Pseudokrupp – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Linderung von bellendem Husten, Stridor (pfeifendes Atemgeräusch bei verengten oberen Atemwegen) und Atemnot durch Rückbildung des entzündlichen Schleimhautödems (Schwellung der Schleimhaut) bei akuter viraler Laryngotracheitis (Virusentzündung von Kehlkopf und Luftröhre); Vermeidung einer respiratorischen Erschöpfung (Erschöpfung der Atemmuskulatur) und Sicherung der Oxygenierung (Sauerstoffversorgung des Körpers).
Therapieempfehlungen
Glucocorticoide bilden die medikamentöse Basistherapie. Bei mittelschwerem bis schwerem Verlauf wird zusätzlich Adrenalin vernebelt. Die Therapie richtet sich nach Atemarbeit, Stridor in Ruhe, Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [1, 2, LL1, LL2].
| Maßnahme | Leicht | Mittelschwer | Schwer oder lebensbedrohlich |
|---|---|---|---|
| Klinische Orientierung | Bellender Husten; kein Stridor in Ruhe; keine oder geringe Einziehungen. | Stridor in Ruhe und sichtbare Einziehungen; Kind noch wach und ansprechbar. | Ausgeprägte Atemarbeit, zunehmende Unruhe oder Somnolenz (Benommenheit); bei Erschöpfung abnehmendes Atemgeräusch. Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Lippen durch Sauerstoffmangel) ist ein spätes Warnzeichen. |
| Glucocorticoid | Orales Dexamethason; bei ausschließlich bellendem Husten ohne bisherigen Stridor und ohne Risikofaktoren ist nach klinischer Beurteilung auch Beobachtung vertretbar. | Orales Dexamethason; bei nicht möglicher Einnahme alternative Applikation wählen. | Dexamethason unverzüglich; bei unsicherem Schlucken oder Erbrechen parenterale Gabe. Atemwegssicherung nicht durch Medikamentengabe verzögern. |
| Adrenalin inhalativ | In der Regel nicht erforderlich. | Zusätzlich bei relevantem, anhaltendem Stridor in Ruhe oder zunehmender Atemarbeit. | Sofort zusätzlich; Wiederholung nach klinischem Ansprechen unter Überwachung. |
| Sauerstoff | Keine routinemäßige Gabe. | Bei Hypoxämie (zu niedrigem Sauerstoffgehalt im Blut); eine Hypoxämie erfordert erneute Schweregradeinschätzung. | Bei Hypoxämie oder lebensbedrohlichem Verlauf sofort; gleichzeitig erfahrenes Team zur Atemwegssicherung hinzuziehen. |
| Versorgungsort | Bei stabilem Verlauf meist ambulant. | Beobachtung; stationäre Aufnahme bei fortbestehenden Beschwerden oder wiederholtem Adrenalinbedarf. | Stationäre Notfallbehandlung, gegebenenfalls pädiatrische Intensivmedizin (Intensivmedizin für Kinder) und Anästhesie (Narkosemedizin). |
Schweregradeinteilung und Vorgehen modifiziert nach internationalen Handlungsempfehlungen [LL1-LL3].
Allgemeine Maßnahmen: Kind beruhigen, bei der Bezugsperson und in seiner bevorzugten Position belassen; belastende Manipulationen vermeiden. Sauerstoff behandelt die Hypoxämie, beseitigt jedoch nicht die obere Atemwegsobstruktion (Verengung oder Blockierung der oberen Atemwege). Eine normale Sauerstoffsättigung schließt einen gefährlichen Verlauf nicht aus [LL1, LL2].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Systemische Glucocorticoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dexamethason | Bevorzugter Wirkstoff bei möglicher oraler Gabe. Die deutsche Fachinformation von InfectoDexaKrupp nennt für Pseudokrupp ab 1 Monat 0,15 mg/kg KG als Einzeldosis. Die Dosis von 0,6 mg/kg KG weicht von dieser Dosierungsangabe ab; bei parenteralen Präparaten ist die Zulassung gesondert zu prüfen [FI1, LL2]. |
| Prednisolon | Alternative gemäß internationaler Handlungsempfehlung. Kürzere Wirkdauer als Dexamethason; erneute Gabe nur nach ärztlicher Verlaufsbeurteilung. Zulassung des konkreten Präparats beachten [2, LL2]. |
| Prednison, rektal | Alternative bei nicht zuverlässig möglicher oraler Gabe. Enthält Prednison, nicht Prednisolon. Die fixe rektale Dosis ist nicht mit einer gleich hohen oralen Dosis gleichzusetzen; keine pauschale Einstufung als erste Wahl [FI2]. |
- Wirkweise: Entzündungshemmung und Verminderung des subglottischen (unterhalb der Stimmbänder gelegenen) Schleimhautödems. Glucocorticoide verkürzen die Beschwerden und reduzieren erneute Vorstellungen beziehungsweise Wiederaufnahmen [1, 2].
