Zungenentzündung (Glossitis) – Medizingerätediagnostik
Bei der Glossitis (Zungenentzündung) handelt es sich um eine entzündliche, atrophische (geweberückbildende), infektiöse (durch Erreger bedingte), irritative (reizbedingte), allergische (überempfindlichkeitsbedingte), immunologisch vermittelte (durch das Abwehrsystem bedingte) oder mangelassoziierte (durch einen Mangel mitbedingte) Veränderung der Zunge. Die Diagnose (Feststellung der Erkrankung) wird im Regelfall durch Anamnese (Krankengeschichte), Inspektion (Betrachtung) und Palpation (Abtasten) der Mundhöhle sowie durch gezielte Labordiagnostik (Blut- und Urinuntersuchungen) gestellt. Eine obligate (zwingende) Medizingerätediagnostik ist bei typischer, diffuser (ausgedehnter) oder eindeutig mangelassoziierter Glossitis nicht erforderlich [1, 2].
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Intraorale (innerhalb der Mundhöhle gelegene) Fotodokumentation beziehungsweise digitale Verlaufskontrolle – bei chronisch-rezidivierender (dauerhaft wiederkehrender) Glossitis, Lingua geographica (Landkartenzunge), atrophischen oder erosiven (oberflächlich wund machenden) Schleimhautveränderungen zur objektivierten Verlaufsbeurteilung und Therapiekontrolle; nicht als alleinige Diagnosesicherung
- Probeexzision (Gewebeprobeentnahme) beziehungsweise Inzisionsbiopsie (Gewebeprobe durch Einschnitt) mit histopathologischer Untersuchung (feingeweblicher Untersuchung) – bei persistierender (anhaltender), fokaler (herdförmiger), indurierter (verhärteter), ulzerierter (geschwüriger), blutender, exophytischer (nach außen wachsender) oder einseitiger Zungenläsion (Zungenveränderung); außerdem bei nicht abwischbaren weißen, roten oder rot-weißen Arealen zum Ausschluss von Leukoplakie (weißer Schleimhautveränderung), Erythroplakie (roter Schleimhautveränderung), oraler epithelialer Dysplasie (Zellveränderung der Mundschleimhaut) oder Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle (Mundhöhlenkrebs) [LL1, LL2, 2, 3]
- Sonographie (Ultraschalluntersuchung) der Halsweichteile und zervikalen Lymphknoten (Halslymphknoten) – bei palpablen (tastbaren) oder persistierend vergrößerten zervikalen Lymphknoten, suspekter (verdächtiger) Raumforderung, Verdacht auf Abszess (Eiteransammlung), Phlegmone (diffuse Weichteilentzündung) oder begleitender Speicheldrüsenpathologie (Speicheldrüsenerkrankung)
- Speicheldrüsensonographie (Ultraschalluntersuchung der Speicheldrüsen) und/oder Sialometrie (Speichelflussmessung) – bei ausgeprägter Xerostomie (Mundtrockenheit), Sicca-Symptomatik (Trockenheitssymptomen), Verdacht auf Sjögren-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit Trockenheit) oder speichelflussassoziierter Schleimhautatrophie (Schleimhautrückbildung); ergänzend zur serologischen (blutserologischen) und klinischen (auf Untersuchung beruhenden) Abklärung
- Flexible Nasopharyngolaryngoskopie (Spiegelung von Nasenrachen, Rachen und Kehlkopf) – bei zusätzlicher Dysphagie (Schluckstörung), Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken), Heiserkeit, Globusgefühl (Kloßgefühl), einseitiger Otalgie (Ohrenschmerzen), Blutungsneigung, unklarem Zungengrundbefund oder Verdacht auf oropharyngeale (Mundrachen betreffende) beziehungsweise hypopharyngeale (unteren Rachen betreffende) Mitbeteiligung
- Magnetresonanztomographie (MRT) der Mundhöhle, des Mundbodens und des Halses – bei Verdacht auf tief infiltrierende (tief einwachsende) Zungenläsion, Zungengrundbeteiligung, Mundbodeninfiltration (Einwachsen in den Mundboden), Abszess, Phlegmone oder Tumorerkrankung (Geschwulsterkrankung)
