Hodenverdrehung (Hodentorsion) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

Bei klinischem Verdacht auf eine Hodentorsion (Hodenverdrehung) handelt es sich um einen urologischen Notfall (Notfall der Harn- und Geschlechtsorgane). Die körperliche Untersuchung und eine gegebenenfalls erforderliche weiterführende Diagnostik dürfen die unverzügliche operative Exploration (operative Freilegung und Untersuchung) bei hohem Torsionsverdacht nicht verzögern.

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemeinzustandes und vegetativer Begleitreaktionen (körperlicher Begleitreaktionen des unwillkürlichen Nervensystems) [ggf. ausgeprägte Unruhe, Blässe und Kaltschweißigkeit bei akutem Schmerzereignis]
    • Untersuchung des Abdomens (Bauches) mit Inspektion (Betrachtung) und Palpation (Abtasten), insbesondere des Unterbauches [ggf. ipsilateraler (gleichseitiger) Unterbauch- bzw. Leistenschmerz bei Schmerzausstrahlung einer Hodentorsion]
    • Inspektion des äußeren Genitales (Geschlechtsorgane) im Seitenvergleich:
      • Hodenposition und Hodenachse [Hochstand des betroffenen Hodens; horizontale bzw. transversale (quer verlaufende) Hodenlage]
      • Kontur und Volumen des Skrotums (Hodensacks) [einseitige Skrotalschwellung bzw. Skrotalödem (Flüssigkeitseinlagerung im Hodensack)]
      • Skrotalhaut (Hodensackhaut) [im Verlauf Rötung; bei fortgeschrittener Ischämie (Minderdurchblutung) ggf. livide Verfärbung]
      • Beurteilung beider Skrotalfächer (Hodensackhälften) auf Vorhandensein der Hoden [ggf. leeres ipsilaterales Skrotalfach bei Torsion (Verdrehung) eines nicht deszendierten Hodens (nicht in den Hodensack abgestiegenen Hodens)]
    • Vorsichtige Palpation beider Hoden, Nebenhoden und Samenstränge im Seitenvergleich:
      • Hodenlage, Größe, Konsistenz, Mobilität und Druckschmerzhaftigkeit [ausgeprägte Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit) des betroffenen Hodens; ggf. vergrößerter, derber bzw. wenig mobiler Hoden]
      • Bestimmung des Punctum maximum (Punktes der stärksten Schmerzhaftigkeit) der Schmerzhaftigkeit [bei Hodentorsion typischerweise maximale Druckschmerzhaftigkeit des Hodens und nicht isoliert des Nebenhodenkopfes]
      • Beurteilung der Abgrenzbarkeit von Hoden und Nebenhoden [bei fortgeschrittener Schwellung ggf. erschwerte oder aufgehobene Abgrenzbarkeit]
    • Prüfung des Kremasterreflexes (Hodenheberreflexes) im Seitenvergleich durch Bestreichen der medialen (inneren) Oberschenkelseite [ipsilateral fehlender bzw. deutlich abgeschwächter Kremasterreflex]; ein erhaltener Kremasterreflex schließt eine Hodentorsion nicht mit Sicherheit aus.
    • Prüfung des Prehn-Zeichens (Schmerzverhalten beim Anheben des Hodens) durch vorsichtiges Anheben des betroffenen Hodens [fehlende Schmerzlinderung bzw. ggf. Schmerzzunahme]; das Prehn-Zeichen besitzt nur eine begrenzte diagnostische Aussagekraft und darf weder zum sicheren Nachweis noch zum Ausschluss einer Hodentorsion verwendet werden.
    • Inspektion und Palpation der Leistenregion:
      • Beurteilung auf einen nicht deszendierten Hoden [bei Torsion eines inguinal (in der Leiste) gelegenen Hodens ggf. schmerzhafte inguinale Schwellung bei gleichzeitig leerem Skrotalfach]
      • Beurteilung auf eine schmerzhafte inguinoskrotale Raumforderung (Schwellung im Bereich von Leiste und Hodensack) als Hinweis auf eine inkarzerierte Leistenhernie (eingeklemmter Leistenbruch) im Rahmen der Differentialdiagnostik (Abgrenzung gegen andere Erkrankungen)
    • Orientierende Inspektion der Haut, insbesondere der unteren Extremitäten (Beine) und des Gesäßes, bei entsprechendem klinischen Verdacht zum Nachweis einer Purpura (kleinfleckige Hautblutung) im Rahmen einer IgA-Vaskulitis (Entzündung kleiner Blutgefäße durch Immunglobulin-A-Ablagerungen) als Differentialdiagnose des akuten Skrotums (akut schmerzhaften Hodensacks)

