Essentielle Fettsäuren in der Stillphase

Die essentiellen Fettsäuren (lebensnotwendigen Fettsäuren) Linolsäure (lebensnotwendige Omega-6-Fettsäure) und Alpha-Linolensäure (lebensnotwendige Omega-3-Fettsäure) müssen mit der Nahrung aufgenommen werden. Während der Laktationsphase (Stillzeit) ist darüber hinaus eine ausreichende Zufuhr der langkettigen Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA, für Gehirn und Netzhaut bedeutsame Omega-3-Fettsäure) von besonderer Bedeutung. Die mütterliche Ernährung beeinflusst vor allem die Konzentration mehrfach ungesättigter Fettsäuren (Fettsäuren mit mehreren Doppelbindungen) in der Muttermilch – der konsistenteste Zusammenhang besteht zwischen der mütterlichen DHA-Zufuhr und dem DHA-Gehalt der Muttermilch [1, 4, 5].

Für Stillende gelten als Richtwerte eine Gesamtfettzufuhr von 30-35 % der Energiezufuhr, eine Linolsäurezufuhr von 2,5 % der Energiezufuhr und eine Alpha-Linolensäurezufuhr von 0,5 % der Energiezufuhr. Zusätzlich sollen Stillende im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA täglich zuführen [1].

Einteilung der Fettsäuren

Fettsäuren werden nach der Zahl ihrer Doppelbindungen in gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren eingeteilt [1, 4].

  • Gesättigte Fettsäuren (Fettsäuren ohne Doppelbindung) – enthalten keine Doppelbindung und kommen unter anderem in Milchfett, Fleisch, Wurstwaren, Kokosfett und Palmfett vor
  • Einfach ungesättigte Fettsäuren (Fettsäuren mit einer Doppelbindung) – insbesondere Ölsäure aus Olivenöl, Rapsöl, Avocados und Nüssen
  • Mehrfach ungesättigte Fettsäuren – umfassen die Omega-6- und Omega-3-Fettsäurefamilien

Beim Menschen sind zwei Fettsäuren essentiell:

  • Linolsäure – Ausgangsfettsäure der Omega-6-Fettsäurefamilie
  • Alpha-Linolensäure – Ausgangsfettsäure der Omega-3-Fettsäurefamilie

Der menschliche Organismus kann diese Fettsäuren nicht selbst synthetisieren (herstellen), da ihm die für die Einführung entsprechender Doppelbindungen erforderlichen Enzymsysteme (Eiweißstoffe zur Steuerung chemischer Reaktionen) fehlen. Linolsäure und Alpha-Linolensäure müssen deshalb regelmäßig mit der Nahrung aufgenommen werden [1, 4].

Stoffwechsel der mehrfach ungesättigten Fettsäuren

Aus Linolsäure kann über Desaturierungs- und Elongationsschritte (enzymatische Einführung von Doppelbindungen und Verlängerung der Fettsäurekette) unter anderem Arachidonsäure (langkettige Omega-6-Fettsäure) gebildet werden. Aus Alpha-Linolensäure können Eicosapentaensäure (EPA, langkettige Omega-3-Fettsäure), Docosapentaensäure (langkettige Omega-3-Fettsäure) und DHA entstehen. Die endogene (körpereigene) Umwandlung von Alpha-Linolensäure zu DHA ist jedoch begrenzt und interindividuell variabel (von Mensch zu Mensch unterschiedlich). Eine ausreichende Aufnahme Alpha-Linolensäure-reicher Lebensmittel ist ernährungsphysiologisch wichtig, gewährleistet aber nicht in jedem Fall eine zuverlässige DHA-Versorgung [4].

DHA ist damit nicht im strengen biochemischen Sinn essentiell. Aufgrund der begrenzten endogenen Synthese und der besonderen Bedeutung während der frühen Entwicklung ist eine direkte Zufuhr während Schwangerschaft und Stillzeit dennoch erforderlich, um die empfohlene Aufnahmemenge zuverlässig zu erreichen [1, 4].

