Kontinuierliche Glucosemessung (CGM)
Kontinuierliche Glucosemessung (CGM) ist ein minimalinvasives Monitoringverfahren (Überwachungsverfahren) zur fortlaufenden Erfassung der Glucosekonzentration im interstitiellen Gewebe (Zwischenzellgewebe). Sie dient in der klinischen Diabetologie (Diabetesheilkunde) der Glukoseüberwachung, der Therapieanpassung, der Hypoglykämieprävention (Vorbeugung gegen Unterzuckerung) und der standardisierten Beurteilung des Glukoseprofils mittels CGM-Metriken wie Zeit im Zielbereich (time in range, TIR), Zeit unterhalb des Zielbereichs (time below range, TBR), Zeit oberhalb des Zielbereichs (time above range, TAR), mittlere Glucose und Variationskoeffizient. CGM ist kein Verfahren zur Primärdiagnostik (Erstdiagnostik) eines Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); hierfür bleiben venöse Plasma-Glucose, HbA1c und gegebenenfalls der orale Glukosetoleranztest maßgeblich [1-3].
Synonyme
- Continuous glucose monitoring (CGM)
- Kontinuierliches Glukosemonitoring
- Kontinuierliche Gewebezuckermessung
- Real-time-CGM (rtCGM)
- Intermittently scanned CGM (isCGM, Flash-Glukosemessung)
- Professionelles CGM (verblindet oder unverblindet)
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Subkutan (unter die Haut) applizierbarer Glucosesensor
- Transmitter (Sendegerät) bzw. integrierte Sensorelektronik
- Empfangsgerät, Smartphone oder Insulinpumpe (Insulinabgabegerät) mit kompatibler Software
- Gegebenenfalls kapilläres Blutzuckermesssystem zur Bestätigung kritischer oder klinisch inkongruenter Werte
- Vorbereitung des Patienten
- Keine Nüchternheit erforderlich
- Einweisung in Sensoranlage, Alarme, Trendpfeile, Dateninterpretation und Verhalten bei Hypo- bzw. Hyperglykämie (Unter- bzw. Überzuckerung) erforderlich
- Bei professionellem CGM strukturierte Dokumentation von Mahlzeiten, Bewegung, Insulingaben und Symptomen (Beschwerden) sinnvoll
- Störfaktoren
- Physiologischer (körperlicher) Zeitverzug zwischen Blut- und Interstitialglucose, besonders bei raschen Glucoseänderungen
- Kompressionsartefakte, insbesondere nächtlich
- Sensor-Initialphase, Kalibrationsprobleme bei kalibrationspflichtigen Systemen, Signalverlust, Adhäsionsprobleme
- Lokale Hautreaktionen, Kontaktdermatitis (Kontaktallergie der Haut), selten Infektion (Entzündung durch Krankheitserreger) an der Insertionsstelle
- Geräte- und methodenspezifische Interferenzen; maßgeblich sind die jeweiligen Herstellerangaben
- Methode
- Messung der Glucose im interstitiellen Gewebe mittels enzymatischer, meist glucoseoxidase- oder glucosedehydrogenasebasierter Sensorsysteme
- rtCGM mit kontinuierlicher Datenübertragung und Alarmfunktion
- isCGM mit Sensor-Scan zur Datenabfrage; moderne Systeme teils ebenfalls mit Alarmfunktion
- Professionelles CGM zur retrospektiven (rückblickenden), strukturierten Therapieanalyse
Normbereiche bzw. Zielbereiche der CGM-Auswertung (je nach klinischer Situation)
| Subgruppe | Zielbereich |
|---|---|
| Die meisten Erwachsenen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes | TIR 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l): > 70 %; TBR < 70 mg/dl (< 3,9 mmol/l): < 4 %; TBR < 54 mg/dl (< 3,0 mmol/l): < 1 %; TAR > 180 mg/dl (> 10,0 mmol/l): < 25 %; TAR > 250 mg/dl (> 13,9 mmol/l): < 5 %; Variationskoeffizient: ≤ 36 % |
| Schwangerschaft (Schwangersein) bei Typ-1-Diabetes | TIR 63-140 mg/dl (3,5-7,8 mmol/l): > 70 %; TBR < 63 mg/dl (< 3,5 mmol/l): < 4 %; TBR < 54 mg/dl (< 3,0 mmol/l): < 1 %; TAR > 140 mg/dl (> 7,8 mmol/l): < 25 % |
| Datengrundlage für die ambulante (ohne Krankenhausaufenthalt erfolgende) Beurteilung | Mindestens 14 Tage mit möglichst hoher Tragezeit; klassisch empfohlen sind ≥ 70 % Sensordaten |
Normbereiche bzw. Zielbereiche sind methoden-, geräte- und situationsabhängig.
