Hörverlust (Hypakusis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Therapieempfehlungen
- Grundsatz: Die Hypakusis (Schwerhörigkeit) ist ein Symptom (Krankheitszeichen) unterschiedlicher Erkrankungen. Die Therapie richtet sich nach Art, Ursache, Ausprägung und Verlauf der Hörstörung.
- Chronische Schallempfindungsschwerhörigkeit (dauerhafte Innenohrschwerhörigkeit) beziehungsweise Presbyakusis (Altersschwerhörigkeit): Eine zugelassene kausale Pharmakotherapie, welche geschädigte Haarzellen regeneriert oder das Hörvermögen zuverlässig verbessert, ist derzeit nicht verfügbar. Regenerative und neuroprotektive Wirkstoffe befinden sich in klinischer Entwicklung und sollen außerhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden.
- Ursachenbezogene Pharmakotherapie: Bei infektiösen, entzündlichen, autoimmunologischen oder metabolischen Ursachen erfolgt die spezifische Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. Potenziell ototoxische (gehörschädigende) Arzneimittel sollen hinsichtlich Indikation, Dosierung, kumulativer Exposition, Nierenfunktion und möglicher Alternativen überprüft werden; eine notwendige Therapie darf nicht ohne Abstimmung mit dem behandelnden Arzt abgesetzt werden.
- Hörrehabilitation (Versorgung zur Verbesserung des Hörens): Bei chronischer Hypakusis sind, abhängig vom audiologischen Befund und dem individuellen Kommunikationsbedarf, Hörgeräte die Therapie der ersten Wahl. Bei trotz optimal angepasster Hörgeräte unzureichendem Sprachverstehen soll eine Abklärung der Eignung für ein Cochlea-Implantat (Innenohrprothese) erfolgen [LL4].
- Hörsturz (plötzlich auftretender Hörverlust): Bei akutem idiopathischem sensorineuralem Hörverlust gelten die nachfolgenden Empfehlungen; siehe auch Hörsturz/Pharmakotherapie.
Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust (Hörsturz)
- Dringlichkeit: Ein plötzlich aufgetretener Hörverlust erfordert eine zeitnahe Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Untersuchung. Eine Schallleitungsstörung (Störung der Schallübertragung) ist von einer Schallempfindungsschwerhörigkeit abzugrenzen; die Audiometrie soll so früh wie möglich, spätestens innerhalb von 14 Tagen nach Symptombeginn, erfolgen [LL3].
- Evidenzlage: Der Nutzen von Glucocorticoiden gegenüber Placebo beziehungsweise einer alleinigen Beobachtung ist weiterhin nicht sicher belegt. Die Entscheidung für eine Behandlung soll nach Aufklärung über Spontanverlauf, potenziellen Nutzen, Nebenwirkungen und die begrenzte Evidenz gemeinsam mit dem Patienten erfolgen [1, 3-5, LL2, LL3].
- Primärtherapie: Eine systemische Glucocorticoidtherapie kann bei Erwachsenen innerhalb von 2 Wochen nach Symptombeginn angeboten werden. Die frühere routinemäßige Empfehlung von 250 mg Prednisolon täglich über 5 Tage ist nach den Ergebnissen der HODOKORT-Studie nicht mehr gerechtfertigt [3, 5, LL2, LL3].
- Geringer bis moderater Hörverlust: Bis zur Fertigstellung der neuen deutschen S2k-Leitlinie kann bei einem Hörverlust bis etwa 50 dB in den 3 am stärksten betroffenen benachbarten Frequenzen beispielsweise eine orale Prednisolontherapie mit 60 mg/d eingesetzt werden. Hierbei handelt es sich um ein mögliches, evidenzbasiertes Interimsverfahren und nicht um eine aktuell konsentierte deutsche Leitlinienempfehlung [5, LL1, LL2].