Arachidonsäure, EPA und DHA sind Bestandteile von Membranphospholipiden (Fettbausteinen der Zellmembranen) und Vorstufen zahlreicher Lipidmediatoren (fettähnlicher Botenstoffe). Eine pauschale Einordnung aller Omega-6-Fettsäuren als entzündungsfördernd und aller Omega-3-Fettsäuren als entzündungshemmend ist physiologisch nicht sachgerecht. Die Wirkungen der entstehenden Lipidmediatoren sind substanz-, gewebe- und situationsabhängig [4].

Für Stillende ist kein bestimmtes Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis als eigenständiger Referenzwert festgelegt. Entscheidend sind die ausreichende absolute Zufuhr von Linolsäure und Alpha-Linolensäure sowie die direkte Zufuhr von DHA. Ein starres Verhältnis von beispielsweise 5:1 ist daher kein evidenzbasiertes Therapieziel [1, 4].

Bedeutung für die Muttermilch

Die Lipide (Fette und fettähnliche Substanzen) der Muttermilch sind ein wesentlicher Energieträger für den Säugling und liefern zugleich strukturell sowie metabolisch wirksame Fettsäuren. Der Gesamtfettgehalt der Muttermilch schwankt unter anderem mit dem Laktationsstadium (Abschnitt der Stillzeit), dem Tagesverlauf, dem Abstand zur vorherigen Stillmahlzeit und dem Zeitpunkt innerhalb einer Stillmahlzeit [5].

Die Gesamtfettmenge der mütterlichen Ernährung bestimmt den Fettgehalt der Muttermilch nicht unmittelbar. Das Fettsäuremuster der Ernährung kann die Fettsäurezusammensetzung der Muttermilch dagegen beeinflussen. Dies gilt besonders für mehrfach ungesättigte Fettsäuren und am konsistentesten für DHA [5].

Die Fettsäuren der Muttermilch stammen aus der aktuellen mütterlichen Ernährung, aus mütterlichen Fettsäurespeichern und aus endogener Fettsäuresynthese. Eine höhere mütterliche DHA-Zufuhr führt regelhaft zu einer höheren DHA-Konzentration in der Muttermilch [5-8].

Bedeutung von DHA für den Säugling

DHA ist ein wesentlicher Bestandteil der Phospholipide neuronaler Membranen (Fettbausteine der Hüllen von Nervenzellen) und der Retina (Netzhaut). Gehirn und Retina weisen hohe DHA-Konzentrationen auf. Während der ersten Lebensmonate finden eine intensive neuronale Reifung (Entwicklung und Funktionsreifung des Nervensystems) und eine fortgesetzte Einlagerung langkettiger mehrfach ungesättigter Fettsäuren in Gewebe statt [4, 9].

Beim gestillten Säugling wird DHA im Wesentlichen über die Muttermilch bereitgestellt. Die mütterliche Versorgung beeinflusst deshalb unmittelbar die DHA-Zufuhr des ausschließlich oder überwiegend gestillten Kindes [5-8].

Arachidonsäure ist ebenfalls ein physiologischer Bestandteil neuronaler Membranen. Ziel einer DHA-reichen Ernährung oder Supplementierung (gezielten Nahrungsergänzung) ist daher nicht die vollständige Verdrängung von Arachidonsäure, sondern die Sicherstellung einer angemessenen Versorgung mit beiden Fettsäurefamilien.

Referenzwerte für Stillende

Gesamtfett – 30-35 % der Energiezufuhr [1]

Linolsäure – 2,5 % der Energiezufuhr [1]

Alpha-Linolensäure – 0,5 % der Energiezufuhr [1]

DHA – im Durchschnitt mindestens 200 mg täglich [1]

Die Referenzwerte beziehen sich auf die durchschnittliche Zufuhr. Eine tägliche exakt identische Aufnahme ist nicht erforderlich, sofern im längerfristigen Mittel eine ausreichende Versorgung erreicht wird.

