/80 mmHg, sofern sicher und gut verträglich erreichbar; individuelle Anpassung.
Gewicht Übergewicht oder Adipositas (starkes Übergewicht) Individuell vereinbarte Gewichtsreduktion bei Erhalt einer sicheren Insulinversorgung; keine Gewichtsreduktion durch Insulinunterdosierung.

Risikoadaptierte Lipid- und Blutdrucktherapie siehe auch Hypercholesterinämie/Pharmakotherapie und arterielle Hypertonie/Pharmakotherapie [LL6, LL9].

Therapieempfehlungen

  • Bei absolutem Insulinmangel ist Insulin lebensnotwendig. Es darf auch bei Insulinallergie, Nahrungskarenz (Verzicht auf Nahrungsaufnahme), Erbrechen oder perioperativ (im Zeitraum um eine Operation) nicht ersatzlos abgesetzt werden. Andere Antidiabetika können die notwendige Insulinsubstitution nicht übernehmen.
  • Standard ist eine intensivierte Insulintherapie als Basal-Bolus-Therapie mit multiplen Injektionen (ICT) oder als kontinuierliche subkutane Insulininfusion (CSII). Systeme zur automatisierten Insulindosierung (AID) sollen geeigneten Patienten angeboten werden; Auswahl und Anwendung erfolgen gemeinsam mit dem Diabetesteam [LL1, LL2, LL4].
  • Kontinuierliche Glucosemessung (CGM), strukturierte Schulung, individuelle Kohlenhydrat- und Korrekturfaktoren sowie ein schriftlicher Plan für Hypoglykämien, Krankheitstage und Pumpenausfall gehören zum Therapiekonzept.
  • Basalunterstützte orale Therapie (BOT) und alleinige prandiale Insulintherapie ohne Basalabdeckung (SIT) sind bei absolutem Insulinmangel ungeeignet. Eine konventionelle Therapie mit starrem Mischinsulinschema kommt nur in begründeten Ausnahmefällen infrage, wenn ein flexibleres Regime nicht umsetzbar ist [LL1].
  • Die folgenden Dosierungsangaben betreffen grundsätzlich Erwachsene. Bei Kindern, Jugendlichen, Schwangerschaft, Remissionsphase (Phase mit vorübergehend vermindertem Insulinbedarf) sowie Nieren- oder Leberfunktionsstörungen sind eigenständige individuelle Therapiepläne erforderlich.

Intensivierte konventionelle Insulintherapie

  • Basalbedarf: Langwirksames Insulin deckt den mahlzeitenunabhängigen Bedarf. Dosis und Zeitpunkt werden anhand des nächtlichen und nüchternen Glucoseverlaufs festgelegt.
  • Mahlzeitenbedarf: Schnellwirksames Insulin entsprechend Kohlenhydratmenge, aktuellem Glucosewert, Glucosetrend, körperlicher Aktivität und noch wirksamem Insulin. Wiederholte Korrekturen ohne Berücksichtigung des aktiven Insulins erhöhen das Hypoglykämierisiko.
  • Orientierung: Der Gesamtbedarf liegt häufig bei etwa 0,4-1,0 Einheiten/kg Körpergewicht/Tag; in einer stabilen Neueinstellung kann etwa 0,5 Einheiten/kg/Tag ein Ausgangspunkt sein. Häufig entfallen ungefähr 30-50 % auf Basalinsulin. Dies sind keine verbindlichen Sollmengen; Remission, Bewegung, Pubertät, Infekte, Glucocorticoide und Insulinresistenz (vermindertes Ansprechen des Körpers auf Insulin) verändern den Bedarf [LL2, FI1].
  • 1 Broteinheit (BE) entspricht 12 g, 1 Kohlenhydrateinheit (KE) 10 g Kohlenhydraten. Insulin-Kohlenhydrat-Verhältnis und Korrekturfaktor werden individuell ermittelt.

Insulinpumpe und automatisierte Insulindosierung

  • Bei CSII übernimmt schnellwirksames Insulin sowohl die Basalversorgung als auch Mahlzeiten- und Korrekturboli. Ein langwirksames Basalinsulindepot fehlt.
  • AID verbindet CGM, Algorithmus und Insulinpumpe. Bei den üblichen Hybrid-Systemen bleiben Mahlzeitenankündigung und situationsgerechte Bedienung erforderlich. Gerätespezifische Zulassungen und die Kompatibilität mit dem jeweiligen Insulin sind verbindlich.
  • Besonders relevant bei wiederholten Hypoglykämien, eingeschränkter Hypoglykämiewahrnehmung, ausgeprägter Glucosevariabilität, Dawn-Phänomen (frühmorgendlichem Anstieg der Glucosewerte) oder unzureichender Zielerreichung. Eine AID-Versorgung muss nicht erst nach langjährigem Versagen der ICT erwogen werden [LL1, LL4].
  • Die randomisierte Closed-Loop-Studie von Brown et al. zeigte einen Anstieg der TIR um etwa 10 Prozentpunkte; die schwedische Registeranalyse fand eine Assoziation zwischen Pumpentherapie und niedrigerer Mortalität. Aus dieser Beobachtungsstudie lässt sich kein gesicherter kausaler Überlebensvorteil ableiten [1, 5].
  • Bei anhaltend hoher Glucose: Katheter, Schlauch, Reservoir und Insulin prüfen, Ketone messen und Korrektur gegebenenfalls per Pen verabreichen. Bei Pumpenausfall den vorab festgelegten Ersatzplan sofort anwenden.

