Nüchterninsulin
Die Insulinsekretion der Beta-Zellen des Pankreas (Bauchspeicheldrüse) schwankt im Tagesverlauf erheblich. Eine krankhaft veränderte Funktion kann mit folgenden Zuständen einhergehen:
Hypoinsulinämie (verminderter Insulinspiegel)
- Manifeste Hyperglykämie (erhöhter Blutzuckerspiegel) → Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) [1]
- Absolute oder relative Hypoinsulinämie tritt bei Typ-1-Diabetes (jugendlicher Diabetes) oder fortgeschrittener β-Zell-Erschöpfung bei Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes) auf [1]
Hyperinsulinämie (erhöhter Insulinspiegel)
- Normoglykämie (normaler Blutzuckerspiegel) bis leicht erhöhter Blutzuckerspiegel → Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung), häufig vergesellschaftet mit dem sogenannten Metabolischen Syndrom (Stoffwechsel-Syndrom) [2]
- Hypoglykämie (erniedrigter Blutzuckerspiegel) → Ursachen:
- Insulinom (gutartiger Tumor der Bauchspeicheldrüse)
- Exogene Insulingabe oder Sulfonylharnstoffe (blutzuckersenkende Medikamente; Hypoglykämia factitia)
- Autoimmune Insulin-Hypoglykämie (durch Abwehrstoffe ausgelöst)
- Kongenitaler Hyperinsulinismus in der Neugeborenenperiode (angeborene Form) [3]
Insulinresistenz
Die Entstehung des Diabetes mellitus Typ 2 (Altersdiabetes) beruht weniger auf absolutem Insulinmangel als vielmehr auf einer Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung). Diese ist definiert als eine verminderte Wirksamkeit des körpereigenen Insulins an Skelettmuskulatur, Fettgewebe und Leber [4].
- Betroffen sind Glukose-, Lipid- und Proteinstoffwechsel sowie die Gefäßfunktion. Die Insulinresistenz ist eng mit endothelialer Dysfunktion (Funktionsstörung der Gefäßinnenhaut) und verminderter NO-Bildung (Stickstoffmonoxid) assoziiert, was zu gesteigerter Vasokonstriktion (Gefäßverengung) führt [1].
- Zunächst kompensiert die Bauchspeicheldrüse durch vermehrte Insulinsekretion. Langfristig resultieren eine gestörte Glukosetoleranz (verminderte Zuckeraufnahme im Glukosetest; nachweisbar im oralen Glukosetoleranztest) und schließlich ein manifester Diabetes mellitus Typ 2.
- Zur Quantifizierung der Insulinwirkung gilt der euglykämisch-hyperinsulinämische Clamp-Test (Forschungstest zur Messung der Insulinwirkung) als Goldstandard [2].
- Für die klinische Praxis wird häufig der HOMA-Index eingesetzt, der aus Nüchternglucose (Nüchternblutzucker) und Nüchterninsulin berechnet wird [3].
- In der Bruneck-Studie konnte gezeigt werden, dass Insulinresistenz in engem Zusammenhang mit metabolischen Störungen steht [4].
- Eine hohe Nüchternglucose war in einer großen koreanischen Kohortenstudie mit einem signifikant erhöhten Krebssterberisiko assoziiert (
Eine hohe Nüchternglucose war in einer großen koreanischen Kohortenstudie mit einem signifikant erhöhten Krebssterberisiko assoziiert (u. a. Pankreas-, Leber-, Ösophagus-, Kolon- und Zervixkarzinom/u. a. Bauchspeicheldrüsen-, Leber-, Speiseröhren-, Dickdarm- und Gebärmutterhalskrebs) [5].
