Präeklampsie/Eklampsie – Labordiagnostik

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Kleines Blutbild (Basisuntersuchung der Blutzellen) – Hämoglobin/Hämatokrit (roter Blutfarbstoff/Anteil der Blutzellen am Blutvolumen); Thrombozyten (Blutplättchen) [↓] bei schwerer Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), Eklampsie (Krampfanfall bei Präeklampsie), HELLP-Syndrom (schwere Schwangerschaftskomplikation mit Blutabbau, erhöhten Leberwerten und erniedrigten Blutplättchen), disseminierter intravasaler Gerinnung (schwere Blutgerinnungsstörung) oder thrombotischer Mikroangiopathie (Erkrankung kleiner Blutgefäße mit Blutgerinnseln) [LL1-3]
  • Urinstatus (Urinuntersuchung) – Eiweiß, Blut/Erythrozyten (rote Blutkörperchen), Leukozyten (weiße Blutkörperchen), Nitrit (Hinweisstoff für Bakterien), Glucose (Blutzucker), Keton (Stoffwechselprodukt beim Fettabbau), pH-Wert (Säuregrad); ggf. Urinsediment (mikroskopische Urinuntersuchung) bei Verdacht auf Harnwegsinfektion (Infektion der Harnwege), Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) oder nephrologische Differentialdiagnose (nierenärztliche Abklärung anderer Ursachen) [LL1-3]
  • Quantitative Proteinurie-Diagnostik (mengenmäßige Eiweißbestimmung im Urin) – Protein/Kreatinin-Quotient (Eiweiß-Kreatinin-Verhältnis) im Spontanurin oder Albumin/Kreatinin-Quotient (Albumin-Kreatinin-Verhältnis) im Spontanurin; 24-Stunden-Sammelurin (über 24 Stunden gesammelter Urin) nur bei spezieller Fragestellung oder fehlender Quotientenbestimmung [LL1-3]
  • Nierenparameter (Nierenwerte) – Kreatinin (Nierenfunktionswert) [↑], Harnstoff (Eiweißabbauprodukt) [↑], Harnsäure (Stoffwechselabbauprodukt) [↑]; Kreatinin in der Schwangerschaft niedriger interpretieren als außerhalb der Schwangerschaft [LL1-3]
  • Leberparameter (Leberwerte) – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT) (Leberenzym) [↑], Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT) (Leberenzym) [↑], Bilirubin (Gallenfarbstoff) [↑], Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT) (Leber- und Gallenwegsenzym), alkalische Phosphatase (AP) (Enzym aus Leber, Gallenwegen, Knochen und Plazenta); AP schwangerschaftsbedingt nur eingeschränkt beurteilbar [LL1-4]
  • Hämolyseparameter (Laborwerte zum Nachweis eines Zerfalls roter Blutkörperchen) – Laktatdehydrogenase (LDH) (Zellschädigungsenzym) [↑], Haptoglobin (Bindungsprotein für roten Blutfarbstoff) [↓], indirektes Bilirubin [↑], Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen); Blutausstrich (mikroskopische Blutuntersuchung) mit Schistozytensuche (Suche nach zerrissenen roten Blutkörperchen) bei Verdacht auf Mikroangiopathie [LL1-3]
  • Gerinnungsparameter (Blutgerinnungswerte) – Quick/INR, aPTT, Fibrinogen (Gerinnungseiweiß); D-Dimere (Abbauprodukte von Blutgerinnseln) bei Verdacht auf disseminierte intravasale Gerinnung, Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens), Thrombose (Blutgerinnsel) oder Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) [LL1-3]
  • Elektrolyte (Blutsalze) – Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium; Magnesium insbesondere vor bzw. unter Magnesiumsulfattherapie (Behandlung mit Magnesiumsulfat zur Krampfanfallprophylaxe) bei Nierenfunktionsstörung (eingeschränkter Nierenfunktion) oder klinischem Verdacht auf Überdosierung [LL1-3]