- Moderater bis schwerer Hörverlust: Bei einem Hörverlust von mindestens etwa 50 dB soll eine Behandlung nach Möglichkeit innerhalb einer klinischen Studie erfolgen. Außerhalb klinischer Studien ist das Vorgehen individuell festzulegen [5, LL2].
- Sekundärtherapie: Bei unvollständiger Erholung kann 2-6 Wochen nach Symptombeginn eine intratympanale Glucocorticoidtherapie angeboten werden. Die Evidenz deutet auf einen möglichen Nutzen hin, ihre Sicherheit ist jedoch gering [4, 5, LL2, LL3].
- Kombinationstherapie: Die routinemäßige Kombination einer systemischen und intratympanalen Glucocorticoidtherapie ist aufgrund der niedrigen Evidenzsicherheit nicht allgemein zu empfehlen. Bei fehlendem nutzbarem Hörvermögen kann sie im Einzelfall erwogen werden [4, 5].
- Nicht empfohlene Arzneimittel: Antivirale Arzneimittel, Thrombolytika, Vasodilatatoren, Rheologika und andere vasoaktive Substanzen sollen bei idiopathischem Hörsturz nicht routinemäßig verordnet werden [LL3].
- Hyperbare Sauerstofftherapie: Sie kann ausschließlich in Kombination mit einer Glucocorticoidtherapie als Primärtherapie innerhalb von 2 Wochen beziehungsweise als Sekundärtherapie innerhalb eines Monats nach Symptombeginn erwogen werden [LL3].
- Tympanoskopie (operative Untersuchung des Mittelohres): Eine Tympanoskopie mit gezielter lokaler Glucocorticoidapplikation ist keine routinemäßige Tertiärtherapie. Sie kann bei nicht mehr messbarer Hörschwelle, gegebenenfalls mit Schwindel oder bei begründetem Verdacht auf eine Pathologie des runden beziehungsweise ovalen Fensters, im Einzelfall erwogen werden [5, LL2].
Mögliche Glucocorticoidschemata beim akuten idiopathischen sensorineuralen Hörverlust
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Prednisolon | Mögliches Interimsverfahren bei geringem bis moderatem Hörverlust; Nutzen insgesamt unsicher; individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [5, LL2] |
| Triamcinolonacetonid | Alternative bei Kontraindikationen gegen systemische Glucocorticoide beziehungsweise Sekundärtherapie bei unvollständiger Erholung; Off-Label-Use [4, 5, LL2, LL3] |
- Wirkweise: Antiphlogistische und immunsuppressive Wirkung; die intratympanale Applikation ermöglicht eine hohe lokale Wirkstoffkonzentration bei geringerer systemischer Exposition.
- Indikationen: Akuter idiopathischer sensorineuraler Hörverlust nach Ausschluss einer Schallleitungsstörung und erkennbarer spezifischer Ursachen.
- Kontraindikationen: Bei systemischer Therapie insbesondere unkontrollierter Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), unkontrollierte arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), aktive schwere Infektion, florides peptisches Ulkus (akutes Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür), schwere psychiatrische Reaktion auf Glucocorticoide und weitere präparatespezifische Gegenanzeigen; bei intratympanaler Therapie individuelle otologische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Systemisch insbesondere Hyperglycämie (erhöhter Blutzucker), Blutdruckanstieg, Schlafstörungen, psychische Reaktionen, gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Infektionsrisiko und okuläre Komplikationen; intratympanal insbesondere Schmerzen, vorübergehender Schwindel, Otitis media (Mittelohrentzündung) und persistierende Trommelfellperforation (dauerhaftes Loch im Trommelfell).
Beachte
- Hochdosistherapie: Prednisolon 250 mg/d intravenös oder Dexamethason 40 mg/d oral über jeweils 5 Tage waren in der HODOKORT-Studie einer niedriger dosierten Prednisolontherapie nicht überlegen, verursachten jedoch mehr unerwünschte Ereignisse. Eine solche systemische Hochdosistherapie soll daher nicht routinemäßig eingesetzt werden [3, 5, LL2].
