Laktattest

Lactat im kapillären Blut unter Belastung (Laktatleistungsdiagnostik, „Laktattest“) ist ein belastungsphysiologischer Parameter zur Beurteilung der metabolischen Antwort auf eine stufenweise ansteigende körperliche Belastung. In der Sport- und Leistungsdiagnostik dient die Bestimmung der Abschätzung individueller Intensitätsbereiche, der Trainingssteuerung und der Verlaufsbeurteilung [1-6].

Der Laktattest dient in der Praxis der Ermittlung individueller metabolischer Schwellen. Der ältere Sprachgebrauch „Ermittlung der anaeroben Schwelle“ ist weiterhin verbreitet, fachlich jedoch zu vereinfachend. Nach heutigem Verständnis beschreibt die individuelle anaerobe Schwelle die Belastungsintensität, bei der die Lactatbildung die Lactatelimination zunehmend übersteigt und die Blutlactatkonzentration nachhaltig ansteigt. Eine starre Gleichsetzung mit einem festen Wert von 4 mmol/l ist nicht mehr allgemein gültig; dieser Wert entspricht vielmehr dem methodischen Konzept der „onset of blood lactate accumulation“ (OBLA) und nicht einer universellen individuellen Schwelle [1-3, 5].

Unter niedriger bis moderater Belastung erfolgt die Energiebereitstellung überwiegend aerob. Die gebildete Lactatmenge kann gleichzeitig wieder verstoffwechselt werden, sodass die Blutlactatkonzentration weitgehend stabil bleibt. Mit zunehmender Belastungsintensität steigt die Glykolyserate. Dabei wird Glucose zu Pyruvat abgebaut. Wenn die oxidative Kapazität der arbeitenden Muskulatur (Muskeln) überschritten wird, wird ein zunehmender Anteil des Pyruvats durch die Lactatdehydrogenase zu Lactat reduziert. Dadurch wird NAD+ aus NADH/H+ regeneriert und die Glykolyse kann trotz hoher Belastung fortgesetzt werden [5].

Die Lactatakkumulation beruht damit nicht ausschließlich auf einem absoluten Sauerstoffmangel, sondern vor allem darauf, dass die Lactatbildung die Fähigkeit zur weiteren oxidativen Verwertung und Elimination übersteigt. Lactat ist nicht nur ein Endprodukt intensiver Glykolyse, sondern zugleich ein wichtiger Energieträger, gluconeogener Vorläufer und Signalstoff. Es wird bereits während der Belastung kontinuierlich zwischen Muskulatur, Herz, Leber und anderen Organen transportiert und verwertet; erst bei höherer Belastung übersteigt die Produktion die Verwertung [5].

Man unterscheidet daher einen aeroben Bereich mit weitgehendem Gleichgewicht zwischen Lactatbildung und Lactatabbau, einen Übergangsbereich mit allmählichem Anstieg der Blutlactatkonzentration sowie einen intensiven Bereich oberhalb der individuellen Schwelle mit deutlicher und anhaltender Lactatakkumulation. Diese physiologischen Zusammenhänge werden in der Laktatleistungsdiagnostik genutzt. Durch die wiederholte Bestimmung des Lactatwertes im Rahmen eines Stufentestes kann die individuelle körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Zuordnung zu trainingsrelevanten Intensitätsbereichen ermittelt werden [1-3, 5].

Synonyme

  • Belastungslactat
  • Blutlactat unter Belastung
  • Laktatleistungsdiagnostik
  • Lactat-Stufentest
  • Capillary blood lactate testing during graded exercise

