Mikronährstoff-Mehrbedarf (Vitalstoffe) in der Stillphase – Mineralstoffe
Während der Laktationsphase (Stillzeit) werden mit der Muttermilch kontinuierlich Mineralstoffe an den Säugling abgegeben. Der mütterliche Organismus kompensiert diese Verluste durch intestinale (den Darm betreffende), renale (die Nieren betreffende), hormonelle (durch Hormone gesteuerte) und skelettale (das Skelett betreffende) Adaptationsmechanismen (Anpassungsvorgänge). Eine erhöhte Abgabe mit der Muttermilch führt deshalb nicht bei jedem Mineralstoff zu einem gegenüber nicht stillenden Frauen erhöhten Referenzwert [1-3].
Nach den aktuellen D-A-CH-Referenzwerten besteht unter den Mengenelementen ausschließlich für Kalium ein spezifisch erhöhter Schätzwert während der Stillzeit. Die Referenzwerte für Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium und Chlorid bleiben gegenüber nicht stillenden erwachsenen Frauen unverändert [1].
Unveränderte Referenzwerte bedeuten jedoch nicht, dass die Mineralstoffversorgung während der Stillzeit klinisch ohne Bedeutung ist. Insbesondere die Calciumabgabe mit der Muttermilch wird teilweise durch eine vorübergehende Mobilisierung von Calcium aus dem mütterlichen Skelett ermöglicht. Eine dauerhaft unzureichende Zufuhr kann daher die maternalen Reserven (mütterlichen Vorräte) beanspruchen, obwohl die Mineralstoffkonzentration der Muttermilch zunächst weitgehend aufrechterhalten wird [2-4].
Eine gezielte Supplementierung (ergänzende Einnahme) ist sinnvoll, wenn die individuelle Zufuhr den Referenzwert nicht erreicht oder ein erhöhter Bedarf, eine eingeschränkte Resorption (Aufnahme in den Körper) bzw. ein gesteigerter Verlust vorliegt. Die Dosierung sollte die nach Ernährungsanamnese (systematische Erfassung der Ernährungsgewohnheiten) ermittelte Versorgungslücke schließen. Eine routinemäßige hochdosierte Supplementierung ohne Indikation (medizinischen Grund) ist nicht erforderlich.
Abgrenzung der Mineralstoffe
Mineralstoffe werden ernährungsphysiologisch in Mengenelemente (Mineralstoffe mit vergleichsweise hohem Körperbestand) und Spurenelemente (Mineralstoffe, die nur in sehr kleinen Mengen benötigt werden) unterteilt. Der vorliegende Fachartikel behandelt folgende Mengenelemente:
- Calcium
- Phosphor
- Magnesium
- Kalium
- Natrium
- Chlorid
Eisen, Jod, Zink, Selen, Kupfer, Mangan, Molybdän und weitere Spurenelemente werden im gesonderten Fachartikel „Spurenelemente in der Laktationsphase“ dargestellt.
D-A-CH-Referenzwerte für Stillende
| Mineralstoff | Referenzwert für Stillende | Art des Referenzwertes | Veränderung während der Stillzeit |
| Calcium | 1.000 mg/Tag 1.200 mg/Tag bei Stillenden unter 19 Jahren |
Empfohlene Zufuhr | Keine Erhöhung gegenüber dem altersentsprechenden Referenzwert |
| Phosphor | 550 mg/Tag 660 mg/Tag bei Stillenden von 15 bis unter 19 Jahren |
Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Keine Erhöhung gegenüber dem altersentsprechenden Referenzwert |
| Magnesium | 300 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Keine Erhöhung |
| Kalium | 4.400 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Erhöhung um 400 mg/Tag |
| Natrium | 1.500 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Keine Erhöhung |
| Chlorid | 2.300 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Keine Erhöhung |
Referenzwerte dienen der Beurteilung der langfristigen durchschnittlichen Zufuhr gesunder Bevölkerungsgruppen. Sie sind keine diagnostischen Grenzwerte für einen individuellen Mineralstoffmangel und keine pauschalen Supplementdosierungen [1].
