Zungenschmerzen (Glossalgie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Ursachenbezogene Behandlung: Beseitigung nachweisbarer lokaler oder systemischer (den gesamten Körper betreffender) Ursachen der Zungenschmerzen.
  • Symptomlinderung: Verminderung von Schmerzen und Brennen sowie Verbesserung von Nahrungsaufnahme, Schlaf und Lebensqualität.
  • Arzneimittelsicherheit: Vermeidung unbegründeter antiinfektiver (gegen Krankheitserreger gerichteter) Behandlungen und einer unkritischen Dauertherapie mit sedierenden (beruhigenden und schläfrig machenden) oder abhängigkeitsfördernden Arzneimitteln.

Therapieempfehlungen

Glossalgie ist zunächst ein Symptom und keine eigenständige Arzneimittelindikation. Die Behandlung richtet sich nach der gesicherten Ursache. Ein primäres Burning-Mouth-Syndrom (Syndrom des brennenden Mundes ohne nachweisbare Ursache) (BMS) darf erst nach Ausschluss erklärender lokaler und systemischer Erkrankungen diagnostiziert werden. Nach der International Classification of Orofacial Pain bestehen dabei intraorale (innerhalb des Mundes auftretende) brennende Schmerzen oder Dysästhesien (unangenehme Missempfindungen) täglich über mehr als 2 Stunden und seit mehr als 3 Monaten bei klinisch unauffälliger Mundschleimhaut [1].

Nachweisbare lokale oder systemische Ursachen

  • Entzündliche Zungen- und Mundschleimhauterkrankungen: Behandlung entsprechend dem klinischen Befund; siehe Zungenentzündung (Glossitis) – Medikamentöse Therapie. Topische (örtlich angewendete) Glucocorticoide sind bestimmten entzündlichen Schleimhauterkrankungen vorbehalten und keine empirische Behandlung ungeklärter Glossalgie.
  • Orale Candidose (Hefepilzinfektion im Mund): Bei klinisch gesicherter, milder und lokalisierter Erkrankung kommt ein lokales Antimykotikum infrage. Ein alleiniger Candida-Nachweis ohne passenden Schleimhautbefund beweist keine behandlungsbedürftige Infektion. Bei ausgeprägter Erkrankung, Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr) oder Therapieversagen ist eine weiterführende Abklärung und gegebenenfalls systemische Behandlung erforderlich; siehe das verknüpfte Glossitis-Kapitel [LL1].
  • Nachgewiesene Mangelzustände: Eisen-, Vitamin-B12- oder Folatmangel gezielt behandeln und die Ursache abklären. Bei Vitamin-B12-Mangel richten sich Applikationsweg und Behandlungsdauer insbesondere nach Ursache, Malabsorption (gestörter Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) und neurologischer (das Nervensystem betreffender) Beteiligung. Bei Verdacht auf neurologische Manifestationen darf die Behandlung nicht durch ausstehende Befunde verzögert werden. Keine alleinige Folatgabe bei ungeklärtem Vitamin-B12-Status [LL2].
  • Hyposalivation (verminderte Speichelbildung) und Arzneimittelwirkungen: Auslösende Arzneimittel und lokale Reizstoffe prüfen; eine Umstellung erfolgt nach ärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung. Bei objektiv vermindertem Speichelfluss kommen Speichelersatzmittel zur Beschwerdelinderung infrage. Eine Speichelflussstörung muss ursächlich abgeklärt werden [1].
  • Mechanische Irritation: Scharfe Zahnkanten, Prothesendruckstellen und andere lokale Auslöser zahnärztlich beseitigen. Eine Arzneimitteltherapie ersetzt diese Maßnahmen nicht.

