Zungenschmerzen (Glossalgie) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemein- und Ernährungszustandes sowie des Hydratationszustandes (Flüssigkeitszustandes des Körpers); auf Blässe und klinische Hinweise auf Mangelzustände achten. Diese Befunde sind nicht beweisend für die Ursache der Glossalgie.
    • Inspektion der Haut und Schleimhäute – Untersuchung der Lippen, Mundwinkel und gesamten Mundhöhle bei guter Beleuchtung; herausnehmbaren Zahnersatz zuvor entfernen. Wangenschleimhaut, Zahnfleisch, Mundboden, harten und weichen Gaumen, Rachen und Tonsillenregion (Bereich der Gaumenmandeln) beurteilen; den Zungengrund, soweit einsehbar, mitbeurteilen.
    • Gezielte Untersuchung der Zunge – Zungenrücken, Zungenspitze, beide Zungenränder und Zungenunterseite vollständig inspizieren. Farbe, Feuchtigkeit, Papillenrelief (Oberflächenstruktur der kleinen Erhebungen auf der Zunge), Beläge, Schwellungen und umschriebene Schleimhautveränderungen beurteilen. Auf Erytheme (Rötungen), Erosionen (oberflächliche Schleimhautdefekte), Ulzerationen (Geschwüre), Fissuren (Einrisse), Bläschen, weißliche oder rote Veränderungen und Blutungen achten. Lokalisation, Ausdehnung und Seitenverteilung auffälliger Befunde dokumentieren und mit dem Schmerzareal abgleichen.
    • Palpation der Zunge und des Mundbodens – Prüfung auf Druckschmerz, Verhärtungen, Knoten und Raumforderungen (Gewebevermehrungen oder Schwellungen); den Mundboden bei Bedarf bimanuell untersuchen. Beweglichkeit und Symmetrie der Zunge beim Herausstrecken und bei seitlichen Bewegungen prüfen.
    • Beurteilung möglicher lokaler Ursachen – auf mechanische Reizstellen durch scharfkantige Zähne, defekte Restaurationen (Zahnfüllungen oder Zahnersatz), Zahnersatz oder wiederholtes Zungenreiben und Zungenpressen achten. Zahnabdrücke an den Zungenrändern sind unspezifisch und allein kein Nachweis einer ursächlichen mechanischen Belastung.
    • Orientierende Beurteilung der Speichelversorgung – Schleimhautfeuchtigkeit, Speichelansammlung im Mundboden und Speichelbeschaffenheit beurteilen; auf trockene, klebrige Schleimhaut und zähen Speichel achten. Große Speicheldrüsen bei entsprechenden Beschwerden auf Schwellung, Druckschmerz und Verhärtung untersuchen. Subjektive Xerostomie (empfundene Mundtrockenheit) und objektive Hyposalivation (verminderte Speichelbildung) sind zu unterscheiden; eine unauffällige Inspektion schließt eine verminderte Speichelsekretion nicht sicher aus.
    • Orientierende neurologische Untersuchung – Berührungsempfinden an Zunge und Mundschleimhaut im Seitenvergleich sowie Zungenmotorik (Bewegungsfähigkeit der Zunge) prüfen. Bei Sensibilitätsstörungen (Empfindungsstörungen), einseitigen Beschwerden oder weiteren neurologischen Auffälligkeiten die Hirnnerven (direkt vom Gehirn ausgehende Nerven) gezielt untersuchen.
  • Krebsvorsorge beziehungsweise gezielte Untersuchung auf malignitätsverdächtige (krebsverdächtige) Befunde
    • Im Rahmen der symptombezogenen Untersuchung besonders Zungenränder, Zungenunterseite und Mundboden auf persistierende Ulzerationen, indurierte (verhärtete) Veränderungen, nicht abwischbare weiße oder umschriebene rote Schleimhautveränderungen sowie spontane Blutungen untersuchen. Diese Befunde sind abklärungsbedürftig, aber nicht für ein Karzinom (bösartigen Tumor) beweisend.
    • Submentale (unter dem Kinn gelegene), submandibuläre (unter dem Unterkiefer gelegene) und zervikale (am Hals gelegene) Lymphknoten beidseits palpieren; Größe, Konsistenz, Druckschmerz und Verschieblichkeit beurteilen.
  • Gegebenenfalls HNO-ärztliche Untersuchung – bei unzureichend einsehbarem Zungengrund oder Rachen, einseitigen oder posterior lokalisierten Beschwerden, Dysphagie (Schluckbeschwerden), Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken), Heiserkeit, auffälligen Halslymphknoten oder unklarem Befund; gezielte Beurteilung der nicht ausreichend zugänglichen Schleimhautabschnitte.
  • Gegebenenfalls zahnärztliche Untersuchung – bei Hinweisen auf dentale (die Zähne betreffende) oder prothetische (Zahnersatz betreffende) Reizursachen, Schleimhauterkrankungen oder gestörte Speichelversorgung sowie bei anhaltender ungeklärter Glossalgie. Zähne, Restaurationen, Prothesensitz und mögliche Kontakt- oder Druckstellen systematisch beurteilen; bei Bedarf oralmedizinische Mitbeurteilung (fachliche Beurteilung von Erkrankungen im Mund).

Einordnung des Untersuchungsbefundes: Für die Glossalgie besteht kein pathognomonischer (für eine bestimmte Erkrankung beweisender) körperlicher Befund. Eine glatte, gerötete Zunge mit Papillenatrophie (Rückbildung der kleinen Erhebungen auf der Zunge), abwischbare weißliche Beläge mit gerötetem Untergrund oder erosive (oberflächlich geschädigte) Schleimhautveränderungen lenken die weitere Abklärung auf mögliche lokale oder systemische Ursachen; sie beweisen diese nicht. Beim primären Burning-Mouth-Syndrom (Mundbrennen ohne nachweisbare ursächliche Erkrankung) findet sich keine klinisch erkennbare ursächliche Schleimhautveränderung. Ein unauffälliger Untersuchungsbefund allein sichert diese Diagnose jedoch nicht; lokale und systemische Ursachen müssen ausgeschlossen sein.

Red Flags (Warnzeichen) bei Glossalgie

  • Eine suspekte Verhärtung oder Raumforderung, eingeschränkte Zungenbeweglichkeit, eine umschriebene Sensibilitätsstörung oder auffällige Halslymphknoten erfordern eine unverzügliche fachärztliche Abklärung.
  • Auch eine unklare Schleimhautveränderung, die länger als zwei Wochen besteht, muss zeitnah fachärztlich abgeklärt werden. Bei klinischem Malignitätsverdacht (Verdacht auf eine Krebserkrankung) darf diese Frist nicht abgewartet werden.