Mikronährstoff-Mehrbedarf (Vitalstoffe) in der Schwangerschaft – Mineralstoffe
Während der Gravidität (Schwangerschaft) nehmen der mütterliche Mineralstoffumsatz und der transplazentare Mineralstofftransfer (Mineralstoffübertragung über den Mutterkuchen zum ungeborenen Kind) zu. Dies gilt insbesondere für Calcium und Phosphat, die für die fetale Skelettmineralisierung (Einlagerung von Mineralstoffen in das Knochengerüst des ungeborenen Kindes) benötigt werden. Der mütterliche Organismus kompensiert diesen Mehrumsatz durch physiologische Anpassungen der intestinalen Resorption (Aufnahme im Darm), der renalen Ausscheidung (Ausscheidung über die Nieren) und des Knochenstoffwechsels (Auf- und Abbauvorgänge im Knochen) [1].
Ein erhöhter Mineralstoffumsatz ist jedoch nicht mit einem erhöhten alimentären Referenzwert (Richtwert für die Zufuhr über die Ernährung) gleichzusetzen. Nach den aktuellen Referenzwerten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (DGE/ÖGE) gelten für erwachsene Schwangere bei Calcium, Magnesium, Phosphor, Natrium, Kalium und Chlorid dieselben Zufuhrwerte wie für nicht schwangere erwachsene Frauen [LL1-LL6].
Eine generelle Supplementierung (gezielte Einnahme eines Nährstoffpräparates) dieser Mineralstoffe ist daher nicht erforderlich. Eine gezielte Ergänzung kann jedoch sinnvoll oder medizinisch notwendig sein, wenn der jeweilige Referenzwert durch die Ernährung nicht erreicht wird, erhöhte Verluste bestehen oder eine Resorptions-, Nieren- oder Stoffwechselstörung (Störung der Aufnahme im Darm, der Nierenfunktion oder des Stoffwechsels) vorliegt.
Referenzwerte für die Mineralstoffzufuhr in der Gravidität
| Mineralstoff | DGE/ÖGE-Referenzwert für erwachsene Schwangere | Art des Referenzwertes | Mehrbedarf gegenüber nicht schwangeren Frauen |
| Calcium | 1.000 mg/Tag* | Empfohlene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
| Magnesium | 300 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
| Phosphor | 550 mg/Tag** | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
| Natrium | 1.500 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
| Kalium | 4.000 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
| Chlorid | 2.300 mg/Tag | Schätzwert für eine angemessene Zufuhr | Kein Mehrbedarf |
*Für Schwangere unter 19 Jahren beträgt die empfohlene Calciumzufuhr 1.200 mg/Tag.
**Für Schwangere unter 19 Jahren beträgt der Schätzwert für eine angemessene Phosphorzufuhr 660 mg/Tag [LL1-LL6].
Referenzwerte sind populationsbezogene Zielgrößen für die tägliche Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln und gegebenenfalls Supplementen. Sie sind weder diagnostische Grenzwerte für einen Mineralstoffmangel noch automatisch anzustrebende Supplementdosierungen.
Calcium
Physiologische Bedeutung
Calcium ist ein wesentlicher Bestandteil von Knochen und Zähnen. Ferner ist es an der neuromuskulären Erregungsübertragung (Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln), der Muskelkontraktion (Zusammenziehen eines Muskels), der Blutgerinnung, der intrazellulären Signaltransduktion (Signalweiterleitung innerhalb einer Zelle) sowie der Freisetzung von Hormonen und Neurotransmittern (Botenstoffen des Nervensystems) beteiligt [LL1].
Bis zum Ende der Schwangerschaft werden ungefähr 30 g Calcium im fetalen Organismus akkumuliert. Der größte Anteil der fetalen Calciumaufnahme erfolgt im dritten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel), wenn die Skelettmineralisierung besonders rasch zunimmt [1].
Adaptation des mütterlichen Calciumstoffwechsels
Der erhöhte fetale Calciumtransfer wird vor allem durch eine gesteigerte intestinale Calciumresorption kompensiert. Diese Anpassung beginnt bereits im ersten und zweiten Trimenon und wird unter anderem durch Veränderungen des Calcitriol- und Parathormon-verwandten Peptid-Stoffwechsels (Stoffwechsel der aktiven Vitamin-D-Form und eines dem Nebenschilddrüsenhormon ähnlichen Botenstoffes) vermittelt [1].
