Schwangerschaft und Energiebedarf

Der Energiebedarf steigt während der Gravidität (Schwangerschaft) durch den Aufbau fetaler, plazentarer und mütterlicher Gewebe, die Speicherung von Energie sowie die Zunahme des mütterlichen Ruheenergieverbrauchs. Das Ausmaß des tatsächlichen Mehrbedarfs ist jedoch interindividuell sehr unterschiedlich. Es hängt insbesondere vom prägraviden (vor der Schwangerschaft bestehenden) Körpergewicht, von der Körperzusammensetzung, der körperlichen Aktivität und der Gewichtsentwicklung während der Schwangerschaft ab [1-3].

Kernaussage: Nach den 2026 aktualisierten bundesweiten Handlungsempfehlungen ist für die meisten Schwangeren keine gezielte Steigerung der Energiezufuhr erforderlich. Dies gilt besonders für Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft Übergewicht oder Adipositas (Fettleibigkeit) hatten. Die D-A-CH-Zulagen von 250 kcal täglich im 2. Trimester und 500 kcal täglich im 3. Trimester sind bedingte populationsbezogene Richtwerte und keine allgemeingültigen individuellen Zufuhrempfehlungen [LL1, LL2].

Physiologische Grundlagen

Der Gesamtenergieverbrauch setzt sich im Wesentlichen aus dem Ruheenergieverbrauch, dem Energieverbrauch durch körperliche Aktivität und der nahrungsinduzierten Thermogenese (Wärmebildung nach der Nahrungsaufnahme) zusammen. Während der Schwangerschaft kommt der Energieaufwand für den Aufbau und die Speicherung neuer Gewebe hinzu [1-3].

Der zusätzliche Energiebedarf entsteht insbesondere durch:

  • Fetales Wachstum: Aufbau von Organen, Skelett, Muskulatur und Fettgewebe.
  • Plazenta (Mutterkuchen) und Fruchtwasser: Entwicklung und Aufrechterhaltung der fetoplazentaren Versorgungseinheit (Versorgungseinheit aus ungeborenem Kind und Mutterkuchen).
  • Mütterliche Gewebe: Wachstum von Uterus (Gebärmutter) und Brustdrüsengewebe sowie Zunahme des Blut- und Extrazellulärvolumens (Flüssigkeitsmenge außerhalb der Zellen).
  • Erhöhter Ruheenergieverbrauch: Zunahme der kardialen und respiratorischen Arbeit sowie metabolische Aktivität der neu gebildeten Gewebe.
  • Energiespeicherung: Einlagerung von Energie in mütterliches Fettgewebe und in fetale Gewebe.

Der Ruheenergieverbrauch nimmt im Schwangerschaftsverlauf im Allgemeinen zu. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen jedoch eine erhebliche Streuung zwischen den untersuchten Frauen und Studien. Zwischen früher und später Schwangerschaft wurden Zunahmen des Ruheenergieverbrauchs von etwa 93-416 kcal täglich und des Gesamtenergieverbrauchs von etwa 179-682 kcal täglich beschrieben. Die große Spannweite verdeutlicht, dass ein einheitlicher individueller Mehrbedarf aus physiologischen Durchschnittswerten nicht abgeleitet werden kann [2, 3].

Ein Anstieg des Ruheenergieverbrauchs führt nicht zwangsläufig zu einem gleich hohen Anstieg des gesamten Energiebedarfs. Bei vielen Schwangeren nimmt die körperliche Aktivität im Verlauf der Schwangerschaft ab. Der dadurch sinkende Aktivitätsenergieverbrauch kann den erhöhten Ruheenergieverbrauch teilweise oder vollständig kompensieren [LL1].

D-A-CH-Referenzwerte

Die D-A-CH-Referenzwerte nennen für Schwangere folgende Richtwerte für die zusätzliche Energiezufuhr [LL2]:

Schwangerschaftsabschnitt Zusätzliche Energiezufuhr nach D-A-CH Voraussetzungen
1. Trimester Keine zusätzliche Energiezulage Es wird kein gesonderter Richtwert für eine zusätzliche Energiezufuhr angegeben.
2. Trimester 250 kcal täglich Prägravides Normalgewicht, Gewichtszunahme von etwa 12 kg bis zum Ende der Schwangerschaft und unvermindert fortgeführte körperliche Aktivität.
3. Trimester 500 kcal täglich

Diese Werte gelten ausdrücklich nur unter den genannten Voraussetzungen. Sie sind nicht ohne individuelle Prüfung auf Schwangere mit Übergewicht, Adipositas, Untergewicht, verminderter körperlicher Aktivität, Mehrlingsschwangerschaft (Schwangerschaft mit mehreren Kindern) oder relevanten Begleiterkrankungen zu übertragen [LL1, LL2].