Klinische Zeichen bei Verdacht auf Hodentorsion

  • Brunzel-Zeichen (fixierter, schmerzhafter Hodenhochstand mit Querlage) fixierter, schmerzhafter und horizontal bzw. transversal hochstehender Hoden [typischer Befund einer Hodentorsion]
  • Ger-Zeichen (Ger'sches Zeichen) (Einziehung der Haut am Hodensackboden) Einziehungen der Skrotalhaut am Boden des Skrotums [möglicher Befund bei Hodentorsion]; die diagnostische Aussagekraft dieses klassischen Zeichens ist begrenzt.
  • Kremasterreflex fehlende Anhebung des ipsilateralen Hodens nach Bestreichen der medialen Oberschenkelseite [fehlender bzw. deutlich abgeschwächter Reflex bei Hodentorsion]; das Fehlen des Reflexes erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Hodentorsion, ist jedoch isoliert nicht beweisend.
  • Prehn-Zeichen bei vorsichtigem Anheben des Hodens keine Schmerzlinderung bzw. ggf. Schmerzzunahme [mit einer Hodentorsion vereinbarer Befund]; wegen unzureichender diagnostischer Zuverlässigkeit nur im Kontext des Gesamtbefundes zu bewerten.

Orientierende Differentialdiagnostik des akuten Skrotums

  • Hydatidentorsion (Verdrehung eines Hodenanhangs) typischerweise umschriebene maximale Druckschmerzhaftigkeit am oberen Hodenpol; gelegentlich sichtbares Blue-dot-Zeichen (bläulich sichtbarer Punkt) als bläulich durch die Skrotalhaut schimmernde torquierte (verdrehte) Appendix testis (Hodenanhang) bzw. Appendix epididymidis (Nebenhodenanhang). Das Fehlen des Blue-dot-Zeichens schließt eine Hydatidentorsion nicht aus.
  • Epididymitis (Nebenhodenentzündung) bzw. Epididymo-Orchitis (Nebenhoden- und Hodenentzündung) eher betonte Druckschmerzhaftigkeit des Nebenhodens, ggf. Skrotalrötung und -schwellung sowie Fieber; eine Schmerzlinderung beim Anheben des Hodens kann auftreten, erlaubt jedoch keinen sicheren Ausschluss einer Hodentorsion.
  • Inkarzerierte Leistenhernie schmerzhafte, gegebenenfalls nicht reponible (zurückschiebbare) inguinale bzw. inguinoskrotale Schwellung.
  • IgA-Vaskulitis (Purpura Schönlein-Henoch) palpable Purpura (tastbare kleinfleckige Hautblutungen) insbesondere an den unteren Extremitäten und am Gesäß, ggf. begleitet von Gelenk- und Abdominalbeschwerden (Bauchbeschwerden).

Besonderheiten bei Neugeborenen

  • Eine perinatale bzw. neonatale Hodentorsion (Hodenverdrehung um den Zeitpunkt der Geburt bzw. beim Neugeborenen) kann ohne erkennbare Schmerzsymptomatik auftreten.
  • Inspektion und Palpation [ggf. einseitige inguinoskrotale Schwellung bzw. Raumforderung, derber und wenig mobiler Hoden sowie rötliche bis livide Verfärbung der Skrotalhaut]
  • Der Kremasterreflex ist bei Neugeborenen als diagnostisches Kriterium weniger zuverlässig.

Beurteilung: Kein einzelner klinischer Befund kann eine Hodentorsion sicher beweisen oder ausschließen. Besonders verdächtig ist die Kombination aus akutem einseitigem Hodenschmerz, Hodenhochstand bzw. horizontaler Hodenlage, ausgeprägter testikulärer (den Hoden betreffender) Druckdolenz und fehlendem ipsilateralem Kremasterreflex. Bei entsprechendem klinischen Verdacht ist die unverzügliche urologische bzw. kinderchirurgische (die operative Behandlung von Kindern betreffende) Abklärung erforderlich.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.