Risikofaktoren für Insulinresistenz
- Biographische Ursachen
- Positive Familienanamnese für Diabetes mellitus oder Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes)
- Hohes Alter
- Verhaltensbedingte Ursachen
- Rauchen
- Geringe körperliche Aktivität – bereits eine Woche Bettruhe führt zu signifikanter Insulinresistenz [6]
- Übergewicht (BMI ≥ 25; Adipositas, Fettleibigkeit)
- Krankheitsbedingte Ursachen
- Acanthosis nigricans (dunkle Hautflecken)
- Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) – insbesondere Hypertriglyzeridämie (erhöhte Blutfette) und erniedrigtes HDL-Cholesterin (schützendes Cholesterin)
- Fettleber (Steatosis hepatis)
- Hypertonie (Bluthochdruck) – häufig, bis etwa 50 % der Patienten insulinresistent
- Polyzystisches Ovar-Syndrom (PCO-Syndrom; Hormonstörung der Eierstöcke)
- Atherosklerose (Arteriosklerose, Arterienverkalkung) – eng mit Insulinresistenz assoziiert (Folge, nicht primäre Ursache)
Diagnostik
Die Einzelbestimmung von Insulin ist wenig aussagekräftig. Aussagekräftiger sind kombinierte oder stimulierte Tests.
- Nüchternglucose (Nüchternblutzucker): Basisparameter der Diabetesdiagnostik und Bestandteil aller Leitlinienkriterien [3]
- Oraler Glukosetoleranztest (oGTT, Zuckerbelastungstest) mit Insulinbestimmung
- C-Peptid-Bestimmung: spiegelt Insulinsekretion wider, nicht durch exogenes Insulin oder Antikörper verfälscht
Indikationen für Nüchterninsulin-Bestimmung
- Früherkennung einer Insulinresistenz
- Verdacht auf Insulinom (Tumor der Bauchspeicheldrüse)
- Differentialdiagnose von Hypoglykämie-Syndromen (Unterzuckerungszuständen)
Benötigtes Material
- Serum, gefroren → Vollblut innerhalb von 30 Minuten zentrifugieren, Serum abpipettieren und einfrieren
- Hinweis: kurze Plasmahalbwertszeit (5-8 Minuten), schnelle Präanalytik erforderlich
Vorbereitung des Patienten
- Blutentnahme nüchtern nach 12 Stunden Nahrungskarenz
- oder im Rahmen von Funktionsdiagnostik (Zeitpunkt dokumentieren)
Störfaktoren
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) → falsch niedrige Werte
- Verzögerte Zentrifugation/verspätete Verarbeitung → Abbau des Insulins durch kurze Halbwertszeit
- Unsachgemäße Lagerung (z. B. Raumtemperatur statt tiefgefroren)
- Lipämie (hoher Fettgehalt im Blut)
- Medikamente mit Einfluss auf die Insulinsekretion (Cortikcosteroide, β-Blocker, orale Antidiabetika, Insulin)
- Akute Erkrankungen/Infektionen → Stressreaktion mit erhöhter Insulinsekretion
Methode
- Immunoassays (RIA, ELISA, CLIA) als Standardmethoden zur Insulinbestimmung
- Hohe Sensitivität, Spezifität abhängig vom verwendeten Assay
- Einfluss exogener Insuline variabel (je nach Kreuzreaktivität der Antikörper)
Normwerte
Parameter | Referenzbereich* |
---|---|
Insulin | 2–25 µU/ml (laborspezifisch) |
* Referenzbereiche sind methoden- und laborabhängig.
HOMA-Index
Der HOMA-Index (Homeostasis Model Assessment) ist ein praxisnahes Berechnungsmodell, mit dem sich Insulinresistenz und die Funktion der Beta-Zellen (insulinproduzierende Zellen der Bauchspeicheldrüse) aus Nüchternparametern abschätzen lassen.