Die im Rohmaterial genannte pauschale Zufuhr von 25-30 g Linol- und Alpha-Linolensäure sowie eine obligatorische tägliche Aufnahme von 500 mg EPA und DHA entsprechen nicht den aktuellen deutschen Referenzwerten für Stillende.

Lebensmittelquellen für Linolsäure

Linolsäure ist in zahlreichen pflanzlichen Ölen, Nüssen und Samen enthalten. Geeignete Quellen sind unter anderem:

  • Sonnenblumenöl
  • Distelöl
  • Sojaöl
  • Maiskeimöl
  • Sesam
  • Sonnenblumenkerne
  • zahlreiche Nüsse

Bei einer üblichen abwechslungsreichen Ernährung wird der Referenzwert für Linolsäure in Deutschland in der Regel erreicht. Eine isolierte Linolsäuresupplementierung ist für gesunde Stillende normalerweise nicht erforderlich.

Lebensmittelquellen für Alpha-Linolensäure

Geeignete Quellen für Alpha-Linolensäure sind:

  • Rapsöl
  • Leinöl und Leinsamen
  • Walnussöl und Walnüsse
  • Chiasamen
  • Hanföl und Hanfsamen
  • Sojaöl

Rapsöl ist für die regelmäßige Verwendung besonders geeignet, da es Alpha-Linolensäure liefert und gleichzeitig vielseitig einsetzbar ist. Leinöl weist einen besonders hohen Alpha-Linolensäuregehalt auf, ist jedoch oxidationsempfindlich (empfindlich gegenüber dem Verderb durch Sauerstoff) und sollte kühl, lichtgeschützt und vorzugsweise für kalte Speisen verwendet werden.

Alpha-Linolensäure-reiche Pflanzenöle sind ein wichtiger Bestandteil der Basisversorgung. Aufgrund der begrenzten Umwandlung von Alpha-Linolensäure zu DHA ersetzen sie jedoch nicht zuverlässig den Verzehr DHA-reicher Lebensmittel oder eine direkte DHA-Supplementierung [4].

Lebensmittelquellen für EPA und DHA

EPA und DHA kommen vor allem in fettreichen Fischen vor. Besonders geeignete Quellen sind:

  • Hering
  • Makrele
  • Lachs
  • Sardinen

Stillende sollen zweimal wöchentlich Meeresfisch verzehren, davon mindestens einmal fettreichen Meeresfisch. Auf diese Weise kann die durchschnittliche Zufuhrempfehlung von mindestens 200 mg DHA täglich in der Regel erreicht werden [1, 2].

Fischverzehr und Methylquecksilber

Der gesundheitliche Nutzen eines geeigneten Fischverzehrs wird durch die mögliche Belastung einzelner Fischarten mit Methylquecksilber (giftiger organischer Quecksilberverbindung) nicht grundsätzlich aufgehoben. Entscheidend ist die Auswahl geeigneter Fischarten [2, 3].

Große und langlebige Raubfische können vergleichsweise hohe Methylquecksilberkonzentrationen aufweisen. Stillende sollten insbesondere Hai, Schwertfisch und andere stark belastete große Raubfische meiden. Auch Thunfisch sollte während der Stillzeit nicht regelmäßig als primäre DHA-Quelle verzehrt werden [2, 3].

Fettreiche Fischarten wie Hering, Makrele und Lachs sind zur DHA-Versorgung besser geeignet. Ein Wechsel zwischen verschiedenen geeigneten Fischarten vermindert zusätzlich das Risiko einer einseitigen Kontaminantenexposition (Belastung durch Schadstoffe) [2, 3].

DHA-Supplementierung

Stillende, die keinen oder nur selten fettreichen Meeresfisch verzehren, sollten ihre DHA-Zufuhr gezielt ergänzen. Als praktische Standarddosierung gelten mindestens 200 mg DHA täglich [1-3].

