Schwangerschaft und Kohlenhydratstoffwechsel

Der maternale Kohlenhydratstoffwechsel (Kohlenhydratstoffwechsel der Mutter) verändert sich während der Schwangerschaft dynamisch, um die kontinuierliche Versorgung des fetoplazentaren Systems (Versorgungseinheit aus Mutterkuchen und ungeborenem Kind) mit Glucose sicherzustellen. Während in der Frühschwangerschaft überwiegend anabole Stoffwechselprozesse (aufbauende Stoffwechselvorgänge) vorherrschen, entwickelt sich im weiteren Gestationsverlauf (Verlauf der Schwangerschaft) eine zunehmende physiologische Insulinresistenz (natürliche verminderte Wirkung des Insulins) mit kompensatorisch gesteigerter Insulinsekretion (ausgleichend erhöhter Insulinausschüttung). Reicht die funktionelle Reserve der pankreatischen β-Zellen (insulinbildende Zellen der Bauchspeicheldrüse) für diese Anpassung nicht aus, kann ein Gestationsdiabetes mellitus (Schwangerschaftsdiabetes) entstehen [1, 2].

Glucose ist ein zentraler Energieträger für Plazenta (Mutterkuchen) und Fetus (ungeborenes Kind). Sie stellt jedoch nicht das einzige fetale Energiesubstrat (Energieträger des ungeborenen Kindes) dar. Abhängig von Gestationsalter, Ernährungszustand und maternaler Stoffwechsellage werden auch Lactat, Aminosäuren (Eiweißbausteine), Fettsäuren (Bestandteile von Fetten) und Ketonkörper (Stoffwechselprodukte des Fettabbaus) genutzt [3]. Eine allgemeingültige Aussage, nach der Glucose exakt 90 % des fetalen Energiebedarfs deckt, ist nicht ausreichend belegt.

Physiologische Phasen des maternalen Kohlenhydratstoffwechsels

Die Stoffwechselanpassungen lassen sich vereinfachend in eine überwiegend anabole Frühphase (aufbauende frühe Stoffwechselphase) und eine zunehmend insulinresistente und katabole Spätphase (späte Stoffwechselphase mit verminderter Insulinwirkung und Abbauvorgängen) einteilen. Der Übergang erfolgt kontinuierlich und variiert interindividuell [1, 2].

Stoffwechselparameter Frühschwangerschaft Fortgeschrittene Schwangerschaft
Insulinsensitivität (Empfindlichkeit gegenüber Insulin) häufig erhalten oder vorübergehend gesteigert zunehmend vermindert
Insulinsekretion bereits zunehmend deutlich kompensatorisch gesteigert
Nüchternglucose tendenziell niedriger als außerhalb der Schwangerschaft häufig weiterhin relativ niedrig
Postprandiale Glucose meist nur gering verändert höhere oder länger anhaltende Glucoseexkursionen möglich
Energiespeicherung vermehrter Aufbau maternaler Fett- und Glykogenspeicher (Speicher für Glucose) zunehmende Mobilisierung maternaler Fettreserven
Lipolyse (Fettabbau) und Ketogenese (Bildung von Ketonkörpern) geringer ausgeprägt insbesondere bei Nahrungskarenz (Verzicht auf Nahrungsaufnahme) deutlich gesteigert

Frühschwangerschaft: überwiegend anabole Stoffwechsellage

In der Frühschwangerschaft ist die Insulinsensitivität häufig erhalten oder vorübergehend gesteigert. Gleichzeitig nimmt die glucoseabhängige Insulinsekretion zu. Dadurch werden die Aufnahme von Nährstoffen und der Aufbau maternaler Fett- und Glykogenspeicher gefördert, die im späteren Schwangerschaftsverlauf als Energiereserven zur Verfügung stehen [1, 2].

Die Nüchternglucose fällt häufig bereits im ersten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) geringfügig ab. Hierzu tragen die kontinuierliche fetoplazentare Glucoseaufnahme, Veränderungen des maternalen Verteilungsvolumens und eine veränderte hepatische Glucoseregulation (Steuerung der Glucose durch die Leber) bei. Eine geringfügig niedrigere Nüchternglucose stellt bei einer asymptomatischen Schwangeren daher nicht automatisch eine pathologische Hypoglykämie (krankhafte Unterzuckerung) dar [1].