Mineralstoffkonzentrationen der Muttermilch
Die Konzentrationen von Calcium, Phosphor, Magnesium, Kalium, Natrium und weiteren Mineralstoffen verändern sich im Verlauf der Laktation. Besonders ausgeprägt sind die Veränderungen während des Übergangs vom Kolostrum (Vormilch) zur reifen Muttermilch. Auch während der folgenden Monate können die Konzentrationen einzelner Mineralstoffe abnehmen oder sich in ihrem Verhältnis zueinander verändern [2, 7].
Die aktuellen Referenzdaten der Mothers, Infants and Lactation Quality Study zeigen, dass die Mineralstoffkonzentrationen und die daraus resultierenden Zufuhrmengen des Säuglings zeitabhängig sind. Die Interpretation einer einzelnen Milchprobe muss deshalb den Zeitpunkt der Probenentnahme, die Laktationsphase, das Milchvolumen und die Probengewinnung berücksichtigen [2].
Der Einfluss der mütterlichen Ernährung auf die Muttermilch ist mineralstoffspezifisch. Eine höhere Zufuhr oder Supplementierung führt nicht bei jedem Mineralstoff zu einer proportional höheren Milchkonzentration. Für Calcium zeigt die verfügbare Evidenz insbesondere, dass die Milchkonzentration stärker durch physiologische Regulation und Laktationsdauer als durch kurzfristige Änderungen der mütterlichen Calciumzufuhr bestimmt wird [7-9].
Calcium
Calcium ist für die Mineralisation (Einlagerung von Mineralstoffen) von Knochen und Zähnen, die neuromuskuläre Erregbarkeit (Reizübertragung zwischen Nerven und Muskeln), die Blutgerinnung, die intrazelluläre Signalübertragung (Signalweiterleitung innerhalb der Zellen) und zahlreiche enzymatische Prozesse erforderlich.
Während der Stillzeit werden täglich relevante Calciummengen mit der Muttermilch abgegeben. Die Calciumhomöostase (Regulation des Calciumgleichgewichts) wird vor allem durch eine vorübergehend gesteigerte Mobilisierung von Calcium aus dem mütterlichen Skelett, eine verminderte renale Calciumausscheidung und Veränderungen des hormonellen Calciumstoffwechsels aufrechterhalten. Die intestinale Calciumresorption ist während der Stillzeit nicht in demselben Ausmaß gesteigert wie während der Schwangerschaft [3].
Calcium und maternale Knochengesundheit
Während der ersten Laktationsmonate kann die Knochenmineraldichte (Mineralgehalt des Knochens) insbesondere an der Lendenwirbelsäule (unterer Abschnitt der Wirbelsäule) und am proximalen Femur (hüftnaher Abschnitt des Oberschenkelknochens) vorübergehend abnehmen. Das Ausmaß ist interindividuell unterschiedlich und wird unter anderem durch Laktationsdauer, Dauer der postpartalen Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung nach der Geburt), Ausgangsknochendichte, Körpergewicht, Vitamin-D-Status und weitere individuelle Faktoren beeinflusst [3, 4].
Nach dem Abstillen erfolgt bei den meisten gesunden Frauen eine weitgehende Remineralisation (erneute Einlagerung von Mineralstoffen in den Knochen). Die physiologischen Veränderungen während Schwangerschaft und Stillzeit führen daher nicht regelhaft zu einer dauerhaften Verminderung der Knochenmineraldichte oder zu einer klinisch manifesten Osteoporose (Knochenschwund) [3, 4].
Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien zeigt, dass eine zusätzliche Calciumgabe bei grundsätzlich ausreichend versorgten Stillenden den physiologischen Rückgang der Knochenmineraldichte während der Laktation nicht in klinisch relevantem Umfang verhindert. Dies entspricht den Ergebnissen einer früheren randomisierten kontrollierten Studie, in der eine Calciumgabe den Knochenverlust während der Stillzeit nicht verhinderte und die Erholung nach dem Abstillen nur geringfügig beeinflusste [5, 6].