Entgegen älteren Darstellungen nimmt die renale Calciumausscheidung während einer physiologischen Schwangerschaft nicht regelhaft ab. Aufgrund der erhöhten glomerulären Filtrationsrate (Filterleistung der Nierenkörperchen) und der gesteigerten intestinalen Calciumaufnahme kann vielmehr eine physiologische Hypercalciurie (erhöhte Calciumausscheidung im Urin) auftreten. Die Konzentration des Gesamtcalciums im Serum (gesamter Calciumwert in der Blutflüssigkeit) kann infolge der Hämodilution (Verdünnung des Blutes) und der verminderten Albuminkonzentration (Gehalt des Bluteiweißes Albumin) abnehmen, während die Konzentration des ionisierten Calciums (biologisch wirksamen freien Calciums im Blut) im Allgemeinen stabil bleibt [1].
Bei unzureichender Zufuhr kann zusätzlich Calcium aus dem mütterlichen Skelett mobilisiert werden. Eine unkomplizierte Schwangerschaft führt bei gesunden Frauen jedoch normalerweise nicht zu einer dauerhaften Osteoporose (Knochenschwund). Die schwangerschafts- und laktationsassoziierte Osteoporose ist eine seltene eigenständige Erkrankung [1].
Lebensmittelquellen
Wesentliche Calciumquellen sind Milch und Milchprodukte, calciumreiche Mineralwässer, calciumangereicherte Lebensmittel sowie bestimmte grüne Gemüsearten, Nüsse und Samen [LL1].
Bei einer Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) ist der physiologische Calciumbedarf nicht erhöht. Die Zufuhr kann jedoch unzureichend werden, wenn Milchprodukte ersatzlos gemieden werden. Lactosefreie Milchprodukte, viele Hart- und Schnittkäse, calciumreiche Mineralwässer sowie calciumangereicherte Pflanzendrinks können zur Bedarfsdeckung beitragen.
Die Calciumresorption aus einzelnen pflanzlichen Lebensmitteln kann durch hohe Oxalat- oder Phytatgehalte (Gehalte an pflanzlichen Stoffen, die Calcium binden können) vermindert sein. Eine pauschale Meidung von Vollkornprodukten, Nüssen, Kaffee, Tee oder Kakao zur Verbesserung der Calciumversorgung ist jedoch nicht gerechtfertigt.
Calcium und Knochengesundheit
Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse (statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) von Tihtonen et al. konnte keinen gesicherten Nutzen einer Calciumsupplementierung während der Schwangerschaft für die postpartale (nach der Geburt bestehende) mütterliche oder kindliche Knochenmineraldichte (Mineralgehalt und Festigkeit des Knochens) nachweisen. Die Autoren bewerteten die Evidenz aufgrund weniger Studien, heterogener Interventionen (unterschiedlicher Behandlungsmaßnahmen) und umfangreicher fehlender Daten als nicht schlüssig [2].
Eine routinemäßige Calciumsupplementierung allein zur Vermeidung eines physiologischen mütterlichen Knochenumsatzes oder zur allgemeinen Verbesserung der kindlichen Knochengesundheit ist daher nicht evidenzbasiert [2].
Calcium und Schwangerschaftsoutcomes (Ergebnisse der Schwangerschaft)
Eine 2024 aktualisierte Cochrane-Metaanalyse untersuchte die Calciumsupplementierung außerhalb der Prävention (Vorbeugung) und Therapie (Behandlung) hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen (schwangerschaftsbedingter Erkrankungen mit Bluthochdruck). Eine überwiegend hoch dosierte Supplementierung mit mehr als 1.000 mg Calcium pro Tag reduzierte wahrscheinlich geringfügig die Häufigkeit von Frühgeburten (Geburten vor dem errechneten Termin) vor 37 Schwangerschaftswochen. Für Frühgeburten vor 34 Schwangerschaftswochen, ein Geburtsgewicht unter 2.500 g und weitere klinisch relevante Endpunkte zeigte sich dagegen kein eindeutiger Nutzen [3].
Dieses begrenzte Ergebnis rechtfertigt keine generelle hochdosierte Calciumsupplementierung aller Schwangeren [3].