Die Gewichtszunahme von etwa 12 kg ist eine Modellannahme für die Ableitung der Energierichtwerte. Sie stellt kein für jede Schwangere anzustrebendes Gewichtsziel dar.

EFSA-Schätzwerte

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit berechnete auf der Grundlage eines durchschnittlichen kumulativen Mehrbedarfs von etwa 320 MJ bzw. 76.530 kcal folgende zusätzliche Energiebedarfe [8]:

Schwangerschaftsabschnitt Zusätzlicher durchschnittlicher Energiebedarf nach EFSA
1. Trimester Etwa 70 kcal täglich
2. Trimester Etwa 260 kcal täglich
3. Trimester Etwa 500 kcal täglich

Auch diese Werte sind populationsbezogene Schätzwerte. Die EFSA weist darauf hin, dass Referenzwerte für den Energiebedarf nur begrenzt zur Beurteilung einzelner Personen geeignet sind und an die jeweilige Zielgruppe, Körpergröße, Körperzusammensetzung und körperliche Aktivität angepasst werden müssen [8].

Aktuelle deutsche Einordnung

Die 2026 aktualisierten bundesweiten Handlungsempfehlungen unterscheiden zwischen dem rechnerischen physiologischen Mehrbedarf und der in der Versorgungspraxis tatsächlich erforderlichen Energiezufuhr. Danach ist für die meisten Schwangeren keine Steigerung der Energiezufuhr notwendig. Dies gilt besonders bei prägravidem Übergewicht oder prägravider Adipositas [LL1].

Diese Empfehlung steht nicht im Widerspruch zu den D-A-CH-Referenzwerten. Die D-A-CH-Zulagen wurden für eine eng definierte Referenzsituation abgeleitet, die nur auf einen Teil der Schwangeren zutrifft. Bei geringerer körperlicher Aktivität, höherem prägraviden Körpergewicht oder bereits ausreichender Energiezufuhr kann eine zusätzliche Energieaufnahme entbehrlich sein [LL1, LL2].

Die verbreitete Empfehlung, während der Schwangerschaft „für zwei zu essen“, ist nicht evidenzbasiert. Eine Verdopplung der Nahrungs- oder Energiezufuhr ist weder physiologisch erforderlich noch mit einer angemessenen Gewichtsentwicklung vereinbar [1, LL1].

Individuelle Einflussfaktoren

Der individuelle Energiebedarf wird beeinflusst durch:

  • Prägravides Körpergewicht und Body-Mass-Index: Frauen mit Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht oder Adipositas benötigen unterschiedliche ernährungsmedizinische Strategien.
  • Körperzusammensetzung: Fettfreie Körpermasse und Fettmasse beeinflussen den Ruheenergieverbrauch und die verfügbaren Energiespeicher.
  • Körperliche Aktivität: Dauer, Intensität und Häufigkeit von Alltagsbewegung, Berufstätigkeit und Sport bestimmen den Aktivitätsenergieverbrauch.
  • Schwangerschaftswoche: Fetales Wachstum und Ruheenergieverbrauch nehmen insbesondere in der zweiten Schwangerschaftshälfte zu.
  • Gewichtsentwicklung: Der longitudinale Gewichtsverlauf liefert Hinweise auf die längerfristige Energiebilanz.
  • Mehrlingsschwangerschaft: Der Energie- und Nährstoffbedarf kann höher sein; robuste universelle trimesterspezifische Kalorienzulagen sind hierfür jedoch nicht etabliert.
  • Alter: Bei schwangeren Jugendlichen können neben dem schwangerschaftsbedingten Bedarf noch Energie- und Nährstoffanforderungen für das eigene Wachstum bestehen.
  • Begleiterkrankungen: Hyperemesis gravidarum (schweres Schwangerschaftserbrechen), Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm), chronisch entzündliche Darmerkrankungen (lang andauernde entzündliche Erkrankungen des Darms), Essstörungen und andere Erkrankungen können die Aufnahme und Verwertung von Energie beeinträchtigen.
  • Zustand nach bariatrischer Operation (Operation zur Behandlung starken Übergewichts): Eine individuelle ernährungsmedizinische Betreuung und Kontrolle der Nährstoffversorgung sind erforderlich.
  • Leistungssport und schwere körperliche Arbeit: Bei überdurchschnittlicher körperlicher Aktivität kann der Energiebedarf deutlich über populationsbezogenen Durchschnittswerten liegen.