Aus diesen Ergebnissen darf nicht geschlossen werden, dass eine Calciumsupplementierung bei niedriger Calciumzufuhr wirkungslos ist. Die Studien zeigen vielmehr, dass eine Zufuhr deutlich oberhalb des Referenzwertes bei bereits ausreichend versorgten Frauen keinen zusätzlichen Schutz vor der physiologischen skelettalen Adaptation bietet. Bei einer alimentären Versorgungslücke (ernährungsbedingten Versorgungslücke) ist die Supplementierung ein geeignetes Mittel, um den altersabhängigen Referenzwert zuverlässig zu erreichen [1, 5].
Calciumreiche Lebensmittel
Geeignete Calciumquellen sind:
- Milch, Joghurt, Käse und andere Milchprodukte
- lactosefreie Milchprodukte bei Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit)
- calciumreiches Mineralwasser mit mehr als 150 mg Calcium pro Liter
- mit Calcium angereicherte pflanzliche Milchalternativen
- mit Calciumsalzen hergestellter Tofu
- Grünkohl, Brokkoli, Rucola und weitere calciumreiche Gemüsearten
- Sesam, Tahin, Mandeln und andere Nüsse oder Samen
- Hülsenfrüchte
Die Bioverfügbarkeit (Anteil, den der Körper aufnehmen und nutzen kann) ist von der Lebensmittelmatrix abhängig. Calcium aus calciumreichem Mineralwasser, Milchprodukten, Grünkohl und Brokkoli ist gut verfügbar. Oxalatreiche Lebensmittel wie Spinat enthalten zwar Calcium, weisen jedoch eine geringere Calciumresorption auf [1].
Gezielte Calciumsupplementierung
Eine Calciumsupplementierung ist insbesondere zu prüfen bei:
- dauerhaft niedriger alimentärer Calciumzufuhr
- Verzicht auf Milchprodukte ohne regelmäßige Verwendung calciumreicher oder angereicherter Alternativen
- veganer Ernährung mit unzureichend geplanter Calciumzufuhr
- restriktiven Ernährungsformen oder Essstörungen
- Malabsorptionssyndromen (Erkrankungen mit gestörter Nährstoffaufnahme im Darm)
- Zöliakie (glutenbedingte Erkrankung des Dünndarms) oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (dauerhaft entzündlichen Erkrankungen des Darms)
- Status nach bariatrischer Operation (Operation zur Behandlung starken Übergewichts)
- Stillenden unter 19 Jahren
- vorbestehender Osteopenie (verminderte Knochendichte), Osteoporose oder Fragilitätsfrakturen (Knochenbrüche bei geringer Belastung)
Die Supplementdosis sollte der rechnerischen Differenz zwischen der durchschnittlichen alimentären Calciumzufuhr und dem altersabhängigen Referenzwert entsprechen. Calcium aus angereicherten Lebensmitteln und weiteren Nahrungsergänzungsmitteln ist in die Gesamtzufuhr einzubeziehen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 500 mg Calcium pro Tagesverzehrempfehlung. Die tägliche Gesamtaufnahme aus sämtlichen calciumhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln sollte 500 mg nicht überschreiten. Enthält ein einzelnes Präparat mehr als 250 mg Calcium, empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung einen Hinweis, auf ein weiteres calciumhaltiges Nahrungsergänzungsmittel zu verzichten [11, 12].
Diese Höchstmengenempfehlung dient der präventiven Risikobegrenzung bei frei verfügbaren Nahrungsergänzungsmitteln. Sie stellt weder eine allgemeine Einnahmeempfehlung noch eine therapeutische Dosierungsgrenze bei ärztlich festgestelltem Bedarf dar.
Bei Hyperkalzämie (zu hohem Calciumspiegel im Blut), Hyperkalziurie (zu hoher Calciumausscheidung im Urin), Nephrolithiasis (Nierensteinleiden), primärem Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen), granulomatösen Erkrankungen (Erkrankungen mit knötchenförmigen Entzündungsherden) oder eingeschränkter Nierenfunktion darf eine Calciumgabe nur nach individueller ärztlicher Prüfung erfolgen. Mögliche Arzneimittelinteraktionen (Wechselwirkungen mit Medikamenten) und erforderliche Einnahmeabstände sind anhand der jeweiligen Fachinformationen zu berücksichtigen.
Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung ist für die intestinale Calciumresorption und die Knochenmineralisation erforderlich. Die Vitamin-D-Versorgung wird im gesonderten Fachartikel „Vitamine in der Laktationsphase“ behandelt.
Schwangerschafts- und laktationsassoziierte Osteoporose
Die schwangerschafts- und laktationsassoziierte Osteoporose (schwangerschafts- und stillzeitbedingter Knochenschwund) ist eine seltene Erkrankung, bei der während der späten Schwangerschaft oder in den ersten Monaten nach der Entbindung Fragilitätsfrakturen auftreten. Am häufigsten sind Wirbelkörper betroffen; auch Frakturen des proximalen Femurs und anderer Skelettabschnitte sind möglich [10].
Neu aufgetretene starke oder persistierende (anhaltende) Rückenschmerzen, akute belastungsabhängige Hüftschmerzen, Größenverlust, Bewegungseinschränkung oder eine Fraktur nach geringer Belastung sind nicht als normale Begleiterscheinungen der Stillzeit einzustufen. Sie erfordern eine zeitnahe klinische und bildgebende Abklärung (Untersuchung mit bildgebenden Verfahren) [10].
Die Diagnostik umfasst abhängig von der klinischen Situation die Fraktursuche, eine Messung der Knochenmineraldichte und die Abklärung möglicher sekundärer Ursachen (zugrunde liegende andere Erkrankungen). Dazu gehören unter anderem Störungen des Calcium- und Vitamin-D-Stoffwechsels, Hyperparathyreoidismus, Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Zöliakie, chronisch entzündliche Erkrankungen, Untergewicht, Essstörungen, medikamentöse Risiken und genetische Prädispositionen (erblich bedingte Veranlagungen) [10].
Für die medikamentöse Therapie dieser seltenen Erkrankung besteht weiterhin nur begrenzte Evidenz aus Beobachtungsstudien und Fallserien. Die Behandlung gehört daher in die Hand eines auf metabolische Knochenerkrankungen (stoffwechselbedingte Erkrankungen des Knochens) spezialisierten interdisziplinären Teams [10].
Phosphor
Phosphor liegt im Organismus überwiegend als Phosphat vor. Er ist Bestandteil des Hydroxylapatits (mineralischer Hauptbestandteil des Knochens) im Knochen, von Adenosintriphosphat (zentraler Energieträger der Zellen), Nukleinsäuren (Träger der Erbinformation), Phospholipiden (Bausteinen der Zellmembranen), Puffersystemen und phosphorylierten Stoffwechselintermediaten (phosphathaltigen Zwischenprodukten des Stoffwechsels).
Der Schätzwert für eine angemessene Zufuhr beträgt bei erwachsenen Stillenden 550 mg/Tag und ist gegenüber nicht stillenden Erwachsenen nicht erhöht. Für Stillende im Alter von 15 bis unter 19 Jahren gilt der altersabhängige Wert von 660 mg/Tag [1].
Phosphor ist in zahlreichen Lebensmitteln enthalten. Wichtige Quellen sind:
- Milchprodukte
- Fleisch und Fisch
- Eier
- Hülsenfrüchte
- Nüsse und Samen
- Vollkornprodukte
Zusätzlich werden Phosphate als Zusatzstoffe in zahlreichen hochverarbeiteten Lebensmitteln eingesetzt. Eine unzureichende Phosphorzufuhr ist bei gesunden Stillenden mit ausgewogener Ernährung deshalb selten. Eine routinemäßige Phosphatsupplementierung ist nicht erforderlich [1].
Eine gezielte Substitution (gezielte ergänzende Gabe) kommt bei nachgewiesener Hypophosphatämie (zu niedrigem Phosphatspiegel im Blut) oder spezifischen Erkrankungen infrage. Bei eingeschränkter Nierenfunktion muss die Phosphatzufuhr individuell beurteilt werden.