Calcium und Präeklampsieprävention (Vorbeugung einer schwangerschaftsbedingten Erkrankung mit Bluthochdruck und möglichen Organschäden)
Die deutsche S2k-Leitlinie zu hypertensiven Erkrankungen in der Schwangerschaft enthält das konsensbasierte Stellungnahme, dass ein präventiver Effekt von Calcium oder Magnesium auf die Präeklampsie nach der berücksichtigten Studienlage nicht gezeigt ist [LL8].
Die 2025 vollständig aktualisierte Cochrane-Metaanalyse schloss zehn als hinreichend vertrauenswürdig bewertete Studien mit 37.504 Schwangeren ein. In der Analyse der großen Studien ergab sich mit hoher Evidenzsicherheit kein oder allenfalls ein minimaler Unterschied im Präeklampsierisiko zwischen Calcium und Placebo (Scheinmedikament). Auch für die kombinierte mütterliche Mortalität (Sterblichkeit) oder schwere Morbidität (schwere Krankheitsfolgen), perinatale Verluste (Verlust des Kindes kurz vor, während oder kurz nach der Geburt) und Totgeburten zeigte sich kein klinisch relevanter Vorteil [4].
Die Ausgangszufuhr an Calcium und das individuelle Präeklampsierisiko veränderten die Ergebnisse der Metaanalyse nicht erkennbar. Da die meisten Interventionen erst im zweiten Trimenon begannen, bleibt die Wirksamkeit einer sehr frühen Supplementierung jedoch unzureichend untersucht [4].
Zwei 2024 veröffentlichte randomisierte Nichtunterlegenheitsstudien (Studien zum Nachweis, dass eine Behandlung nicht schlechter ist als eine Vergleichsbehandlung) aus Indien und Tansania verglichen 500 mg mit 1.500 mg Calcium pro Tag. Die niedrigere Dosis war hinsichtlich des Präeklampsierisikos nicht schlechter als die höhere Dosis. Da keine Gruppe ohne Calciumsupplementierung eingeschlossen wurde, können diese Studien nicht belegen, dass eine der beiden Dosierungen gegenüber keiner Supplementierung wirksam ist [5].
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt auf ihrer zuletzt am 9. August 2023 aktualisierten Informationsseite weiterhin 1,5-2,0 g elementares Calcium (reiner Calciumanteil) pro Tag für Schwangere in Populationen mit niedriger alimentärer Calciumzufuhr [LL9]. Diese Empfehlung beruht auf einer älteren Evidenzbasis und ist zeitlich vor der methodisch verschärften Cochrane-Metaanalyse von 2025 einzuordnen [4, LL9].
Für Deutschland und Österreich lässt sich aus der WHO-Empfehlung keine generelle Calciumsupplementierung aller Schwangeren ableiten. Bei individuell niedriger Calciumzufuhr sollte zunächst die alimentäre Versorgung erfasst und optimiert werden. Eine Supplementierung kann erwogen werden, wenn der Referenzwert hierdurch nicht erreicht wird.
Kein festes Calcium-Magnesium-Verhältnis
Die aktuellen DGE/ÖGE-Referenzwerte, die deutsche S2k-Leitlinie und die systematischen Übersichtsarbeiten empfehlen kein festes Substitutionsverhältnis (festgelegtes Mengenverhältnis bei der Einnahme) zwischen Calcium und Magnesium. Eine generelle Supplementierung im Verhältnis 3:1 ist daher nicht evidenzbasiert [2-4, 6, LL1, LL2, LL8].
Magnesium
Physiologische Bedeutung
Magnesium ist Cofaktor (Hilfsstoff für Enzyme) zahlreicher Enzyme und an der Energieübertragung, der Nukleinsäure- und Proteinsynthese (Bildung von Erbsubstanz und Eiweißen), der neuromuskulären Erregungsübertragung, der Muskelkontraktion, der Regulation des Herzrhythmus, des Gefäßtonus (Spannungszustand der Blutgefäße) und des Knochenstoffwechsels beteiligt [LL2].
Der DGE/ÖGE-Schätzwert beträgt für erwachsene Schwangere wie für nicht schwangere erwachsene Frauen 300 mg/Tag. Ein allgemeiner schwangerschaftsspezifischer Mehrbedarf wird nicht ausgewiesen [LL2].