Eine Supplementierung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • vegetarischer Ernährung ohne Fischverzehr
  • veganer Ernährung
  • Fischallergie (allergische Reaktion auf Fischbestandteile)
  • Fischaversion
  • sehr seltenem Fischverzehr
  • stark eingeschränkter Lebensmittelauswahl

DHA-Präparate werden unter anderem aus Fischöl oder Algenöl hergestellt. Algenöl stellt eine direkte DHA-Quelle dar und eignet sich insbesondere bei veganer Ernährung. Von Algenölpräparaten sind unverarbeitete Meeresalgen zu unterscheiden, deren Jodgehalt stark schwanken und teilweise sehr hoch sein kann [3].

Bei der Produktauswahl ist der deklarierte DHA-Gehalt pro Tagesdosis entscheidend. Die Gesamtmenge des enthaltenen Öls oder die unspezifische Angabe „Omega-3“ erlaubt keine sichere Beurteilung der tatsächlich aufgenommenen DHA-Menge.

Geeignete Präparate sollten eine klare DHA-Deklaration aufweisen, auf Kontaminanten (Schadstoffe oder Verunreinigungen) kontrolliert sein und entsprechend den Herstellerangaben vor Licht, Sauerstoff und Wärme geschützt gelagert werden. Produkte mit deutlich ranzigem Geruch oder Geschmack sollten nicht mehr verwendet werden.

Einfluss der Supplementierung auf den DHA-Status

Interventionsstudien (Studien mit einer gezielten Behandlung oder Maßnahme) zeigen übereinstimmend, dass eine mütterliche DHA-Supplementierung die DHA-Konzentration in der Muttermilch erhöht [6-8].

Eine Zufuhr von 200 mg DHA täglich von der Mitte der Schwangerschaft bis in die Stillzeit verbesserte bei Frauen mit geringem Fischverzehr den DHA-Status der Mutter und des Säuglings [6]. In einer ausschließlich an stillenden Frauen durchgeführten Untersuchung führte eine DHA-Supplementierung ebenfalls zu höheren DHA-Konzentrationen in Muttermilch und mütterlichem Plasma (flüssigem Bestandteil des Blutes) sowie zu Veränderungen kindlicher Fettsäuremarker [7].

In einer großen randomisierten Studie (Studie mit zufälliger Zuteilung zu den Behandlungsgruppen) erhöhte eine Supplementierung mit 400 mg DHA täglich von der frühen Schwangerschaft bis sechs Monate nach der Geburt die DHA-Konzentrationen in mütterlichen Erythrozyten (roten Blutkörperchen), Muttermilch und kindlichen Erythrozyten [8]. Diese Daten belegen zuverlässig die biologische Wirksamkeit der Supplementierung auf den DHA-Status.

Neurokognitive Entwicklung

Die strukturelle Bedeutung von DHA für Gehirn und Retina sowie der Anstieg von DHA-Biomarkern (messbaren biologischen Kennwerten) durch Supplementierung sind gut belegt. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass bei jedem ausreichend versorgten Kind messbare Verbesserungen der Intelligenz, Sprache, Motorik oder des Verhaltens auftreten.

Ein systematischer Review (systematische Auswertung der verfügbaren Studien) fand begrenzte Hinweise auf mögliche günstige kognitive Effekte einer Omega-3-Supplementierung während der Schwangerschaft. Für eine Supplementierung während Schwangerschaft und Stillzeit sowie insbesondere für eine ausschließlich während der Laktation erfolgende Supplementierung war die Evidenz für langfristige neurokognitive Endpunkte (Ergebnisse zur geistigen Entwicklung, zum Lernen und zum Verhalten) unzureichend oder inkonsistent [9].

Die DHA-Supplementierung während der Stillzeit dient deshalb primär der Sicherstellung einer adäquaten DHA-Verfügbarkeit. Garantierte neurokognitive Zusatzwirkungen dürfen daraus nicht abgeleitet werden.