Magnesium
Magnesium ist Cofaktor (Hilfsstoff) zahlreicher Enzyme und an Energiestoffwechsel, Proteinsynthese, neuromuskulärer Reizübertragung, Muskelkontraktion, Herzrhythmus, Elektrolythaushalt und Knochenstoffwechsel beteiligt [1].
Der Schätzwert für eine angemessene Zufuhr beträgt während der Stillzeit 300 mg/Tag und ist gegenüber nicht stillenden erwachsenen Frauen nicht erhöht [1].
Magnesiumreiche Lebensmittel sind:
- Vollkorngetreide und Haferflocken
- Hülsenfrüchte
- Nüsse und Samen
- grüne Blattgemüse
- Kartoffeln
- Kakao
- Fisch und Meeresfrüchte
- magnesiumreiches Mineralwasser
Gezielte Magnesiumsupplementierung
Eine Supplementierung kann sinnvoll sein bei:
- dauerhaft niedriger alimentärer Zufuhr
- restriktiver Ernährung
- chronischer Diarrhoe (anhaltendem Durchfall) oder anderen gastrointestinalen Verlusten (Verlusten über den Magen-Darm-Trakt)
- Malabsorption
- erhöhten renalen Magnesiumverlusten
- labormedizinisch und klinisch begründetem Magnesiummangel
Magnesium befindet sich überwiegend intrazellulär sowie im Knochen und in weiteren Geweben. Die Serum-Magnesiumkonzentration (Magnesiumspiegel im Blutserum) muss deshalb im Zusammenhang mit Anamnese (Krankengeschichte), klinischer Symptomatik (Beschwerden und Krankheitszeichen), Nierenfunktion, Begleiterkrankungen und möglichen Verlusten interpretiert werden [1]. Unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit oder Muskelkrämpfe belegen für sich allein keinen Magnesiummangel.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 250 mg Magnesium pro Tagesverzehrempfehlung. Diese Menge sollte auf mindestens zwei Portionen pro Tag verteilt werden, um das Risiko osmotisch bedingter Diarrhoen (durch Wasseranziehung im Darm verursachter Durchfälle) zu reduzieren [11, 13].
Die Höchstmengenempfehlung bezieht sich auf zusätzliches Magnesium aus Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln, nicht auf das natürlicherweise in Lebensmitteln enthaltene Magnesium. Ärztlich indizierte therapeutische Dosierungen können davon abweichen.
Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist wegen des Risikos einer Magnesiumretention (Zurückhaltung von Magnesium im Körper) besondere Zurückhaltung erforderlich.
Kalium
Kalium ist das quantitativ wichtigste intrazelluläre Kation (positiv geladenes Teilchen innerhalb der Zellen). Es ist für das Membranpotenzial (elektrische Spannung an der Zellmembran), die neuromuskuläre Erregungsleitung, die Herzfunktion, die Regulation des Säure-Basen-Haushaltes (Regulation des pH-Gleichgewichts) und die Blutdruckregulation erforderlich.
Der Schätzwert steigt während der Stillzeit von 4.000 auf 4.400 mg/Tag. Kalium ist damit das einzige hier behandelte Mengenelement mit einem spezifisch erhöhten D-A-CH-Referenzwert während der Laktation [1].
Kaliumreiche Lebensmittel sind:
- Kartoffeln
- Hülsenfrüchte
- Gemüse
- Obst
- Trockenfrüchte
- Nüsse und Samen
- Vollkornprodukte
- Tomatenprodukte
- Milchprodukte
Der Mehrbedarf lässt sich in der Regel durch eine pflanzenbetonte, abwechslungsreiche Ernährung decken. Eine routinemäßige Kaliumsupplementierung ist nicht erforderlich.
Kaliumpräparate dürfen bei eingeschränkter Nierenfunktion, einer Neigung zur Hyperkaliämie (zu hohem Kaliumspiegel im Blut) oder unter Arzneimitteln, die die renale Kaliumausscheidung vermindern, nur nach ärztlicher Indikationsstellung und Kontrolle des Serumkaliums eingesetzt werden.
