Entzündung und Verschluss der Tuba auditiva – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Entzündung und/oder Verschluss der Tuba auditiva (Ohrtrompete) mitbedingt sein können:
Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)
- Akute Otitis media (akute Mittelohrentzündung) beziehungsweise rezidivierende akute Otitis media bei gestörter Druckregulation, eingeschränkter mukoziliärer Clearance (Selbstreinigung der Schleimhaut durch Flimmerhärchen) und erleichterter Keimaszension (Aufsteigen von Erregern) aus dem Nasopharynx (Nasenrachen) [1, LL2-4]
- Atelektase des Mittelohres (Einziehung von Mittelohrstrukturen) beziehungsweise Trommelfellretraktion (Einziehung des Trommelfells) bei persistierendem Unterdruck im Mittelohr; klinisch relevant als strukturelle Vorstufe von Retraktionstaschen (Einziehungstaschen), Adhäsivprozessen (Verklebungen) und erworbenem Cholesteatom (Perlgeschwulst) [2, 3, LL1-4]
- Cholesteatom, insbesondere erworbenes Cholesteatom aus einer Retraktionstasche bei chronischer Tubenventilationsstörung (Belüftungsstörung der Ohrtrompete); relevant wegen Keratinretention (Ansammlung von Hornmaterial), lokal-destruktivem Wachstum (örtlich zerstörendem Wachstum), Ossikelarrosion (Abbau der Gehörknöchelchen), Schallleitungsschwerhörigkeit (Hörminderung durch gestörte Schallweiterleitung) und Risiko otogener Komplikationen (vom Ohr ausgehender Komplikationen) [2-4, LL1]
- Chronische Otitis media (chronische Mittelohrentzündung) beziehungsweise chronisch-rezidivierende Mittelohrentzündung bei anhaltender Belüftungsstörung, persistierender Schleimhautentzündung und rezidivierender Infektion [1, 4, LL2-4]
- Mittelohrerguss (Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr) beziehungsweise Otitis media mit Erguss (Mittelohrentzündung mit Flüssigkeit im Mittelohr), Synonym: Seromukotympanon (Schleim-/Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr), bei unzureichender Belüftung und Drainage des Mittelohres; bei Kindern häufige Ursache einer passageren Schallleitungsschwerhörigkeit [5, LL2-4]
- Mittelohrschwerhörigkeit (Hörminderung durch Erkrankung des Mittelohres) beziehungsweise Schallleitungsschwerhörigkeit durch Mittelohrerguss, Trommelfellretraktion, Adhäsivprozess, Gehörknöchelchenbeteiligung (Beteiligung der kleinen Hörknochen) oder Cholesteatom [3-5, LL1-4]
- Persistierender oder rezidivierender Paukenerguss (Flüssigkeitsansammlung in der Paukenhöhle), insbesondere bei Kindern, mit Indikation zur strukturierten Verlaufskontrolle einschließlich Hörprüfung bei Persistenz, Beidseitigkeit oder Risikokonstellation [5, LL2-4]
- Retraktionstasche des Trommelfells bei chronischem Unterdruck im Mittelohr; relevant wegen möglicher Keratinretention, sekundärer Entzündung, Ossikelarrosion und Cholesteatomentwicklung [2, 3, LL1]
- Tympanosklerose (narbige Verkalkung im Trommelfell oder Mittelohr) beziehungsweise narbige Trommelfell- und Mittelohrveränderungen nach chronisch-rezidivierenden Entzündungsprozessen oder längerfristiger Mittelohrerkrankung; klinisch relevant vor allem bei zusätzlicher Schallleitungsschwerhörigkeit [1, 5, LL2-4]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (Störung der Verarbeitung und Wahrnehmung von Gehörtem) als mögliche funktionelle Folge frühkindlicher oder langdauernder Otitis media mit Erguss; die Evidenz stützt eine Assoziation, die individuelle Kausalität hängt jedoch von Dauer, Beidseitigkeit, Ausmaß der Hörminderung, Alter bei Erkrankungsbeginn und Begleitrisiken ab [6, 7]
- Sprachentwicklungsverzögerung (verzögerte Sprachentwicklung) als mögliche Folge persistierender bilateraler Otitis media mit Erguss und relevanter Hörminderung, insbesondere bei zusätzlichen Entwicklungsrisiken, syndromalen Erkrankungen (Erkrankungen mit mehreren typischen Krankheitszeichen), kraniofazialen Fehlbildungen (Fehlbildungen von Schädel und Gesicht) oder bereits bestehender Sprach-/Entwicklungsauffälligkeit [5-7, LL2-4]
Weiteres
- Beeinträchtigung schulischer und kommunikativer Teilhabe bei persistierender oder rezidivierender Hörminderung im Kindesalter; besonders relevant bei beidseitigem Erguss, längerer Dauer, ungünstiger Hörschwelle und zusätzlichen Entwicklungsrisiken [5-7, LL2-4]
- Verminderte krankheitsbezogene Lebensqualität durch Ohrdruck, Hörminderung, rezidivierende Mittelohrsymptome, Kommunikationsprobleme und wiederholte ärztliche Interventionen [5, LL2-4]
Prognosefaktoren
- Dauer der Tubenfunktionsstörung: längere Persistenz erhöht das Risiko für chronischen Mittelohrerguss, Trommelfellretraktion, Adhäsivprozesse, Schallleitungsschwerhörigkeit und Cholesteatomentwicklung [2-5, LL1-4]
- Beidseitigkeit des Mittelohrergusses: beidseitige persistierende Ergüsse sind prognostisch relevanter für Hörminderung, Sprachentwicklung und schulische Teilhabe als einseitige oder kurzzeitige Ergüsse [5-7, LL2-4]
- Alter bei Erkrankungsbeginn: frühe und wiederholte Ergussphasen in sensiblen Phasen der Hör- und Sprachentwicklung erhöhen das Risiko für auditive Verarbeitungsprobleme und Sprachentwicklungsverzögerung [6, 7]
- Ausmaß der Hörminderung: stärkere und länger anhaltende Schallleitungsschwerhörigkeit ist prognostisch ungünstiger als geringgradige, kurzzeitige Hörminderung [5-7, LL2-4]
- Rezidivneigung: rezidivierende akute Otitis media oder rezidivierende Otitis media mit Erguss erhöht das Risiko für wiederholte Hörminderungsphasen und strukturelle Mittelohrveränderungen [1, 5, LL2-4]
- Kraniofaziale Risikokonstellationen: Gaumenspalte (angeborene Spalte im Gaumen), Down-Syndrom und andere kraniofaziale oder syndromale Erkrankungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit persistierender Mittelohrbelüftungsstörungen und langfristiger Hörprobleme [5, LL2-4]
- Adenoide Vegetationen (vergrößerte Rachenmandel): mechanische Obstruktion (Einengung oder Verlegung) und chronische Entzündung im Nasopharynx können eine chronische Tubenventilationsstörung unterhalten und damit Mittelohrerguss, Schallleitungsschwerhörigkeit, rezidivierende akute Otitis media und Cholesteatom begünstigen [1, LL1]
- Kontroll- und Therapieverzögerung: fehlende Verlaufskontrolle bei persistierendem Erguss, beidseitiger Otitis media mit Erguss oder Hörminderung erhöht das Risiko, relevante Hör-, Sprach- und strukturelle Mittelohrfolgen verspätet zu erkennen [5, LL2-4]
Literatur
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Leitlinien
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- National Institute for Health and Care Excellence: Otitis media with effusion in under 12s. NICE guideline NG233. 2023. https://www.nice.org.uk/guidance/ng233