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Kapilläres Blut, meist aus Ohrläppchen oder Fingerbeere
    • Portables oder laborbasiertes Lactatmesssystem
    • Standardisiertes Stufenprotokoll auf Laufband, Fahrradergometer (Trainingsfahrrad) oder sportartspezifischem Ergometer (Trainingsgerät)
    • Begleitend Herzfrequenzmessung; je nach Fragestellung zusätzlich Spiroergometrie (Messung von Atmung und Sauerstoffaufnahme unter Belastung)
  • Vorbereitung des Patienten
    • Standardisierte Vorbedingungen mit möglichst vergleichbarer Ernährung, Hydratation (Flüssigkeitsversorgung), Tageszeit, Regeneration (Erholung) und Vorbelastung
    • Vermeidung intensiver Belastungen am Vortag, akuter Infekte (Infektionen), Alkohol und größerer Schwankungen der Kohlenhydratzufuhr
    • Bei Verlaufsuntersuchungen Verwendung desselben Protokolls unter möglichst identischen Bedingungen
  • Störfaktoren
    • Stufendauer, Stufenhöhe und Gesamtprotokoll beeinflussen die Lage der Lactatschwellen wesentlich
    • Probennahmeort ist relevant; Ohrläppchen und Fingerbeere sind nicht in jeder Situation uneingeschränkt austauschbar [4]
    • Unterschiedliche Messgeräte und Kalibrationen können zu systematischen Abweichungen führen [4, 6]
    • Umgebungstemperatur, Ernährungsstatus, Glykogenspeicher, Koffein, Vorermüdung, Trainingszustand und belastete Muskelgruppen beeinflussen die Blutlactatkonzentration [5]
    • Ein fixer 4-mmol/l-Wert ist kein universeller Individualmarker und darf nicht schematisch mit der persönlichen anaeroben Schwelle gleichgesetzt werden [1-3]
  • Methode
    • Standardisierter Stufentest mit stufenweiser Erhöhung der Belastungsintensität auf Laufband, Fahrradergometer oder sportartspezifischem Ergometer
    • Am Ende jeder Belastungsstufe Entnahme eines kleinen Tropfens kapillären Blutes und Bestimmung der aktuellen Blutlactatkonzentration
    • Gleichzeitige Erfassung von Herzfrequenz und Leistung, z. B. Geschwindigkeit oder Watt
    • Auswertung über Lactat-Leistungskurve bzw. Lactat-Geschwindigkeits- oder Lactat-Herzfrequenz-Beziehung
    • Schwellenbestimmung je nach Verfahren z. B. LT1, LT2, Dmax, IAT oder 4-mmol/l-OBLA; die Ergebnisse sind methodenabhängig und nicht direkt austauschbar [1-3]
    • Das maximale Lactat-Steady-State (MLSS) gilt physiologisch als Referenzkonzept für die höchste noch stabile Belastungsintensität, ist jedoch aufwendiger, da mehrere Konstantlasttests erforderlich sind [1-3]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Belastungssituation Referenzbereich / Orientierungsbereich
Erwachsene in Ruhe, kapillär oder venös Meist ca. 0,5-2,2 mmol/l
Niedrige submaximale Belastung Geringer Anstieg, stark protokollabhängig
LT1 Kein allgemeingültiger fixer mmol/l-Wert
LT2 Kein allgemeingültiger fixer mmol/l-Wert
OBLA Klassisch 4,0 mmol/l als methodischer Anker, nicht als universelle individuelle Schwelle
MLSS Keine einzelne Standardkonzentration; entscheidend ist die höchste Belastungsintensität mit stabilem Lactatverlauf

Normbereiche sind methoden-, geräte-, sportart-, populations- und protokollabhängig. Für die Trainingssteuerung sind Verlaufsvergleiche unter identischen Testbedingungen meist aussagekräftiger als starre Einzelgrenzen [1-6].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Trainingssteuerung im Ausdauer- und Intervallsport
  • Abschätzung individueller Intensitätsbereiche
  • Beurteilung der aktuellen Trainingsqualität
  • Leistungsdokumentation im Verlauf, z. B. Vergleich der erbrachten Leistung in Watt oder Geschwindigkeit in Relation zu Lactat- und Herzfrequenzwerten
  • Sportartspezifische Leistungsdiagnostik
  • Ergänzung zu Herzfrequenz-, Tempo-, Watt- und Spiroergometrie-Daten

