Queer – medizinische Einordnung, Terminologie und Bedeutung für die Gesundheitsversorgung
Der Begriff queer wird in der Medizin nicht als Diagnose, Krankheitsbild oder nosologische Kategorie verwendet. Er entstammt ursprünglich einer sozialen und politischen Selbstbezeichnung und dient heute als Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten außerhalb heteronormativer und strikt binärer Konzepte. In der medizinischen Fachsprache besitzt „queer“ daher ausschließlich beschreibenden Charakter und ersetzt keine präzisen Kategorien wie sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität.
Aktuelle gesundheitswissenschaftliche Arbeiten betonen, dass die medizinische Relevanz des Begriffs nicht in der Identität selbst liegt, sondern in den strukturellen Bedingungen, unter denen queere Personen Gesundheitsversorgung erfahren [1].
Abgrenzung zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität
Sexuelle Orientierung beschreibt das Muster emotionaler, romantischer oder sexueller Anziehung, während Geschlechtsidentität die subjektiv empfundene Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bezeichnet. Der Begriff „queer“ kann beide Dimensionen umfassen, ist jedoch unspezifisch und nicht für diagnostische oder therapeutische Entscheidungen geeignet.
Für die klinische Praxis ist diese Abgrenzung essenziell, da medizinische Maßnahmen stets an konkreten Symptomen, Funktionsbeeinträchtigungen oder diagnostischen Kriterien orientiert sein müssen und nicht an Sammelbezeichnungen [3].
Medizinische Relevanz und Versorgungsrealität
Queere Personen weisen keine inhärent erhöhte Morbidität auf, die auf ihre sexuelle Orientierung oder Identität zurückzuführen ist. Dennoch zeigen Studien eine erhöhte Prävalenz psychischer Belastungen, insbesondere von Angststörungen, depressiven Symptomen und Suchterkrankungen, die mit Minderheitenstress, Diskriminierungserfahrungen und strukturellen Barrieren im Gesundheitssystem assoziiert sind [2].
Diese Belastungen sind nicht Ausdruck einer Pathologie der Identität, sondern Folge sozialer und versorgungsbezogener Rahmenbedingungen. Der Zugang zu niedrigschwelliger, diskriminierungsfreier medizinischer Versorgung stellt daher einen zentralen gesundheitspolitischen und versorgungsmedizinischen Faktor dar.
Kommunikation, Sprache und Arzt-Patient-Interaktion
Mehrere Arbeiten belegen, dass eine sensible und fachlich korrekte Sprache in der medizinischen Kommunikation das Vertrauen, die Therapietreue und die Zufriedenheit queerer Patienten signifikant verbessert [3]. Dabei geht es nicht um politische Positionierung, sondern um patientenzentrierte Versorgung und die Vermeidung vermeidbarer Kommunikationsbarrieren.
Die Kenntnis grundlegender Begriffe und die Offenheit für Selbstbezeichnungen stellen einen Bestandteil ärztlicher Professionalität dar und sind vergleichbar mit kultursensibler oder altersadaptierter Kommunikation.
Technologische und ethische Perspektiven
Neuere Arbeiten diskutieren den Einsatz digitaler Gesundheitsanwendungen und Selbsttracking-Technologien aus queer-feministischer Perspektive. Dabei wird analysiert, inwiefern technologische Systeme implizite Normannahmen reproduzieren oder abbauen können und welche ethischen Anforderungen sich für eine diversitätssensible Gesundheitsversorgung ergeben [4].
Diese Perspektive ist insbesondere für Präventionsprogramme, digitale Therapiebegleitung und personalisierte Medizin von Bedeutung.
Rolle der ärztlichen Kompetenz
Die Qualität der Versorgung queerer Patienten ist nicht an die sexuelle Orientierung oder Identität des behandelnden Arztes gebunden. Vielmehr zeigen qualitative Studien, dass fachliche Kompetenz, Reflexionsfähigkeit und eine nicht-pathologisierende Haltung entscheidend für eine erfolgreiche Versorgung sind [5].
Zusammenfassung
Der Begriff „queer“ besitzt keine diagnostische Bedeutung, ist jedoch für die Beschreibung von Versorgungsrealitäten, Kommunikationsanforderungen und strukturellen Ungleichheiten relevant. Medizinische Aufgabe ist nicht die Kategorisierung von Identitäten, sondern die evidenzbasierte, diskriminierungsfreie und bedarfsgerechte Versorgung unter Berücksichtigung individueller Belastungsfaktoren.
Literatur
- Harvey TD: “We're Here, We're Queer, Get Used to It”: Advancing LGBTQ+ Health Equity. American Journal of Public Health. 2024;114(2):170-172. doi: https://doi.org/10.2105/AJPH.2023.307529
- Dawes HC, Williams DY, et al.: Experiences of Queer People of Color in Mental Health Care and Substance Use Treatment: A Systematic Review. Journal of the Society for Social Work and Research. 2023. doi: https://doi.org/10.1086/721454
- Soled KRS, Clark KD, Altman MR, Bosse J, Thompson RA, Squires A, Sherman ADF: Changing language, changes lives: Learning the lexicon of LGBTQ+ health equity. Research in Nursing & Health. 2022;45(6):621-632. doi: https://doi.org/10.1002/nur.22274
- Ellerich-Groppe N, Ott T, Puzio A, Weigold S, Müller R et al.: Queering healthcare with technology?—Potentials of queer-feminist perspectives on self-tracking-technologies for diversity-sensitive healthcare. Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie. 2025;8:101–122. doi: https://doi.org/10.1007/s42048-024-00203-3
- Breheny K, et al.: Does one have to be queer to care for queer patients? A qualitative study in general practice. Scandinavian Journal of Primary Health Care. 2025. doi: https://doi.org/10.1080/13814788.2025.2567463