Sichere Anwendung

  • Injektions- und Katheterstellen systematisch wechseln und auf Lipohypertrophien (Verdickungen des Unterhautfettgewebes) bzw. Lipodystrophien (Veränderungen des Unterhautfettgewebes) untersuchen. Nicht in verdicktes oder entzündetes Gewebe injizieren; beim Wechsel in unauffälliges Gewebe ist eine stärkere Insulinwirkung möglich.
  • Konzentration, Präparat und Pen kontrollieren. Hochkonzentrierte Insuline dürfen nicht aus dem Pen mit einer Spritze entnommen werden. Pumpen ausschließlich mit freigegebenen Präparaten und Konzentrationen befüllen.
  • HbA1c, CGM-Verlauf, Hypoglykämien, Injektionstechnik, psychosoziale Belastung und Therapieziele regelmäßig gemeinsam überprüfen.

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Kurzwirksames Humaninsulin

Wirkstoff Besonderheiten
Humaninsulin, löslich (Normalinsulin) Subkutan typischer Wirkbeginn nach etwa 30 Minuten, Wirkdauer ungefähr 5-8 Stunden, dosisabhängig. Spritz-Ess-Abstand meist etwa 30 Minuten, individuell anpassen. Intravenöse Anwendung bei geeigneten Präparaten, insbesondere in Akutsituationen.
  • Wirkweise: Aktivierung des Insulinrezeptors; Förderung der Glucoseaufnahme sowie Glykogen-, Lipid- und Proteinsynthese; Hemmung von Gluconeogenese (Zuckerneubildung), Glykogenolyse (Abbau gespeicherter Kohlenhydrate), Lipolyse (Fettabbau) und Ketogenese (Bildung von Ketonkörpern).
  • Indikation: Insulinsubstitution; intravenöse Insulintherapie unter anderem bei diabetischer Ketoazidose und ausgewählten perioperativen oder intensivmedizinischen Situationen.
  • Kontraindikationen: Keine zusätzliche glucosewirksame Dosis während einer aktuellen Hypoglykämie. Bei Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Hilfsstoffe unverzüglich eine überwachte alternative Insulinversorgung organisieren; kein ersatzloses Absetzen.
  • Nebenwirkungen: Hypoglykämie, Gewichtszunahme, lokale Reaktionen, Lipohypertrophie bzw. Lipodystrophie; selten Ödeme (Wassereinlagerungen), Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) oder systemische Überempfindlichkeitsreaktionen [LL1, LL2].

Schnellwirksame und schneller wirksame Insulinanaloga

Wirkstoff Besonderheiten
Insulin aspart Üblicher Wirkbeginn nach etwa 10-20 Minuten, Wirkdauer etwa 3-5 Stunden. Mahlzeitenzeitpunkt und Pumpeneignung entsprechend der konkreten Formulierung [FI1].
Insulin lispro Üblicher Wirkbeginn nach etwa 15 Minuten, Wirkdauer etwa 2-5 Stunden. U200-Formulierungen nicht in Pumpen verwenden [FI2].
Insulin glulisin Gabe kurz vor oder gegebenenfalls unmittelbar nach der Mahlzeit entsprechend Fachinformation; individuelle Wirkdauer und Systemfreigaben beachten [FI3].
Schneller wirksames Insulin aspart; schneller wirksames Insulin lispro Frühere Insulinwirkung als bei der jeweiligen Standardformulierung. Kein automatischer Verzicht auf individuelle Mahlzeitenplanung; Pumpen- und AID-Kompatibilität prüfen [FI4, FI5].
  • Wirkweise: Insulinrezeptoraktivierung mit rascherer subkutaner Resorption als Normalinsulin; schneller wirksame Formulierungen enthalten resorptionsbeschleunigende Hilfsstoffe.
  • Indikation: Prandiale Insulinsubstitution und Korrektur; für geeignete Formulierungen Basal- und Bolusversorgung über CSII bzw. AID.
  • Kontraindikationen: Akute Hypoglykämie für zusätzliche glucosewirksame Dosen; Überempfindlichkeit gegen das konkrete Präparat erfordert eine gesicherte Alternative. Produktbezogene Beschränkungen für Konzentration, Applikationsweg und Pumpen beachten.
  • Nebenwirkungen: Hypoglykämie, lokale Reaktionen, Gewichtszunahme, Lipodystrophie; selten systemische Allergie. Bei Pumpenunterbrechung rasche Entwicklung eines Insulinmangels mit Ketoazidoserisiko [FI1, FI2, FI3, FI4, FI5].