Legende
- Zeit im Zielbereich (time in range, TIR)
- Zeit unterhalb des Zielbereichs (time below range, TBR)
- Zeit oberhalb des Zielbereichs (time above range, TAR)
Indikationen
- Typ-1-Diabetes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
- Typ-2-Diabetes unter intensivierter Insulintherapie oder Basalinsulintherapie
- Wiederholte oder schwere Hypoglykämien
- Gestörte Hypoglykämiewahrnehmung
- Ausgeprägte Glucosevariabilität
- Schwangerschaft bei präexistentem (bereits vorher bestehendem) Diabetes, insbesondere Typ-1-Diabetes
- Therapiesteuerung bei Insulinpumpentherapie und automatisierter Insulindosierung
- Ausgewählte Konstellationen bei chronischer Nierenkrankheit (dauerhafter Nierenerkrankung), Dialyse (Blutwäsche) oder Transplantation (Organübertragung) mit erhöhtem Hypoglykämierisiko
- Professionelles CGM zur strukturierten Ursachenanalyse von Hyper- bzw. Hypoglykämien oder zur Schulung
Interpretation
- Erhöhte Werte bzw. ungünstige Konstellationen
- Hohe TAR und niedrige TIR sprechen für unzureichende Glukosekontrolle
- Ausgeprägte postprandiale (nach dem Essen auftretende) Spitzen oder nächtliche Muster können auf inadäquates Mahlzeitenmanagement, Basalinsulinprobleme oder Pumpen- bzw. Katheterprobleme hinweisen
- Erhöhte TBR, insbesondere < 54 mg/dl, weist auf klinisch relevante Hypoglykämiegefahr hin
- Günstige Konstellationen
- Hohe TIR bei gleichzeitig niedriger TBR spricht für gute Glukosekontrolle mit geringer Hypoglykämielast
- Niedriger Variationskoeffizient spricht für stabile Glukoseverläufe
- Trendpfeile und Tagesprofile erleichtern die ursachenorientierte Therapieanpassung
- Spezifische Konstellationen
- Die klinische Stärke der CGM liegt weniger im Einzelwert als im Muster: Tagesprofil, Mahlzeitenbezug, nächtliche Verläufe, Hypoglykämielast und Variabilität
- CGM-Werte dürfen nicht unkritisch mit venösen Blutglucosewerten gleichgesetzt werden
- Bei rascher Glucosedynamik sind absolute Werte weniger verlässlich als Trend und klinischer Kontext
- Neuere Daten zeigen, dass CGM postprandiale Glykämie (Blutzucker nach dem Essen) unter bestimmten Bedingungen überschätzen kann [12]
Weiterführende Diagnostik
- HbA1c zur Langzeitbeurteilung der glykämischen Kontrolle
- Kapilläre Blutglucosemessung bei Symptomen, raschen Glucoseänderungen oder Verdacht auf Messfehler
- Ambulantes Glucoseprofil (AGP) als Standardauswertung
- Überprüfung von Insulindosis, Basalraten, Korrekturfaktoren und Kohlenhydratfaktoren
- Bei Diskrepanzen zwischen HbA1c und CGM: Prüfung von Tragezeit, Sensorgenauigkeit, Anämie (Blutarmut), Hämoglobinopathien (angeborenen Störungen des roten Blutfarbstoffs) oder veränderter Erythrozytenlebensdauer
Klinische Hinweise
- CGM ist ein Monitoring- und Therapiesteuerungsverfahren, kein Screeningtest für Diabetes mellitus.
