Narbenbruch (Narbenhernie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Narbenhernie (Narbenbruch) mitbedingt sein können:

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Hautdefekte (Schädigungen der Haut) bzw. Ulzerationen (Geschwüre) über dem Bruchsack können insbesondere das klinische Bild großer bzw. komplexer Narbenhernien komplizieren; Hautdefekte bzw. Ulzerationen gehören zu den konsentierten Kriterien einer komplexen Narbenhernie [4].

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Sepsis (Blutvergiftung) bzw. septischer Schock (lebensbedrohlicher Kreislaufzusammenbruch infolge einer Blutvergiftung) seltene, jedoch vital bedrohliche Folge einer akut komplizierten Narbenhernie bei intestinaler Ischämie (Mangeldurchblutung des Darms), Infarkt (Gewebeuntergang durch Durchblutungsstörung) bzw. Gangrän (Gewebeabsterben) und insbesondere Darmperforation (Darmdurchbruch) mit konsekutiver Peritonitis (Bauchfellentzündung) und intraabdomineller Infektion (Infektion innerhalb der Bauchhöhle) [LL2].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Inkarzeration (Einklemmung) akute Einklemmung von Bruchsackinhalt mit fehlender Reponierbarkeit (Zurückschiebbarkeit). Bei initial nichtoperativ behandelten Narbenhernien betrug die kumulative Inzidenz einer eine Notfalloperation erfordernden Inkarzeration in einer populationsbasierten Kohorte 1,24 % nach einem Jahr und 2,59 % nach fünf Jahren [1, LL1].
  • Mechanischer Ileus (Darmverschluss) Darmobstruktion (Darmverlegung) durch inkarzerierte Darmanteile; die aktuelle Leitlinie der European Hernia Society beschreibt ein zeitabhängiges Spektrum akut komplizierter ventraler Hernien bzw. Narbenhernien von Schmerzen und Irreponibilität (fehlender Zurückschiebbarkeit) über Darmobstruktion und Strangulation (Abschnürung) bis zur Perforation (Durchbruch) mit Peritonitis [LL2].
  • Strangulation bei irreponibler Hernie (nicht zurückschiebbarer Bruch) kann die Einengung am Bruchsackhals die Durchblutung des Bruchinhalts beeinträchtigen; die hierdurch entstehende Ischämie kann rasch zu Gewebeinfarkt und Gangrän fortschreiten [LL2].
  • Intestinale Ischämie, Infarkt bzw. Darmnekrose (Absterben von Darmgewebe) mögliche Folge einer Darmstrangulation (Abschnürung des Darms); bei akuter Narbenhernieninkarzeration ist eine erforderliche Darmresektion (operative Entfernung eines Darmabschnitts) mit einer deutlich erhöhten 30-Tage-Mortalität (Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen) assoziiert [2, LL2].
  • Intestinale Perforation mit sekundärer Peritonitis mögliche lebensbedrohliche Progression (Fortschreiten) einer akut komplizierten Narbenhernie; die EHS-Notfallleitlinie beschreibt Peritonitis infolge Perforation als Endpunkt des zeitabhängigen Komplikationsspektrums [LL2].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Chronische (lang anhaltende) bzw. rezidivierende Schmerzen (wiederkehrende Schmerzen) klinisch relevante Folge symptomatischer Narbenhernien und wesentlicher Faktor der krankheitsbezogenen Beeinträchtigung; die EHS-Leitlinie bewertet insbesondere Symptome mit Beeinträchtigung der Lebensqualität als wesentlichen Parameter für die Therapieentscheidung [3, LL1].

Weiteres

  • Beeinträchtigung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität Patienten mit Narbenhernie weisen insbesondere Einschränkungen der körperlichen Funktionsfähigkeit und körperlichen Rollenfunktion auf. Eine systematische Übersichtsarbeit zu komplexen Narbenhernien zeigte nach operativer Rekonstruktion (Wiederherstellung) eine signifikante Verbesserung validierter Lebensqualitätsparameter [3, 6].
  • Beeinträchtigung des Körperbildes insbesondere bei sichtbarer Bauchwandvorwölbung; in einer prospektiven Kohortenstudie waren kosmetische Wahrnehmung und Körperbild bei Patienten mit Narbenhernie signifikant beeinträchtigt [3].
  • Loss of Domain bei großen bzw. chronisch bestehenden Narbenhernien kann ein relevanter Anteil der abdominalen Eingeweide dauerhaft außerhalb des abdominopelvinen Kompartiments (Bauch- und Beckenraums) im Bruchsack liegen. Loss of Domain gehört zu den konsentierten Merkmalen einer komplexen Narbenhernie und kann die spannungsfreie Rekonstruktion der Bauchwand erheblich erschweren [4, 5, LL2].