Basalinsuline

Wirkstoff Besonderheiten
Insulin glargin U100 Relativ gleichmäßige Wirkung über ungefähr 24 Stunden; individuelle Abweichungen. Nicht intravenös und nicht in Insulinpumpen; nicht mit anderen Insulinen mischen [FI6].
Insulin glargin U300 Längere, flachere Wirkung als U100. U100 und U300 sind nicht bioäquivalent und nicht ohne Anpassung austauschbar [FI7].
Insulin degludec U100 bzw. U200 Wirkdauer über 42 Stunden; die Anwendung bleibt einmal täglich. Bei Erwachsenen Flexibilität des Injektionszeitpunktes mit mindestens 8 Stunden Abstand gemäß Fachinformation. Nicht intravenös, nicht in Pumpen und nicht mischen [FI8].
Humaninsulin, Isophaninsulin (NPH-Insulin) Ausgeprägteres Wirkmaximum und variablere Resorption; gegenüber modernen Basalanaloga erhöhtes Risiko insbesondere nächtlicher Hypoglykämien. Suspension vor Anwendung korrekt resuspendieren [LL1, LL2].
  • Wirkweise: Verzögerte Insulinfreisetzung nach subkutaner Gabe mit Hemmung der hepatischen Glucoseproduktion (Zuckerbildung in der Leber) und Ketogenese zwischen den Mahlzeiten und nachts.
  • Indikation: Basalversorgung bei ICT. Langwirksame Insulinanaloga werden bei vielen Patienten gegenüber NPH-Insulin bevorzugt.
  • Kontraindikationen: Zusätzliche glucosewirksame Dosen bei akuter Hypoglykämie; Überempfindlichkeit gegen das konkrete Präparat. Eine notwendige Basalversorgung darf nicht unkontrolliert entfallen. Keine intravenöse Gabe von Basalinsulinen.
  • Nebenwirkungen: Hypoglykämie, Gewichtszunahme, lokale Reaktionen und Lipodystrophie; selten systemische Überempfindlichkeit. Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann der Insulinbedarf sinken [LL1, FI6, FI7, FI8].

Mischinsuline

Wirkstoff Besonderheiten
Fixe Kombinationen aus kurz- und verzögert wirksamem Humaninsulin bzw. geeigneten Insulinanaloga Beim Typ-1-Diabetes nur begründete Ausnahme. Starres Verhältnis von Mahlzeiten- und Basalinsulin; eingeschränkte Anpassung an Mahlzeiten, Bewegung und wechselnden Bedarf.
  • Wirkweise: Kombination prandialer und basaler Insulinwirkung in festem Verhältnis.
  • Indikation: Ausnahmesituation bei fehlender Umsetzbarkeit einer flexiblen Basal-Bolus- oder Pumpentherapie.
  • Kontraindikationen: Wie für die enthaltenen Insuline; ungeeignet für intravenöse Therapie oder Pumpenfüllung.
  • Nebenwirkungen: Insulintypische Nebenwirkungen, insbesondere Hypoglykämien bei nicht abgestimmter Nahrungsaufnahme [LL1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Biguanide: zusätzliche Therapie bei ausgeprägter Insulinresistenz

Wirkstoff Besonderheiten
Metformin Keine Zulassung für Typ-1-Diabetes. Kein Insulinersatz. Nicht allein zur HbA1c-Verbesserung einsetzen; gegebenenfalls bei Übergewicht, Insulinresistenz und kardiovaskulären Risikofaktoren individuell erwägen [LL1].
  • Wirkweise: Verminderung der hepatischen Glucoseproduktion und Verbesserung der Insulinsensitivität.
  • Indikation: Ausgewählte Patienten mit zusätzlicher Insulinresistenz nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung; kein routinemäßiger Zusatz bei allen Menschen mit Typ-1-Diabetes.
  • Kontraindikationen: eGFR < 30 ml/min/1,73 m², akute metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes), diabetische Ketoazidose sowie akute Zustände mit erheblichem Hypoxie- oder Nierenversagensrisiko (Risiko für Sauerstoffmangel oder Nierenversagen). Bei Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder schwerer akuter Erkrankung pausieren.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Vitamin-B12-Mangel; selten Lactatazidose (Übersäuerung des Blutes durch Lactat). Insulinbedarf und Glucose engmaschig kontrollieren.

Inkretinbasierte Therapien bei zusätzlicher Adipositas

Wirkstoff Besonderheiten
Liraglutid Keine Zulassung zur Behandlung des Typ-1-Diabetes. Studienregime ist keine allgemeine Therapieempfehlung. Eine etwaige Adipositasindikation ist präparatebezogen gesondert zu prüfen.
Semaglutid Zusätzliche Gewichts- und Glucoseeffekte in ausgewählten Studien bei AID-Anwendern mit Adipositas; keine Zulassung als Antidiabetikum bei Typ-1-Diabetes. Die Fachinformation von Wegovy empfiehlt die Anwendung bei Typ-1-Diabetes nicht [9, 12, FI11].
Tirzepatid Dualer GIP-/GLP-1-Rezeptoragonist; keine Zulassung als Therapie des Typ-1-Diabetes. Eine gesonderte Adipositasbehandlung ist hinsichtlich konkreter Zulassung, Evidenz und Risiken individuell zu beurteilen [LL2].
  • Wirkweise: Verminderung von Appetit und Nahrungsaufnahme, Verzögerung der Magenentleerung und Modulation der Glucagonsekretion; die insulinotrope Wirkung setzt vorhandene Betazellfunktion (Funktion der insulinbildenden Zellen) voraus.
  • Indikation: Keine routinemäßige Zusatztherapie zur Glucosekontrolle bei Typ-1-Diabetes. Bei ausgeprägter Adipositas spezialisierte Einzelfallentscheidung mit präparatebezogener Prüfung des Zulassungsstatus; die Behandlung der Adipositas und die Behandlung des Typ-1-Diabetes sind regulatorisch zu unterscheiden.
  • Kontraindikationen: Präparatebezogene Überempfindlichkeit; keine Anwendung in der Schwangerschaft. Bei Verdacht auf akute Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) absetzen. Schwere Gastroparese (Magenentleerungsstörung), bestehende Retinopathie (Netzhauterkrankung) und die produktspezifischen Warnhinweise berücksichtigen.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe (Durchfall), Obstipation (Verstopfung), Dehydratation und Gallenwegserkrankungen; Hypoglykämien bei unzureichender Insulinanpassung sowie Ketose (vermehrte Bildung von Ketonkörpern) bzw. Ketoazidose bei zu starker Insulinreduktion.
  • Evidenzgrenzen: Die frühe Semaglutid-Kohorte war retrospektiv; spätere randomisierte Daten sind aussagekräftiger, begründen aber keine allgemeine Routinebehandlung. Die tierexperimentellen Befunde zu Liraglutid sind nicht als Nachweis einer Betazellschädigung beim Menschen zu interpretieren [4, 9, 12].