Allergieprävention

Eine Metaanalyse (gemeinsame statistische Auswertung mehrerer Studien) randomisierter und kontrollierter Studien ergab, dass eine mütterliche Omega-3-Supplementierung während Schwangerschaft und teilweise fortgesetzter Laktation mit einem verminderten Risiko bestimmter Nahrungsmittelsensibilisierungen (messbarer Reaktionen des Immunsystems auf Lebensmittel) und Nahrungsmittelallergien beim Kind assoziiert war. Besonders deutlich waren die Ergebnisse für Ei- und Erdnusssensibilisierungen [10].

Die eingeschlossenen Interventionen begannen überwiegend während der Schwangerschaft. Aus diesen Daten lässt sich daher nicht ableiten, dass eine erst nach der Geburt begonnene Omega-3-Supplementierung der Mutter zuverlässig Nahrungsmittelallergien verhindert. Eine ausschließliche Indikation zur Allergieprävention ist für eine postpartal (nach der Geburt) begonnene DHA-Supplementierung derzeit nicht gesichert [10].

Regelmäßiger geeigneter Fischverzehr bleibt Bestandteil der Ernährungsempfehlungen für Stillende. Eine gezielte DHA-Supplementierung soll primär die DHA-Versorgung gewährleisten und ist nicht als garantierte allergiepräventive Maßnahme zu verstehen [2, 10].

Sicherheit der DHA-Supplementierung

Die übliche Supplementierung mit 200 mg DHA täglich liegt deutlich unter den in Sicherheitsbewertungen untersuchten höheren Zufuhrmengen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit konnte 2026 wegen der verfügbaren Daten keinen klassischen tolerierbaren oberen Zufuhrwert (höchste langfristig gesundheitlich unbedenkliche Aufnahmemenge) für supplementäres DHA ableiten. Eine supplementäre DHA-Zufuhr bis etwa 1 g täglich wurde für die Allgemeinbevölkerung als Zufuhr ohne erkennbare Sicherheitsbedenken bewertet [11].

Dieser Sicherheitswert ist kein Zielwert und keine Empfehlung zur routinemäßigen Hochdosierung. Für Stillende bleibt die durchschnittliche Zufuhr von mindestens 200 mg DHA täglich maßgeblich [1, 11].

Eine hochdosierte Einnahme im Grammbereich ist zur regulären Versorgung nicht erforderlich. Bei Herzerkrankungen, erhöhtem Risiko für Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung der Herzvorhöfe), Gerinnungsstörungen (Störungen der Blutgerinnung) oder einer gleichzeitigen Einnahme gerinnungshemmender Medikamente sollte eine hoch dosierte Omega-3-Supplementierung ärztlich beurteilt werden [3].

Eine zusätzliche hochdosierte Einnahme von Vitamin E, Vitamin C, Selen oder anderen Antioxidantien (Stoffen zum Schutz vor oxidativen Zellschäden) ist allein wegen der Einnahme eines DHA-Präparats nicht erforderlich. In Präparaten enthaltene Tocopherole (Formen von Vitamin E) dienen häufig der technologischen Stabilisierung des oxidationsempfindlichen Öls und begründen keine darüber hinausgehende Supplementierungsindikation.

Besondere klinische Risikokonstellationen

Ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Versorgung mit essentiellen und langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren kann bestehen bei:

  • ausgeprägter Fettmalabsorption (unzureichender Aufnahme von Nahrungsfetten aus dem Darm)
  • Kurzdarmsyndrom (Folgezustand nach Verlust großer Dünndarmabschnitte)
  • cholestatischen Erkrankungen (Erkrankungen mit gestörtem Galleabfluss)
  • exokriner Pankreasinsuffizienz (unzureichender Bildung von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse)
  • Status nach bariatrischer Operation (Zustand nach einer Operation zur Gewichtsreduktion)
  • schwerer Mangelernährung
  • extrem restriktiver Ernährung
  • langfristiger parenteraler Ernährung (Nährstoffzufuhr über die Vene) ohne ausreichende Lipidzufuhr

In diesen Situationen reicht eine pauschale Empfehlung von 200 mg DHA täglich nicht immer aus. Die Versorgung sollte unter Berücksichtigung der Grunderkrankung, der Fettresorption (Aufnahme von Fett aus dem Darm), der Gesamternährung und gegebenenfalls geeigneter Laborparameter individuell beurteilt werden [12].