- Zulassungsstatus: Die intratympanale Applikation von Glucocorticoiden ist ein Off-Label-Use. Bei der systemischen Therapie ist der Zulassungsstatus des jeweiligen Präparats zu prüfen.
- Kontrollen: Vor und während einer systemischen Glucocorticoidtherapie sind insbesondere Blutdruck, Blutglucose, Infektionsrisiko und relevante Begleiterkrankungen zu berücksichtigen.
- Verlaufskontrolle: Eine Kontrollaudiometrie soll nach Abschluss der Behandlung und erneut innerhalb von 6 Monaten erfolgen [LL3].
- Leitlinienstatus: Die frühere deutsche AWMF-Leitlinie zum Hörsturz ist formal und inhaltlich nicht mehr aktuell. Eine neue S2k-Leitlinie ist angemeldet und befindet sich in Bearbeitung; die geplante Fertigstellung ist für Juli 2027 angegeben [LL1, LL2].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für Anti-Aging, Schutz vor oxidativem Stress, Energiestoffwechsel und Zellregeneration sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (C, E, B2)
- Spurenelemente (Chrom, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Anthocyanidine aus Heidelbeer-Extrakt, Curcumin, Grüntee-Extrakt (Epigallocatechingallat), Quercetin, Resveratrol)
- Weitere Vitalstoffe (Spermidin)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- d: dies (Tag)
- dB: Dezibel
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- HNO: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
- HODOKORT: Studie zur Effektivität und Sicherheit der systemischen Hochdosis-Glucocorticoidtherapie beim Hörsturz
- LL: Leitlinie
- mg: Milligramm
- NEJM: New England Journal of Medicine
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
Literatur
- Plontke SK: Diagnostik und Therapie des Hörsturzes. Laryngorhinootologie. 2017;96(S 01):S103-S122. doi: 10.1055/s-0042-122385. [1]
- Reiß M, Hrsg.: Facharztwissen HNO-Heilkunde: Differenzierte Diagnostik und Therapie. 1. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer; 2009. doi: 10.1007/978-3-540-89441-4. [2]
- Plontke SK, Girndt M, Meisner C et al.: High-Dose Glucocorticoids for the Treatment of Sudden Hearing Loss. NEJM Evid. 2024;3(1):EVIDoa2300172. doi: 10.1056/EVIDoa2300172. [3]
- Plontke SK, Meisner C, Agrawal S, Cayé-Thomasen P, Galbraith K et al.: Intratympanic corticosteroids for sudden sensorineural hearing loss. Cochrane Database Syst Rev. 2022;7(7):CD008080. doi: 10.1002/14651858.CD008080.pub2. [4]
- Plontke SK: Die HODOKORT-Studie und aktuelle Aspekte der Hörsturztherapie mit Glukokortikoiden. HNO. 2024;72(6):389-392. doi: 10.1007/s00106-024-01458-3. [5]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des akuten, idiopathischen sensorineuralen Hörverlustes (Hörsturz). (AWMF-Registernummer: 017-010), angemeldet Oktober 2024; geplante Fertigstellung Juli 2027. [LL1]
- Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie: Information zur Hörsturztherapie. Stand November 2024. [LL2]
- Chandrasekhar SS, Tsai Do BS, Schwartz SR et al.: Clinical Practice Guideline: Sudden Hearing Loss (Update). Otolaryngol Head Neck Surg. 2019;161(S1):S1-S45. doi: 10.1177/0194599819859885. [LL3]
- Tsai Do BS, Bush ML, Weinreich HM et al.: Clinical Practice Guideline: Age-Related Hearing Loss. Otolaryngol Head Neck Surg. 2024;170(S2):S1-S54. doi: 10.1002/ohn.750. [LL4]