Mundtrockenheit (Xerostomie) – Weitere Therapie
Die Behandlung der persistierenden Xerostomie (Mundtrockenheit) umfasst kausale und symptomatische Maßnahmen sowie die Prävention von Folgeerkrankungen. Xerostomie bezeichnet das subjektive Gefühl der Mundtrockenheit; eine objektiv verminderte Speichelsekretion wird als Hyposalivation (verminderter Speichelfluss) bezeichnet. Die Therapie richtet sich nach Ursache, Beschwerden und verbleibender Speicheldrüsenfunktion [2, 4, LL3].
Therapieziele
- Beschwerdelinderung: Verbesserung der Mundbefeuchtung und Verminderung von Mundtrockenheit und Schleimhautreizungen.
- Erhalt der Funktionen: Verbesserung von Kauen, Schlucken, Sprechen und Nahrungsaufnahme.
- Prävention von Folgeerkrankungen: Verminderung von Karies (Zahnfäule), dentalen Erosionen (säurebedingtem Verlust von Zahnhartsubstanz), Schleimhautschäden und oralen Infektionen (Infektionen im Mund).
- Ursachenbezogene Behandlung: Beseitigung reversibler Auslöser und Erhalt der verbleibenden Speicheldrüsenfunktion [2, 4].
Allgemeine Maßnahmen
- Mundbefeuchtung:
- Häufig kleine Schlucke Wasser oder ungesüßte, säurearme Getränke trinken; eine Trinkflasche mitführen.
- Die Flüssigkeitszufuhr dem individuellen Bedarf und gegebenenfalls bestehenden Einschränkungen bei Herz- oder Nierenerkrankungen anpassen.
- Bei nächtlichen Beschwerden Wasser am Bett bereithalten; eine angemessene Raumluftbefeuchtung kann unterstützend wirken.
- Vermeidung von Reizstoffen:
- Tabakkonsum beenden; Alkohol und alkoholhaltige Mundspüllösungen meiden.
- Stark aromatisierte oder scharf schmeckende Mundpflegeprodukte bei Schleimhautreizungen vermeiden.
- Koffeinhaltige Getränke bei subjektiver Beschwerdeverstärkung reduzieren [2, 4].
- Medikamentenüberprüfung:
- Dauermedikation einschließlich Selbstmedikation auf xerogene Wirkungen und kumulative anticholinerge Belastung prüfen.
- Wenn medizinisch vertretbar, Dosisanpassung oder Wechsel auf eine weniger xerogene Alternative mit dem behandelnden Arzt abstimmen; Medikamente nicht eigenständig absetzen [2].
Kausale Therapie
- Behandlung reversibler Ursachen:
- Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) ausgleichen und zugrunde liegende Erkrankungen, beispielsweise einen unzureichend eingestellten Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), behandeln.
- Bei ausgeprägter Mundatmung eine mögliche nasale Obstruktion (Behinderung der Nasenatmung) abklären und behandeln.
- Bei Hinweisen auf eine Speicheldrüsenerkrankung oder ein Sjögren-Syndrom (Autoimmunerkrankung mit vor allem trockenen Augen und trockenem Mund) eine entsprechende fachärztliche Abklärung veranlassen [4, LL2].
- Sjögren-Syndrom:
- Die Behandlung der Mundtrockenheit an der verbleibenden Speicheldrüsenfunktion ausrichten.
- Eine systemische immunmodulierende Therapie richtet sich nach der Organbeteiligung; sie ist allein zur Behandlung der Mundtrockenheit nicht regelhaft angezeigt [LL3].
- Irreversible Speicheldrüsenschädigung:
- Bei weitgehend fehlender Restfunktion stehen Mundbefeuchtung, Speichelersatz und die Prävention oraler Folgeerkrankungen im Vordergrund [LL3].
Symptomatische Therapie
- Mechanische Speichelstimulation:
- Bei erhaltener Restfunktion zuckerfreien, möglichst säurefreien Kaugummi kauen oder zuckerfreie, säurefreie Lutschpastillen verwenden.
- Die Wirkung ist meist vorübergehend und setzt funktionsfähiges Speicheldrüsengewebe voraus.
- Saure Bonbons sind trotz Zuckerfreiheit bei bezahnten Patienten wegen des Erosionsrisikos keine pauschal geeignete Empfehlung [LL1].
- Speichelersatz und Schleimhautbefeuchtung:
- Bei unzureichender Linderung durch Basismaßnahmen Speichelersatzmittel als Spray, Lösung oder Gel einsetzen, beispielsweise auf Basis von Carboxymethylcellulose oder Muzinen.