Nährstoffdichte statt pauschaler Energieerhöhung

Der Bedarf an mehreren Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Protein steigt während der Schwangerschaft relativ stärker als der Energiebedarf. Eine Ernährung mit hoher Energiedichte, aber geringer Nährstoffdichte kann daher zwar die Energiezufuhr erhöhen, ohne die Nährstoffversorgung ausreichend zu verbessern [LL1, LL2].

Schwangere sollten deshalb bevorzugt Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte auswählen [LL1]:

  • Pflanzliche Lebensmittel: Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Vollkornprodukte.
  • Hochwertige Proteinquellen: Hülsenfrüchte, Milch und Milchprodukte, Eier, Fisch sowie je nach Ernährungsweise Fleisch.
  • Fettquellen: Vorwiegend pflanzliche Öle, Nüsse und Samen sowie geeignete Quellen langkettiger Omega-3-Fettsäuren.
  • Zu begrenzende Lebensmittel: Zuckerhaltige Getränke, Süßwaren, stark verarbeitete Snackprodukte und andere Lebensmittel mit hoher Energiedichte bei geringer Nährstoffdichte.

Wenn eine zusätzliche Energiezufuhr individuell erforderlich ist, sollte sie vorzugsweise über eine zusätzliche nährstoffdichte Mahlzeit oder eine angemessene Vergrößerung ausgewogener Hauptmahlzeiten erfolgen. Eine zusätzliche Energieaufnahme ausschließlich über Süßwaren, zuckerhaltige Getränke oder stark fettreiche Snackprodukte ist ernährungsmedizinisch nicht sinnvoll.

Eine hohe Nährstoffdichte ersetzt nicht die indizierte Supplementierung (gezielte Ergänzung von Nährstoffen). Insbesondere die empfohlenen Supplementierungen von Folsäure und Jod bleiben unabhängig von der Höhe der Energiezufuhr sinnvoll. Weitere Supplementierungen sollen bei entsprechender Indikation, Ernährungsweise oder nachgewiesener Unterversorgung gezielt erfolgen [LL1].

Gewichtsentwicklung als Verlaufsparameter

Die Gewichtsentwicklung ist ein wichtiger klinischer Verlaufsparameter (medizinischer Messwert zur Beurteilung des Verlaufs), jedoch kein direktes Maß für die Energiezufuhr oder die Zunahme des mütterlichen Fettgewebes. Das Schwangerschaftsgewicht umfasst unter anderem Fetus (ungeborenes Kind), Plazenta, Fruchtwasser, Uterus, Brustdrüsengewebe, Blutvolumen, Extrazellulärflüssigkeit (Flüssigkeit außerhalb der Zellen) und mütterliche Energiespeicher.

Nach den aktuellen deutschen Handlungsempfehlungen gelten folgende Orientierungen [LL1]:

  • Prägravides Normalgewicht: Eine Gesamtgewichtszunahme von 10-16 kg gilt als angemessen.
  • Prägravides Übergewicht: Eine geringere Gewichtszunahme als bei normalgewichtigen Frauen ist wünschenswert.
  • Prägravide Adipositas: Die Gewichtszunahme kann unterhalb des Referenzbereichs der National Academy of Medicine von 5-9 kg liegen.
  • Prägravides Untergewicht: Auf eine ausreichende Energie- und Nährstoffversorgung sowie eine ausreichende Gewichtszunahme ist besonders zu achten. Ein allgemeingültiger evidenzbasierter Mindestwert kann derzeit nicht angegeben werden.

Sowohl ein hoher prägravider Body Mass Index als auch eine übermäßige Gewichtszunahme sind mit höheren Risiken für Schwangerschaftskomplikationen assoziiert. Dabei ist das Ausgangsgewicht als eigenständiger Risikofaktor zu berücksichtigen [6, LL1].