SGLT-Hemmer: keine reguläre Therapie des Typ-1-Diabetes

Wirkstoff Besonderheiten
Dapagliflozin Die frühere Typ-1-Diabetes-Indikation wurde zurückgenommen; nicht zur Behandlung des Typ-1-Diabetes anwenden [B4].
Empagliflozin, Canagliflozin; Sotagliflozin Keine reguläre europäische Typ-1-Diabetes-Indikation; erhöhtes Ketoazidoserisiko. Sotagliflozin hemmt SGLT1 und SGLT2.
  • Wirkweise: SGLT2-Hemmung steigert die renale Glucoseausscheidung (Zuckerausscheidung über die Nieren); eine Glucosesenkung verhindert den bei Insulinmangel bestehenden ketogenen Stoffwechsel nicht.
  • Indikation: Keine reguläre Anwendung zur Behandlung des Typ-1-Diabetes. Daten zu Herz- und Nierenschutz in anderen Populationen sind nicht ohne Weiteres auf absoluten Insulinmangel übertragbar; die erhaltene DAPA-CKD-Referenz beschreibt ein Studienprotokoll und keine Typ-1-Diabetes-Therapieempfehlung [6, LL2].
  • Kontraindikationen und Anwendungsgrenzen: Keine Anwendung bei diabetischer Ketoazidose; Typ-1-Diabetes ist eine wesentliche Anwendungsbeschränkung bzw. fehlende Indikation und nicht bei jedem Präparat formal unter „Kontraindikationen“ aufgeführt. Schwangerschaft, Volumenmangel und konkrete Fachinformation beachten.
  • Nebenwirkungen: Insbesondere auch euglykämische Ketoazidose (Übersäuerung durch Ketonkörper trotz nicht deutlich erhöhter Glucosewerte), Genitalinfektionen, Volumenmangel; selten schwere perineale Infektionen (Infektionen im Dammbereich). Die Aufhebung der US-Boxed-Warning zum Amputationsrisiko von Canagliflozin bedeutet nicht, dass dieses Risiko ausgeschlossen ist [B1, B2, B3].

Glucagon zur Behandlung schwerer Hypoglykämien

Wirkstoff Besonderheiten
Glucagon, nasal Keine aktive Inhalation erforderlich. Für Kinder gelten die jeweils aktuellen produktspezifischen Altersgrenzen [FI9].
Glucagon, gebrauchsfertige subkutane Injektion Für geschulte Angehörige geeignet; pädiatrische Dosis und Altersgrenzen präparatebezogen beachten [FI10].
  • Wirkweise: Förderung der hepatischen Glucosefreisetzung, vor allem über Glykogenolyse.
  • Indikation: Schwere Hypoglykämie mit erforderlicher Fremdhilfe, insbesondere wenn sichere orale Kohlenhydrataufnahme nicht möglich ist. Glucagon verordnen und Angehörige in der Anwendung schulen.
  • Kontraindikationen: Phäochromozytom (hormonbildender Tumor, meist des Nebennierenmarks) und Überempfindlichkeit; besondere Vorsicht bei Insulinom (insulinbildendem Tumor). Verminderte Wirksamkeit bei entleerten Glykogenspeichern, etwa nach längerem Fasten oder erheblichem Alkoholkonsum.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit und Erbrechen; bei nasaler Anwendung lokale Reizung. Bei Bewusstlosigkeit keine orale Zufuhr; Notruf 112, Atemwegssicherung und nach Wiedererlangen sicherer Schluckfähigkeit Kohlenhydrate. Professionell gegebenenfalls intravenöse Glucose [LL3, FI9, FI10].

Krankheitsmodifizierende Therapie im präsymptomatischen Stadium

Anti-CD3-Antikörper

Wirkstoff Besonderheiten
Teplizumab EU-Zulassung seit Januar 2026 für Erwachsene und Kinder ab 8 Jahren mit Typ-1-Diabetes im Stadium 2 zur Verzögerung des Stadiums 3. Keine zugelassene Ersatzbehandlung bei manifestem insulinpflichtigem Typ-1-Diabetes [10, FI12].
  • Wirkweise: Immunmodulation durch Bindung an CD3 auf T-Lymphozyten (bestimmten Zellen der Immunabwehr).
  • Indikation: Gesichertes Stadium 2 mit Inselautoimmunität (gegen die insulinbildenden Inselzellen gerichteter Immunreaktion) und Dysglykämie (gestörter Glucoseregulation); Diagnosesicherung und Durchführung im spezialisierten Zentrum. In der TN-10-Studie wurde die klinische Manifestation im Median um etwa 2 Jahre verzögert [10].
  • Kontraindikationen und Anwendungsgrenzen: Überempfindlichkeit; bei relevanten Zytopenien (Verminderungen von Blutzellen), aktiven schweren Infektionen und weiteren in der Fachinformation genannten Befunden nicht beginnen. Schwangerschaft vermeiden. Impfstatus, Infektionsstatus, Blutbild und Leberwerte vorab prüfen.
  • Nebenwirkungen: Zytokinfreisetzungssyndrom (Entzündungsreaktion durch vermehrte Freisetzung von Immunbotenstoffen), Lymphopenie (Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) und weitere Zytopenien, Hautausschlag, Infektionen und erhöhte Leberwerte. Prämedikation an den ersten 5 Tagen, Überwachung und Abbruchkriterien gemäß aktueller Fachinformation [FI12].