- Indikation: Pseudokrupp mit Stridor oder relevanter Symptomatik; auch milde Verläufe profitieren. Bei schwerer Atemnot nicht auf den verzögerten Steroideffekt warten, sondern Adrenalin und Notfallversorgung ergänzen [2, LL1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Wirkstoff oder Bestandteile. Bei vitaler Indikation bestehen für eine kurzfristige systemische Behandlung abgesehen davon grundsätzlich keine absoluten Gegenanzeigen; individuelle Risiken und präparatespezifische Fachinformation beachten [FI2].
- Nebenwirkungen: Nach kurzer Behandlung meist gering; möglich sind Erbrechen, Schlaf- und Verhaltensstörungen sowie vorübergehende Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker). Wiederholte oder längere Anwendung erhöht das Risiko systemischer Steroidwirkungen [FI1, FI2].
Anwendungshinweis: Eine einmalige Dexamethasongabe reicht bei unkompliziertem Verlauf meist aus. Keine routinemäßige Kombination mehrerer systemischer Steroide und keine schematische mehrtägige Fortsetzung; anhaltende Beschwerden erfordern eine erneute klinische Beurteilung [2, LL1, LL3].
Inhalative Glucocorticoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Budesonid, Verneblersuspension | Alternative, wenn eine systemische Gabe nicht praktikabel ist. Pulmicort ist in Deutschland für sehr schweren Pseudokrupp während der Krankenhausbehandlung zugelassen; andere Präparate gesondert prüfen. Keine routinemäßige Zusatzgabe zu wirksam appliziertem Dexamethason [FI3, LL1]. |
- Wirkweise: Lokale Entzündungshemmung und Abschwellung; ersetzt bei schwerer Atemnot nicht die rasch wirksame Adrenalininhalation.
- Indikation: Ausgewählte Fälle mit erschwerter systemischer Behandlung; präparatespezifische Zulassungsgrenzen berücksichtigen [FI3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Budesonid oder Bestandteile [FI3].
- Nebenwirkungen: Heiserkeit, lokale Reizung und oropharyngeale Candidose (Pilzinfektion im Mund- und Rachenraum); selten paradoxer Bronchospasmus (unerwartete Verkrampfung der Bronchien). Nach Maskeninhalation Gesicht waschen, soweit möglich Mund ausspülen [FI3].
Sympathomimetika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Adrenalin (Epinephrin), Lösung mit 1 mg/ml | Die Konzentration entspricht 1:1.000. Bei Verwendung eines Injektionspräparats zur Inhalation liegt eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Applikationsart vor; lokale Standards beachten. Nicht mit Lösungen anderer Konzentration verwechseln [LL1, LL2]. |
| Adrenalin (Epinephrin), zugelassene Inhalationslösung mit 4 mg/ml | Zugelassen ab 6 Monaten. Dieses präparatespezifische Schema ist vom Schema für 1 mg/ml zu unterscheiden. Keine Übertragung der dortigen Milliliterangaben auf die vierfach konzentrierte Lösung [FI4]. |
- Wirkweise: Vor allem alphaadrenerge Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße durch Aktivierung bestimmter Rezeptoren) der Schleimhautgefäße und dadurch rasche Abschwellung im subglottischen Bereich. Die Bronchodilatation (Erweiterung der Bronchien) ist nicht der maßgebliche Wirkmechanismus beim Pseudokrupp [FI4].
- Indikation: Mittelschwerer bis schwerer Pseudokrupp mit relevanter Atemwegsobstruktion; zusätzlich zum Glucocorticoid [LL1].
- Kontraindikationen: Für InfectoKrupp Inhal unter anderem Überempfindlichkeit, paroxysmale Tachykardie (anfallsartig auftretender schneller Herzschlag), hochfrequente absolute Arrhythmie (sehr schneller und unregelmäßiger Herzschlag) und Engwinkelglaukom (Form des Grünen Stars mit verengtem Abfluss des Augenwassers). Kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) erfordern besondere Vorsicht; im lebensbedrohlichen Notfall individuelle Nutzen-Risiko-Entscheidung durch das behandelnde Team [FI4].
- Nebenwirkungen: Tachykardie, Palpitationen (spürbares Herzklopfen), Blutdruckanstieg, Blässe, Tremor (Zittern) und Unruhe; selten schwerwiegende Arrhythmien. Bei wiederholter Gabe engmaschige klinische und kardiorespiratorische Überwachung [FI4].
Wirkdauer und Wiederholung: Die Wirkung setzt rasch ein und lässt innerhalb von etwa 2 Stunden nach. Wiederkehrende Beschwerden sind möglich; eine regelhafte Verschlechterung über den Ausgangszustand hinaus im Sinne eines echten Rebounds (überschießende Beschwerdezunahme nach nachlassender Medikamentenwirkung) ist nicht belegt. Starre Wiederholungsintervalle von 2-8 Stunden sind für eine akute Verschlechterung ungeeignet. Bei unzureichendem Ansprechen sofort erneut beurteilen und die Atemwegssicherung vorbereiten; weitere Inhalationen nur im überwachten Notfallsetting nach Protokoll [3, LL1-LL3].