Berechnung nach 12-stündiger Nahrungskarenz:
- HOMA-IR = Insulin (µU/ml) × Glucose (mmol/l) / 22,5
- HOMA-IR = Insulin (µU/ml) × Glucose (mg/dl) / 405
Interpretation (heuristisch, nicht universell gültig):
HOMA-IR | Bedeutung |
---|---|
< 2 | Insulinresistenz unwahrscheinlich |
2-2,5 | Mögliche Insulinresistenz |
2,5-5 | Insulinresistenz wahrscheinlich |
> 5 | Typischer Bereich bei Typ-2-Diabetes |
Insulinresistenz-Score nach Standl/Biermann
Der Insulinresistenz-Score nach Standl/Biermann ist ein Punktesystem, das anhand einfacher Parameter (z. B. Gewicht, Blutdruck, Blutzucker, Blutfette) eine Abschätzung der Insulinresistenz erlaubt.
Kriterium | 1 Punkt | 2 Punkte |
---|---|---|
Body-Mass-Index | > 26 | > 30 |
Blutdruck | – | > 140/90 mmHg |
Nüchternglucose | > 100 mg/dl (> 5,6 mmol/l) | > 110 mg/dl (> 6,1 mmol/l) |
Triglyceride | > 230 mg/dl (2,62 mmol/l) | – |
Gesamtcholesterin | > 230 mg/dl (5,98 mmol/l) | – |
Interpretation
- 0-3 Punkte: insulinsensitiv bis leicht resistent
- 4-8 Punkte: deutlich insulinresistent
Alternative: TyG-Index
Der Triglyceride-Glucose-Index (TyG-Index) ist eine weitere Methode zur Abschätzung der Insulinresistenz. Er nutzt nur Routinewerte und ist dadurch sehr einfach und kostengünstig einsetzbar.
Formel (mg/dl):
TyG = ln[(Triglyceride × Glucose) / 2]
Vorteile:
- Nutzt Routineparameter (Triglyceride und Glucose)
- Einfach, kostengünstig
- Vergleichbare Aussagekraft wie HOMA-Index in großen Kollektiven
Vergleich der Verfahren zur Abschätzung der Insulinresistenz
Verfahren | Grundlage/Parameter | Vorteile | Nachteile/Einschränkungen |
---|---|---|---|
HOMA-Index | Nüchterninsulin + Nüchternglucose | Einfach zu berechnen, klinisch etabliert | Abhängig von Insulinmessung; Referenzbereiche variieren |
Standl/Biermann-Score | BMI, Blutdruck, Nüchternglucose, Triglyceride, Gesamtcholesterin | Nutzung gängiger Routineparameter, schnelle Einschätzung | Nur Näherungswert; eher Screening-Charakter |
TyG-Index | Nüchternglucose + Triglyceride | Sehr einfach, kostengünstig, auch für große Studien | Geringere individuelle Aussagekraft als HOMA-Index |
Literatur
- Rett K: The relation between insulin resistance and cardiovascular complications of the insulin resistance syndrome. Diabetes Obes Metab. 1999 May;1 Suppl 1:S8-16.
- DeFronzo RA, Tobin JD, Andres R: Glucose clamp technique: a method for quantifying insulin secretion and resistance. Am J Physiol. 1979 Sep;237(3):E214-23.
- Matthews DR, Hosker JP, Rudenski AS, Naylor BA, Treacher DF, Turner RC: Homeostasis model assessment: insulin resistance and beta-cell function from fasting plasma glucose and insulin concentrations in man. Diabetologia. 1985 Jul;28(7):412-9.
- Bonora E, Kiechl S, Willeit J, Oberhollenzer F, Egger G, Targher G, Alberiche M, Bonadonna RC, Muggeo M: Prevalence of insulin resistance in metabolic disorders: the Bruneck Study. Diabetes. 1998 Oct;47(10):1643-9.
- Jee SH, Ohrr H, Sull JW, Yun JE, Ji M, Samet JM: Fasting serum glucose level and cancer risk in Korean men and women. JAMA. 2005 Jan 12;293(2):194-202.
- Dirks ML et al.: One Week of Bed Rest Leads to Substantial Muscle Atrophy and Induces Whole-Body Insulin Resistance in the Absence of Skeletal Muscle Lipid Accumulation. Diabetes 2016; 65: 2862-2875. doi: 10.2337/db15-1661