Verapamil: Die randomisierte pädiatrische Studie zeigte einen günstigeren Erhalt der C-Peptid-Sekretion über 12 Monate. Dies ist keine etablierte krankheitsmodifizierende Standardtherapie und kein Insulinersatz; eine routinemäßige Verordnung allein zur Behandlung des Typ-1-Diabetes ist daraus nicht abzuleiten [8].

LADA: Bei latentem autoimmunem Diabetes im Erwachsenenalter (langsam fortschreitender, durch eine Immunreaktion verursachter Diabetes bei Erwachsenen) kann anfangs noch eine relevante endogene Insulinsekretion (körpereigene Insulinausschüttung) bestehen. Die Therapie richtet sich nach klinischem Verlauf und Insulinreserve. Bei absolutem Insulinmangel gelten dieselben Anforderungen an eine lückenlose Insulinversorgung.

Therapie in besonderen Situationen

Körperliche Aktivität

  • Insulinwirkung, Glucosetrend, Trainingsart und -dauer berücksichtigen. Häufig sind eine rechtzeitige Bolus- bzw. Basalratenanpassung oder zusätzliche Kohlenhydrate erforderlich; hohe Intensität kann vorübergehend auch Hyperglykämien (Überzuckerungen) auslösen.
  • Glucose vor, während und nach Belastung kontrollieren; verzögerte und nächtliche Hypoglykämien sind möglich.
  • Bei niedriger oder fallender Glucose zunächst Kohlenhydrate zuführen und den Beginn individuell verschieben. Bei unerklärter Glucose > 250 mg/dl Ketone prüfen; bei relevanter Ketonämie (erhöhter Ketonkörperkonzentration im Blut) keinen Sport, sondern Insulinmangel behandeln. Ein erhöhter Glucosewert allein ist keine universelle Sportverbotsgrenze.
  • Bewegungsmodus eines AID-Systems nach Gerätevorgaben vorausschauend aktivieren; Basalversorgung nicht ersatzlos unterbrechen [LL1, LL4].

Akute oder chronische Infekte und Krankheitstage

  • Basalinsulin weiterführen, auch ohne Nahrungsaufnahme. Infekte können den Bedarf steigern, reduzierte Nahrungsaufnahme oder Nierenfunktionsverschlechterung können ihn dagegen senken. Keine pauschale Erhöhung um 50-100 %.
  • Glucose häufiger kontrollieren, bei Hyperglykämie, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen oder deutlichem Krankheitsgefühl Blutketone bestimmen. Kohlenhydrat- und Flüssigkeitszufuhr sowie Korrekturinsulin nach individuellem Krankheitstageplan.
  • Bei wiederholtem Erbrechen, fehlender Flüssigkeitsaufnahme, zunehmenden Ketonen, tiefer beschleunigter Atmung oder Bewusstseinsveränderung sofortige medizinische Beurteilung. Eine diabetische Ketoazidose erfordert eine strukturierte klinische Behandlung mit Flüssigkeit, Insulin und Elektrolytmanagement.
  • Glucoseziele situationsabhängig festlegen; eine feste ambulante Infektzielspanne von 150-200 mg/dl ist keine allgemeine Empfehlung. Mit Besserung den Bedarf erneut überprüfen [LL1, LL3].

Perioperative Betreuung

  • Gemeinsamer Plan von Diabetologie, Anästhesie und operativem Fach; möglichst kurze Nahrungskarenz.
  • Basalinsulin oder geeignete kontinuierliche Insulinzufuhr sicherstellen. Bei längeren Eingriffen, instabilem Stoffwechsel oder fehlender sicherer Selbststeuerung gegebenenfalls intravenöses Insulin mit bedarfsgerechter Glucosezufuhr nach Klinikprotokoll.
  • Perioperativ häufig Zielbereich 100-180 mg/dl; bei intravenöser Insulintherapie in der Regel stündliche Glucosekontrolle. CGM allein ersetzt intraoperativ nicht die erforderlichen validierten Blutglucosemessungen.
  • Kalium, Flüssigkeitshaushalt und gegebenenfalls Ketone kontrollieren. Beim Wechsel von intravenösem auf subkutanes Insulin ausreichend überlappen, damit keine Insulinlücke entsteht [LL1, LL5].

Schwangerschaft und Kinderwunsch

  • Präkonzeptionelle Betreuung (Betreuung vor Eintritt einer Schwangerschaft); HbA1c möglichst < 6,5 %, sofern ohne relevante Hypoglykämien erreichbar. Retinopathie, Nierenfunktion und Begleitmedikation vor der Konzeption überprüfen.
  • Während der Schwangerschaft individuell strengere Glucoseziele; HbA1c möglichst < 6,0 %, bei Hypoglykämierisiko gegebenenfalls weniger streng. CGM wird bei Typ-1-Diabetes empfohlen; AID nur mit Beachtung schwangerschaftsspezifischer Eignung und fachärztlicher Begleitung.
  • Insulinbedarf im Verlauf engmaschig anpassen; nach Geburt rascher Bedarfsabfall. Bei Übelkeit, Erbrechen oder Krankheitszeichen an Ketoazidose auch bei weniger ausgeprägter Hyperglykämie denken [LL7].