Natrium und Chlorid
Natrium und Chlorid sind die wichtigsten Elektrolyte (gelöste Mineralsalze) des Extrazellularraums (Raum außerhalb der Körperzellen). Sie regulieren das Plasmavolumen (Volumen des flüssigen Blutanteils), den osmotischen Druck (durch gelöste Teilchen bestimmter Flüssigkeitsdruck), die neuromuskuläre Erregbarkeit und den Säure-Basen-Haushalt. Chlorid ist zudem Bestandteil der Magensäure.
Die Schätzwerte von 1.500 mg Natrium und 2.300 mg Chlorid pro Tag sind während der Stillzeit nicht erhöht [1]. Eine gesteigerte Milchproduktion begründet daher keine routinemäßige Erhöhung der Kochsalzzufuhr.
Ein erheblicher Anteil der Natrium- und Chloridzufuhr stammt aus Brot, Käse, Fleisch- und Wurstwaren, Fertiggerichten, salzhaltigen Snacks und Würzmitteln. Eine zusätzliche Supplementierung ist bei gesunden Stillenden nicht erforderlich.
Für die Speisenzubereitung sollte vorzugsweise jodiertes Speisesalz verwendet werden. Die Verwendung von Jodsalz ersetzt jedoch nicht in jedem Fall die für Stillende empfohlene individuelle Jodsupplementierung. Jod gehört zu den Spurenelementen und wird im entsprechenden Fachartikel behandelt.
Besondere Risikokonstellationen
Das Risiko einer unzureichenden Mineralstoffversorgung ist erhöht bei:
- sehr niedriger Energiezufuhr
- rascher oder ausgeprägter Gewichtsreduktion während der Stillzeit
- restriktiven Ernährungsformen
- Essstörungen
- veganer Ernährung ohne qualifizierte Ernährungsplanung
- Verzicht auf Milchprodukte und calciumangereicherte Alternativen
- Malabsorptionssyndromen
- Zöliakie oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
- chronischer Diarrhoe oder rezidivierendem Erbrechen (wiederholt auftretendem Erbrechen)
- Status nach bariatrischer Operation
- jugendlichen Stillenden
- chronischer Nierenerkrankung
- endokrinen Erkrankungen (Erkrankungen hormonbildender Organe) mit Störung des Calcium-Phosphat-Stoffwechsels
- vorbestehender Osteopenie, Osteoporose oder Fragilitätsfrakturen
Bei veganer Ernährung zählen Calcium und weitere Mikronährstoffe zu den potenziell kritischen Nährstoffen. Für Stillende sind daher fundierte Ernährungskompetenz, eine qualifizierte Ernährungsberatung und eine regelmäßige Überprüfung der Bedarfsdeckung besonders relevant [14].
Ernährungsmedizinische Beurteilung
Die Beurteilung der Mineralstoffversorgung sollte zunächst auf einer strukturierten Ernährungsanamnese beruhen. Zu erfassen sind:
- Lebensmittelauswahl und Portionsgrößen
- Verzehr von Milchprodukten oder angereicherten Alternativen
- Mineralwasser und dessen Mineralstoffgehalt
- angereicherte Lebensmittel
- Nahrungsergänzungsmittel
- Ernährungsrestriktionen
- gastrointestinale oder renale Verluste
- Begleiterkrankungen und Arzneimittel
Laboruntersuchungen sind nicht bei jeder gesunden Stillenden erforderlich. Sie sollten gezielt nach klinischer Fragestellung erfolgen. Je nach Verdachtsdiagnose kommen insbesondere Calcium, ionisiertes Calcium (biologisch aktive freie Calciumform im Blut), Phosphat, Magnesium, Natrium, Kalium, Kreatinin (Laborwert zur Beurteilung der Nierenfunktion), geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (berechnete Filterleistung der Nieren), alkalische Phosphatase (Enzymmarker unter anderem des Knochen- und Leberstoffwechsels), Parathormon (Hormon der Nebenschilddrüsen) und 25-Hydroxyvitamin D (Speicherform des Vitamin D im Blut) infrage.