Mangel an essentiellen Fettsäuren

Ein klinisch manifester Mangel an Linolsäure und Alpha-Linolensäure ist bei gesunden Stillenden mit abwechslungsreicher oraler Ernährung selten. Er tritt vor allem bei schwerer Fettmalabsorption, ausgeprägter Mangelernährung oder langfristiger unzureichender parenteraler Lipidversorgung auf [12].

Mögliche klinische Zeichen eines ausgeprägten Mangels sind:

  • trockene, schuppende oder ekzematöse Dermatitis (entzündliche Hauterkrankung)
  • Alopezie (Haarausfall)
  • gestörte Wundheilung
  • erhöhte Infektanfälligkeit
  • Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen)
  • Wachstumsstörung

Biochemisch kann ein Anstieg des Verhältnisses von Mead-Säure (bei Fettsäuremangel vermehrt gebildete Fettsäure) zu Arachidonsäure auf einen Mangel an essentiellen Fettsäuren hinweisen. Die Interpretation ist abhängig von Probenmaterial, analytischer Methode und klinischem Kontext [12].

Unspezifische Erkrankungen wie Hypertonie (Bluthochdruck), Hyperlipoproteinämie (erhöhte Blutfettwerte), Herzrhythmusstörungen, Arthritis (Gelenkentzündung), prämenstruelles Syndrom (Beschwerden vor der Monatsblutung), Aufmerksamkeitsstörungen oder Tumorerkrankungen dürfen nicht pauschal als Folgen eines Mangels an essentiellen Fettsäuren eingeordnet werden. Die im Rohmaterial aufgeführte umfangreiche Mangelsymptomatik ist für eine evidenzbasierte klinische Diagnostik nicht ausreichend spezifisch.

Praktische Empfehlungen

  • Gesamtfettzufuhr von 30-35 % der Energiezufuhr anstreben [1]
  • regelmäßig hochwertige pflanzliche Öle verwenden
  • Rapsöl als vielseitige Quelle für Alpha-Linolensäure bevorzugen
  • Leinöl, Walnüsse, Leinsamen oder Chiasamen ergänzend einsetzen
  • zweimal wöchentlich Meeresfisch verzehren, davon mindestens einmal fettreichen Meeresfisch [2]
  • Fischarten mit potentiell hoher Methylquecksilberbelastung meiden [2, 3]
  • bei fehlendem regelmäßigem Fischverzehr mindestens 200 mg DHA täglich supplementieren [1-3]
  • bei veganer Ernährung ein klar deklariertes DHA-Präparat auf Algenölbasis verwenden
  • hoch dosierte Präparate im Grammbereich nicht ohne medizinische Indikation einsetzen [3, 11]

Fazit

Während der Laktationsphase besteht vor allem ein qualitativer Versorgungsanspruch an die Nahrungsfette. Linolsäure und Alpha-Linolensäure sind die beiden essentiellen Fettsäuren und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Stillende sollen 2,5 % ihrer Energiezufuhr als Linolsäure und 0,5 % als Alpha-Linolensäure aufnehmen [1].

Besondere Bedeutung besitzt DHA. Die mütterliche DHA-Zufuhr beeinflusst den DHA-Gehalt der Muttermilch und damit die DHA-Versorgung des gestillten Säuglings. Stillende sollen im Durchschnitt mindestens 200 mg DHA täglich aufnehmen [1, 5].

Die bevorzugte Ernährungsstrategie umfasst zweimal wöchentlich Meeresfisch, darunter mindestens einmal fettreichen Meeresfisch. Bei fehlendem regelmäßigen Fischverzehr ist eine gezielte Supplementierung mit mindestens 200 mg DHA täglich sinnvoll. Fischöl und Algenöl sind geeignete direkte DHA-Quellen; bei veganer Ernährung ist ein kontrolliertes Algenölpräparat die zweckmäßige Option [1-3].

