Mundtrockenheit (Xerostomie) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Linderung der Mundtrockenheit und Verbesserung der mundbezogenen Lebensqualität
- Verbesserung der Kau-, Schluck- und Sprechfunktion
- Stimulation der Speichelsekretion bei erhaltener Restfunktion der Speicheldrüsen beziehungsweise Befeuchtung der Mundschleimhaut durch Speichelersatz
- Vermeidung von Folgeschäden, insbesondere Karies und Schleimhautkomplikationen
Therapieempfehlungen
- Ursachenbezogene Therapie: Bei medikamentös bedingter Xerostomie die bestehende Medikation und insbesondere die anticholinerge Belastung überprüfen. Wenn medizinisch vertretbar, Dosisreduktion oder Wechsel auf weniger xerogene Wirkstoffe erwägen; Änderungen mit dem behandelnden Arzt abstimmen [LL3].
- Topische symptomatische Therapie: Speichelersatzmittel als Spray, Lösung oder Gel können unabhängig von der Ursache zur Beschwerdelinderung eingesetzt werden. Die Auswahl richtet sich nach Verträglichkeit, gewünschter Wirkdauer und individueller Präferenz; eine verlässliche Überlegenheit eines bestimmten Präparates ist nicht belegt [LL1, LL2].
- Systemische Speichelstimulation: Bei belastender Xerostomie und erhaltener sekretorischer Restfunktion einen Therapieversuch mit oralem Pilocarpin erwägen. Besonders gut untersucht ist die Anwendung beim Sjögren-Syndrom und nach Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich [1, LL1, LL2].
- Weitgehend fehlende Drüsenfunktion: Speichelersatz steht im Vordergrund; von einer medikamentösen Stimulation ist bei vollständig zerstörtem sekretorischem Gewebe kein relevanter Nutzen zu erwarten [LL3].
- Kariesprophylaxe: Bei bezahnten Patienten lokale Fluoridierung risikoadaptiert intensivieren. Bei hohem Kariesrisiko kann eine verschreibungspflichtige Zahnpaste mit 5.000 ppm Fluorid eingesetzt werden [LL3, FI3].
- Begleitinfektionen: Eine klinisch diagnostizierte orale Candidose gezielt antimykotisch behandeln; siehe „Candidose/Pharmakotherapie“. Eine routinemäßige antimykotische Prophylaxe allein wegen Xerostomie ist nicht angezeigt [LL3].
- Keine Standardtherapie: Neostigmin, Nikotinamid und Bromhexin werden zur Behandlung der Xerostomie nicht als regelhafte Pharmakotherapie empfohlen. Pilocarpinhaltige Mundspülungen sind keine etablierte zugelassene Standardbehandlung; die Evidenz und die Dosierungsstandardisierung sind gegenüber der oralen Anwendung unzureichend [1, LL1, LL2].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Die nachfolgenden systemischen Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene.
Direkte Parasympathomimetika – systemische Sialagoga
| Wirkstoff | Dosierung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Pilocarpinhydrochlorid | Sjögren-Syndrom: 5 mg p.o. 4-mal täglich. Nach Kopf-Hals-Bestrahlung: initial 5 mg p.o. 3-mal täglich. Bei unzureichendem Ansprechen und guter Verträglichkeit indikationsabhängig Steigerung bis maximal 30 mg/Tag, verteilt auf mehrere Einnahmen [FI1]. |
Restfunktion der Speicheldrüsen erforderlich. Zur Verbesserung der Verträglichkeit kann beim Sjögren-Syndrom einschleichend mit 5 mg einmal täglich begonnen und auf 3-4 Einnahmen täglich gesteigert werden [LL1]. Bei fehlender Besserung nach 2-3 Monaten absetzen. Bei Leberzirrhose reduzierte Anfangsdosis [FI1]. |
- Wirkweise: Muskarinischer Rezeptoragonist; Stimulation der exokrinen Sekretion, insbesondere der Speichel- und Tränensekretion.
- Indikationen: Symptomatische Behandlung der Mundtrockenheit beim Sjögren-Syndrom sowie ausgeprägter Xerostomie nach Kopf-Hals-Bestrahlung [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, unkontrolliertes Asthma bronchiale, klinisch relevante unkontrollierte kardiorenale Erkrankungen sowie Erkrankungen, bei denen eine Miosis unerwünscht ist, beispielsweise akute Iritis [FI1].
- Nebenwirkungen: Insbesondere Schwitzen, Kopfschmerzen und erhöhte Miktionsfrequenz; außerdem gastrointestinale Beschwerden, Schwindel und Sehstörungen. Möglich sind bronchiale und kardiovaskuläre cholinerge Reaktionen [FI1].
Speichelersatzmittel und topische Schleimhautbefeuchter
| Wirkstoff | Dosierung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Carmellose-Natrium, meist in Kombination mit Sorbitol und Elektrolyten | Bei Bedarf auf die Mundschleimhaut auftragen beziehungsweise aufsprühen; Anwendung gemäß Fach- oder Gebrauchsinformation [FI2]. | Sprays und Lösungen für wiederholte Anwendung tagsüber. Präparatespezifischen pH-Wert und Verträglichkeit berücksichtigen. |
| Muzinhaltige Speichelersatzpräparate | Mehrmals täglich nach Bedarf gemäß Gebrauchsinformation. | Tierische Herkunft beachten. Bei bezahnten Patienten pH-neutrale Präparate bevorzugen. |
| Gelbildende Polymere, beispielsweise Hydroxyethylcellulose oder Carbomer, gegebenenfalls mit Glycerol | Nach Bedarf gemäß Gebrauchsinformation auf die Mundschleimhaut auftragen, insbesondere vor dem Schlafengehen. | Höhervisköse Präparate können für die nächtliche Befeuchtung geeignet sein. Zusammensetzung und Anwendung sind produktspezifisch. |
- Wirkweise: Befeuchtung und Lubrikation der Mundschleimhaut; vorübergehender Ersatz der gleitenden Eigenschaften des Speichels ohne Wiederherstellung der Drüsensekretion [LL3].