Eine gezielt eingeleitete Gewichtsabnahme während der Schwangerschaft wird nicht allgemein empfohlen, da potenzielle Auswirkungen auf das fetale Wachstum und die Nährstoffversorgung nicht zuverlässig ausgeschlossen werden können [LL3]. Bei Adipositas steht daher nicht eine Gewichtsreduktion, sondern eine bedarfsgerechte, nährstoffdichte Ernährung mit Vermeidung einer übermäßigen Gewichtszunahme im Vordergrund.

Ernährungs- und Bewegungsinterventionen

Eine Meta-Analyse von 117 randomisierten kontrollierten Studien mit 34.546 Schwangerschaften zeigte, dass strukturierte ernährungs- und bewegungsbezogene Interventionen die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft im Mittel um etwa 1,15 kg reduzierten. Ferner wurden geringere Risiken für mehrere unerwünschte mütterliche Outcomes beobachtet [5].

Eine weitere systematische Übersichtsarbeit mit Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse bestätigte, dass sowohl Energieaufnahme als auch körperliche Aktivität zur Gewichtsentwicklung während der Schwangerschaft beitragen. Die verfügbaren Daten rechtfertigen jedoch kein einheitliches Kalorienziel für alle Schwangeren [4].

Diese Ergebnisse unterstützen eine strukturierte Beratung zu Ernährungsqualität, Portionsgrößen, körperlicher Aktivität und Gewichtsentwicklung. Sie rechtfertigen keine pauschale Kalorienrestriktion.

Bei fehlenden medizinischen oder geburtshilflichen Kontraindikationen (Gegenanzeigen) sollten Schwangere mindestens 150 Minuten pro Woche moderat körperlich aktiv sein, verteilt auf mehrere Tage. Ausdauertraining sollte durch Kraft- und Beckenbodentraining ergänzt werden [LL1]. Das tatsächliche Aktivitätsniveau ist bei der Beurteilung des Energiebedarfs stets einzubeziehen.

Untergewicht und Unterernährung

Bei prägravidem Untergewicht, klinischer Unterernährung oder unzureichender Gewichtszunahme kann eine gezielte Steigerung der Energie- und Proteinzufuhr angezeigt sein. Zunächst sind mögliche Ursachen wie Hyperemesis gravidarum, Essstörungen, gastrointestinale Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts), Malabsorption, psychosoziale Belastungen oder eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Lebensmitteln abzuklären.

Für unterernährte Populationen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation eine ausgewogene Energie-Protein-Supplementierung, bei der Protein weniger als 25 % des Energiegehalts ausmacht. Diese Intervention kann das Risiko für Totgeburten und für Neugeborene, die für das Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) zu klein sind, reduzieren [7, LL4, LL5].

Diese Empfehlung ist populationsspezifisch und darf nicht auf ausreichend ernährte Schwangere mit regelrechter Gewichtsentwicklung übertragen werden. Eine hochproteinhaltige Supplementierung wird zur Verbesserung mütterlicher und perinataler Outcomes nicht empfohlen [LL5].

Übergewicht und Adipositas

Bei prägravidem Übergewicht oder prägravider Adipositas sollte die Energiezufuhr nicht automatisch erhöht werden. Ziel ist eine bedarfsgerechte Ernährung mit hoher Nährstoffdichte, ausreichender Protein- und Mikronährstoffversorgung sowie Vermeidung einer übermäßigen Gewichtszunahme [LL1].

Der prägravide Body Mass Index allein ist jedoch keine ausreichende Grundlage für eine feste Energiezufuhr. Zusätzlich sind Körperzusammensetzung, körperliche Aktivität, bisherige Gewichtsentwicklung, metabolische Begleiterkrankungen und fetales Wachstum zu berücksichtigen.

Eine restriktive Diät mit dem primären Ziel einer Gewichtsabnahme ist nicht Bestandteil der routinemäßigen Schwangerschaftsbetreuung. Bei ausgeprägter Adipositas ist eine individualisierte ernährungsmedizinische Betreuung sinnvoll.