Gesichert ist eine funktionelle Steigerung der β-Zell-Antwort (Reaktion der insulinbildenden Zellen) auf Glucose. Eine deutliche Expansion der β-Zell-Masse (Gesamtmenge der insulinbildenden Zellen) ist vor allem tierexperimentell nachgewiesen. Beim Menschen sind Ausmaß und Mechanismen einer tatsächlichen Zunahme der β-Zell-Masse weniger eindeutig geklärt [2]. Die pauschale Aussage, die Funktion sämtlicher endokriner Organe (hormonbildender Organe) sei in der Frühschwangerschaft gesteigert und verursache einen generellen Hyperinsulinismus (erhöhte Insulinspiegel), ist nicht ausreichend präzise.

Fortgeschrittene Schwangerschaft: physiologische Insulinresistenz

Im zweiten und insbesondere im dritten Trimenon nimmt die maternale Insulinsensitivität deutlich ab. Die hierdurch begrenzte Glucoseaufnahme in insulinabhängige maternale Gewebe (insulinabhängige Gewebe der Mutter) erhöht die Verfügbarkeit von Glucose für das fetoplazentare System. Gleichzeitig nehmen die maternale Lipolyse und die Nutzung freier Fettsäuren als Energiesubstrat zu [1].

An der Entwicklung der Insulinresistenz sind mehrere endokrine und metabolische Faktoren beteiligt:

  • Plazentares Wachstumshormon (Wachstumshormon des Mutterkuchens) und humanes Plazentalaktogen (Hormon des Mutterkuchens): Beeinflussung der Insulinsignalwege (Signalwege des Insulins) und der maternalen Substratnutzung (Nutzung von Energieträgern durch die Mutter)
  • Estrogene (weibliche Geschlechtshormone) und Progesteron (Gelbkörperhormon): Beteiligung an der metabolischen Adaptation (Anpassung des Stoffwechsels) und β-Zell-Regulation
  • Cortisol (Stresshormon) und Prolaktin (milchbildungsförderndes Hormon): Unterstützung kontrainsulinärer und insulinsekretorischer Anpassungen (Anpassungen der Insulingegenspieler und Insulinausschüttung)
  • Adipokine (Botenstoffe des Fettgewebes): Veränderungen von Adiponectin, Leptin und weiteren Signalstoffen
  • Entzündungsmediatoren (Botenstoffe der Entzündung): Beteiligung proinflammatorischer Signalwege (entzündungsfördernder Signalwege), darunter Tumornekrosefaktor-α (entzündungsfördernder Botenstoff)
  • Maternale Ausgangsfaktoren: präkonzeptionelle Adipositas (starkes Übergewicht vor der Schwangerschaft), vorbestehende Insulinresistenz, genetische Prädisposition (erbliche Veranlagung) und übermäßige Gewichtszunahme

Die physiologische Insulinresistenz ist somit nicht ausschließlich auf humanes Plazentalaktogen zurückzuführen. Ebenso ist ein beschleunigter Abbau des Insulins nicht der zentrale Mechanismus der im Gestationsverlauf abnehmenden Glucosetoleranz (Fähigkeit zur Verarbeitung von Glucose) [1, 10].

β-Zell-Kompensation und Gestationsdiabetes mellitus

Bei stoffwechselgesunden Schwangeren wird die abnehmende Insulinwirkung durch eine gesteigerte glucoseabhängige Insulinsekretion kompensiert. Ein Gestationsdiabetes mellitus entsteht, wenn die funktionelle Reserve der pankreatischen β-Zellen nicht ausreicht, um die schwangerschaftsbedingte Insulinresistenz auszugleichen [1, 2].