Lebensmittelquellen
Gute Magnesiumquellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, grünes Blattgemüse, Nüsse und Samen. Kartoffeln, Bananen, Milchprodukte, Fisch und Fleisch können ebenfalls zur Magnesiumzufuhr beitragen [LL2].
Bei üblichen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten ist ein klinisch relevanter Magnesiummangel selten. Das Risiko kann jedoch bei länger anhaltendem Erbrechen, chronischer Diarrhö (Durchfall), Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen im Darm), Mangelernährung, bestimmten Nierenerkrankungen oder mineralstoffrelevanter Medikation (Arzneimittelbehandlung) erhöht sein [LL2].
Magnesiumsupplementierung
Die Cochrane-Übersichtsarbeit zur oralen Magnesiumsupplementierung (Einnahme eines Magnesiumpräparates über den Mund) in der Schwangerschaft kam zu dem Ergebnis, dass keine ausreichende hochwertige Evidenz für einen allgemeinen Nutzen besteht. Insbesondere wurden keine belastbaren Vorteile hinsichtlich perinataler Mortalität, Präeklampsie oder fetaler Wachstumsrestriktion (unzureichendem Wachstum des ungeborenen Kindes) nachgewiesen [6].
Eine routinemäßige orale Magnesiumsupplementierung von der Frühgravidität (frühe Schwangerschaft) bis zur Geburt zur Prävention von Frühgeburten, vorzeitiger Wehentätigkeit (vor dem errechneten Geburtstermin einsetzenden Wehen), Gestationshypertonie (schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck) oder Präeklampsie ist daher nicht gerechtfertigt [6, LL8].
Auch nächtliche Wadenkrämpfe beweisen keinen Magnesiummangel. Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien ergab keinen signifikanten Nutzen einer oralen Magnesiumsupplementierung zur Behandlung schwangerschaftsassoziierter Wadenkrämpfe [7].
Die intravenöse Anwendung (Gabe in eine Vene) von Magnesiumsulfat zur Prophylaxe (Vorbeugung) oder Therapie eklamptischer Krampfanfälle (Krampfanfälle bei schwerer schwangerschaftsbedingter Bluthochdruckerkrankung) ist eine pharmakologische Akutbehandlung (medikamentöse Sofortbehandlung) und nicht mit einer ernährungsmedizinischen oralen Magnesiumsupplementierung gleichzusetzen [LL8].
Phosphor
Physiologische Bedeutung
Phosphor liegt im Organismus überwiegend als Phosphat vor. Er ist Bestandteil von Knochen, Zähnen, Zellmembranen, Nukleinsäuren und energiereichen Phosphatverbindungen. Calcium- und Phosphatstoffwechsel sind eng mit der Vitamin-D-, Parathormon- und Nierenfunktion verbunden [1, LL3].
Der DGE/ÖGE-Schätzwert beträgt für erwachsene Schwangere 550 mg/Tag und entspricht dem Wert für nicht schwangere Erwachsene. Für Schwangere unter 19 Jahren gelten 660 mg/Tag [LL3].
Lebensmittelquellen
Phosphor ist in Form von Phosphat in zahlreichen Lebensmitteln enthalten. Natürliche Quellen sind insbesondere Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Fleisch, Fisch, Milchprodukte und daraus hergestellte Lebensmittel [LL3].
Anorganische Phosphate werden außerdem als Zusatzstoffe in Schmelzkäse, Fleischprodukten, Backwaren, Fertigprodukten und bestimmten Erfrischungsgetränken eingesetzt. Diese zugesetzten Phosphate werden zu etwa 80-100 % resorbiert und können wesentlich zu einer hohen Gesamtzufuhr beitragen [LL3].
Phosphormangel und Supplementierung
Ein ernährungsbedingter Phosphormangel kommt in Deutschland selten vor, da Phosphat in zahlreichen Lebensmitteln vorkommt und die durchschnittliche Zufuhr oberhalb des Schätzwertes liegt. Risikokonstellationen sind unter anderem schwere Mangelernährung, Malabsorption und ausgeprägter Vitamin-D-Mangel [LL3].
Eine routinemäßige Phosphatsupplementierung während der Schwangerschaft ist nicht angezeigt. Eine laborchemisch bestätigte (durch eine Laboruntersuchung nachgewiesene) Hypophosphatämie (zu niedriger Phosphatspiegel im Blut) erfordert eine ursachenbezogene medizinische Diagnostik (Untersuchungen zur Feststellung einer Erkrankung) und Therapie.