Eine DHA-Supplementierung erhöht nachweislich den DHA-Gehalt der Muttermilch sowie mütterliche und kindliche DHA-Biomarker [6-8]. Langfristige neurokognitive Zusatzwirkungen einer ausschließlich während der Stillzeit begonnenen Supplementierung sind dagegen nicht gesichert [9]. Hinweise auf eine Verminderung bestimmter Nahrungsmittelsensibilisierungen stammen überwiegend aus Interventionen, die bereits während der Schwangerschaft begannen und teilweise während der Stillzeit fortgeführt wurden [10].

Starre Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnisse, eine pauschale Abwertung von Omega-6-Fettsäuren, routinemäßige Hochdosierungen und eine obligatorische zusätzliche Antioxidantiensupplementierung sind wissenschaftlich nicht begründet.

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Fett, essenzielle Fettsäuren. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Website
  2. Netzwerk Gesund ins Leben: Fisch für die stillende Mutter. Ernährung und Bewegung von Säuglingen und stillenden Frauen – Handlungsempfehlungen. Website
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung: Omega-3-Fettsäuren: Wichtig – aber in Maßen. Fragen und Antworten. Stand 30. April 2026. Website
  4. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition, and Allergies (NDA): Scientific Opinion on Dietary Reference Values for fats, including saturated fatty acids, polyunsaturated fatty acids, monounsaturated fatty acids, trans fatty acids, and cholesterol. EFSA Journal. 2010;8(3):1461. doi:10.2903/j.efsa.2010.1461
  5. Petersohn I, Hellinga AH, van Lee L et al.: Maternal diet and human milk composition: an updated systematic review. Front Nutr. 2024;10:1320560. doi:10.3389/fnut.2023.1320560
  6. Bergmann RL, Haschke-Becher E, Klassen-Wigger P et al.: Supplementation with 200 mg/day docosahexaenoic acid from mid-pregnancy through lactation improves the docosahexaenoic acid status of mothers with a habitually low fish intake and of their infants. Ann Nutr Metab. 2008;52(2):157-166. doi:10.1159/000129651
  7. Sherry CL, Oliver JS, Marriage BJ: Docosahexaenoic acid supplementation in lactating women increases breast milk and plasma docosahexaenoic acid concentrations and alters infant omega 6:3 fatty acid ratio. Prostaglandins Leukot Essent Fatty Acids. 2015;95:63-69. doi:10.1016/j.plefa.2015.01.005
  8. Khandelwal S, Kondal D, Gupta R et al.: Docosahexaenoic Acid Supplementation in Lactating Women Increases Breast Milk and Erythrocyte Membrane Docosahexaenoic Acid Concentrations and Alters Infant n-6:n-3 Fatty Acid Ratio. Curr Dev Nutr. 2023;7(10):102010. doi:10.1016/j.cdnut.2023.102010
  9. Nevins JEH, Donovan SM, Snetselaar L et al.: Omega-3 Fatty Acid Dietary Supplements Consumed During Pregnancy and Lactation and Child Neurodevelopment: A Systematic Review. J Nutr. 2021;151(11):3483-3494. doi:10.1093/jn/nxab238
  10. Huynh LBP, Nguyen NN, Fan HY et al.: Maternal Omega-3 Supplementation During Pregnancy, but Not Childhood Supplementation, Reduces the Risk of Food Allergy Diseases in Offspring. J Allergy Clin Immunol Pract. 2023;11(9):2862-2871.e8. doi:10.1016/j.jaip.2023.06.005
  11. EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA): Scientific Opinion on the tolerable upper intake level for supplemental docosahexaenoic acid. EFSA Journal. 2026;24(1):e9858. doi:10.2903/j.efsa.2026.9858
  12. Wolff J, Cober MP, Huff KA: Essential fatty acid deficiency in parenteral nutrition: Historical perspective and modern solutions, a narrative review. Nutr Clin Pract. 2025;40(2):350-367. doi:10.1002/ncp.11278