Die Pathophysiologie (krankhafte Funktionsabläufe) ist heterogen. Bei einem Teil der Schwangeren besteht bereits präkonzeptionell eine Insulinresistenz, die durch die Schwangerschaft verstärkt wird. Bei anderen Schwangeren steht eine primäre, genetisch mitbedingte oder erworbene Einschränkung der β-Zell-Funktion im Vordergrund. Gestationsdiabetes ist daher kein einheitlicher Stoffwechselphänotyp (Erscheinungsform der Stoffwechselstörung).

Die HAPO-Studie zeigte eine kontinuierliche Beziehung zwischen maternalen Glucosewerten und ungünstigen Schwangerschaftsausgängen. Bereits Glucosewerte unterhalb der Schwellen eines manifesten Diabetes waren graduell mit einem höheren Geburtsgewicht, erhöhtem Nabelschnur-C-Peptid, neonataler Hypoglykämie und einer höheren Sectiorate (Anteil der Kaiserschnittgeburten) assoziiert. Eine eindeutige biologische Schwelle, unterhalb derer kein Risikoanstieg bestand, ließ sich nicht feststellen [4].

Fetoplazentarer Glucosetransport

Glucose wird überwiegend durch erleichterte Diffusion (passiver Transport entlang eines Konzentrationsunterschieds) über Glucosetransporter (Transporteiweiße für Glucose) durch die Plazenta transportiert. GLUT1 ist der quantitativ wichtigste Glucosetransporter des Synzytiotrophoblasten (äußere Zellschicht des Mutterkuchens). Die Transportleistung wird durch den maternalen-fetalen Konzentrationsgradienten (Konzentrationsunterschied zwischen Mutter und ungeborenem Kind), die Plazentadurchblutung (Blutversorgung des Mutterkuchens), die verfügbare Austauschfläche, die Transporterkapazität und den Eigenverbrauch der Plazenta beeinflusst [3].

Die Plazenta ist kein passives Transportorgan. Sie verbraucht selbst Glucose, bildet Lactat und kann begrenzte Mengen Glykogen speichern. Der Anteil der von der Plazenta metabolisierten Glucose variiert mit Gestationsalter, Plazentagröße, Durchblutung und Stoffwechselsituation. Eine allgemeingültige Angabe, nach der die Plazenta stets 40 % der maternalen Kohlenhydrate verbraucht, ist daher nicht gerechtfertigt [3].

Die fetale Glucosekonzentration liegt im Regelfall unterhalb der maternalen Konzentration. Der Konzentrationsabstand ist jedoch nicht konstant und kann nicht allgemeingültig mit 25-30 % angegeben werden. Änderungen der maternalen Glucosekonzentration beeinflussen zeitnah die fetale Glucoseexposition (Glucosebelastung des ungeborenen Kindes) [3].

Maternales Insulin passiert die Plazenta nicht in klinisch relevanter Menge. Maternale Glucose gelangt dagegen zum Fetus und stimuliert dort die fetale Insulinsekretion. Eine chronisch erhöhte maternale Glucoseexposition kann deshalb zu fetaler Hyperinsulinämie (erhöhte Insulinspiegel des ungeborenen Kindes), gesteigerter Lipogenese (Fettneubildung), überproportionalem Wachstum des fetalen Abdomens (Bauch des ungeborenen Kindes) und einem erhöhten Risiko für Large for Gestational Age und Makrosomie (übermäßiges Geburtsgewicht) führen [3, 4].

Die fetalen Glykogenspeicher nehmen insbesondere gegen Ende der Schwangerschaft zu. Sie gewährleisten jedoch keine vollständige Unabhängigkeit von der maternalen Substratversorgung (Versorgung mit Energieträgern durch die Mutter). Aus dem Vorhandensein fetaler Glykogenspeicher kann nicht abgeleitet werden, dass länger anhaltende maternale Hypoglykämien oder Ketosen (Stoffwechsellagen mit vermehrter Ketonkörperbildung) grundsätzlich ohne fetale Auswirkungen bleiben.

