Essentielle Fettsäuren in der Schwangerschaft

Essentielle Fettsäuren (lebensnotwendige Fettsäuren) gehören als Bestandteile der Nahrungsfette zu den Makronährstoffen (energieliefernden Hauptnährstoffen). In der Schwangerschaft besteht kein pauschaler Mehrbedarf an sämtlichen ungesättigten Fettsäuren. Evidenzbasiert sind vielmehr die Sicherstellung der essentiellen Ausgangsfettsäuren Linolsäure und Alpha-Linolensäure sowie eine ausreichende direkte Zufuhr der langkettigen Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure [1, 2, 12, LL1, LL2].

Die wesentliche schwangerschaftsspezifische Empfehlung betrifft die Docosahexaensäure (DHA, für Gehirn und Augen bedeutsame Omega-3-Fettsäure). Schwangere sollen im Durchschnitt mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag aufnehmen. Dies kann durch den regelmäßigen Verzehr geeigneter fettreicher Meeresfische oder bei fehlendem bzw. nicht regelmäßigem Fischverzehr durch ein geeignetes Supplement erreicht werden [LL1, LL2].

Einteilung und biochemische Grundlagen

Fettsäuren werden nach der Anzahl ihrer Doppelbindungen in gesättigte, einfach ungesättigte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren eingeteilt. Nur zwei mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind im strengen biochemischen Sinn essentiell, da der menschliche Organismus sie nicht selbst synthetisieren kann [1, 2, 12]:

  • Linolsäure (lebensnotwendige Omega-6-Fettsäure) – essentielle Omega-6-Fettsäure und metabolische Ausgangssubstanz für länger­kettige Omega-6-Fettsäuren einschließlich Arachidonsäure
  • Alpha-Linolensäure (lebensnotwendige pflanzliche Omega-3-Fettsäure) – essentielle Omega-3-Fettsäure und metabolische Ausgangssubstanz für Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure

Eicosapentaensäure (EPA, langkettige Omega-3-Fettsäure) und Docosahexaensäure können grundsätzlich aus Alpha-Linolensäure synthetisiert werden. Diese Konversion (Umwandlung) ist jedoch quantitativ begrenzt und interindividuell variabel. Die Bildung von Docosahexaensäure aus Alpha-Linolensäure reicht insbesondere in der Schwangerschaft nicht zuverlässig aus, um die empfohlene Versorgung ohne direkte Docosahexaensäurezufuhr sicherzustellen [2, LL1].

Docosahexaensäure ist deshalb nicht im streng biochemischen Sinn essentiell. Aufgrund der begrenzten endogenen Synthese (körpereigenen Bildung) und ihrer Bedeutung für die fetale Entwicklung (Entwicklung des ungeborenen Kindes) ist sie während der Schwangerschaft jedoch als bedingt essentielle bzw. unmittelbar zufuhrrelevante langkettige Omega-3-Fettsäure anzusehen [1, 2, LL1].

Auch Arachidonsäure (langkettige Omega-6-Fettsäure) erfüllt als Bestandteil von Membranphospholipiden (Fettbausteinen der Zellhüllen) und als Vorstufe bioaktiver Lipidmediatoren (fettähnlicher Botenstoffe) physiologische Funktionen. Die verbreitete pauschale Einteilung von Omega-6-Fettsäuren als proinflammatorisch (entzündungsfördernd) und Omega-3-Fettsäuren als antiinflammatorisch (entzündungshemmend) bildet die komplexen Stoffwechselwege nicht sachgerecht ab. Aus beiden Fettsäurefamilien entstehen biologisch aktive Mediatoren (Botenstoffe) mit kontextabhängigen Wirkungen [1, 12].

Für einen festen Omega-6-/Omega-3-Quotienten, beispielsweise 5:1, besteht keine belastbare schwangerschaftsspezifische Zufuhrempfehlung. Entscheidend ist die ausreichende absolute Zufuhr der essentiellen Fettsäuren und insbesondere von Docosahexaensäure [12, LL1, LL2].

