Allgemeine Regeln zum Verhalten in der Kälte
Reisen in sehr kalte Regionen werden immer beliebter – etwa Expeditionen nach Skandinavien, Kanada, Alaska, in die Antarktis oder in hoch gelegene Wintersportgebiete. Kälte ist jedoch ein oft unterschätzter Gesundheitsfaktor. Global gesehen führt Kälte zu deutlich mehr Todesfällen als Hitze. Große internationale Analysen zeigen, dass Kälte nahezu 20-mal häufiger mit Todesfällen assoziiert ist als Wärme, vor allem durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.
Der Grund dafür liegt in der physiologischen Reaktion des Körpers auf niedrige Temperaturen. Durch die Kälte:
- verengen sich die peripheren Blutgefäße,
- steigt der Blutdruck deutlich an,
- sinkt die Herzfrequenz etwas ab,
- verringert sich die Produktion von gefäßerweiterndem Stickstoffmonoxid, was die Gefäße zusätzlich verengt.
Diese Mechanismen erhöhen das Risiko für Myokardinfarkt (Herzinfarkt), Apoplex (Schlaganfall), Rhythmusstörungen, Thrombosen und andere Komplikationen.
Wer bei Kältereisen besonders gefährdet ist
Vor Reisen in kalte oder extreme Klimazonen sollte eine reisemedizinische Beratung erfolgen, insbesondere bei Erkrankungen der folgenden Organsysteme:
- Atmungssystem (z. B. chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Asthma bronchiale)
- Augen und Augenanhangsgebilde (z. B. Keratitis (Entzündung der Hornhaut des Auges), trockene Augen)
- Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (z. B. Diabetes mellitus)
- Haut und Unterhaut (z. B. Raynaud-Syndrom, Ekzeme)
- Kreislaufsystem – körperliche Aktivität bei starker Kälte (< –12 °C) steigert das Risiko für:
- Myokardinfarkt/Herzinfarkt (v. a. bei Koronarstenosen/Verengungen der Herzkranzgefäße)
- Thrombosen
- Muskel-Skelett-System und Bindegewebe
- Ohren
Diese Gruppen reagieren oft empfindlicher auf Kälteexposition und sind gefährdet für Erfrierungen, Hypothermie (Unterkühlung) oder kältebedingte Komplikationen.
Empfehlungen zum Schutz vor Kälte
Die folgenden Maßnahmen helfen, Erkrankungen und Verletzungen vorzubeugen:
- Mehrschichtige, windabweisende, atmungsaktive Kleidung tragen ("Zwiebelschalenprinzip").
- Mütze/Kopfschutz: Über den Kopf gehen 20-30 % der Körperwärme verloren.
- Sonnenschutz ab 2.000 m: UV-B-Strahlung ist etwa 20 % intensiver; Sonnenschutzfaktor > 25 wird empfohlen.
- Durch die Nase atmen: Die Luft wird besser angewärmt und befeuchtet, das Risiko für Atemwegsreizungen sinkt.
- Kein Alkohol: Alkohol weitet die Hautgefäße und erhöht Wärmeverluste. Dies begünstigt sowohl Erfrierungen als auch Hypothermie (Unterkühlung).
- Auf Warnzeichen achten: Taubheit, Blässe, Kribbeln oder Schmerzen an Fingern, Nasenspitze, Zehen oder Ohren sind frühe Anzeichen einer Erfrierung.
Erfrierungen und Unterkühlung (Hypothermie)
| Grad/Stadium | Erfrierungen (Fingern, Zehen, Ohren, Nase) | Unterkühlung/Hypothermie (Körperkernkörpertemperatur) |
| 1. Grad/Stadium I – mild | Rötung, Kältegefühl, Taubheit |
35-32 °C:
|
| 2. Grad/Stadium II – moderat | Ödeme (Wassereinlagerungen)/Blasen auf geröteter Haut |
32-28 °C:
|
| 3. Grad/Stadium III – schwer | Nekrosen (Kältebrand) |
28-20 °C:
|
| 4. Grad/Stadium IV – kritisch | Vereisung |
< 20 °C:
|
Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Erfrierungen
Bei gleichzeitiger Erfrierung und Hypothermie hat immer die Behandlung der Hypothermie Priorität, da sie lebensbedrohlicher ist.
Empfohlene Maßnahmen:
- Langsame Wiedererwärmung bei Erfrierungen 1. und 2. Grades:
- körperwarmes Wasserbad, max. 30 Minuten, bis die Haut rosig ist
- nur, wenn keine Hypothermie besteht
- Keine Blasen eröffnen (Infektionsrisiko)
- Passive Wärmezufuhr:
- warme Decken
- trockene Kleidung
- Körperwärme (Hände unter Achseln etc.)
- Warme Getränke ohne Alkohol verabreichen
- Betroffene Bewegungen vermeiden: Reibung oder Druck verschlimmern Gewebeschäden
- Medizinische Versorgung bei Verdacht auf Erfrierungen 2..4. Grades oder Hypothermie
Literatur
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