Maternale Nüchternglucose und postprandiale Glucose

Die physiologisch niedrigere Nüchternglucose steht einer im fortgeschrittenen Gestationsverlauf häufig verzögerten Glucoseclearance (Entfernung von Glucose aus dem Blut) nach Mahlzeiten gegenüber. Postprandiale Glucosekonzentrationen können dadurch höher ansteigen oder länger erhöht bleiben als in der Frühschwangerschaft. Diese Kombination aus relativ niedriger Nüchternglucose und zunehmender postprandialer Glucoseexposition ist ein charakteristisches Merkmal der metabolischen Schwangerschaftsanpassung [1].

Die renale Glucoseschwelle (Nierenschwelle für die Ausscheidung von Glucose) kann während der Schwangerschaft absinken. Eine Glucosurie (Glucose im Urin) kann deshalb auch ohne pathologische Hyperglykämie (krankhafte Überzuckerung) auftreten. Umgekehrt schließt eine fehlende Glucosurie einen Gestationsdiabetes nicht aus. Die Uringlucose ist daher nicht als zuverlässiges Screeningverfahren für den Gestationsdiabetes geeignet [LL3, LL4].

Nahrungskarenz und beschleunigte Ketogenese

Schwangere wechseln während einer Nahrungskarenz schneller von der Glucoseoxidation (Verwertung von Glucose zur Energiegewinnung) zur Lipolyse und Ketogenese als nicht schwangere Frauen. Dieses als „accelerated starvation“ bezeichnete Phänomen ist in der fortgeschrittenen Schwangerschaft besonders ausgeprägt. Bereits nach einer nächtlichen Nahrungskarenz können niedrigere Glucosewerte und höhere Konzentrationen freier Fettsäuren und Ketonkörper auftreten [5].

Eine geringe vorübergehende Ketonkörperbildung kann physiologisch vorkommen. Ketonkörper passieren jedoch die Plazenta. Die verfügbaren Studien zu maternalen Ketonkörpern und kindlichen neurologischen oder metabolischen Langzeitfolgen sind heterogen und methodisch begrenzt. Ein zuverlässig unbedenklicher Schwellenwert für eine länger anhaltende maternale Ketonämie (erhöhte Ketonkörper im Blut) ist nicht definiert [5].

Eine ausgeprägte Ketonämie, eine metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes) oder eine entsprechende klinische Symptomatik (Beschwerden und Krankheitszeichen) dürfen nicht als normale Schwangerschaftsanpassung bewertet werden. Besondere Risikosituationen sind:

  • Hyperemesis gravidarum (übermäßiges Schwangerschaftserbrechen): unzureichende Energie- und Kohlenhydratzufuhr bei gleichzeitig erhöhtem Flüssigkeitsverlust
  • Längere Nahrungskarenz: beschleunigte Lipolyse und Ketogenese
  • Diabetes mellitus: Risiko einer diabetischen Ketoazidose (diabetesbedingte Übersäuerung des Blutes) auch bei vergleichsweise moderaten Glucosewerten
  • Infektionen und interkurrente Erkrankungen (zusätzlich auftretende Erkrankungen): gesteigerte Ausschüttung kontrainsulinärer Hormone (Hormone mit Gegenspielerwirkung zum Insulin)
  • Glucocorticoidtherapie (Behandlung mit Kortisonpräparaten): Zunahme von Insulinresistenz und hepatischer Glucoseproduktion
  • Ausgeprägte Kohlenhydratrestriktion (Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr): verstärkte Ketonbildung bei möglicherweise unzureichender Gesamtenergiezufuhr

Bei Übelkeit, anhaltendem Erbrechen, abdominalen Beschwerden, Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Exsikkose (Austrocknung), Gewichtsverlust oder Diabetes mellitus müssen Ketonkörper und Säure-Basen-Status situationsgerecht kontrolliert werden.

Kohlenhydratbedarf in der Schwangerschaft

Eine allgemeingültige Empfehlung von 320-380 g Kohlenhydraten täglich ist nicht evidenzbasiert. Der individuelle Bedarf hängt von Gesamtenergiebedarf, Körpergewicht, körperlicher Aktivität, Gestationsalter, Glucosetoleranz, Ernährungsform und klinischer Situation ab.