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Angiogene Faktoren (gefäßbildende und gefäßhemmende Botenstoffe) – soluble fms-like tyrosine kinase-1 (sFlt-1) (löslicher gefäßhemmender Plazentafaktor), placental growth factor (PlGF) (Plazenta-Wachstumsfaktor), sFlt-1/PlGF-Quotient [↑] bei Verdacht auf Präeklampsie, unklarer Hypertonie (Bluthochdruck) oder unklarer Proteinurie in der Schwangerschaft; Interpretation immer in Verbindung mit Gestationsalter (Schwangerschaftsalter), Blutdruck, Proteinurie, maternalen Organparametern (mütterlichen Organwerten) und fetaler Situation (Situation des ungeborenen Kindes) [LL1-3]
  • Entzündungs- und Infektionsdiagnostik – CRP (C-reaktives Protein), Prokalzitonin (PCT) (Entzündungswert bei bakterieller Infektion), Blutkulturen (Blutuntersuchungen auf Krankheitserreger) bei Sepsisverdacht (Verdacht auf Blutvergiftung), Urinkultur (Anzucht von Keimen aus Urin) bei Verdacht auf Pyelonephritis, SARS-CoV-2-/Influenza-/respiratorische Diagnostik (Diagnostik von Corona-, Grippe- und Atemwegsinfektionen) bei entsprechender Symptomatik (Beschwerdenbild) [LL1-4]
  • Erweiterte Leber- und Schwangerschaftsleberdiagnostik – Gallensäuren bei Verdacht auf intrahepatische Schwangerschaftscholestase (schwangerschaftsbedingte Gallenstauung in der Leber); Glucose [↓], Ammoniak (Eiweißabbauprodukt) [↑], Laktat (Milchsäure) [↑], Quick/INR [pathologisch] bei Verdacht auf akute Fettleber der Schwangerschaft (seltene schwere Lebererkrankung in der Schwangerschaft); Hepatitisserologie (Blutuntersuchung auf Leberentzündungsviren) bei Hepatitisverdacht (Verdacht auf Leberentzündung); Amylase/Lipase (Bauchspeicheldrüsenenzyme) bei Pankreatitisverdacht (Verdacht auf Bauchspeicheldrüsenentzündung) [LL1, LL4]
  • Erweiterte nephrologische Diagnostik – Urinsediment mit Dysmorphiediagnostik (Beurteilung verformter roter Blutkörperchen im Urin), Albumin/Kreatinin-Quotient im Verlauf, Protein/Kreatinin-Quotient im Verlauf, ggf. nephrologische Spezialdiagnostik bei bekannter oder vermuteter chronischer Nierenkrankheit (dauerhafter Nierenerkrankung), Glomerulonephritis (Nierenkörperchenentzündung) oder Lupusnephritis (Nierenentzündung bei Lupus) [LL1-3]
  • Autoimmunologische Diagnostik (Untersuchung auf fehlgeleitete Abwehrreaktionen) – antinukleäre Antikörper (ANA) (Antikörper gegen Zellkerne), anti-dsDNA-Antikörper (Antikörper gegen Erbsubstanz), ENA-Diagnostik (Untersuchung bestimmter Autoantikörper), Komplement C3/C4 (Bestandteile des Immunsystems) bei Verdacht auf systemischen Lupus erythematodes (Autoimmunerkrankung mit möglicher Organbeteiligung) oder andere Kollagenose (entzündliche Bindegewebserkrankung) [LL1-3]
  • Antiphospholipid-Syndrom-Diagnostik (Diagnostik einer Autoimmunerkrankung mit erhöhter Gerinnungsneigung) – Lupus-Antikoagulans (Gerinnungstest bei Antiphospholipid-Syndrom), Anticardiolipin-Antikörper IgG/IgM (Autoantikörper gegen Zellmembranbestandteile), Anti-β2-Glykoprotein-I-Antikörper IgG/IgM (Autoantikörper gegen ein Gerinnungsprotein) bei entsprechender Anamnese, Plazentainsuffizienz (unzureichender Mutterkuchenfunktion), fetaler Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes), Thrombose oder wiederholten Schwangerschaftskomplikationen [LL1-3]
  • Thrombotische-Mikroangiopathie-Diagnostik – ADAMTS13-Aktivität (Aktivität eines Gerinnungsregulationsenzyms) bei Verdacht auf thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (seltene Blutgerinnungs- und Blutplättchenerkrankung); Komplementdiagnostik bei Verdacht auf atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom (seltene Erkrankung mit Blutabbau und Nierenschädigung); Schistozyten im Blutausstrich, LDH, Haptoglobin, Bilirubin und Kreatinin im Verlauf [LL1-3]
  • Endokrine Diagnostik (Hormondiagnostik) bei Verdacht auf sekundäre Hypertonie (Bluthochdruck durch eine Grunderkrankung) – TSH (schilddrüsenstimulierendes Hormon), fT3, fT4 (freie Schilddrüsenhormone); freie Metanephrine (Abbauprodukte von Stresshormonen) im Plasma (flüssiger Blutbestandteil) oder fraktionierte Metanephrine im 24-Stunden-Urin bei Verdacht auf Phäochromozytom (hormonproduzierender Nebennierentumor); Cortisol-Diagnostik (Stresshormon-Diagnostik) bei Verdacht auf Cushing-Syndrom (Erkrankung durch Cortisolüberschuss); Aldosteron/Renin-Quotient (Verhältnis zweier Blutdruckhormone) nur bei geeigneter Fragestellung und interpretierbarer Konstellation; Parathormon (PTH) (Nebenschilddrüsenhormon) bei Hypercalcämie (erhöhtem Calciumspiegel) [LL2-3]
  • Kardiopulmonale Zusatzdiagnostik (Herz-Lungen-Zusatzdiagnostik) – Blutgasanalyse (Messung von Sauerstoff, Kohlendioxid und Säurewerten im Blut) bei Dyspnoe (Atemnot), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), Lungenödemverdacht (Verdacht auf Wasseransammlung in der Lunge) oder intensivmedizinischer Fragestellung; NT-proBNP (Herzbelastungsmarker) bei Verdacht auf Herzinsuffizienz (Herzschwäche), peripartale Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung um die Geburt) oder Lungenödem; hochsensitives kardiales Troponin T oder Troponin I (empfindliche Herzmuskelschädigungsmarker), Creatinkinase (CK, CK-MB) (Muskelenzyme) bei Verdacht auf akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens); D-Dimere nur bei klinischem Verdacht auf Lungenembolie und Interpretation im klinischen Gesamtkontext [LL1-3]
  • Neurologisch-infektiologische Zusatzdiagnostik (nervenärztlich-infektionsmedizinische Zusatzdiagnostik) – Liquordiagnostik (Untersuchung der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit) bei Verdacht auf Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung) oder andere ZNS-Infektion (Infektion des zentralen Nervensystems); toxikologische Diagnostik (Untersuchung auf Giftstoffe) bei Verdacht auf Drogen-, Medikamenten- oder Intoxikationsereignis (Vergiftung) [LL1-3]
  • Blutzuckerdiagnostik – Nüchternglucose, ggf. HbA1c (Langzeitblutzuckerwert) bei vorbestehendem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), ggf. oraler Glukosetoleranztest (oGTT) (Zuckerbelastungstest) entsprechend Schwangerschaftsdiabetes-Screening (Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes) bzw. bei differentialdiagnostischer oder komorbider Fragestellung (Fragestellung zu Begleiterkrankungen) [LL1-3]
  • Blutgruppe und Antikörpersuchtest (Suchtest auf Blutgruppen-Antikörper) – bei stationärer Aufnahme, schwerer Präeklampsie, Eklampsie, HELLP-Syndrom, Blutungsrisiko, Plazentalösung, geplanter Entbindung oder Transfusionswahrscheinlichkeit (Wahrscheinlichkeit einer Blutübertragung) [LL1-3]
  • Kreuzblut (Verträglichkeitstest vor Blutübertragung) – bei schwerer Präeklampsie, Eklampsie, HELLP-Syndrom, Blutung, Plazentalösung oder geplanter operativer Entbindung [LL1-3]