Referenzwerte während der Schwangerschaft

Gesamtfett

Ab dem vierten Schwangerschaftsmonat beträgt der Richtwert für die Fettzufuhr 30-35 % der täglichen Energiezufuhr. Der höhere absolute Fettbedarf ergibt sich gegebenenfalls aus dem im weiteren Schwangerschaftsverlauf zunehmenden Energiebedarf. Ein darüber hinausgehender isolierter Mehrbedarf an Fett ist nicht ausgewiesen [LL2].

Linolsäure

Der Schätzwert für Schwangere beträgt 2,5 % der täglichen Energiezufuhr. Er entspricht dem Referenzwert für nichtschwangere Erwachsene. Ein spezifischer schwangerschaftsbedingter Mehrbedarf an Linolsäure besteht nach den aktuellen Referenzwerten nicht [LL2].

Alpha-Linolensäure

Der Schätzwert beträgt 0,5 % der täglichen Energiezufuhr und entspricht ebenfalls dem Referenzwert für nichtschwangere Erwachsene. Eine zusätzliche isolierte Alpha-Linolensäuresupplementierung (Einnahme von Alpha-Linolensäure als Nahrungsergänzung) wird für gesunde Schwangere nicht empfohlen [LL2].

Docosahexaensäure

Schwangere sollen im Durchschnitt mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag aufnehmen [LL1, LL2]. Die internationale klinische Praxisempfehlung unterscheidet davon ein Basiskonzept mit mindestens 250 mg Eicosapentaensäure plus Docosahexaensäure pro Tag für Frauen im gebärfähigen Alter und einer zusätzlichen Zufuhr von 100-200 mg Docosahexaensäure während der Schwangerschaft [7]. Diese internationale Bezugsgröße ist nicht mit der deutschen Mindestempfehlung von durchschnittlich 200 mg Docosahexaensäure pro Tag gleichzusetzen.

Physiologische Bedeutung für Plazenta (Mutterkuchen) und Fetus (ungeborenes Kind)

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind Bestandteile von Membranphospholipiden und beeinflussen Membraneigenschaften, Signaltransduktion (Weiterleitung von Signalen in Zellen), Genexpression (Ablesen genetischer Informationen) und die Bildung bioaktiver Lipidmediatoren. Während der Schwangerschaft werden langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren aktiv über die Plazenta auf den Fetus übertragen [1].

Docosahexaensäure ist in hoher Konzentration in den Phospholipiden des Gehirns und der Retina (Netzhaut) enthalten. Sie wird für die Ausbildung neuronaler (die Nervenzellen betreffender) und retinaler (die Netzhaut betreffender) Membranstrukturen benötigt. Die fetale Akkumulation (Anreicherung beim ungeborenen Kind) nimmt im Verlauf der Schwangerschaft zu und ist im dritten Trimenon (letzten Schwangerschaftsdrittel) besonders ausgeprägt [1].

Die gesicherte strukturelle Bedeutung von Docosahexaensäure darf jedoch nicht mit einem Nachweis gleichgesetzt werden, dass höhere Supplementdosen bei bereits ausreichend versorgten Schwangeren die spätere Intelligenz, Aufmerksamkeit oder schulische Leistungsfähigkeit des Kindes verbessern [9].

Klinische Evidenz

Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche)

Der am besten belegte klinische Nutzen einer erhöhten Zufuhr langkettiger Omega-3-Fettsäuren betrifft die Verringerung des Frühgeburtsrisikos. In einem Cochrane-Review (systematischer wissenschaftlicher Übersichtsartikel) mit 70 randomisierten kontrollierten Studien (Studien mit zufälliger Zuteilung zu den Behandlungsgruppen) und 19.927 Schwangeren sank die Häufigkeit von Frühgeburten vor 37 vollendeten Schwangerschaftswochen von 13,4 % auf 11,9 %. Das relative Risiko (Verhältnis der Erkrankungswahrscheinlichkeiten) betrug 0,89 bei einem 95-%-Konfidenzintervall (statistischen Unsicherheitsbereich) von 0,81-0,97 [3].