- Computertomographie (CT) der Mundhöhle, des Gesichtsschädels und des Halses – bei akuter infektiöser Ausbreitung, Verdacht auf odontogenen Fokus (von den Zähnen ausgehenden Entzündungsherd) mit Weichteilkomplikation, knöcherner Beteiligung oder wenn eine Magnetresonanztomographie (MRT) nicht verfügbar oder kontraindiziert (nicht anwendbar) ist
- Panendoskopie (umfassende Spiegelung) in Narkose (Betäubung) – bei gesichertem oder hochgradig suspektem Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle beziehungsweise bei Verdacht auf synchrone Läsionen (gleichzeitig bestehende Veränderungen) im oberen Aerodigestivtrakt (oberen Luft- und Speiseweg); nicht bei unkomplizierter Glossitis
Nicht routinemäßig indiziert
- Bildgebung (bildgebende Untersuchung) ohne Red Flags (Warnzeichen) – bei diffuser, symmetrischer (beidseits gleichförmiger), klinisch plausibler Glossitis ohne Raumforderung, Ulzeration (Geschwürbildung), Induration (Verhärtung) oder Lymphadenopathie (Lymphknotenerkrankung) besteht keine Indikation (Anwendungsgrund) zur routinemäßigen Sonographie, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT)
- Endoskopie (Spiegelung) ohne Begleitsymptome – bei isolierter Zungenbeteiligung ohne Dysphagie, Odynophagie, Heiserkeit, Zungengrundverdacht oder Tumorverdacht nicht erforderlich
- Biopsie (Gewebeprobe) bei typischer Lingua geographica oder eindeutig reversibler (rückbildungsfähiger), diffuser atrophischer Glossitis – nur bei atypischem Verlauf, Persistenz (Fortbestehen), fokaler Veränderung oder Malignitätsverdacht (Verdacht auf Bösartigkeit)
Red Flags (Warnzeichen) bei Glossitis
- Persistierende Ulzeration oder Schleimhautveränderung über mehr als 2-3 Wochen
- Induration, tastbare Raumforderung oder exophytische Läsion der Zunge
- Einseitige, progrediente (fortschreitende) oder nicht erklärbare fokale Zungenveränderung
- Nicht abwischbare Leukoplakie, Erythroplakie oder Erythroleukoplakie (rot-weiße Schleimhautveränderung)
- Kontaktblutung, spontane Blutung oder zunehmende Schmerzen
- Dysphagie, Odynophagie, Heiserkeit, einseitige Otalgie oder Gewichtsverlust
- Persistierende zervikale Lymphadenopathie
- Immunsuppression (Unterdrückung des Abwehrsystems), Nikotin-/Alkoholexposition (Kontakt mit Nikotin/Alkohol) oder Zustand nach Kopf-Hals-Tumor
Literatur
- Zahid E, Bhatti O, Zahid MA, Stubbs M: Overview of common oral lesions. Malays Fam Physician. 2022;17(3):9-21. https://doi.org/10.51866/rv.37
- Warnakulasuriya S: Clinical features and presentation of oral potentially malignant disorders. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2018;125(6):582-590. https://doi.org/10.1016/j.oooo.2018.03.011
- Warnakulasuriya S, Kujan O, Aguirre-Urizar JM et al.: Oral potentially malignant disorders: A consensus report from an international seminar on nomenclature and classification, convened by the WHO Collaborating Centre for Oral Cancer. Oral Dis. 2021;27(8):1862-1880. https://doi.org/10.1111/odi.13704
Leitlinien
- S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Mundhöhlenkarzinoms. (AWMF-Registernummer 007/100OL) Märzt 2001 Langfassung Kurzfassung
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Suspected cancer: recognition and referral. NICE guideline NG12; Empfehlungen zu oralen Tumorverdachtsbefunden aktualisiert 2026. https://www.nice.org.uk/guidance/ng12