Hodenverdrehung (Hodentorsion) – Labordiagnostik
Die Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) ist ein urologischer Notfall (plötzlich auftretender medizinischer Notfall im Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane). Die Diagnostik (Untersuchung zur Feststellung einer Erkrankung) ist primär klinisch (durch körperliche Untersuchung) und bildgebend (durch Untersuchungen wie Ultraschall) ausgerichtet. Eine Labordiagnostik (Blut- und Urinuntersuchungen) besitzt keinen eigenständigen diagnostischen Stellenwert und darf die notfallmäßige Therapieentscheidung nicht verzögern [1-3].
Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen
- Eine Labordiagnostik ist in der Regel nicht erforderlich.
- Kleines Blutbild einschließlich Differentialblutbild – ggf. ergänzend bei unklarem akuten Skrotum (akut schmerzhaft veränderter Hodensack) zur Abgrenzung entzündlicher Differentialdiagnosen (andere mögliche Erkrankungen mit Entzündung); Leukozytose (erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen) und Neutrophilie (erhöhte Anzahl bestimmter weißer Blutkörperchen) sind möglich, aber nicht beweisend [1-3]
- Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) – ggf. ergänzend zur Beurteilung einer möglichen entzündlichen Begleitreaktion bzw. zur differentialdiagnostischen Abgrenzung gegenüber Epididymitis (Nebenhodenentzündung)/Epididymoorchitis (Entzündung von Nebenhoden (Epididymitis) und Hoden (Orchitis)); kein Ausschluss- oder Bestätigungsparameter der Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) [1, 3]
Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung (Abgrenzung zu anderen Erkrankungen)
- Urinstatus, ggf. Urinsediment und Urinkultur – bei Verdacht auf Epididymitis (Nebenhodenentzündung)/Epididymoorchitis (Entzündung von Nebenhoden (Epididymitis) und Hoden (Orchitis)) bzw. Harnwegsinfektion (Infektion der ableitenden Harnwege) als Differentialdiagnose (andere mögliche Erkrankung)
- Nukleinsäureamplifikationstest (molekularbiologischer Erregernachweis) auf Chlamydia trachomatis und Neisseria gonorrhoeae – bei klinischem Verdacht auf sexuell übertragene Urethritis (Harnröhrenentzündung)/Epididymitis (Nebenhodenentzündung)
- Alpha-Fetoprotein (AFP)
- β-HCG (Beta-Humanes Choriongonadotropin)
- Laktatdehydrogenase (LDH) – jeweils bei Verdacht auf Hodentumor (Tumor des Hodens), insbesondere Keimzelltumor (Tumor aus Vorläuferzellen der Spermien) [2]
- Neutrophilen-Lymphozyten-Quotient (NLQ) – berechnet aus dem Differentialblutbild; derzeit kein etablierter Routineparameter, aber in retrospektiven Studien als ergänzender Marker mit möglichem Zusatznutzen in Kombination mit dem TWIST-Score (klinischer Bewertungs-Score zur Abschätzung einer Hodentorsion) beschrieben [3]
Charakteristische Laborbefunde
- Es existiert kein laborchemischer Einzelparameter, der eine Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) sicher bestätigt oder ausschließt [1, 2].
- Leukozyten, Neutrophile und CRP (C-reaktives Protein) können im Rahmen einer ischämischen (durch Minderdurchblutung bedingten) Begleitreaktion verändert sein, sind jedoch unspezifisch und auch bei entzündlichen Differentialdiagnosen (anderen entzündlichen Erkrankungen) auffällig [1, 3].
- Der Neutrophilen-Lymphozyten-Quotient (NLQ) kann bei Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) erhöht sein; die bisherige Evidenz (wissenschaftliche Datenlage) spricht für einen möglichen zusätzlichen diagnostischen Nutzen, insbesondere in Kombination mit dem TWIST-Score (klinischer Bewertungs-Score), jedoch ohne bisherigen Status als etablierter Routineparameter [2, 3].
Klinische Hinweise
- Bei klinischem Hochverdacht auf Hodentorsion (Verdrehung des Hodens) hat die sofortige operative Exploration (chirurgische Freilegung des Hodens) Vorrang vor weiterführender Labordiagnostik (Laboruntersuchungen) [1].
- Laborwerte besitzen ausschließlich ergänzenden Charakter und dürfen die definitive Versorgung (endgültige Behandlung) nicht verzögern [1].
- Die Aufnahme des NLQ ist wissenschaftlich vertretbar, sollte jedoch ausdrücklich als ergänzend und nicht leitlinienetabliert (nicht in medizinischen Leitlinien verankert) gekennzeichnet werden [3].
Literatur
- European Association of Urology. EAU Guidelines on Paediatric Urology. 2026. Kapitel: Acute scrotum. https://uroweb.org/guidelines/paediatric-urology/chapter/the-guideline
- Barbosa JA, Tiseo BC, Barayan GA, Rosman BM, Torricelli FC, Passerotti CC, et al. Development and initial validation of a scoring system to diagnose testicular torsion in children. J Urol. 2013;189(5):1859-1864. https://doi.org/10.1016/j.juro.2012.10.056
- Kikkawa K, Yokoyama S, Kanai R, Maruno K, Okada N, Nishimoto K, et al. Enhancing diagnostic accuracy of pediatric testicular torsion: the role of the neutrophil-to-lymphocyte ratio. J Pediatr Urol. 2026;22(2):105777.
https://doi.org/10.1016/j.jpurol.2026.105777