Prognosefaktoren

  • Akutes Hernienereignis (akute Komplikation eines Bruches) bei einer reponiblen medianen Narbenhernie (zurückschiebbarer Narbenbruch in der Mittellinie) insgesamt selten; die European Hernia Society gibt das Risiko für Strangulation oder Darmobstruktion mit etwa 1 % im ersten Jahr und etwa 2,5 % innerhalb von fünf Jahren an [1, LL1].
  • Nichtoperative Behandlung in der größten populationsbasierten natürlichen Verlaufsstudie entwickelten 540 von 23.022 initial nichtoperativ behandelten Patienten (2,3 %) im Beobachtungszeitraum eine Inkarzeration; die kumulative Inzidenz betrug 1,24 % nach einem Jahr und 2,59 % nach fünf Jahren [1].
  • Erhöhtes Inkarzerationsrisiko Alter über 40 Jahre, weibliches Geschlecht, aktuelles Rauchen und Body-Mass-Index ≥ 30 kg/m2 waren in der populationsbasierten Analyse unabhängig mit einem erhöhten Inkarzerationsrisiko assoziiert [1].
  • Hernienbedingte stationäre Aufnahme besonders ausgeprägter Risikomarker; eine vorausgegangene hernienbedingte stationäre Aufnahme war mit einem mehr als vierfach erhöhten Inkarzerationsrisiko assoziiert (Hazard-Ratio 4,13; 95-%-Konfidenzintervall 3,15-5,42) [1].
  • Akute Inkarzeration mit deutlicher Prognoseverschlechterung verbunden. In der populationsbasierten Kohorte betrug die Gesamtmortalität nach Inkarzeration 7,2 % nach 30 Tagen, 10 % nach 90 Tagen und 14 % nach einem Jahr gegenüber 1,1 %, 2,3 % bzw. 5,3 % bei erfolgreicher nichtoperativer Behandlung ohne Inkarzeration [1].
  • Fortgeschrittenes Alter unabhängiger ungünstiger Prognosefaktor bei akuter Inkarzeration; pro zusätzlichem Lebensjahr stieg in einer Kohorte von 483 Patienten die adjustierte Odds-Ratio für die 30-Tage-Mortalität auf 1,05 (95-%-Konfidenzintervall 1,02-1,08) [2].
  • Erforderliche Darmresektion unabhängiger ungünstiger Prognosefaktor bei akuter Inkarzeration; die adjustierte Odds-Ratio für die 30-Tage-Mortalität betrug 3,18 (95-%-Konfidenzintervall 1,45-6,95) [2].
  • Akut komplizierte Narbenhernie Notfalloperationen sind gegenüber elektiven Eingriffen (geplanten Eingriffen) mit deutlich höherer Morbidität (Erkrankungshäufigkeit und Komplikationsrate) und Mortalität verbunden; die EHS-Notfallleitlinie 2026 hebt daher die frühzeitige Erkennung von Irreponibilität, Obstruktion (Verlegung) und Strangulation hervor [LL2].
  • Große bzw. komplexe Hernienmorphologie (Form und Ausprägung des Bruches) Defektbreite > 10 cm, Loss of Domain, Hautdefekte bzw. Ulzerationen, Fisteln (unnatürliche Verbindungsgänge), Meshinfektion (Infektion eines eingesetzten Kunststoffnetzes), Stoma (künstlich angelegte Körperöffnung) und weitere definierte Faktoren kennzeichnen nach EHS-Delphi-Konsens eine komplexe Narbenhernie und erhöhen die technische Schwierigkeit der Rekonstruktion [4].
  • Symptomprogression bei symptomatischen Patienten kann eine prolongierte Verzögerung der operativen Versorgung mit Verschlechterung der Lebensqualität und Vergrößerung des Fasziendefekts (Lücke in der bindegewebigen Bauchwand) einhergehen; diese Risiken sollen nach EHS-Leitlinie gegen den möglichen Nutzen einer weiteren präoperativen Optimierung (Verbesserung des Gesundheitszustands vor der Operation) abgewogen werden [LL1].

Literatur

  1. Dadashzadeh ER, Huckaby LV, Handzel R et al.: The Risk of Incarceration During Nonoperative Management of Incisional Hernias: A Population-based Analysis of 30,998 Patients. Ann Surg. 2022;275(2):e488-e495. doi:10.1097/SLA.0000000000003916.
  2. Huckaby LV, Dadashzadeh ER, Handzel R et al.: Improved Understanding of Acute Incisional Hernia Incarceration: Implications for Addressing the Excess Mortality of Emergent Repair. J Am Coll Surg. 2020;231(5):536-545.e4. doi:10.1016/j.jamcollsurg.2020.08.735.
  3. van Ramshorst GH, Eker HH, Hop WCJ et al.: Impact of incisional hernia on health-related quality of life and body image: a prospective cohort study. Am J Surg. 2012;204(2):144-150. doi:10.1016/j.amjsurg.2012.01.012.
  4. Capoccia Giovannini S, Podda M, Ribas S et al.: What defines an incisional hernia as 'complex': results from a Delphi consensus endorsed by the European Hernia Society (EHS). Br J Surg. 2024;111(1):znad346. doi:10.1093/bjs/znad346.
  5. Parker SG, Halligan S, Liang MK et al.: Definitions for Loss of Domain: An International Delphi Consensus of Expert Surgeons. World J Surg. 2020;44(4):1070-1078. doi:10.1007/s00268-019-05317-z.
  6. de Jong DLC, Wegdam JA, Berkvens EHM et al.: Does quality of life improve after complex incisional hernia repair? A systematic review. Hernia. 2025;29(1):110. doi:10.1007/s10029-025-03300-3.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Sanders DL, Pawlak MM, Simons MP et al.: Midline incisional hernia guidelines: the European Hernia Society. Br J Surg. 2023;110(12):1732-1768. doi:10.1093/bjs/znad284. [LL1]
  2. Stabilini C, Theodorou A, Pawlak M et al.: EHS Guidelines on the Management of Primary Ventral and Incisional Hernias Under Emergency Conditions. J Abdom Wall Surg. 2026;5:16228. doi:10.3389/jaws.2026.16228. [LL2]