Natrium und Chlorid
Physiologische Bedeutung
Natrium und Chlorid sind die quantitativ wichtigsten Elektrolyte (elektrisch geladene Mineralsalze) des Extrazellulärraums (Raumes außerhalb der Körperzellen). Sie sind an der Regulation des Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalts (Regulation des Säuregrades im Körper) sowie an der neuromuskulären Erregungsübertragung beteiligt [LL4, LL6].
Die Gravidität ist mit einer physiologischen Expansion des Plasma- und Extrazellulärvolumens (Menge der Blutflüssigkeit und der Flüssigkeit außerhalb der Zellen) verbunden. Dennoch bestehen keine erhöhten DGE/ÖGE-Referenzwerte. Die Schätzwerte betragen 1.500 mg Natrium und 2.300 mg Chlorid pro Tag [LL4, LL6].
Eine pauschale Erhöhung der Kochsalzzufuhr ist daher nicht erforderlich. Der Natriumreferenzwert ist zudem nicht als Empfehlung zu verstehen, täglich eine exakt berechnete Kochsalzmenge zuzuführen.
Die WHO empfiehlt Erwachsenen eine Natriumzufuhr von weniger als 2.000 mg/Tag, entsprechend weniger als 5 g Kochsalz pro Tag. Dieser Wert ist ein populationsbezogener Höchstwert zur Prävention nicht übertragbarer Erkrankungen und kein physiologischer Mindestbedarf [LL10].
Eine isolierte alimentäre Natrium- oder Chloridunterversorgung ist bei üblicher Ernährung selten. Klinisch relevante Verluste können insbesondere bei anhaltendem Erbrechen, chronischer Diarrhö, Nierenerkrankungen oder unter diuretischer Therapie (Behandlung mit entwässernden Medikamenten) auftreten [LL4, LL6].
Kalium
Kalium ist das quantitativ wichtigste intrazelluläre Kation (positiv geladene Teilchen innerhalb der Zellen). Es ist für das Membranpotential (elektrische Spannung an der Zellmembran), die neuromuskuläre Erregungsübertragung, die Muskelkontraktion und die Regulation des Herzrhythmus von zentraler Bedeutung [LL5].
Der DGE/ÖGE-Schätzwert beträgt für Schwangere wie für nicht schwangere Erwachsene 4.000 mg/Tag [LL5].
Kaliumreiche Lebensmittel sind Gemüse, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Obst, Nüsse und Vollkornprodukte. Der Schätzwert kann im Regelfall durch eine ausgewogene pflanzenbetonte Ernährung erreicht werden [LL5].
Ein Kaliummangel allein infolge einer geringen alimentären Zufuhr ist selten. Häufigere Ursachen einer Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumspiegel im Blut) sind anhaltendes Erbrechen, chronische Diarrhö, Laxanzienabusus (Missbrauch von Abführmitteln), diuretische Therapie oder renale Kaliumverluste (Kaliumverluste über die Nieren) [LL5].
Eine routinemäßige Kaliumsupplementierung in der Schwangerschaft ist nicht angezeigt. Kaliumpräparate sollten nur bei einer definierten medizinischen Indikation (medizinischer Grund für eine Behandlung) und unter Berücksichtigung der Nierenfunktion eingesetzt werden.
Flüssigkeitszufuhr
Als Richtwert für die Wasserzufuhr durch Getränke nennt die DGE für Schwangere wie für andere Erwachsene etwa 1,5 l/Tag. Bei hohen Umgebungstemperaturen, starkem Schwitzen, Fieber, Erbrechen oder Diarrhö ist eine höhere Zufuhr erforderlich [LL7].
Eine allgemeine Empfehlung von 40 ml Flüssigkeit/kg Körpergewicht und Tag ist für gesunde Schwangere nicht Bestandteil der aktuellen DGE-Handlungsempfehlungen. Die individuelle Flüssigkeitszufuhr richtet sich nach Umgebungstemperatur, körperlicher Aktivität, Ernährung, Verlusten und gegebenenfalls bestehenden Erkrankungen [LL7].