Eine normale Serum-Calciumkonzentration (Calciumspiegel im Blutserum) schließt eine niedrige alimentäre Calciumzufuhr nicht aus, da die Serumkonzentration durch hormonelle, renale und skelettale Regulationsmechanismen eng kontrolliert wird [3].
Prinzipien einer gezielten Supplementierung
- Ernährungszufuhr erfassen – Lebensmittel, angereicherte Produkte und bereits verwendete Nahrungsergänzungsmittel berücksichtigen
- Versorgungslücke bestimmen – durchschnittliche Zufuhr mit dem altersabhängigen Referenzwert vergleichen
- Lebensmittelbasierte Optimierung nutzen – mineralstoffreiche Lebensmittel gezielt in den Speiseplan integrieren
- Fehlende Menge ergänzen – Supplementdosis an der plausiblen Versorgungslücke ausrichten
- Sicherheitsaspekte prüfen – Nierenfunktion, Begleiterkrankungen, Gesamtzufuhr und Arzneimittel berücksichtigen
- Verlauf kontrollieren – Wirksamkeit, Verträglichkeit und gegebenenfalls Laborbefunde erneut beurteilen
Nahrungsergänzungsmittel können Versorgungslücken während der Stillzeit zuverlässig schließen. Ihr Nutzen ist am größten, wenn Präparat, Dosierung und Einnahmedauer aus einer konkreten ernährungsmedizinischen oder klinischen Indikation abgeleitet werden. Eine höhere Dosis ist nicht automatisch wirksamer und kann insbesondere bei Calcium, Magnesium und Kalium unerwünschte Wirkungen verursachen [11-13].
Fazit
Unter den Mengenelementen besteht während der Laktationsphase nur für Kalium ein gegenüber nicht stillenden erwachsenen Frauen erhöhter D-A-CH-Referenzwert. Die Referenzwerte für Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium und Chlorid bleiben unverändert [1].
Die physiologische Calciumabgabe mit der Muttermilch wird teilweise durch eine vorübergehende Mobilisierung von Calcium aus dem mütterlichen Skelett kompensiert. Bei gesunden Frauen erfolgt nach dem Abstillen meist eine weitgehende Remineralisation. Eine Calciumzufuhr deutlich oberhalb des Referenzwertes verhindert den physiologischen Rückgang der Knochenmineraldichte bei bereits ausreichend versorgten Stillenden nicht zuverlässig [3-6].
Eine gezielte Calcium- oder Magnesiumsupplementierung ist sinnvoll, wenn die alimentäre Zufuhr den Referenzwert nicht erreicht, die Resorption eingeschränkt ist oder erhöhte Verluste bestehen. Die Dosierung sollte die individuelle Versorgungslücke ausgleichen und die Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln, angereicherten Produkten und Nahrungsergänzungsmitteln berücksichtigen.
Der zusätzliche Kaliumbedarf sollte vorzugsweise durch Gemüse, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Obst, Nüsse und Vollkornprodukte gedeckt werden. Phosphat-, Natrium-, Chlorid- und Kaliumpräparate sind ohne spezifische medizinische Indikation kein Bestandteil der routinemäßigen Supplementierung.
Die optimale Versorgung verbindet eine mineralstoffreiche Ernährung mit einer individuell indizierten, angemessen dosierten und sicherheitsgeprüften Supplementierung.
Literatur
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 3. Auflage, 1. Ausgabe. Bonn 2025; Erratum Stand Mai 2026. Website
- The MILQ Study Consortium: Reference Values for Minerals in Human Milk: the Mothers, Infants and Lactation Quality (MILQ) Study. Adv Nutr. 2025;16(Suppl 1):100431. doi:10.1016/j.advnut.2025.100431
- Kovacs CS: Maternal Mineral and Bone Metabolism During Pregnancy, Lactation, and Post-Weaning Recovery. Physiol Rev. 2016;96(2):449-547. doi:10.1152/physrev.00027.2015
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