Insulinallergie

Grundsatz: Bei absolutem Insulinmangel darf eine Insulinallergie nicht durch Ersatz des Insulins mit Metformin, GLP-1-Rezeptoragonisten, SGLT-Hemmern oder anderen nicht insulinbasierten Antidiabetika behandelt werden. Erforderlich ist eine wirksame und verträgliche Insulinversorgung unter diabetologisch-allergologischer Führung.

Diagnosesicherung

  • Verdächtig sind reproduzierbare lokale oder systemische Reaktionen in zeitlichem Zusammenhang mit Insulin, insbesondere an Injektionsstellen. Sofortreaktionen können Urtikaria (Nesselsucht), Angioödem (Schwellung tieferer Haut- oder Schleimhautschichten), Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchien) oder Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion) umfassen; verzögerte Reaktionen unter anderem ekzematöse Veränderungen (entzündliche Hautveränderungen), Indurationen (Verhärtungen) oder Knoten. Nicht jede Hautreaktion ist eine Insulinallergie [2, 3, 7].
  • Präparat, Konzentration, Chargen, Zeitverlauf und Begleitfaktoren dokumentieren. Injektionstechnik, Nadeln, Desinfektionsmittel, Latex, Pumpenmaterialien und Pflasterreaktionen sowie Hilfsstoffe wie Protamin, Zink oder Metacresol berücksichtigen.
  • Gezielte allergologische Diagnostik mit insulinbezogenem spezifischem IgE und Hauttests gegen verdächtige bzw. alternative Präparate und geeignete Hilfsstoffe. Intradermaltests sind sensitiver, bergen jedoch ein systemisches Reaktionsrisiko. Positive Tests allein beweisen keine klinisch relevante Allergie; Ergebnisse mit dem Verlauf abgleichen [7, 11].
  • Provokationen nur bei begründeter Indikation in dafür ausgestatteter spezialisierter Einrichtung. Routinemäßige breite Virusserologien, Komplement- oder C1-Inhibitor-Bestimmungen sind ohne entsprechende Differenzialdiagnose nicht erforderlich.
  • Die ältere kleine Fallserie erlaubt keine allgemeingültige Aussage, dass bei 95 % aller Verdachtsfälle eine nicht allergische Ursache vorliegt [2].

Stufenweises Vorgehen

Situation Vorgehen Insulinversorgung
Leichte lokale Reaktion ohne systemische Symptome Technik und Kontaktallergene prüfen, Auslöser meiden; auf ein geeignetes anderes Insulinpräparat bzw. eine andere Hilfsstoffzusammensetzung wechseln. Bei Bedarf H1-Antihistaminikum der zweiten Generation. Basal- und Mahlzeitenversorgung wirksam fortführen; zeitnahe Verlaufskontrolle.
Persistierende oder ausgedehnte lokale Reaktionen; bestätigte Allergie Gemeinsame diabetologisch-allergologische Betreuung; Präparatewechsel anhand klinischer und allergologischer Befunde. Kurzzeitig topisches Glucocorticoid bei geeigneter lokaler Entzündungsreaktion erwägen. Unter engmaschiger Glucosekontrolle verträgliches Regime etablieren; bei unsicherer Versorgung stationär behandeln.
Systemische Reaktion oder Anaphylaxie Sofortige leitliniengerechte Notfallbehandlung; bei Anaphylaxie Adrenalin intramuskulär als erste medikamentöse Maßnahme. Antihistaminika und inhalative Bronchodilatatoren sind nur ergänzend. Weitere Gabe des auslösenden Präparats nur unter spezialisierter Entscheidung; unverzüglich überwachte alternative Insulinzufuhr organisieren.
Reaktionen auf mehrere Präparate bzw. fehlende verträgliche Alternative Überwachte Insulindesensibilisierung, häufig über CSII mit schrittweiser Steigerung; anaphylaxiebereites Zentrum. Initial sehr kleine Desensibilisierungsdosen decken den Stoffwechselbedarf nicht zwangsläufig. Gegebenenfalls parallele überwachte intravenöse Insulinversorgung und bedarfsgerechte Glucosezufuhr; keine Insulinlücke [3, 7, 11].