Konstellationen für eine individuelle Abklärung
Eine gezielte Ernährungsanamnese (systematische Erfassung der Ernährungsgewohnheiten) und gegebenenfalls laborchemische Abklärung (Untersuchung von Blut- und gegebenenfalls Urinwerten) ist insbesondere bei folgenden Konstellationen sinnvoll:
- Hyperemesis gravidarum (starkes und anhaltendes Schwangerschaftserbrechen) oder länger anhaltendes Erbrechen
- Chronische Diarrhö oder andere ausgeprägte gastrointestinale Verluste (Verluste über Magen und Darm)
- Malabsorptionssyndrome (Erkrankungen mit gestörter Nährstoffaufnahme im Darm) oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (lang anhaltende entzündliche Darmerkrankungen)
- Zustand nach bariatrischer oder ausgedehnter gastrointestinaler Operation (Operation zur Gewichtsabnahme oder umfangreicher Operation am Magen-Darm-Trakt)
- Mangelernährung, Essstörungen oder stark restriktive Ernährungsformen (stark einschränkende Ernährungsweisen)
- Vegane Ernährung ohne qualifizierte Ernährungsplanung
- Chronische Nierenkrankheit (lang anhaltende Einschränkung der Nierenfunktion) oder renale Elektrolytverluste (Verluste von Mineralsalzen über die Nieren)
- Erkrankungen der Nebenschilddrüsen (kleine hormonbildende Drüsen hinter der Schilddrüse) oder des Vitamin-D-Stoffwechsels
- Diuretische oder andere mineralstoffrelevante Arzneimitteltherapie
Eine Supplementierung sollte in diesen Situationen mineralstoffspezifisch anhand der Ernährungszufuhr, der klinischen Konstellation, der Nierenfunktion und gegebenenfalls der Laborbefunde erfolgen.
Fazit
Der physiologisch erhöhte Mineralstoffumsatz in der Gravidität begründet bei erwachsenen Schwangeren keinen pauschal erhöhten alimentären Referenzwert. Für Calcium, Magnesium, Phosphor, Natrium, Kalium und Chlorid gelten nach den aktuellen DGE/ÖGE-Referenzwerten dieselben Zufuhrwerte wie außerhalb der Schwangerschaft [LL1-LL6].
Eine ausgewogene und nährstoffdichte Ernährung kann den Bedarf im Regelfall decken. Eine gezielte Supplementierung kann bei unzureichender Zufuhr, erhöhten Verlusten, Malabsorption oder definierten Erkrankungen erforderlich sein.
Für eine generelle Calciumsupplementierung zur Prävention der Präeklampsie oder zur Verbesserung der mütterlichen und kindlichen Knochengesundheit besteht nach der aktuellsten systematischen Evidenz kein gesicherter Nutzen [2, 4]. Die weiterhin bestehende WHO-Empfehlung für Populationen mit niedriger Calciumzufuhr ist zeitlich vor der 2025 aktualisierten Cochrane-Metaanalyse einzuordnen [4, LL9].
Für eine routinemäßige orale Magnesiumsupplementierung zur Prävention von Präeklampsie, Frühgeburt oder Wadenkrämpfen besteht ebenfalls keine belastbare Evidenz [6, 7, LL8]. Ein festes Calcium-Magnesium-Substitutionsverhältnis ist nicht evidenzbasiert.
Phosphor, Natrium, Chlorid und Kalium sollten nicht routinemäßig supplementiert werden. Bei klinischem Verdacht auf einen Mangel oder eine Elektrolytstörung (Störung der Mineralsalze im Blut) sind eine gezielte Diagnostik und eine ursachenbezogene Therapie erforderlich.
Literatur
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- Cluver CA, Rohwer C, Rohwer AC: Calcium supplementation during pregnancy for preventing hypertensive disorders and related problems. Cochrane Database Syst Rev. 2025;12(12):CD001059. doi:10.1002/14651858.CD001059.pub6
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Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Calcium. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Magnesium. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Phosphor. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Natrium. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Kalium. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Chlorid. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 3. Auflage, Bonn 2025, Erratum Stand Mai 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Handlungsempfehlungen – Ernährung in der Schwangerschaft.
- S2k-Leitlinie: Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft: Diagnostik und Therapie. (AWMF-Registernummer: 015-018), Version 7.0, 17.07.2024. Langfassung
- World Health Organization: Calcium supplementation during pregnancy to reduce the risk of pre-eclampsia. Letzte Aktualisierung 9. August 2023.
- World Health Organization: Guideline: Sodium intake for adults and children. Geneva 2012.