Die Häufigkeit früher Frühgeburten vor 34 vollendeten Schwangerschaftswochen sank von 4,6 % auf 2,7 %. Das relative Risiko betrug 0,58 bei einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,44-0,77 [3]. Gleichzeitig nahm die Häufigkeit von Schwangerschaften über 42 vollendete Schwangerschaftswochen von 1,6 % auf 2,6 % zu [3, LL3].

Die deutsche S2k-Leitlinie (medizinische Handlungsempfehlung auf Grundlage einer strukturierten Expertenabstimmung) zur Prävention und Therapie der Frühgeburt bewertet die Gesamtevidenz wegen unterschiedlicher Präparate, Dosierungen, Interventionszeiträume und Ausgangsversorgungen weiterhin als widersprüchlich [LL3]. Neuere randomisierte Studien und internationale Empfehlungen zeigen jedoch, dass der Nutzen einer höheren Dosierung wesentlich vom Ausgangsstatus abhängt [4-7].

In einer randomisierten Doppelblindstudie (Studie, bei der weder Teilnehmende noch Behandelnde die Gruppenzuteilung kennen) war eine tägliche Zufuhr von 1.000 mg Docosahexaensäure einer Zufuhr von 200 mg insbesondere bei Schwangeren mit niedrigem Docosahexaensäurestatus (niedriger Versorgung mit Docosahexaensäure) hinsichtlich der frühen Frühgeburt überlegen [4]. Eine explorative Analyse (nachträgliche untersuchende Auswertung) einer weiteren randomisierten Studie bestätigte, dass Frauen mit niedrigem Omega-3-Status (niedriger Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren) ein höheres Frühgeburtsrisiko und einen stärkeren Nutzen durch die Supplementierung aufwiesen [5].

Bei nachweislich niedriger Eicosapentaensäure- und Docosahexaensäurezufuhr bzw. niedrigem Omega-3-Status kann deshalb nach individueller fachärztlicher Bewertung eine Zufuhr von etwa 600-1.000 mg Eicosapentaensäure plus Docosahexaensäure oder Docosahexaensäure allein pro Tag erwogen werden. Die Intervention (Behandlung) sollte möglichst frühzeitig und spätestens bis zur 20. Schwangerschaftswoche begonnen werden [6, 7, LL1].

Eine Hochdosisstrategie allein aufgrund anamnestischer Frühgeburtsrisiken (aus der Krankengeschichte hervorgehender Risiken für eine Frühgeburt) ohne Berücksichtigung der Ausgangszufuhr oder des Omega-3-Status lässt sich aus diesen Empfehlungen nicht ableiten. Eine Omega-3-Supplementierung ersetzt zudem keine etablierten geburtshilflichen Maßnahmen zur Frühgeburtsprävention [6, 7, LL3].

Geburtsgewicht und fetales Wachstum

Metaanalysen (zusammenfassende Auswertungen mehrerer Studien) zeigen im Mittel eine geringfügige Zunahme des Geburtsgewichts und eine Abnahme der Häufigkeit eines niedrigen Geburtsgewichts. Gleichzeitig kann die Häufigkeit von für das Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) großen Neugeborenen geringfügig zunehmen [3, 8]. Eine Docosahexaensäuresupplementierung ist daher keine spezifische Therapie einer fetalen Wachstumsrestriktion (unzureichenden Entwicklung des ungeborenen Kindes).

Neurologische (das Nervensystem betreffende) und visuelle Entwicklung (Entwicklung des Sehens)

Systematische Reviews (systematische wissenschaftliche Übersichtsarbeiten) randomisierter Studien liefern keine konsistente Evidenz dafür, dass eine Omega-3- oder Docosahexaensäuresupplementierung während Schwangerschaft und Stillzeit bei den Nachkommen langfristig die allgemeine Kognition (Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit), Sprache, Motorik (Bewegungsfähigkeit), Aufmerksamkeit, schulische Leistung oder das Sehvermögen klinisch relevant verbessert [9].

