Homosexualität

Homosexualität bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der sich die sexuelle und/oder romantische Anziehung überwiegend auf Personen des gleichen Geschlechts richtet. Sie ist als Teil der sexuellen Orientierung von sexuellen Verhaltensweisen und von der sexuellen Identität begrifflich zu unterscheiden. Die moderne Sexualwissenschaft versteht sexuelle Orientierung als ein mehrdimensionales Konstrukt, das Aspekte der sexuellen Anziehung, des sexuellen Verhaltens und der Selbstidentifikation umfasst, die nicht zwingend deckungsgleich sein müssen [1].

Historische und nosologische Einordnung

Homosexualität wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert im Rahmen der entstehenden Sexualwissenschaft zunächst als Abweichung von einer vermeintlichen sexuellen Norm diskutiert. Im 20. Jahrhundert erfolgte eine zeitweise Pathologisierung, insbesondere in psychiatrischen Klassifikationssystemen. Diese wurde schrittweise zurückgenommen, nachdem empirische Forschung keine Hinweise auf einen Krankheitswert homosexueller Orientierung ergab [1].

Mit der Weiterentwicklung psychiatrischer Klassifikationen wurde Homosexualität vollständig aus den Krankheitskategorien entfernt. Die aktuellen Klassifikationssysteme (ICD-11) führen sexuelle Orientierung nicht als psychische Störung, sondern betrachten sie als normale Variante menschlicher Sexualität [14].

Epidemiologie und Prävalenz

Die Erfassung der Häufigkeit homosexueller Orientierung ist methodisch anspruchsvoll, da sich Prävalenzangaben je nach Erhebungsmethode (Anziehung, Verhalten oder Identität) deutlich unterscheiden. Bevölkerungsbasierte Studien zeigen, dass gleichgeschlechtliches Verhalten, gleichgeschlechtliche Anziehung und eine homosexuelle Identität jeweils unterschiedliche, sich teilweise überlappende Gruppen beschreiben [1].

Aktuelle Kohortenstudien weisen zudem darauf hin, dass insbesondere in jüngeren Generationen eine größere Offenheit in der Selbstidentifikation besteht und die berichtete Prävalenz nicht-heterosexueller Orientierungen alters- und kohortenabhängig variiert [5, 6].

Entwicklung sexueller Orientierung

Die Entwicklung der sexuellen Orientierung ist ein langfristiger Prozess, der bereits früh beginnt und sich über Kindheit, Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter erstreckt. Längsschnittliche Untersuchungen zeigen, dass insbesondere die Selbstbezeichnung der sexuellen Orientierung in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter eine gewisse Dynamik aufweisen kann, ohne dass dies zwangsläufig mit einer grundlegenden Veränderung sexueller Anziehung einhergeht [4, 5].

Studien zur frühen Adoleszenz belegen altersabhängige Trends in der Selbstidentifikation und verdeutlichen, dass kognitive Entwicklung, soziale Kontexte und sprachliche Verfügbarkeit von Identitätskategorien einen wesentlichen Einfluss auf die Selbstauskunft haben [6].

Biologische und genetische Einflussfaktoren

Die Entstehung homosexueller Orientierung wird heute als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, genetischer und psychosozialer Faktoren verstanden. Ein monokausales Erklärungsmodell gilt als widerlegt [1, 3].

Groß angelegte genomweite Assoziationsstudien zeigen, dass homosexuelles Verhalten mit einer Vielzahl genetischer Varianten assoziiert ist, deren jeweiliger Effekt jedoch gering ist. Die genetische Architektur ist hochgradig polygen, sodass weder ein einzelnes „Homosexualitätsgen“ existiert noch eine genetische Vorhersage individueller sexueller Orientierung möglich ist [2, 3].

Neuroentwicklung und Geschlechtsrollenverhalten

Untersuchungen zu geschlechtsrollen-nonkonformem Verhalten in Kindheit und Jugend zeigen statistische Zusammenhänge mit späterer sexueller Orientierung, erlauben jedoch keine individuelle Prognose. Diese Befunde unterstreichen, dass geschlechtsbezogenes Verhalten nicht mit sexueller Orientierung gleichzusetzen ist und keine diagnostische Aussagekraft besitzt [8].

Soziale Kontexte, Diskriminierung und Gesundheit

Zahlreiche Studien belegen, dass homosexuelle und andere nicht-heterosexuelle Personen häufiger Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind, die bereits in der frühen Adoleszenz beginnen können. Solche Erfahrungen stehen in Zusammenhang mit erhöhten psychosozialen Belastungen, ohne dass diese Belastungen der sexuellen Orientierung selbst zuzuschreiben sind [7].

Prävention, Schule und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Schulische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen eine zentrale Rolle für das psychosoziale Wohlbefinden homosexueller Jugendlicher. Evidenzbasierte, universelle Interventionen zur Förderung von Akzeptanz und Inklusion zeigen positive Effekte auf das soziale Klima und können Diskriminierung und deren gesundheitliche Folgen reduzieren [9].