Beachte
- Nach Adrenalin beobachten: Nach der letzten Inhalation mindestens 3 Stunden; je nach Verlauf und Risikokonstellation länger. Entlassung erst ohne Stridor in Ruhe, bei deutlich gebesserter Atemarbeit, ausreichender Flüssigkeitsaufnahme und gesicherter erneuter Vorstellungsmöglichkeit [LL1, LL2].
- Sofortige Eskalation: Erschöpfung, Bewusstseinseintrübung, Zyanose, schlechte Luftbewegung oder fehlendes beziehungsweise nicht anhaltendes Ansprechen erfordern unverzüglich pädiatrische Notfall- und Atemwegskompetenz. Bei schwerer Atemnot außerhalb der Klinik Notruf 112 [LL1, LL2].
- Differenzialdiagnosen (andere mögliche Ursachen): Hohes Fieber, schwer kranker Eindruck, Speichelfluss, Dysphagie (Schluckbeschwerden) oder atypischer Verlauf sprechen unter anderem für Epiglottitis (Entzündung des Kehldeckels), bakterielle Tracheitis (bakterielle Entzündung der Luftröhre), Fremdkörperaspiration (Einatmen eines Fremdkörpers) oder Anaphylaxie (schwere allergische Reaktion). Nicht lediglich die Pseudokruppmedikation wiederholen; bei Verdacht auf Epiglottitis keine forcierte Racheninspektion [LL1-LL3].
- Keine routinemäßigen Antibiotika: Beim unkomplizierten viralen Pseudokrupp nicht indiziert. Ebenso keine spezifische Wirksamkeit von Salbutamol, Expektorantien oder Antitussiva gegen die subglottische Obstruktion; sedierende Antitussiva können die Atmung beeinträchtigen [LL1, LL2].
- Keine Dampfinhalation: Luftbefeuchtung ist nicht wirksam belegt; heißer Dampf birgt Verbrühungsgefahr. Kühle Außenluft kann ergänzend vorübergehend helfen, ersetzt aber weder Glucocorticoide noch Adrenalin oder den Notruf [4, LL2].
Weitere Hinweise
Die Cochrane-Auswertung von 2023 umfasst 45 randomisierte Studien mit 5.888 Kindern. Sie bestätigt den Nutzen von Glucocorticoiden. Niedrig dosiertes Dexamethason kann ausreichen; eine uneingeschränkte Gleichwertigkeit von 0,15 und 0,6 mg/kg KG bei schwerem Verlauf ist daraus nicht abzuleiten [2].
In einer offenen randomisierten Einzelzentrumsstudie mit 118 Kindern besserte eine 30-minütige Exposition gegenüber Außenluft unter 10 °C zusätzlich zu Dexamethason die Beschwerden kurzfristig. Die begrenzte Evidenz rechtfertigt keine Verzögerung notwendiger Notfallmaßnahmen [4].
Abkürzungen
- KG: Körpergewicht.
- p.o.: über den Mund.
- i.m.: in den Muskel.
- i.v.: in eine Vene.
- LL: Leitlinie oder Handlungsempfehlung.
- FI: Fachinformation.
- RCH: Royal Children's Hospital Melbourne.
- mg: Milligramm.
- ml: Milliliter.
- doi: dauerhafte digitale Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
Literatur
- Schwerk N, Dahlheim M, Ankermann T: Viraler Krupp: Ein Update. Atemwegs- und Lungenkrankheiten. 2014;40:398-406. doi:10.5414/atx0978.
- Aregbesola A, Tam CM, Kothari A, Le ML, Ragheb M, Klassen TP: Glucocorticoids for croup in children. Cochrane Database Syst Rev. 2023;1:CD001955. doi:10.1002/14651858.cd001955.pub5.
- Sakthivel M, Elkashif S, Al Ansari K, Powell CVE: Rebound stridor in children with croup after nebulised adrenaline: does it really exist? Breathe. 2019;15:e1-e7. doi:10.1183/20734735.0011-2019.
- Siebert JN, Salomon C, Taddeo I et al.: Outdoor Cold Air Versus Room Temperature Exposure for Croup Symptoms: A Randomized Controlled Trial. Pediatrics. 2023;152:e2023061365. doi:10.1542/peds.2023-061365.
Leitlinien und Handlungsempfehlungen
- Canadian Paediatric Society: Acute management of croup in the emergency department. Practice Point, aktualisiert am 6. März 2026. Volltext [LL1]
- Royal Children's Hospital Melbourne: Clinical Practice Guideline: Croup (Laryngotracheobronchitis). Aktualisiert September 2024. Volltext [LL2]
- Nationwide Children's Hospital: Croup Clinical Pathway. Veröffentlicht und revidiert am 7. Oktober 2024. Volltext [LL3]
Fachinformationen
- InfectoPharm: InfectoDexaKrupp Saft, 2 mg/5 ml. Stand April 2022. Fachinformation [FI1]
- Trommsdorff: Rectodelt 100, 100 mg Prednison, Zäpfchen. Stand Dezember 2025. Fachinformation [FI2]
- AstraZeneca: Pulmicort 0,5 mg/2 ml und 1,0 mg/2 ml Suspension. Stand Januar 2024. Fachinformation [FI3]
- InfectoPharm: InfectoKrupp Inhal, 4 mg/ml. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI4]