- Die Interpretation soll strukturiert anhand eines ambulanten Glucoseprofils erfolgen.
- Entscheidend sind TIR, TBR, TAR, Variabilität und das klinische Muster, nicht nur Einzelwerte.
- Bei schwerer Hypoglykämiegefahr, Hypoglykämiewahrnehmungsstörung und unter automatisierter Insulindosierung ist CGM besonders relevant.
- Geräteunterschiede bestehen hinsichtlich Alarmfunktionen, Kalibrationsbedarf, Laufzeit, Interferenzen und Datenintegration; die Auswahl ist individualisiert vorzunehmen.
- Für Aussagen zu Anti-Aging, allgemeiner Präventionsmedizin oder routinemäßigem Einsatz bei stoffwechselgesunden Personen besteht derzeit keine leitliniengetragene Standardindikation.
Kontinuierliche Glucosemessung (CGM) und Gesunde [13]
- Der Einsatz von CGM bei Personen ohne Diabetes mellitus nimmt als Lifestyle- und Wellnessanwendung zu; eine leitliniengetragene Standardindikation besteht hierfür derzeit nicht.
- CGM ist auch bei stoffwechselgesunden Personen kein diagnostisches Verfahren zum Nachweis oder Ausschluss eines Diabetes mellitus, Prädiabetes oder einer klinisch relevanten Glucoseregulationsstörung.
- Für Personen ohne Diabetes mellitus fehlen bislang standardisierte klinische Referenzbereiche, validierte Entscheidungsgrenzen und konsentierte Leitlinien zur Interpretation von CGM-Daten.
- Postprandiale Glucoseanstiege, tageszeitliche Schwankungen und Einflüsse durch Ernährung, Bewegung, Stress und Schlaf sind bei Gesunden häufig physiologisch und dürfen nicht isoliert pathologisiert werden.
- Eine Überinterpretation einzelner Sensorwerte oder kurzfristiger Glucosespitzen kann zu unnötiger Verunsicherung, übermäßiger Selbstbeobachtung und inadäquaten Ernährungsrestriktionen führen.
- Bei Risikokonstellationen, z. B. Adipositas, metabolischem Syndrom, Prädiabetesrisiko oder polyzystischem Ovarialsyndrom, kann CGM im Einzelfall als ergänzendes edukatives Instrument diskutiert werden; die diagnostische Abklärung muss jedoch weiterhin über etablierte Verfahren wie venöse Plasma-Glucose, HbA1c und gegebenenfalls oralen Glukosetoleranztest erfolgen.
- Ein routinemäßiger Einsatz von CGM bei stoffwechselgesunden Personen zur allgemeinen Prävention, Anti-Aging-Medizin, Leistungsoptimierung oder Schlafoptimierung ist derzeit nicht evidenzbasiert belegt.
Literatur
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- Lind M, Polonsky W, Hirsch IB et al.: Continuous Glucose Monitoring vs Conventional Therapy for Glycemic Control in Adults With Type 1 Diabetes Treated With Multiple Daily Insulin Injections: The GOLD Randomized Clinical Trial. JAMA. 2017;317(4):379-387. https://doi.org/10.1001/jama.2016.19976
- Beck RW, Riddlesworth TD, Ruedy K et al.:Continuous Glucose Monitoring Versus Usual Care in Patients With Type 2 Diabetes Receiving Multiple Daily Insulin Injections: A Randomized Trial. Ann Intern Med. 2017;167(6):365-374. https://doi.org/10.7326/M16-2855
- Polonsky WH, Hessler D, Ruedy KJ, Beck RW. The Impact of Continuous Glucose Monitoring on Markers of Quality of Life in Adults With Type 1 Diabetes: Further Findings From the DIAMOND Randomized Clinical Trial. Diabetes Care. 2017;40(6):736-741. https://doi.org/10.2337/dc17-0133
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- Rhee CM, Gianchandani RY, Kerr D et al.: Consensus Report on the Use of Continuous Glucose Monitoring in Chronic Kidney Disease and Diabetes. J Diabetes Sci Technol. 2025;19(1):217-245. https://doi.org/10.1177/19322968241292041
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