Die international verwendete Dietary Reference Intake und die American Diabetes Association nennen für Schwangere eine Mindestzufuhr von 175 g Kohlenhydraten täglich. Zusätzlich werden mindestens 28 g Ballaststoffe täglich genannt [LL2]. Die Kohlenhydratmenge von 175 g wurde überwiegend aus physiologischen Berechnungen des maternalen und fetalen Glucosebedarfs einschließlich eines Sicherheitszuschlags abgeleitet. Sie ist keine durch randomisierte Endpunktstudien bestätigte biologische Schwelle.

Der systematische AHRQ-Review von 2025 identifizierte nur wenige geeignete Studien zur Kohlenhydratzufuhr in der Schwangerschaft. Für Unterschiede des Geburtsgewichts und der gestationalen Gewichtszunahme (Gewichtszunahme während der Schwangerschaft) bestand lediglich eine geringe Evidenzstärke; für zahlreiche weitere maternale und kindliche Endpunkte war die Evidenz unzureichend. Die optimale exakte Kohlenhydratmenge kann daher derzeit nicht evidenzbasiert festgelegt werden [6].

Die DDG-Praxisempfehlung 2025 nennt für den Gestationsdiabetes einen Kohlenhydratanteil von 40-50 % der Gesamtenergiezufuhr und empfiehlt, 40 % der Gesamtenergie bzw. 116 g Kohlenhydrate täglich nicht zu unterschreiten [LL3]. Diese Angabe weicht von der internationalen Referenz von 175 g täglich ab. Die Untergrenze von 116 g ist nicht durch Studien validiert, die eine langfristige maternale und fetale Sicherheit dieser Zufuhrmenge nachweisen.

Aufgrund der unterschiedlichen Empfehlungen und der begrenzten Evidenz kann aus der DDG-Angabe keine allgemeine Empfehlung abgeleitet werden, die Kohlenhydratzufuhr regelhaft unter 175 g täglich zu reduzieren. Eine niedrigere Zufuhr erfordert eine individuelle ernährungsmedizinische und diabetologische Beurteilung unter Berücksichtigung von Gesamtenergiezufuhr, Ketonkörperbildung, maternaler Gewichtsentwicklung, Glucoseprofil und fetalem Wachstum [6, LL2, LL3].

Kohlenhydratqualität

Für die metabolische Wirkung ist neben der Kohlenhydratmenge insbesondere die Qualität der kohlenhydrathaltigen Lebensmittel relevant. Bevorzugt werden sollten möglichst wenig verarbeitete, ballaststoff- und nährstoffreiche Lebensmittel:

  • Vollkornprodukte: z. B. Vollkornbrot, Hafer, Gerste und Vollkornreis
  • Hülsenfrüchte: z. B. Linsen, Bohnen, Erbsen und Kichererbsen
  • Gemüse: vielfältige, ballaststoffreiche Gemüsesorten
  • Obst: vorzugsweise ganze Früchte anstelle von Fruchtsäften oder Smoothies
  • Milch und ungesüßte Milchprodukte: entsprechend der individuellen Verträglichkeit
  • Nüsse und Samen: als Bestandteil ausgewogener Mahlzeiten

Begrenzt werden sollten insbesondere zuckergesüßte Getränke, größere Mengen Fruchtsaft, Süßwaren, stark raffinierte Getreideprodukte und hochverarbeitete Lebensmittel mit hoher Energiedichte und geringer Nährstoffdichte [LL1, LL2].

Glykämischer Index (Maß für den Blutzuckeranstieg) und glykämische Last (Maß für den Blutzuckereinfluss einer üblichen Portion)

Der glykämische Index beschreibt die Glucosewirkung einer standardisierten Menge verfügbarer Kohlenhydrate eines Lebensmittels. Die glykämische Last berücksichtigt zusätzlich die tatsächlich verzehrte Kohlenhydratmenge. Beide Konzepte können die Lebensmittelauswahl unterstützen, bilden die Stoffwechselwirkung gemischter Mahlzeiten jedoch nur unvollständig ab.