Weitere besondere Situationen

Populationsbezogene Energiezulagen sind bei folgenden Konstellationen für die individuelle Beurteilung nicht ausreichend:

  • Hyperemesis gravidarum: Risiko für Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Gewichtsverlust, Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze) sowie Energie- und Nährstoffdefizite.
  • Mehrlingsschwangerschaft: Erhöhter Bedarf möglich, jedoch keine ausreichend validierte universelle Kalorienzulage.
  • Essstörungen: Erhöhtes Risiko für unzureichende oder dysregulierte Energiezufuhr.
  • Malabsorption oder chronische gastrointestinale Erkrankung: Eingeschränkte Resorption (Aufnahme aus dem Darm) von Energie und Nährstoffen.
  • Zustand nach bariatrischer Operation: Risiko für Energie-, Protein- und Mikronährstoffdefizite.
  • Auffälliges fetales Wachstum: Die Ernährung ist gemeinsam mit der fetalen Biometrie, der plazentaren Funktion und weiteren klinischen Befunden zu beurteilen.
  • Sehr hohe körperliche Aktivität: Ein überdurchschnittlicher Aktivitätsenergieverbrauch kann eine zusätzliche Energieaufnahme erforderlich machen.

In diesen Situationen ist eine interdisziplinäre Betreuung unter Einbeziehung eines qualifizierten Ernährungsmediziners bzw. einer qualifizierten Ernährungsfachkraft angezeigt.

Bestimmung des individuellen Energiebedarfs

Es existiert keine universell hinreichend genaue Berechnungsformel für den Energiebedarf jeder Schwangeren. Vorhandene Gleichungen können insbesondere bei Adipositas, ungewöhnlicher Körperzusammensetzung oder stark abweichender körperlicher Aktivität erhebliche Schätzfehler aufweisen [1-3].

In der klinischen Praxis sollte die Beurteilung folgende Komponenten umfassen:

  1. Ausgangssituation: Prägravides Gewicht, Body Mass Index, Körpergröße, Ernährungsweise, körperliche Aktivität und relevante Begleiterkrankungen.
  2. Gewichtsverlauf: Serielle Beurteilung der Gewichtsentwicklung statt Bewertung eines einzelnen Messwerts.
  3. Ernährungsanamnese (Erhebung der Ernährungsgewohnheiten): Prüfung von Mahlzeitenstruktur, Portionsgrößen, Lebensmittelauswahl, Energiedichte und Nährstoffdichte.
  4. Körperliche Aktivität: Berücksichtigung von Alltag, Beruf, Sport und schwangerschaftsbedingten Aktivitätsveränderungen.
  5. Klinischer Verlauf: Einbeziehung von Schwangerschaftsbeschwerden, Begleiterkrankungen, Ödemen (Wassereinlagerungen) und fetaler Entwicklung.
  6. Individuelle Anpassung: Veränderung der Energiezufuhr nur bei nachvollziehbarer Indikation und anschließender Verlaufskontrolle.

In ausgewählten klinischen Situationen kann der Ruheenergieverbrauch mittels indirekter Kalorimetrie bestimmt werden. Der Gesamtenergieverbrauch kann unter Studienbedingungen besonders valide mit der Methode des doppelt markierten Wassers gemessen werden. Für die individuelle klinische Einschätzung können indirekte Kalorimetrie, Aktivitätsmessung und serieller Gewichtsverlauf kombiniert werden [3].

Häufige Fehlinterpretationen

  • „Schwangere müssen für zwei essen“: Eine Verdopplung der Energiezufuhr ist nicht erforderlich.
  • „Jede Schwangere benötigt ab dem 2. Trimester zusätzlich 250 kcal“: Der D-A-CH-Wert gilt nur unter definierten Voraussetzungen.
  • „Jede Schwangere benötigt im 3. Trimester zusätzlich 500 kcal“: Auch dieser Wert ist kein universeller individueller Mindestbedarf.
  • „Eine Gewichtszunahme von genau 12 kg ist vorgeschrieben“: Die 12 kg sind eine Modellannahme für die Ableitung der Energierichtwerte.
  • „Übergewicht rechtfertigt grundsätzlich eine Reduktionsdiät (Diät zur Gewichtsabnahme)“: Angestrebt wird eine bedarfsgerechte Ernährung ohne übermäßige Gewichtszunahme, nicht eine pauschale Gewichtsreduktion.
  • „Mehr Protein ist grundsätzlich besser“: Eine hochproteinhaltige Supplementierung ist nicht allgemein vorteilhaft und wird für unterernährte Populationen nicht empfohlen.
  • „Ein einzelner Gewichtswert zeigt die Energiebilanz“: Erforderlich ist die longitudinale Beurteilung unter Berücksichtigung der klinischen und fetalen Entwicklung.