- Indikationen: Symptomatische Behandlung der Xerostomie, insbesondere bei geringer Restsekretion, Unverträglichkeit systemischer Sialagoga oder als ergänzende Behandlung [LL1, LL2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegenüber Bestandteilen; bei tierischen Muzinen entsprechende Allergien berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung, unangenehmes Mundgefühl oder Geschmacksbeeinträchtigung; Überempfindlichkeitsreaktionen sind möglich. Konservierungsstoffe können lokale Beschwerden verursachen [FI2].
Fluoride – lokale Kariesprophylaxe
| Wirkstoff | Dosierung | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Natriumfluorid als Zahnpaste mit 5 mg Fluorid/g, entsprechend 5.000 ppm Fluorid | Ab 16 Jahren: 3-mal täglich nach den Mahlzeiten mit einem etwa 2 cm langen Zahnpastastrang ungefähr 3 Minuten putzen; überschüssigen Schaum ausspucken, nicht verschlucken [FI3]. | Bei hohem Kariesrisiko nach zahnärztlicher Beurteilung. Ersetzt die gewöhnliche Zahnpaste. Weitere Fluoridquellen und zusätzliche Fluoridpräparate berücksichtigen. Schwangerschaft und Stillzeit: nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung [FI3]. |
- Wirkweise: Hemmung der Demineralisation und Förderung der Remineralisation der Zahnhartsubstanz.
- Indikationen: Kariesprophylaxe bei erhöhtem Kariesrisiko, insbesondere bei ausgeprägter Hyposalivation; keine unmittelbare Behandlung des Trockenheitsgefühls [FI3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Natriumfluorid oder Hilfsstoffe; die Zahnpaste mit 5.000 ppm Fluorid ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht vorgesehen [FI3].
- Nebenwirkungen: Brennendes Gefühl im Mund und selten Überempfindlichkeitsreaktionen; bei erheblichem Verschlucken Gefahr einer Fluoridintoxikation [FI3].
Beachte
- Pilocarpin: Vor Verordnung Begleiterkrankungen und Wechselwirkungen prüfen. Bei Betablockern können kardiale Überleitungsstörungen begünstigt werden; weitere cholinerge Wirkstoffe können die Wirkung verstärken. Anticholinerge Arzneimittel können antagonisiert werden [FI1].
- Schwangerschaft und Stillzeit: Pilocarpin wird in der Schwangerschaft nicht empfohlen. In der Stillzeit ist zwischen dem Verzicht auf die Behandlung und dem Abstillen abzuwägen [FI1].
- Speichelersatz: Alkohol- und zuckerfreie, möglichst pH-neutrale Präparate bevorzugen. Säurehaltige Produkte können bei bezahnten Patienten das Erosionsrisiko erhöhen. Speichelersatz ersetzt keine gesonderte Kariesprophylaxe [LL3].
- Antiseptika: Chlorhexidin nicht pauschal als Dauerbehandlung der Xerostomie einsetzen; die Anwendung setzt eine gesonderte zahnärztliche Indikation voraus [LL1].
Literatur
- Al Hamad A, Lodi G, Porter S, Fedele S, Mercadante V. Interventions for dry mouth and hyposalivation in Sjögren’s syndrome: a systematic review and meta-analysis. Oral Dis. 2019;25(4):1027-1047. doi: 10.1111/odi.12952. [1]
Leitlinien
- Price EJ, Benjamin S, Bombardieri M et al. British Society for Rheumatology guideline on management of adult and juvenile onset Sjögren disease. Online veröffentlicht April 2024. Rheumatology (Oxford). 2025;64(2):409-439. doi: 10.1093/rheumatology/keae152. [LL1]
- Mercadante V, Jensen SB, Smith DK et al. Salivary Gland Hypofunction and/or Xerostomia Induced by Nonsurgical Cancer Therapies: ISOO/MASCC/ASCO Guideline. J Clin Oncol. 2021;39(25):2825-2843. doi: 10.1200/jco.21.01208. [LL2]
- Hong C, Jensen SB, Vissink A, Bonomo P, Santos-Silva AR, Gueiros LA et al. MASCC/ISOO Clinical Practice Statement: Management of salivary gland hypofunction and xerostomia in cancer patients. Expertenkonsens. Support Care Cancer. 2024;32(8):548. doi: 10.1007/s00520-024-08688-9. [LL3]
Fachinformation
- Norgine Limited. Salagen 5 mg Film Coated Tablets, Pilocarpinhydrochlorid. Summary of Product Characteristics. Aktualisierung April 2025; Abschnitte 4.1-4.8. [FI1]
- STADAPHARM GmbH. Glandosane beziehungsweise Glandosane aromatisiert. Fachinformation. Stand April 2022. [FI2]
- CP GABA GmbH. Duraphat Fluorid 5 mg/g Zahnpaste. Fachinformation. Stand Januar 2023. [FI3]