Die postprandiale Glucoseantwort (Blutzuckerreaktion nach einer Mahlzeit) wird zusätzlich beeinflusst durch:

  • Verarbeitungsgrad: fein vermahlene und stark aufgeschlossene Stärke wird meist schneller resorbiert.
  • Ballaststoffgehalt: insbesondere lösliche und visköse Ballaststoffe können die Glucoseresorption (Aufnahme von Glucose aus dem Darm) verlangsamen.
  • Mahlzeitenzusammensetzung: Protein, Fett und Ballaststoffe beeinflussen Magenentleerung (Weiterleitung des Mageninhalts in den Darm) und Glucoseanstieg.
  • Zubereitung: Gargrad, Zerkleinerung, Abkühlung und erneutes Erwärmen verändern die Verfügbarkeit von Stärke.
  • Individuelle Stoffwechselreaktion: identische Mahlzeiten können interindividuell unterschiedliche Glucoseantworten hervorrufen.

Eine Ernährung mit niedrigerer glykämischer Last kann bei einzelnen Schwangeren mit Gestationsdiabetes die postprandiale Glucosekontrolle unterstützen. Meta-Analysen zeigen jedoch keine konsistente Überlegenheit einer einzelnen kohlenhydratmodifizierten Kostform für alle maternalen und neonatalen Endpunkte. Die Ergebnisse werden durch Unterschiede der Interventionen, Kontrollkostformen, Energiezufuhr und Studienqualität begrenzt [7, 8].

Ballaststoffe

Eine ballaststoffreiche Ernährung kann die postprandiale Glucoseantwort abschwächen, die Sättigung verbessern und die Darmfunktion unterstützen. Die Meta-Analyse von Jones et al. ergab Hinweise auf günstigere Nüchtern- und postprandiale Glucosewerte sowie einen geringeren Insulinbedarf bei Frauen mit Diabetes in der Schwangerschaft. Die statistische Heterogenität der eingeschlossenen Studien war jedoch hoch, sodass die Größe des Effekts nicht präzise bestimmt werden kann [9].

Ballaststoffreiche Lebensmittel sollten daher als Bestandteil einer insgesamt ausgewogenen Ernährung bevorzugt werden. Eine isolierte Ballaststoffsupplementierung (Einnahme von Ballaststoffpräparaten) ersetzt keine individuell abgestimmte Ernährungstherapie (Behandlung durch angepasste Ernährung).

Mahlzeitenverteilung

Eine Verteilung der Kohlenhydrate über mehrere Mahlzeiten kann bei Gestationsdiabetes ausgeprägte postprandiale Glucoseanstiege vermindern. Die DDG-Praxisempfehlung nennt drei nicht zu große Hauptmahlzeiten und zwei bis drei kleinere Zwischenmahlzeiten einschließlich einer möglichen Spätmahlzeit [LL3]. Für die Überlegenheit genau dieser Mahlzeitenfrequenz besteht jedoch keine ausreichende Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien.

Die Mahlzeitenverteilung sollte individuell angepasst werden an:

  • Glucoseprofil: Nüchternwerte und postprandiale Glucoseverläufe
  • Gesamtenergiebedarf: Vermeidung von Unter- und Überversorgung
  • Tagesrhythmus: Arbeitszeiten, Schlafrhythmus und körperliche Aktivität
  • Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden): Übelkeit, Reflux (Rückfluss von Mageninhalt) oder Hyperemesis gravidarum
  • Diabetestherapie (Behandlung des Diabetes): Abstimmung auf eine mögliche Insulintherapie (Behandlung mit Insulin)
  • Schwangerschaftsverlauf: maternale Gewichtsentwicklung und fetales Wachstum

Ein generelles Frühstücksgebot oder Frühstücksverbot lässt sich aus der Evidenz nicht ableiten. Ebenso ist nicht belegt, dass das einmalige Auslassen des Frühstücks bei jeder stoffwechselgesunden Schwangeren relevante fetale Schäden verursacht. Wiederholte längere Nahrungskarenzen, eine unzureichende Gesamtenergiezufuhr und eine ausgeprägte Ketogenese sollten jedoch vermieden werden.