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Unter stufenweise steigender Belastung Ausdruck zunehmender glykolytischer Beteiligung und systemischer Lactatakkumulation
    • Ein früher steiler Anstieg kann mit geringerer Ausdauerleistungsfähigkeit, unzureichender Regeneration, inadäquater Standardisierung oder methodischen Einflüssen vereinbar sein [4-6]
    • Isolierte absolute Lactatwerte ohne Kenntnis von Protokoll, Leistung und Herzfrequenz sind nur eingeschränkt interpretierbar
  • Erniedrigte Werte
    • Bei gleicher externer Belastung im Verlauf oft Hinweis auf verbesserte metabolische Ökonomie bzw. Trainingsadaptation
    • Möglich auch bei geänderten Vorbedingungen, anderer Probennahme, anderem Gerät oder abweichendem Stufenprotokoll [4-6]
  • Spezifische Konstellationen
    • Die frühere schematische Einteilung „bis 2 mmol/l aerob, bis 4 mmol/l Grenzbereich, > 4 mmol/l anaerob“ ist für die Individualdiagnostik zu grob und nur eingeschränkt verwertbar
    • OBLA, LT2, MLSS und Critical Power beschreiben verwandte, aber nicht identische Konzepte [1-3]
    • Für die praktische Trainingssteuerung ist die konsequente Verwendung desselben Schwellenmodells wichtiger als der Wechsel zwischen unterschiedlichen Konzepten
    • Die individuelle Umgebung des Leistungssportlers (Hochleistungssportlers) kann für die Testvalidität vorteilhaft sein; sportartspezifische Tests auf dem gewohnten Gerät oder im gewohnten Bewegungsmuster sind häufig aussagekräftiger als unspezifische Laborsettings

Weiterführende Diagnostik

  • Spiroergometrie zur ergänzenden ventilatorischen Schwellenbestimmung
  • Standardisierte Herzfrequenz- und Leistungsdiagnostik
  • Konstantlasttests zur Bestimmung des maximalen Lactat-Steady-State (MLSS)
  • Sportartspezifische Feldtests
  • Bei medizinischer Fragestellung internistische bzw. sportmedizinische Abklärung statt isolierter Lactatinterpretation

Literatur

  1. Heck H, Wackerhage H. The origin of the maximal lactate steady state (MLSS). BMC Sports Sci Med Rehabil. 2024;16:36. https://doi.org/10.1186/s13102-024-00827-3
  2. Caen K, Poole DC, Vanhatalo A, Jones AM. Critical Power and Maximal Lactate Steady State in Cycling: “Watts” the Difference? Sports Med. 2024;54(10):2497-2513. https://doi.org/10.1007/s40279-024-02075-4
  3. Borszcz FK, de Aguiar RA, Costa VP, Denadai BS, de Lucas RD. Agreement Between Maximal Lactate Steady State and Critical Power in Different Sports: A Systematic Review and Bayesian’s Meta-Regression. J Strength Cond Res. 2024;38(6):e320-e339. https://doi.org/10.1519/JSC.0000000000004772
  4. Zhong F, Chen Z, Gu Z, Wang X, Holmberg HC, Li Y. Comparison of lactate measurements from earlobe and fingertip capillary blood using Biosen S-Line and Lactate Scout analyzers. Eur J Appl Physiol. 2025;125(1):145-156. https://doi.org/10.1007/s00421-024-05585-1
  5. Benítez-Muñoz JA, Cupeiro R. Factors Influencing Blood Lactate Concentration During Exercise: A Narrative Review With a Lactate Shuttle Perspective. Acta Physiol (Oxf). 2025;241(12):e70131. https://doi.org/10.1111/apha.70131
  6. Bruno J, Thapa R, Santos  et al.: Validity and Reliability of Portable Blood Lactate Analyzers: A Systematic Review with COSMIN and GRADE Assessment. Sports Med Open. 2026;12:37. https://doi.org/10.1186/s40798-026-00979-1