- Alkoholfreie, möglichst pH-neutrale Produkte bevorzugen; Auswahl nach Verträglichkeit und individueller Akzeptanz.
- Für nächtliche Beschwerden können länger haftende Gele hilfreich sein.
- Speichelersatzmittel lindern Beschwerden, stellen jedoch die natürlichen Schutzfunktionen des Speichels nicht vollständig wieder her und ersetzen keine gezielte Kariesprophylaxe [2, LL1, LL2].
- Lippenpflege:
- Trockene oder rissige Lippen regelmäßig mit einem verträglichen Pflegepräparat schützen [2].
- Medikamentöse Therapie:
- Bei ausgeprägten Beschwerden und erhaltener Speicheldrüsenrestfunktion kann eine systemische Speichelstimulation, insbesondere mit Pilocarpin bei Sjögren-Syndrom oder nach Kopf-Hals-Bestrahlung, erwogen werden. Kontraindikationen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen berücksichtigen [1, LL1, LL2].
- Siehe auch unter „Xerostomie – Medikamentöse Therapie“.
Zahnmedizinische Maßnahmen
- Risikoadaptierte Recallbetreuung:
- Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen mit Beurteilung von Karies, Parodontium (Zahnhalteapparat), Schleimhaut und Zahnersatz.
- Bei ausgeprägter Hyposalivation sind häufig Kontrollintervalle von 3-6 Monaten sinnvoll; bei aktiven Erkrankungen entsprechend kürzer [2].
- Mundhygiene und Fluoridierung:
- Zähne mindestens zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta reinigen; Interdentalräume regelmäßig säubern.
- Bei hohem Kariesrisiko zusätzliche Fluoridierungsmaßnahmen zahnärztlich festlegen, beispielsweise hochfluoridierte Zahnpasta oder Fluoridlack.
- Professionelle Zahnreinigung nach individuellem Bedarf; sie ergänzt die häusliche Mundhygiene [4, LL2].
- Infektionskontrolle:
- Eine orale Candidose (Hefepilzinfektion im Mund) bei klinischen Hinweisen diagnostizieren und gezielt behandeln.
- Antibakterielle Mundspülungen nicht allein aufgrund einer Xerostomie dauerhaft einsetzen; Anwendung nach zahnärztlicher Indikation [2, LL2].
- Zahnersatz:
- Prothesensitz kontrollieren und Druckstellen beseitigen; sorgfältige Prothesenhygiene gewährleisten [4].
Ernährungsmedizin
- Anpassung der Speisen:
- Feuchte, weiche Speisen bevorzugen, beispielsweise Suppen, püriertes Gemüse, Kartoffelpüree und Speisen mit Soße.
- Trockene, harte oder krümelige Speisen bei Beschwerden vermeiden beziehungsweise befeuchten.
- Scharfe, sehr salzige oder saure Speisen bei Schleimhautreizungen reduzieren.
- Karies- und Erosionsprävention:
- Häufigen Konsum zuckerhaltiger Getränke und Zwischenmahlzeiten vermeiden.
- Zitronentee, saure Früchte und Ananassaft nicht routinemäßig zur Mundbefeuchtung empfehlen; wiederholte Säureexposition erhöht bei vermindertem Speichelfluss das Erosionsrisiko.
- Milchprodukte nach Verträglichkeit verwenden; eine generelle Bevorzugung von Buttermilch oder Kefir beziehungsweise ein Ausschluss frischer Milch ist nicht begründet [2, 4].
- Ernährungsberatung:
- Bei beeinträchtigter Nahrungsaufnahme, Gewichtsverlust oder Mangelernährungsrisiko eine individuelle Ernährungsberatung veranlassen.
- Bei Dysphagie (Schluckstörung) zusätzlich eine fachliche Schluckbeurteilung durchführen.
Weitere nichtmedikamentöse Verfahren
- Akupunktur:
- Bei chronischer strahlenbedingter Xerostomie als ergänzende Maßnahme erwägen. Eine randomisierte Studie zeigte eine Beschwerdebesserung gegenüber alleiniger Standardmundpflege; die Überlegenheit gegenüber Scheinakupunktur war nach Korrektur für multiple Vergleiche am primären Zeitpunkt nicht gesichert [3].
- Die Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf andere Ursachen der Xerostomie übertragbar.
- Transkutane Elektrostimulation:
- Nach Kopf-Hals-Bestrahlung kann ein individueller Behandlungsversuch erwogen werden; die Evidenz ist begrenzt [LL1].
- Experimentelle Verfahren:
- Für eine regenerative Stammzelltherapie besteht keine ausreichende Grundlage zur routinemäßigen Anwendung [LL1].
