Adrenogenitales Syndrom (AGS) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive
- Blutdruck [Hypotonie (niedriger Blutdruck) bis zum Kreislaufschock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen) bei Salzverlustkrise (schwerer Salz- und Flüssigkeitsverlust); Hypertonie (Bluthochdruck) bei 11β-Hydroxylase- bzw. 17α-Hydroxylase-Mangel (Mangel bestimmter Enzyme der Nebennierenhormonbildung)]
- Puls [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) bei ausgeprägtem Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel im Kreislauf) im Rahmen einer Salzverlustkrise]
- Körpergewicht [mangelnde Gewichtszunahme bzw. Gewichtsverlust beim Säugling mit Salzverlustform]
- Körpergröße und Wachstumsverlauf [beschleunigtes Längenwachstum im Kindesalter bei Androgenüberschuss (Überschuss an männlich wirkenden Geschlechtshormonen); verminderte Endkörpergröße bei vorzeitigem Epiphysenfugenschluss (vorzeitigem Verschluss der Wachstumsfugen)]
- Haut und Behaarung
- Inspektion von Haut und androgenabhängiger Behaarung [vorzeitige Pubes- und Axillarbehaarung (vorzeitige Scham- und Achselbehaarung); Hirsutismus (verstärkte männliche Körperbehaarung bei Frauen); Acne vulgaris (Akne); androgenetische Alopezie (hormonell bedingter Haarausfall)]
- Genitalorgane und Pubertätsentwicklung
- Neugeborene bzw. Mädchen/Frauen
- Inspektion des äußeren Genitales [Klitoromegalie (Vergrößerung der Klitoris), partielle oder vollständige Fusion der Labioskrotalfalten (teilweise oder vollständige Verwachsung der äußeren Genitalfalten), gemeinsamer Urogenitalsinus (gemeinsame Öffnung von Harnröhre und Scheide) bei klassischem virilisierendem AGS]
- Beurteilung der Virilisierungszeichen (Zeichen einer Vermännlichung) im weiteren Verlauf [zunehmende Klitoromegalie bei unzureichend kontrolliertem Androgenüberschuss]
- Jungen/Männer
- Inspektion und Palpation (Abtasten) des äußeren Genitales [vorzeitige Penisvergrößerung bei noch präpubertärem Hodenvolumen (Hodengröße vor der Pubertät) als Ausdruck einer androgenbedingten Pseudopubertas praecox (vorzeitige scheinbare Geschlechtsreife)]
- Palpation beider Hoden [vergrößerte bzw. knotig-derbe Hodenareale bei größeren testikulären adrenalen Resttumoren (TART) (gutartigen Gewebeveränderungen aus nebennierenähnlichem Gewebe im Hoden)]
- Beurteilung der sekundären Geschlechtsmerkmale (körperliche Merkmale der Geschlechtsreifung) [vorzeitige somatische Virilisierung (vorzeitige körperliche Vermännlichung) bei Androgenüberschuss]
- Neugeborene bzw. Mädchen/Frauen
- Gynäkologische Untersuchung – bei Jugendlichen bzw. erwachsenen Frauen mit klassischem AGS und entsprechender klinischer Indikation
- Inspektion des Introitus (Scheideneingangs) und Beurteilung der vaginalen Anatomie [persistierender Urogenitalsinus bzw. Vaginalstenose (Verengung der Scheide), insbesondere nach vorausgegangener Genitalrekonstruktion (operativer Wiederherstellung des Genitalbereichs)]
- Hydratations- und Kreislaufstatus – insbesondere bei Neugeborenen und Säuglingen mit Verdacht auf klassische Salzverlustform
- Beurteilung von Hautturgor (Hautspannung), Schleimhäuten, Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung kleinster Blutgefäße) und peripherer Perfusion (Durchblutung der Körperenden) [klinische Dehydratation (Austrocknung) bis zur Kreislaufzentralisation (Umverteilung des Blutes zu lebenswichtigen Organen) bei Salzverlustkrise]
Red Flags (Warnzeichen) bei adrenogenitalem Syndrom (AGS)
- Neugeborenes oder junger Säugling mit ausgeprägter Dehydratation, Hypotonie bzw. Schockzeichen – dringender Verdacht auf eine lebensbedrohliche Salzverlustkrise.
- Virilisiertes (vermännlichtes) bzw. uneindeutiges äußeres Genitale bei einem Neugeborenen – unverzügliche endokrinologische (die Hormone betreffende) Abklärung erforderlich.
- Rasch progrediente (fortschreitende) Virilisierung bzw. deutlich beschleunigtes Wachstum mit vorzeitiger Entwicklung sekundärer Geschlechtsmerkmale im Kindesalter.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.