Primäres Burning-Mouth-Syndrom

  • Behandlungskonzept: Aufklärung über die chronische Schmerzerkrankung, realistische Therapieziele und bei Bedarf eine kognitive Verhaltenstherapie beziehungsweise interdisziplinäre Schmerzbehandlung. Die Erkrankung darf nicht allein wegen eines unauffälligen Schleimhautbefundes als psychisch verursacht eingeordnet werden [1, 5].
  • Medikamentöser Therapieversuch: Bei erheblicher Beeinträchtigung kann unter fachkundiger Betreuung ein zeitlich begrenzter Versuch mit topischem Clonazepam erwogen werden. Es handelt sich um einen Off-Label-Use. Eine randomisierte Studie zeigte eine kurzfristige Schmerzlinderung; die Evidenzsynthesen stützen einen möglichen Nutzen, erlauben aber keine verlässliche Aussage zur dauerhaften Wirksamkeit oder zur Überlegenheit der topischen gegenüber der systemischen Anwendung [2-4].
  • Keine automatische Übertragung anderer Schmerzindikationen: Gabapentin, Pregabalin und Antidepressiva sind keine pauschale Standardtherapie bei ungeklärtem Zungenbrennen. Ein Einsatz beim gesicherten BMS erfordert eine individuelle fachärztliche Entscheidung und gegebenenfalls eine Off-Label-Aufklärung. Die Evidenz ist überwiegend begrenzt; anticholinerge (unter anderem die Speichelbildung hemmende) Arzneimittel können eine Mundtrockenheit verstärken [3, 5].
  • Keine empirische Dauerbehandlung: Antibiotika, Antimykotika, Glucocorticoide oder eine Hormonersatztherapie sind ohne entsprechende eigenständige Indikation nicht angezeigt. Für eine routinemäßige Behandlung des primären BMS mit nichtsteroidalen Antirheumatika oder Opioiden besteht keine hinreichende Evidenz [3, 5].
  • Gezielte Verknüpfung: Weiterführende Therapieoptionen siehe Burning-Mouth-Syndrom – Medikamentöse Therapie und Burning-Mouth-Syndrom – Weitere Therapie. Zur Abgrenzung siehe Glossalgie – Differentialdiagnosen (andere mögliche Erkrankungen).

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Eine allgemeine Arzneimitteltherapie der Glossalgie existiert nicht. Die folgende Auswahl betrifft eine konkret nachgewiesene Ursache; weitere ursachenspezifische Behandlungen sind im verknüpften Glossitis-Kapitel dargestellt. Die Dosierung gilt für Erwachsene.

Lokale Polyen-Antimykotika bei oraler Candidose

Wirkstoff Besonderheiten
Nystatin Präparatspezifische Dosierung beachten; Behandlung 2-3 Tage über das Verschwinden sichtbarer Symptome hinaus fortführen [FI1].
  • Wirkweise: Schädigung der Pilzzellmembran; kaum systemische Resorption (Aufnahme in den Körper).
  • Indikationen: Milde, lokalisierte orale Candidose mit Zungenbeteiligung; keine Behandlung des primären BMS.
  • Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Überempfindlichkeit gegen Nystatin, verwandte Polyene oder Bestandteile.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale (den Magen-Darm-Trakt betreffende) Beschwerden, Exantheme (Hautausschläge) und Urtikaria (Nesselsucht); selten schwere Hautreaktionen [FI1].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Benzodiazepine: topischer Off-Label-Use beim primären Burning-Mouth-Syndrom

Wirkstoff Besonderheiten
Clonazepam, topisch Studienregime, keine zugelassene BMS-Dosierung. Off-Label-Use; systemische Aufnahme trotz Ausspuckens möglich. Keine unkontrollierte Daueranwendung.
  • Wirkweise: Verstärkung der GABA-vermittelten Hemmung; lokale schmerzmodulierende Wirkung angenommen.
  • Indikationen: Fachärztlich begleiteter Therapieversuch bei gesichertem, belastendem primärem BMS [2-4].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, bekannte Medikamenten-, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, Koma (tiefe Bewusstlosigkeit) sowie schwere Atem- oder Leberinsuffizienz (schwere Einschränkung der Atem- oder Leberfunktion) [FI2].
  • Nebenwirkungen: Sedierung, Schwindel, Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Abhängigkeit und Atemdepression (Dämpfung der Atmung); erhöhtes Risiko mit Opioiden, Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Substanzen. Verkehrstüchtigkeit beachten [FI2].