Strahlentherapeutische und operative Maßnahmen
- Speicheldrüsenschonende Bestrahlungsplanung:
- Bei geplanter Kopf-Hals-Bestrahlung eine intensitätsmodulierte oder vergleichbar speicheldrüsenschonende Technik einsetzen, sofern onkologisch möglich.
- Die Strahlenbelastung von Speicheldrüsen und Mundhöhle möglichst begrenzen, ohne die notwendige Tumorabdeckung zu beeinträchtigen [LL1].
- Operative Speicheldrüsenverlagerung:
- Die Verlagerung einer Glandula submandibularis (Unterkieferspeicheldrüse) vor Bestrahlung ist ein spezialisiertes präventives Verfahren. Die Evidenz reicht für eine allgemeine Empfehlung nicht aus; eine bereits bestehende Xerostomie wird damit nicht regelhaft behandelt [LL1].
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
- Therapieansprechen: Beschwerden, nächtliche Mundtrockenheit, Nahrungsaufnahme und Verträglichkeit der eingesetzten Maßnahmen überprüfen.
- Speicheldrüsenfunktion: Bei therapeutischer Relevanz objektiv beurteilen, insbesondere vor einer stimulierenden Behandlung [LL3].
- Folgeerkrankungen: Karies, Schleimhautläsionen (Schleimhautschäden), Candidose und Prothesendruckstellen regelmäßig kontrollieren [2, 4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Xerostomie
- Unzureichende Flüssigkeitsaufnahme: Ausgeprägte Dysphagie oder klinische Dehydratation erfordern eine zeitnahe ärztliche Beurteilung.
- Akute Speicheldrüsenschwellung: Schmerzen, Fieber oder eitrige Sekretion können auf eine behandlungsbedürftige Infektion beziehungsweise Abflussstörung hinweisen.
- Persistierende oder einseitige Speicheldrüsenschwellung: Besonders bei Sjögren-Syndrom sowie bei Lymphadenopathie (krankhafter Lymphknotenvergrößerung) oder B-Symptomatik (Fieber, Nachtschweiß oder ungewolltem Gewichtsverlust) zeitnah fachärztlich abklären [LL2].
- Anhaltende Schleimhautveränderungen oder Gewichtsverlust: Ulzerationen (Geschwüre), Blutungen, fortschreitende Schluckbeschwerden oder ungewollter Gewichtsverlust erfordern weitere Abklärung.
Literatur
- Al Hamad A, Lodi G, Porter S, Fedele S, Mercadante V. Interventions for dry mouth and hyposalivation in Sjögren’s syndrome: A systematic review and meta-analysis. Oral Dis. 2019;25(4):1027-1047. doi: 10.1111/odi.12952 [1].
- Hong C, Jensen SB, Vissink A, Bonomo P, Santos-Silva AR, Gueiros LA et al.: MASCC/ISOO Clinical Practice Statement: Management of salivary gland hypofunction and xerostomia in cancer patients. Support Care Cancer. 2024;32:548. doi: 10.1007/s00520-024-08688-9 [2].
- Cohen L, Danhauer SC, Garcia MK, Dressler EV, Rosenthal DI, Chambers MS et al.: Acupuncture for Chronic Radiation-Induced Xerostomia in Head and Neck Cancer: A Multicenter Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2024;7(5):e2410421. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.10421 [3].
- American Dental Association. Xerostomia (Dry Mouth). Oral Health Topics. Online-Fachinformation; abgerufen am 04.10.2026. Online verfügbar [4].
Leitlinien
- Mercadante V, Jensen SB, Smith DK, Bohlke K, Bauman J, Brennan MT et al.: Salivary Gland Hypofunction and/or Xerostomia Induced by Nonsurgical Cancer Therapies: ISOO/MASCC/ASCO Guideline. J Clin Oncol. 2021;39(25):2825-2843. doi: 10.1200/JCO.21.01208 [LL1].
- Price EJ, Benjamin S, Bombardieri M, Bowman S, Carty S, Ciurtin C et al.: British Society for Rheumatology guideline on management of adult and juvenile onset Sjögren disease. Rheumatology (Oxford). Online veröffentlicht am 16.04.2024. doi: 10.1093/rheumatology/keae152 [LL2].
- Ramos-Casals M, Brito-Zerón P, Bombardieri S, Bootsma H, De Vita S, Dörner T et al.: EULAR recommendations for the management of Sjögren’s syndrome with topical and systemic therapies. Ann Rheum Dis. 2020;79(1):3-18. doi: 10.1136/annrheumdis-2019-216114 [LL3].