Konversions- und Sexualorientierungsänderungsversuche

Sogenannte Sexual Orientation Change Efforts (SOCE), häufig auch als Konversions- oder Umpolungstherapien bezeichnet, zielen darauf ab, die sexuelle Orientierung einer Person zu verändern. Systematische Reviews zeigen, dass für die Wirksamkeit solcher Maßnahmen keine wissenschaftliche Evidenz besteht, während gleichzeitig relevante Risiken für psychische Gesundheit dokumentiert sind [10].

Empirische Studien berichten Zusammenhänge zwischen der Exposition gegenüber solchen Maßnahmen und erhöhten Raten psychischer Belastungen, depressiver Symptome und suizidaler Gedanken. Diese Befunde gelten als wesentliche Grundlage für gesetzliche Verbote und klare ablehnende Positionen medizinischer Fachgesellschaften [11-13].

Zusammenfassende Bewertung

Homosexualität ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft eine normale Variante menschlicher Sexualität. Sie stellt weder eine Krankheit noch eine Entwicklungsstörung dar. Die moderne medizinische und psychologische Forschung beschreibt sexuelle Orientierung als multidimensional, entwicklungsabhängig und biologisch wie psychosozial mitbedingt. Zentrale Herausforderungen liegen nicht in der sexuellen Orientierung selbst, sondern in den sozialen Rahmenbedingungen, insbesondere in Diskriminierung, Stigmatisierung und fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz [1-14].

Autoren:  Dr. med. W. G. Gehring, Prof. Dr. med. G. Grospietsch

Literatur

  1. Bailey JM, Vasey PL, Diamond LM, Breedlove SM, Vilain E, Epprecht M. Sexual Orientation, Controversy, and Science. Psychol Sci Public Interest. 2016;17(2):45-101. doi: https://doi.org/10.1177/1529100616637616
  2. Ganna A, Verweij KJH, Nivard MG, et al. Large-scale GWAS reveals insights into the genetic architecture of same-sex sexual behavior. Science. 2019;365(6456):eaat7693. doi: https://doi.org/10.1126/science.aat7693
  3. Jordan B. [End of the road for the « homosexuality gene »]. Med Sci (Paris). 2020;36(2):181-184. doi: https://doi.org/10.1051/medsci/2020013
  4. Katz-Wise SL, Todd KP. The current state of sexual fluidity research. Curr Opin Psychol. 2022;48:101497. doi: https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2022.101497
  5. Ranker LR, Korkodilos R, Conti J, Nelson KM, Xuan Z, Gordon AR, et al. One-in-ten adolescents and young adults report changes in their sexual orientation identity over 2-month follow-up: Results from a longitudinal cohort study. Psychol Sex Orientat Gend Divers. 2025. doi: https://doi.org/10.1037/sgd0000782
  6. Nagata JM, Otmar CD, Lopez A, Kim AE, Sui SS, Li K, et al. Age-Related Trends in Self-Identification of Sexual Orientation During Early Adolescence. J Adolesc Health. 2025. doi: https://doi.org/10.1016/j.jadohealth.2025.07.001
  7. Nagata JM, Wong JH, Helmer CK, Domingue SK, Shim JE, Al-Shoaibi A, et al. Sexual Orientation Discrimination in Early Adolescents. JAMA Netw Open. 2024;7(10):e2437985. doi: https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.37985
  8. Marino JL, Lin A, Davies C, Kang M, Bista S, Skinner SR. Childhood and Adolescence Gender Role Nonconformity and Gender and Sexuality Diversity in Young Adulthood. JAMA Pediatr. 2023;177(11):1176-1186. doi: https://doi.org/10.1001/jamapediatrics.2023.3873
  9. Schlief M, Stefanidou T, Wright T, Levy G, Pitman A, Lewis G, et al. A rapid realist review of universal interventions to promote inclusivity and acceptance of diverse sexual and gender identities in schools. Nat Hum Behav. 2023;7:556-567. doi: https://doi.org/10.1038/s41562-023-01521-z
  10. Przeworski A, Peterson EK. A systematic review of the efficacy, harmful effects, and ethical issues related to sexual orientation change efforts. Clin Psychol Sci Pract. 2020. doi: https://doi.org/10.1111/cpsp.12377
  11. Salway T, Jollimore J, Gesink D, Ferlatte O, Lachowsky NJ, Hawkins BW, et al. Prevalence of Exposure to Sexual Orientation Change Efforts and Associated Sociodemographic Characteristics and Psychosocial Health Outcomes among Canadian Sexual Minority Men. Can J Psychiatry. 2020;65(7):502-509. doi: https://doi.org/10.1177/0706743720902629
  12. Salway T, Ferlatte O, Gesink D, Lachowsky NJ, Hawkins BW, et al. Experiences with sexual orientation and gender identity and expression conversion practices among sexual and gender minority men in Canada. PLoS One. 2021;16(6):e0252539. doi: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0252539
  13. Turban JL, Beckwith N, Reisner SL, Keuroghlian AS. Association Between Recalled Exposure to Gender Identity Conversion Efforts and Psychological Distress and Suicide Attempts Among Transgender Adults. JAMA Psychiatry. 2020;77(1):68-76. doi: https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2019.2285
  14. Reed GM, First MB, Kogan CS, et al. Innovations and changes in the ICD-11 classification of mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. World Psychiatry. 2019;18(1):3-19. doi: https://doi.org/10.1002/wps.20611