Die Empfehlung einer bedarfsgerechten Docosahexaensäurezufuhr dient somit der Sicherstellung einer physiologisch angemessenen Versorgung. Sie darf nicht als Nachweis einer kognitiven Leistungssteigerung durch höhere Dosierungen interpretiert werden [1, 9, LL1].

Allergische Erkrankungen und Asthma (chronisch entzündliche Erkrankung der Atemwege)

Eine Metaanalyse randomisierter Studien ergab Hinweise auf eine mögliche Verringerung von Asthma oder rezidivierendem Giemen (wiederholt auftretenden pfeifenden Atemgeräuschen) bei den Nachkommen. Die Studien unterschieden sich jedoch erheblich hinsichtlich Dosis, Präparat, Interventionszeitpunkt, Ausgangsstatus und Nachbeobachtung [10].

Die deutsche S3-Leitlinie (medizinische Handlungsempfehlung auf Grundlage einer systematischen wissenschaftlichen Bewertung und strukturierten Expertenabstimmung) zur Allergieprävention stellt deshalb fest, dass aufgrund der Heterogenität (Unterschiedlichkeit) der Studienlage keine abschließende Empfehlung zur Supplementierung langkettiger Omega-3-Fettsäuren allein zur Allergieprävention gegeben werden kann [LL4]. Eine Docosahexaensäuresupplementierung sollte daher nicht ausschließlich mit dem Ziel der Allergie- oder Asthmaprävention begonnen werden.

Weitere Schwangerschafts- und Langzeitendpunkte

Für eine routinemäßige Omega-3-Supplementierung ausschließlich zur Prävention oder Therapie von Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglichen Organschäden), Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes), perinataler Depression (Depression während der Schwangerschaft oder nach der Geburt) oder anderen maternalen Erkrankungen (Erkrankungen der Mutter) besteht derzeit keine ausreichend konsistente Evidenz für eine allgemeine Empfehlung [3, 8, LL1]. Diese Erkrankungen begründen ohne zusätzliche individuelle Indikation (medizinischen Grund) keine Abweichung von der empfohlenen Standardversorgung.

Lebensmittelquellen

Linolsäure ist vor allem in Pflanzenölen, Nüssen und Samen enthalten. Relevante Quellen sind unter anderem Sonnenblumenöl, Distelöl, Maiskeimöl, Sojaöl, Sesam und zahlreiche Nussarten [12].

Alpha-Linolensäure findet sich insbesondere in Leinöl, Leinsamen, Rapsöl, Walnüssen, Walnussöl, Chiasamen, Hanföl und Sojaöl [12]. Alpha-Linolensäurereiche Lebensmittel sind Bestandteil einer ausgewogenen Fettzufuhr, können die direkte Aufnahme von Docosahexaensäure jedoch nicht zuverlässig ersetzen [2, LL1].

Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure sind vor allem in fettreichen Meeresfischen wie Hering, Lachs, Makrele und Sardine enthalten. Auch bestimmte Forellenarten können relevante Mengen liefern. Docosahexaensäure kann außerdem aus Ölen kultivierter Mikroalgen (mikroskopisch kleiner Algen) bereitgestellt werden [11, LL1].

Ein regelmäßiger Verzehr von 1-2 Portionen geeignetem fettreichem Meeresfisch pro Woche kann im Durchschnitt zur Deckung der empfohlenen Docosahexaensäurezufuhr beitragen. Entscheidend sind jedoch Fischart, Portionsgröße und tatsächliche Verzehrshäufigkeit [LL1].

Fischverzehr und Methylquecksilber (giftige organische Quecksilberverbindung)

Fisch liefert neben Docosahexaensäure und Eicosapentaensäure unter anderem hochwertiges Protein, Jod, Selen und Vitamin D. Der gesundheitliche Nutzen eines geeigneten Fischverzehrs ist gegen eine mögliche Belastung einzelner Fischarten mit Methylquecksilber abzuwägen [13, LL1].