Begleitmedikation und refraktäre Verläufe

Wirkstoff Besonderheiten
Cetirizin oder Loratadin H1-Antihistaminika der zweiten Generation zur Symptomkontrolle; keine Sicherung der Insulinverträglichkeit bei schwerer systemischer Allergie.
Adrenalin Unverzügliche Notfallversorgung. Bei Autoinjektoren gewichts- und präparatebezogene Dosis. Keine initiale intravenöse Bolusgabe außerhalb entsprechend erfahrener und überwachter Notfallversorgung [LL8].
Omalizumab Off-Label-Use bei schwerer, gesicherter, anderweitig nicht beherrschbarer Insulinallergie im Zentrum. Evidenz überwiegend aus Fallberichten und kleinen Serien [11].
  • Wirkweise: H1-Antihistaminika vermindern histaminvermittelte Beschwerden; Adrenalin behandelt die akute anaphylaktische Atemwegs- und Kreislaufreaktion; Omalizumab bindet freies IgE.
  • Indikation: Symptomkontrolle, Anaphylaxietherapie bzw. ausgewählte refraktäre Allergieverläufe. Keine dieser Maßnahmen ersetzt die Insulinsubstitution.
  • Kontraindikationen: Präparatebezogene Überempfindlichkeit beachten; bei lebensbedrohlicher Anaphylaxie besteht keine absolute Kontraindikation gegen intramuskuläres Adrenalin. Cetirizin bei eingeschränkter Nierenfunktion anpassen.
  • Nebenwirkungen: H1-Antihistaminika können Müdigkeit verursachen; Adrenalin kann Tremor (Zittern), Palpitationen (Herzklopfen) und Tachykardie (beschleunigten Herzschlag) auslösen; Omalizumab unter anderem lokale Reaktionen und selten Anaphylaxie.
  • Keine Routine-H2-Blockade: Eine H1-/H2-Kombination ist kein obligater Behandlungsschritt. Ranitidin wird nicht empfohlen; die europäischen Zulassungen ranitidinhaltiger Arzneimittel wurden wegen NDMA-Verunreinigungen suspendiert [B5].
  • Glucocorticoide: Keine routinemäßige langfristige systemische Therapie und keine standardmäßige Beimischung von Hydrocortison zum Pumpeninsulin. Historische Einzelfallberichte begründen keine allgemeine Empfehlung; Hyperglykämie, erhöhter Insulinbedarf und weitere Risiken berücksichtigen [3, 11].
  • Desensibilisierung: Nach erzielter Toleranz kontinuierliche regelmäßige Insulinexposition sicherstellen; Unterbrechungen können zum Toleranzverlust führen. Wiederaufnahme nach Unterbrechung im Zentrum planen.
  • Ultima Ratio: Pankreas- oder Inseltransplantation ausschließlich bei hochselektierten, schwersten refraktären Verläufen nach interdisziplinärer Nutzen-Risiko-Abwägung; keine routinemäßige Allergietherapie. Weitere Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr) oder Leukotrienantagonisten sind keine standardisierte Stufentherapie [11].

Therapie kardiovaskulärer Risiken und diabetischer Folgeerkrankungen

Statine und gegebenenfalls weitere Lipidsenker werden nach Gesamtrisiko, Alter, Diabetesdauer, LDL-Cholesterin, Zielorganschäden und manifester kardiovaskulärer Erkrankung eingesetzt. Antihypertensiva und gegebenenfalls eine nephroprotektive Behandlung (nierenschützende Behandlung) werden nach Befund und Begleiterkrankungen ausgewählt. Präparatebezogene Grenzen bei Kinderwunsch und Schwangerschaft beachten [LL6, LL7].

Spezifische Behandlung siehe diabetischer Fuß, diabetische Nephropathie (diabetesbedingte Nierenerkrankung), diabetische Polyneuropathie (diabetesbedingte Schädigung mehrerer Nerven) und diabetische Retinopathie (diabetesbedingte Netzhauterkrankung).

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Herz und Gefäßen sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, K2, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Kalium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Chrom, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Gamma-Linolensäure (GLA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Traubenkern- und Olivenpolyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesium- und Kaliumcitrat), probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • AID: Automated Insulin Delivery; automatisierte Insulindosierung.
  • BE: Broteinheit; entspricht 12 g Kohlenhydraten.
  • BOT: Basalunterstützte orale Therapie.
  • CD3: Cluster of Differentiation 3; Bestandteil eines Rezeptorkomplexes auf T-Lymphozyten.
  • CGM: Continuous Glucose Monitoring; kontinuierliche Glucosemessung.
  • CSII: Continuous Subcutaneous Insulin Infusion; kontinuierliche subkutane Insulininfusion.
  • eGFR: Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate; Maß für die Nierenfunktion.
  • GIP: Glucoseabhängiges insulinotropes Polypeptid.
  • GLP-1: Glucagon-like Peptide 1.
  • H1/H2: Histaminrezeptoren vom Typ 1 bzw. Typ 2.
  • HbA1c: Glykiertes Hämoglobin; Laborparameter zur Beurteilung der längerfristigen Glucoseeinstellung.
  • ICT: Intensivierte konventionelle Insulintherapie.
  • IgE: Immunglobulin E.
  • KE: Kohlenhydrateinheit; entspricht 10 g Kohlenhydraten.
  • LADA: Latent Autoimmune Diabetes in Adults; latenter autoimmuner Diabetes im Erwachsenenalter.
  • LDL: Low-Density Lipoprotein.
  • NPH: Neutral-Protamin-Hagedorn; Bezeichnung einer verzögert wirksamen Insulinzubereitung.
  • SGLT1/SGLT2: Natrium-Glucose-Cotransporter 1 bzw. 2.
  • SIT: Supplementäre Insulintherapie.
  • TAR: Time above Range; Zeitanteil oberhalb des Glucosezielbereichs.
  • TBR: Time below Range; Zeitanteil unterhalb des Glucosezielbereichs.
  • TIR: Time in Range; Zeitanteil innerhalb des Glucosezielbereichs.