Beachte

  • Erfolgskontrolle: Schmerzintensität und Alltagsbeeinträchtigung vor Behandlungsbeginn dokumentieren. Beim topischen Clonazepam-Versuch nach 14 Tagen Wirksamkeit und Verträglichkeit überprüfen; ohne relevanten Nutzen keine Fortführung. Nach längerer regelmäßiger Anwendung Absetzen ärztlich planen.
  • Persistierende Beschwerden: Bei fehlendem Ansprechen Diagnose und Begleiterkrankungen erneut prüfen; keine wiederholten empirischen Antiinfektiva-Verordnungen.
  • Abgrenzung: Einseitige, einschießende, durch Schlucken oder Berührung ausgelöste Schmerzattacken sprechen für eine andere Schmerzursache, beispielsweise eine Glossopharyngeusneuralgie (anfallsartige Nervenschmerzen im Zungen- und Rachenbereich), und erfordern eine entsprechende Abklärung [1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Glossalgie

  • Sofortige Notfallversorgung: Rasch zunehmende Zungen- oder Mundbodenschwellung, Atemnot, Stridor (pfeifendes oder ziehendes Atemgeräusch) oder Unfähigkeit, Speichel zu schlucken; mögliche Atemwegsgefährdung.
  • Zeitnahe fachärztliche Abklärung: Nicht heilende Ulzeration (Geschwür) über mehr als 2 Wochen, Verhärtung, Blutung, einseitig fortschreitende Beschwerden, Halslymphknotenschwellung oder ungewollter Gewichtsverlust; eine maligne (bösartige) Ursache ausschließen.
  • Dringliche Abklärung am selben Tag: Neue Zungenschmerzen mit Kauclaudicatio (Schmerzen oder Ermüdung beim Kauen), neuartigen Kopfschmerzen oder Sehstörungen, insbesondere ab dem 50. Lebensjahr; Verdacht auf Riesenzellarteriitis (Entzündung größerer Schlagadern). Bei Sehstörungen sofortige Notfallbehandlung.

Abkürzungen

  • BMS: Burning-Mouth-Syndrom.
  • FI: Fachinformation.
  • GABA: Gamma-Aminobuttersäure.
  • ICOP: International Classification of Orofacial Pain; internationale Klassifikation von Schmerzen im Mund- und Gesichtsbereich.
  • I.E.: Internationale Einheiten.
  • LL: Leitlinie.
  • mg: Milligramm.
  • ml: Milliliter.
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
  • doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
  • et al.: et alii; und weitere Autoren.
  • SWiM: Synthesis Without Meta-analysis; Zusammenführung von Studienergebnissen ohne statistische Metaanalyse.

Literatur

  1. International Classification of Orofacial Pain, 1st edition (ICOP). Cephalalgia. 2020;40(2):129-221. doi:10.1177/0333102419893823.
  2. Gremeau-Richard C, Woda A, Navez ML et al.: Topical clonazepam in stomatodynia: a randomised placebo-controlled study. Pain. 2004;108(1-2):51-57. doi:10.1016/j.pain.2003.12.002.
  3. Alvarenga-Brant R, Costa FO, Mattos-Pereira G et al.: Treatments for Burning Mouth Syndrome: A Network Meta-analysis. J Dent Res. 2023;102(2):135-145. doi:10.1177/00220345221130025.
  4. Aravena-Ávila CL, Santander-Sandoval JF, Rivera C: Clinical-Psychological Characteristics and Clonazepam Outcomes in Burning Mouth Syndrome: A Systematic Review Based on the SWiM Approach. J Oral Pathol Med. 2026;55(9):994-1007. doi:10.1111/jop.70164.
  5. Tan HL, Smith JG, Hoffmann J, Renton T: A systematic review of treatment for patients with burning mouth syndrome. Cephalalgia. 2022;42(2):128-161. doi:10.1177/03331024211036152.

Leitlinien

  1. Pappas PG, Kauffman CA, Andes DR et al.: Clinical Practice Guideline for the Management of Candidiasis: 2016 Update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2016;62(4):e1-e50. Empfehlungen zur oropharyngealen Candidose (Hefepilzinfektion im Mund- und Rachenraum). doi:10.1093/cid/civ933. Leitlinientext [LL1]
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Vitamin B12 deficiency in over 16s: diagnosis and management. NICE guideline NG239, März 2024. Empfehlungen [LL2]

Fachinformationen

  1. Dermapharm AG: Nystaderm-S, 100.000 I.E./ml, Suspension zur Anwendung in der Mundhöhle und zum Einnehmen. Stand April 2026. Fachinformation [FI1]
  2. CHEPLAPHARM Arzneimittel GmbH: Rivotril oral. Stand Juni 2022. Die Fachinformation beschreibt die zugelassene Anwendung bei Epilepsien (Erkrankungen mit wiederkehrenden Krampfanfällen); die topische BMS-Behandlung ist nicht zugelassen. Fachinformation [FI2]