Schwangere sollten bevorzugt fettreiche Fischarten mit vergleichsweise niedriger Methylquecksilberbelastung auswählen. Große, langlebige Raubfische können höhere Methylquecksilberkonzentrationen aufweisen. Die aktuellen Verzehrsempfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung sind zu beachten. Haifisch einschließlich Schillerlocke und Schwertfisch sollen während Schwangerschaft und Stillzeit gemieden werden [13].

Roher, geräucherter oder nicht ausreichend erhitzter Fisch ist wegen des Risikos lebensmittelbedingter Infektionen (durch verunreinigte Lebensmittel übertragener Erkrankungen) nicht zur Deckung des Docosahexaensäurebedarfs in der Schwangerschaft geeignet. Fisch soll vollständig durchgegart verzehrt werden [LL1].

Supplementierung

Standardversorgung

Schwangere, die keinen oder nicht regelmäßig fettreichen Meeresfisch verzehren, sollen täglich ein Präparat mit 200 mg Docosahexaensäure einnehmen [LL1]. Die Empfehlung bezieht sich auf die tatsächlich enthaltene Menge an Docosahexaensäure und nicht auf die Gesamtmenge des verwendeten Fisch- oder Algenöls.

Bei regelmäßigem Verzehr geeigneter fettreicher Meeresfische ist anhand der konkreten Verzehrsmenge zu beurteilen, ob die durchschnittliche Zufuhr von mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag erreicht wird. Die Supplementierung ist daher nicht ausschließlich von der Anzahl der Fischmahlzeiten, sondern von der tatsächlich zu erwartenden Docosahexaensäurezufuhr abhängig [LL1, LL2].

Vegetarische und vegane Ernährung

Bei Verzicht auf Fisch kann die Docosahexaensäurezufuhr durch ein geeignetes Präparat aus kultivierten Mikroalgen sichergestellt werden. Mikroalgenöl stellt eine direkte vegane Quelle vorgebildeter Docosahexaensäure dar. Eine erhöhte Zufuhr von Alpha-Linolensäure allein ist wegen der begrenzten Konversion kein gleichwertiger Ersatz [2, 11, LL1].

Risikoadaptierte höhere Dosierung (an das individuelle Risiko angepasste höhere Menge)

Eine Dosierung von etwa 600-1.000 mg Eicosapentaensäure plus Docosahexaensäure oder Docosahexaensäure allein pro Tag kommt insbesondere bei niedriger Ausgangszufuhr bzw. niedrigem Omega-3-Status in Betracht. Sie ist keine allgemeine Standardempfehlung für alle Schwangeren und sollte fachärztlich indiziert werden [4-7, LL1].

Antioxidanzien (Substanzen zum Schutz vor schädlichen Sauerstoffverbindungen)

Eine zusätzliche routinemäßige Einnahme von Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E, Selen oder anderen Antioxidanzien zusammen mit einem Omega-3-Präparat zum Schutz des Fetus vor oxidativen Schäden (Schäden durch reaktionsfreudige Sauerstoffverbindungen) ist nicht evidenzbasiert und nicht Bestandteil der aktuellen Handlungsempfehlungen [LL1].

Sicherheit

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit konnte 2026 wegen unzureichender Dosis-Wirkungs-Daten keinen tolerierbaren oberen Zufuhrwert (gesundheitlich noch unbedenkliche tägliche Höchstmenge) für supplementierte Docosahexaensäure ableiten. Sie bestätigte jedoch für sämtliche Bevölkerungsgruppen einschließlich Schwangerer und Stillender einen sicheren Zufuhrwert von bis zu 1 g supplementierter Docosahexaensäure pro Tag [11].

Dieser sichere Zufuhrwert ist keine allgemeine Dosierungsempfehlung. Er bezeichnet eine Zufuhrmenge, bis zu der anhand der verfügbaren Daten keine unerwünschten Wirkungen beobachtet wurden [11]. Die Standardversorgung von 200 mg Docosahexaensäure pro Tag und eine gegebenenfalls risikoadaptierte höhere Dosierung sind davon klar zu unterscheiden.