Sehr kohlenhydratarme und ketogene Ernährung (Ernährung mit sehr wenig Kohlenhydraten und vermehrter Ketonkörperbildung)

Für eine ketogene Ernährung während der Schwangerschaft fehlen belastbare Daten zur maternalen und fetalen Kurz- und Langzeitsicherheit. Schwangere wurden aus den meisten randomisierten Studien ketogener Kostformen ausgeschlossen. Eine routinemäßige ketogene Ernährung kann deshalb nicht empfohlen werden [5, LL2].

Mögliche Risiken einer ausgeprägten Kohlenhydratrestriktion sind:

  • Unzureichende Energiezufuhr: Risiko einer inadäquaten maternalen Gewichtsentwicklung
  • Verstärkte Ketonämie: insbesondere bei längeren Nüchternphasen oder interkurrenten Erkrankungen
  • Geringe Ballaststoffzufuhr: abhängig von der konkreten Lebensmittelauswahl
  • Unzureichende Mikronährstoffzufuhr: bei Ausschluss größerer Lebensmittelgruppen
  • Hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren: bei ungünstiger Auswahl tierischer Fettquellen
  • Erschwerte Diabetesbehandlung: insbesondere bei Insulinmangel und erhöhter Ketogenese

Bei Gestationsdiabetes ist das therapeutische Ziel nicht eine maximal mögliche Kohlenhydratrestriktion, sondern eine normnahe Glucoseeinstellung bei ausreichender Energie-, Protein-, Ballaststoff- und Mikronährstoffzufuhr ohne relevante Hypoglykämie oder Ketose. Werden die Glucoseziele trotz fachgerecht umgesetzter Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen nicht erreicht, ist eine indizierte medikamentöse Therapie (Behandlung mit Arzneimitteln) einer weiteren inadäquaten Einschränkung der Nahrungszufuhr vorzuziehen [LL1, LL2, LL3].

Mikronährstoffe und Glucosestoffwechsel

Ein Mangel an Magnesium, Kalium, Pyridoxin oder Chrom ist keine anerkannte regelhafte Ursache einer maternalen Hyperglykämie. 

Mikronährstoffdefizite (Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen) können bei einseitiger Ernährung, Hyperemesis gravidarum, Malabsorption (unzureichende Nährstoffaufnahme im Darm), bariatrischer Voroperation (vorausgegangene Operation zur Gewichtsreduktion) oder erhöhtem Bedarf auftreten. Eine gezielte diagnostische Abklärung und eine indizierte Supplementierung (medizinisch begründete ergänzende Einnahme) sind in diesen Situationen sinnvoll. Die Supplementierung soll bedarfsgerecht dosiert und unter Berücksichtigung möglicher Kontraindikationen (Gegenanzeigen) und Interaktionen (Wechselwirkungen) durchgeführt werden.

Eine Mikronährstoffsupplementierung (ergänzende Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen) ersetzt jedoch weder die Diagnostik noch die leitliniengerechte Therapie eines Gestationsdiabetes. Für eine routinemäßige Chromsupplementierung zur Prävention (Vorbeugung) oder Behandlung des Gestationsdiabetes besteht keine ausreichende Evidenz [LL1, LL2, LL3].

Screening und Diagnose des Gestationsdiabetes in Deutschland

Nach der deutschen Mutterschafts-Richtlinie wird allen Schwangeren zwischen 24+0 und 27+6 Schwangerschaftswochen zunächst ein nicht nüchterner 50-g-Glucose-Suchtest angeboten. Eine Stunde nach Aufnahme der Glucoselösung wird die Glucosekonzentration im venösen Plasma bestimmt [LL4].

Bei einem Wert von mindestens 135 mg/dl und höchstens 200 mg/dl erfolgt zeitnah ein diagnostischer 75-g-oraler-Glucosetoleranztest nach mindestens acht Stunden Nahrungskarenz. Ein Gestationsdiabetes liegt vor, wenn mindestens einer der folgenden Grenzwerte erreicht oder überschritten wird [LL3, LL4]:

Messzeitpunkt Grenzwert in mg/dl Grenzwert in mmol/l
Nüchtern ≥ 92 ≥ 5,1
Nach 1 Stunde ≥ 180 ≥ 10,0
Nach 2 Stunden ≥ 153 ≥ 8,5

Die Messung muss aus venösem Plasma mit standardgerechter, qualitätsgesicherter Methodik erfolgen. Der 50-g-Suchtest ist ein Screeningtest und erlaubt für sich allein keine Diagnose eines Gestationsdiabetes [LL4].