Literatur

  1. Steineck I et al.: Insulin pump therapy, multiple daily injections, and cardiovascular mortality in 18 168 people with type 1 diabetes: observational study. BMJ. 2015;350:h3234. doi: 10.1136/bmj.h3234.
  2. Bodtger U, Wittrup M: A rational clinical approach to suspected insulin allergy: status after five years and 22 cases. Diabet Med. 2005;22:102-106. doi: 10.1111/j.1464-5491.2004.01352.x.
  3. Jacquier J, Chik CL, Senior PA: A practical, clinical approach to the assessment and management of suspected insulin allergy. Diabet Med. 2013;30:977-985. doi: 10.1111/dme.12194.
  4. Abdulreda MH et al.: Liraglutide Compromises Pancreatic β Cell Function in a Humanized Mouse Model. Cell Metab. 2016;23:541-546. doi: 10.1016/j.cmet.2016.01.009.
  5. Brown SA et al.: Six-Month Randomized, Multicenter Trial of Closed-Loop Control in Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2019;381:1707-1717. doi: 10.1056/NEJMoa1907863.
  6. Heerspink HJL et al.: Rationale and protocol of the Dapagliflozin And Prevention of Adverse outcomes in Chronic Kidney Disease (DAPA-CKD) randomized controlled trial. Nephrol Dial Transplant. 2020;35:274-282. doi: 10.1093/ndt/gfz290.
  7. Sola-Gazagnes A et al.: Insulin allergy: a diagnostic and therapeutic strategy based on a retrospective cohort and a case-control study. Diabetologia. 2022;65:1278-1290. doi: 10.1007/s00125-022-05710-9.
  8. Forlenza GP et al.: Effect of Verapamil on Pancreatic Beta Cell Function in Newly Diagnosed Pediatric Type 1 Diabetes: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2023;329:990-999. doi: 10.1001/jama.2023.2064.
  9. Garg SK et al.: Efficacy of Semaglutide in Overweight and Obese Patients with Type 1 Diabetes. Diabetes Technol Ther. 2024;26:184-189. doi: 10.1089/dia.2023.0490.
  10. Herold KC et al.: An Anti-CD3 Antibody, Teplizumab, in Relatives at Risk for Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2019;381:603-613. doi: 10.1056/NEJMoa1902226.
  11. Aberumand B, Jeimy S: The complexities of insulin allergy: a case and approach. Allergy Asthma Clin Immunol. 2021;17:79. doi: 10.1186/s13223-021-00554-1.
  12. Shah VN et al.: Semaglutide in Adults with Type 1 Diabetes and Obesity. NEJM Evid. 2025;4:EVIDoa2500173. doi: 10.1056/EVIDoa2500173.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Therapie des Typ-1-Diabetes. (AWMF-Registernummer: 057-013), September 2023, Version 5.0. Langfassung [LL1]
  2. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 9. Pharmacologic Approaches to Glycemic Treatment: Standards of Care in Diabetes 2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl 1):S183-S215. doi: 10.2337/dc26-S009 [LL2]
  3. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 6. Glycemic Goals, Hypoglycemia, and Hyperglycemic Crises: Standards of Care in Diabetes 2026. doi: 10.2337/dc26-S006 [LL3]
  4. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 7. Diabetes Technology: Standards of Care in Diabetes 2026. doi: 10.2337/dc26-S007 [LL4]
  5. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 16. Diabetes Care in the Hospital: Standards of Care in Diabetes 2026. doi: 10.2337/dc26-S016 [LL5]
  6. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 10. Cardiovascular Disease and Risk Management: Standards of Care in Diabetes 2026. doi: 10.2337/dc26-S010 [LL6]
  7. American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 15. Management of Diabetes in Pregnancy: Standards of Care in Diabetes 2026. doi: 10.2337/dc26-S015 [LL7]
  8. World Allergy Organization: World Allergy Organization Anaphylaxis Guidance 2020. World Allergy Organ J. 2020;13:100472. doi: 10.1016/j.waojou.2020.100472 [LL8]
  9. ESC/EAS: 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf190 [LL9]

Behördeninformationen

  1. FDA: SGLT2 inhibitors: warnings about ketoacidosis and serious urinary tract infections. 04.12.2015. Sicherheitsmitteilung [B1]
  2. FDA: Rare occurrences of a serious infection of the genital area with SGLT2 inhibitors for diabetes. 29.08.2018. Sicherheitsmitteilung [B2]
  3. FDA: Removal of boxed warning about risk of leg and foot amputations for canagliflozin; risk remains. 26.08.2020. Sicherheitsmitteilung [B3]
  4. BfArM: Rote-Hand-Brief zu Forxiga (Dapagliflozin) 5 mg: Das Arzneimittel darf nicht mehr zur Behandlung von Typ-1-Diabetes angewendet werden. 29.10.2021. Rote-Hand-Brief [B4]
  5. EMA: Ranitidine-containing medicinal products: suspension in the European Union. Risikobewertungsverfahren [B5]

Fachinformationen

  1. Insulin aspart: NovoRapid. EU-Produktinformation [FI1]
  2. Insulin lispro: Humalog. EU-Produktinformation [FI2]
  3. Insulin glulisin: Apidra. EU-Produktinformation [FI3]
  4. Schneller wirksames Insulin aspart: Fiasp. EU-Produktinformation [FI4]
  5. Schneller wirksames Insulin lispro: Lyumjev. EU-Produktinformation [FI5]
  6. Insulin glargin U100: Lantus. EU-Produktinformation [FI6]
  7. Insulin glargin U300: Toujeo. EU-Produktinformation [FI7]
  8. Insulin degludec: Tresiba. EU-Produktinformation [FI8]
  9. Glucagon, nasal: Baqsimi. EU-Produktinformation [FI9]
  10. Glucagon, subkutan: Ogluo. EU-Produktinformation [FI10]
  11. Semaglutid: Wegovy. EU-Produktinformation [FI11]
  12. Teplizumab: Teizeild, Juli 2026. Fachinformation [FI12]