Fazit

Der physiologische Energiebedarf steigt während der Schwangerschaft. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Schwangere ihre Energiezufuhr erhöhen muss. Nach den aktuellen deutschen Handlungsempfehlungen ist für die meisten Schwangeren keine gezielte zusätzliche Energieaufnahme erforderlich. Dies gilt besonders bei prägravidem Übergewicht oder prägravider Adipositas sowie bei abnehmender körperlicher Aktivität.

Die D-A-CH-Zulagen von 250 kcal täglich im 2. Trimester und 500 kcal täglich im 3. Trimester gelten ausschließlich für normalgewichtige Frauen mit einer Gewichtszunahme von etwa 12 kg und unvermindert fortgeführter körperlicher Aktivität. Sie sind populationsbezogene Orientierungswerte und keine allgemeingültige Verordnung.

Im Mittelpunkt stehen eine hohe Nährstoffdichte, ausreichende körperliche Aktivität, eine angemessene Gewichtsentwicklung und die individuelle Beurteilung von Ausgangsgewicht, Körperzusammensetzung, Ernährungsweise, Aktivitätsniveau, klinischen Risikofaktoren und fetaler Entwicklung. Eine gezielte Steigerung der Energiezufuhr ist insbesondere bei Untergewicht, Unterernährung, unzureichender Gewichtszunahme oder überdurchschnittlichem Energieverbrauch sinnvoll.

Literatur

  1. Most J, Dervis S, Haman F et al.: Energy Intake Requirements in Pregnancy. Nutrients. 2019;11(8):1812. doi:10.3390/nu11081812
  2. Savard C, Lebrun A, O'Connor S et al.: Energy expenditure during pregnancy: a systematic review. Nutr Rev. 2021;79(4):394-409. doi:10.1093/nutrit/nuaa093
  3. Dal N, Tek N: Energy expenditure in healthy pregnant women: a systematic review. Nutr Rev. 2025;83(2):e223-e236. doi:10.1093/nutrit/nuae017
  4. Chen Y, Sarnthiyakul S, Michel SKF et al.: Energy intake and physical activity over the course of pregnancy and gestational weight gain: a systematic review and dose-response meta-analysis of data from randomized controlled lifestyle intervention trials. Nutr J. 2025;24:123. doi:10.1186/s12937-025-01182-w
  5. Teede HJ, Bailey C, Moran LJ et al.: Association of Antenatal Diet and Physical Activity-Based Interventions With Gestational Weight Gain and Pregnancy Outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Intern Med. 2022;182(2):106-114. doi:10.1001/jamainternmed.2021.6373
  6. Santos S, Voerman E, Amiano P et al.: Impact of maternal body mass index and gestational weight gain on pregnancy complications: an individual participant data meta-analysis of European, North American and Australian cohorts. BJOG. 2019;126(8):984-995. doi:10.1111/1471-0528.15661
  7. Ota E, Hori H, Mori R et al.: Antenatal dietary education and supplementation to increase energy and protein intake. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(6):CD000032. doi:10.1002/14651858.CD000032.pub3
  8. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA): Scientific Opinion on Dietary Reference Values for energy. EFSA J. 2013;11(1):3005. doi:10.2903/j.efsa.2013.3005

Leitlinien

  1. Alaze-Hagemann F, Reiss K, Abou-Dakn M et al.: Nutrition, Physical Activity and Other Health Aspects Before and During Pregnancy – Recommendations by the Nationwide “Healthy Start Network” (Netzwerk Gesund ins Leben) 2026. Geburtsh Frauenheilk. 2026. doi:10.1055/a-2827-5905
  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 3. Auflage, 1. Ausgabe. Bonn; 2025. Onlinefassung Energie
  3. National Institute for Health and Care Excellence: Maternal and child nutrition: nutrition and weight management in pregnancy, and nutrition in children up to 5 years. NICE Guideline NG247. Januar 2025. Langfassung
  4. World Health Organization: WHO recommendations on antenatal care for a positive pregnancy experience. Genf; 2016. Langfassung
  5. World Health Organization: Balanced energy and protein supplementation during pregnancy. Aktualisiert August 2023. Empfehlung