Nicht evidenzbasierte bzw. überholte Empfehlungen

  • Ein fester Omega-3-/Omega-6-Quotient von 5:1 ist kein aktueller Referenzwert
  • Omega-6-Fettsäuren sind nicht generell proinflammatorisch oder gesundheitsschädlich
  • Eine tägliche Zufuhr von 25-30 g Linolsäure plus Alpha-Linolensäure wird nicht empfohlen
  • Eine allgemeine Einnahme von 500 mg Eicosapentaensäure plus Docosahexaensäure ist kein deutscher Schwangerschaftsreferenzwert
  • Die Gesamtmenge an Fischöl entspricht nicht der enthaltenen Menge an Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure
  • Alpha-Linolensäure kann vorgebildete Docosahexaensäure nicht zuverlässig ersetzen
  • Eine routinemäßige zusätzliche Supplementierung mit Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E und Selen ist nicht indiziert
  • Eine Omega-3-Supplementierung ist keine allgemeine Therapie zur Prävention von Hypertonie (Bluthochdruck), Thrombosen (Blutgerinnseln), Arthritis (Gelenkentzündung), Atherosklerose (Arterienverkalkung) oder Tumorerkrankungen während der Schwangerschaft
  • Unspezifische Symptome oder Erkrankungen dürfen nicht ohne weitere Diagnostik (medizinische Untersuchungen zur Ursachenklärung) als Folge eines Mangels an essentiellen Fettsäuren eingeordnet werden

Praktisches Vorgehen

  1. Ernährungsanamnese (Erfassung der bisherigen Ernährungsgewohnheiten) – Erfassung von Fischverzehr, Fischart, Portionsgröße, pflanzlichen Fettquellen und bereits verwendeten Supplementen
  2. Standardversorgung – Sicherstellung einer durchschnittlichen Zufuhr von mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag
  3. Fehlender regelmäßiger Fischverzehr – tägliche Supplementierung von 200 mg Docosahexaensäure
  4. Vegetarische oder vegane Ernährung – Verwendung eines geeigneten Docosahexaensäurepräparats aus kultivierten Mikroalgen
  5. Niedrige Ausgangszufuhr oder niedriger Omega-3-Status – individuelle Prüfung einer Dosierung von etwa 600-1.000 mg Eicosapentaensäure plus Docosahexaensäure oder Docosahexaensäure allein pro Tag
  6. Fischverzehr – bevorzugte Auswahl geeigneter fettreicher und vergleichsweise methylquecksilberarmer Fischarten sowie vollständiges Durchgaren
  7. Kontrolle der Produktdeklaration (Prüfung der Angaben auf der Verpackung) – Beurteilung anhand der tatsächlich enthaltenen Menge an Docosahexaensäure und Eicosapentaensäure, nicht anhand der Gesamtmenge des Öls

Fazit

In der Schwangerschaft besteht kein pauschaler Mehrbedarf an sämtlichen ungesättigten Fettsäuren. Die Referenzwerte für Linolsäure und Alpha-Linolensäure entsprechen mit 2,5 % bzw. 0,5 % der Energiezufuhr denjenigen nichtschwangerer Erwachsener [LL2].

Die wesentliche schwangerschaftsspezifische Empfehlung ist eine durchschnittliche Zufuhr von mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag. Diese kann durch geeigneten fettreichen Meeresfisch oder bei fehlendem bzw. nicht regelmäßigem Fischverzehr durch ein Supplement erreicht werden. Bei vegetarischer oder veganer Ernährung ist Docosahexaensäure aus kultivierten Mikroalgen geeignet [LL1, LL2].

Der klinisch am besten belegte Nutzen einer zusätzlichen Versorgung mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren ist die Verringerung früher Frühgeburten. Der größte Nutzen höherer Dosierungen ist bei niedriger Ausgangszufuhr oder niedrigem Omega-3-Status zu erwarten. Eine generelle Hochdosistherapie aller Schwangeren ist nicht gerechtfertigt [3-7, LL3].

Literatur

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Leitlinien

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