Hinweis!
Die Proteinurie ist ein klassisches Diagnosekriterium (Merkmal zur Diagnosestellung) der Präeklampsie, aber nicht obligat, wenn andere maternale Organmanifestationen (mütterliche Organbeteiligungen) oder eine fetale Wachstumsrestriktion vorliegen. Der sFlt-1/PlGF-Quotient unterstützt die Diagnostik und Risikostratifikation (Einschätzung des Erkrankungsrisikos) bei unklarer klinischer Situation, ersetzt jedoch nicht Blutdruckmessung, klinische Beurteilung, Organlabor und fetale Überwachung (Überwachung des ungeborenen Kindes). Bei Eklampsie, schwerer Hypertonie, HELLP-Syndrom, Lungenödem, Oligurie/Anurie (verminderter/fehlender Urinausscheidung), neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems) oder fetaler Gefährdung darf die Akutbehandlung nicht durch Labor- oder Biomarkerdiagnostik (Untersuchung messbarer Krankheitsmarker) verzögert werden [LL1-3].

*Veränderungen in eckigen Klammern bezeichnen die typische pathologische Befundrichtung (krankhafte Veränderungsrichtung) bei Präeklampsie, Eklampsie bzw. HELLP-Syndrom; Referenzbereiche (Normalbereiche) sind methoden-, labor- und schwangerschaftsaltersabhängig.

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie (AWMF-Register-Nr. 015-018) Juli 2024 Langfassung
  2. ISSHP-Empfehlungen: The 2021 International Society for the Study of Hypertension in Pregnancy classification, diagnosis & management recommendations for international practice. Pregnancy Hypertens. 2022;27:148-169. doi: https://doi.org/10.1016/j.preghy.2021.09.008
  3. ESH-Positionspapier: Management of hypertensive disorders in pregnancy: a Position Statement of the European Society of Hypertension Working Group 'Hypertension in Women'. J Hypertens. 2024;42(7):1109-1132. doi: https://doi.org/10.1097/HJH.0000000000003739
  4. EASL Clinical Practice Guideline: EASL Clinical Practice Guidelines on the management of liver diseases in pregnancy. J Hepatol. 2023;79(3):768-828. doi: https://doi.org/10.1016/j.jhep.2023.03.006