Ernährungsmedizinische Konsequenzen

  • Energiezufuhr bedarfsgerecht festlegen: präkonzeptionellen Body-Mass-Index, Gestationsalter, Gewichtsentwicklung und körperliche Aktivität berücksichtigen.
  • Kohlenhydratmenge individualisieren: keine pauschale Vorgabe von 320-380 g täglich verwenden.
  • Internationale Mindestzufuhr berücksichtigen: 175 g Kohlenhydrate täglich bleiben die international etablierte Referenz; Abweichungen erfordern eine individuelle Begründung.
  • Kohlenhydratqualität priorisieren: Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, ganze Früchte und andere ballaststoffreiche Lebensmittel bevorzugen.
  • Zuckergesüßte Getränke begrenzen: auch Fruchtsäfte und Smoothies können erhebliche, rasch verfügbare Kohlenhydratmengen liefern.
  • Mahlzeiten individuell verteilen: Glucoseprofil, Tagesrhythmus, Beschwerden und eine mögliche Insulintherapie berücksichtigen.
  • Längere Nahrungskarenzen vermeiden: insbesondere bei fortgeschrittener Schwangerschaft, Diabetes, Hyperemesis gravidarum oder unzureichender Gewichtsentwicklung.
  • Ketonkörper situationsgerecht kontrollieren: bei Erbrechen, Krankheit, Gewichtsverlust, ausgeprägter Kohlenhydratrestriktion oder klinischem Verdacht auf Ketoazidose.
  • Fetales Wachstum einbeziehen: maternale Glucosewerte und fetale Biometrie gemeinsam beurteilen.
  • Indizierte Therapie nicht durch Unterernährung ersetzen: eine erforderliche medikamentöse Behandlung ist einer übermäßigen Energie- oder Kohlenhydratrestriktion vorzuziehen.

Fazit

Die Schwangerschaft ist durch eine kontrollierte metabolische Umstellung von einer überwiegend anabolen Frühphase zu einer zunehmend insulinresistenten, lipolytischen und ketogenen Spätphase gekennzeichnet. Glucose ist ein zentraler Energieträger des fetoplazentaren Systems, ihr Anteil am fetalen Energieumsatz kann jedoch nicht durch eine universell gültige Prozentzahl beschrieben werden.

Eine pauschale Empfehlung von 320-380 g Kohlenhydraten täglich ist nicht evidenzbasiert. Die internationale Referenz von mindestens 175 g täglich stellt eine sinnvolle Orientierung dar, beruht jedoch vorwiegend auf physiologischen Berechnungen und nicht auf randomisierten Studien zu maternalen und kindlichen Langzeitendpunkten. Die optimale exakte Kohlenhydratmenge ist weiterhin nicht abschließend geklärt.

Für die klinische Praxis sind eine ausreichende Gesamtenergiezufuhr, eine hohe Kohlenhydratqualität, eine angemessene Ballaststoffzufuhr, die individuelle Mahlzeitenverteilung und die Vermeidung einer ausgeprägten Ketogenese entscheidender als eine starre Grammvorgabe. Beim Gestationsdiabetes stehen die qualifizierte Ernährungstherapie, regelmäßige körperliche Aktivität, Glucosekontrolle und bei Bedarf eine rechtzeitig eingeleitete medikamentöse Therapie im Mittelpunkt.

Literatur

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  5. S2e-Leitlinie Diabetes in der Schwangerschaft, 3. Auflage. (AWMF-Registernummer 057-023) November 2021
  6. Koletzko B, Cremer M, Flothkötter M et al.: Ernährung und Lebensstil vor und während der Schwangerschaft – Handlungsempfehlungen des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben. Geburtsh Frauenheilk. 2018;78(12):1262-1282. doi:10.1055/a-0713-1058