C-Peptid

Das C-Peptid ist ein Peptid (Eiweißbaustein) aus 31 Aminosäuren (Eiweißbestandteilen), das bei der proteolytischen Spaltung (enzymatischen Aufspaltung) von Proinsulin (Vorstufe des Insulins) in Insulin und C-Peptid entsteht. Es wird von den Betazellen (insulinbildenden Zellen) der Langerhans-Inseln (Zellinseln der Bauchspeicheldrüse) des Pankreas (Bauchspeicheldrüse) äquimolar (in gleicher Stoffmenge) mit Insulin freigesetzt, unterliegt jedoch im Gegensatz zu Insulin keiner relevanten hepatischen First-pass-Elimination (ersten Verstoffwechselung in der Leber). Aufgrund der längeren Halbwertszeit (Zeit bis zur Halbierung der Konzentration) und der überwiegend renalen Clearance (Ausscheidung über die Nieren) eignet sich C-Peptid als Marker der endogenen Insulinsekretion (körpereigenen Insulinfreisetzung) und der Betazellfunktion (Funktion der insulinbildenden Zellen).

In der klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchung) wird C-Peptid zur Beurteilung der residualen Insulinsekretion (verbleibenden Insulinfreisetzung), zur Einordnung unklarer Diabetesformen (Formen der Zuckerkrankheit), zur Abschätzung eines absoluten Insulinmangels sowie zur Differentialdiagnostik (Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) hypoglykämischer Zustände (Unterzuckerungszustände) eingesetzt. Die Interpretation (Bewertung) ist nur unter Berücksichtigung der gleichzeitig gemessenen Glucose, des Zeitpunkts der letzten Nahrungsaufnahme, der Nierenfunktion und der eingesetzten Messmethode valide.

Synonyme

  • Connecting Peptide
  • C-Peptid des Proinsulins
  • Insulin-C-Peptid
  • Proinsulin-C-Peptid

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Heparin- oder EDTA-Plasma, abhängig vom verwendeten Analysensystem
  • Urin, insbesondere für die Bestimmung des Urin-C-Peptid/Kreatinin-Quotienten in speziellen Fragestellungen

Vorbereitung des Patienten

  • Nüchternblutentnahme nach 8-12 Stunden Nahrungskarenz bei standardisierter Nüchternbestimmung
  • Gleichzeitige Bestimmung der Plasma- oder Serumglucose erforderlich
  • Dokumentation der letzten Nahrungsaufnahme, der letzten Insulindosis, der antidiabetischen Medikation (Medikamenteneinnahme gegen Zuckerkrankheit) und der Nierenfunktion erforderlich
  • Bei stimulierter Bestimmung standardisierte Durchführung, z. B. nach Mischmahlzeit, oraler Glucosebelastung oder Glukagonstimulation
  • Bei Hypoglykämieabklärung (Abklärung von Unterzuckerung) Blutentnahme während der dokumentierten Hypoglykämie (Unterzuckerung), nicht im euglykämischen Intervall (Zeitraum mit normalem Blutzucker)

Störfaktoren

  • Präanalytische Störfaktoren
    • Fehlende gleichzeitige Glucosebestimmung
    • Unklare Zeitrelation zur letzten Mahlzeit
    • Unklare Zeitrelation zu exogenem Insulin (von außen zugeführtem Insulin) oder insulinotropen Medikamenten (insulinfreisetzenden Medikamenten)
    • Hypoglykämie vor der Blutentnahme, da niedrige Glucosewerte die endogene Insulin- und C-Peptid-Sekretion supprimieren können
    • Ungeeignete Probenlagerung oder verzögerte Verarbeitung, abhängig vom Testsystem
  • Analytische und klinische Störfaktoren
    • Niereninsuffizienz (Nierenfunktionsschwäche) mit verminderter C-Peptid-Clearance und dadurch falsch hoch erscheinenden Werten
    • Methodenabhängige Kreuzreaktivität (Mitreaktion im Testverfahren) mit Proinsulin oder Proinsulin-Spaltprodukten
    • Ausgeprägte Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung) mit kompensatorisch erhöhtem C-Peptid trotz eingeschränkter Betazellreserve (Reserve der insulinbildenden Zellen)
    • Glucotoxizität (Schädigung durch hohe Zuckerwerte) bei ausgeprägter Hyperglykämie (Überzuckerung) mit vorübergehend supprimierter oder vermindert erscheinender Betazellantwort
    • Insulin-Autoantikörper können die Interpretation der parallelen Insulinbestimmung erschweren; C-Peptid ist hiervon weniger betroffen als Insulin.

Methode

  • Immunoassay, z. B. Chemilumineszenz-Immunoassay, Elektrochemilumineszenz-Immunoassay oder Enzyme-linked Immunosorbent Assay
  • Die Ergebnisse sind methoden- und laborabhängig; insbesondere Grenzwerte zur Beurteilung der Betazellreserve müssen mit dem jeweiligen Laborverfahren abgeglichen werden.
  • Einheiten
    • 1 µg/l entspricht 1 ng/ml
    • 1 ng/ml entspricht etwa 0,331 nmol/l
    • 1 nmol/l entspricht etwa 3,02 ng/ml

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Situation Referenzbereich / Bewertungsbereich
Erwachsene, nüchtern Ca. 0,5-2,0 ng/ml bzw. 0,17-0,66 nmol/l, methoden- und laborabhängig
Postprandial / stimuliert Höher als nüchtern; Bewertung nur unter Berücksichtigung von Glucose, Stimulationsverfahren und Laborreferenzbereich
Schwerer absoluter Insulinmangel Typischerweise <0,2 nmol/l bzw. <0,6 ng/ml bei gleichzeitiger Hyperglykämie oder adäquater Stimulation; nicht verwertbar bei Hypoglykämie oder fehlender Glucoseangabe
Erhaltene relevante endogene Insulinsekretion Typischerweise ≥0,3 nmol/l bzw. ≥0,9 ng/ml, abhängig von klinischem Kontext, Glucose und Messzeitpunkt
Niereninsuffizienz Referenzbereiche nur eingeschränkt interpretierbar; C-Peptid kann aufgrund reduzierter renaler Clearance erhöht sein

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Dynamische Tests

Test Durchführung Bewertung
Random-C-Peptid mit gleichzeitiger Glucose Blutentnahme im Alltag, idealerweise innerhalb weniger Stunden nach Nahrungsaufnahme; gleichzeitige Glucose obligat Pragmatischer Test zur Abschätzung der endogenen Insulinsekretion, insbesondere bei insulinbehandeltem Diabetes und unklarer Diabetesklassifikation
Nüchtern-C-Peptid Blutentnahme nach 8-12 Stunden Nahrungskarenz Geeignet zur standardisierten Verlaufskontrolle; weniger sensitiv als stimulierte Tests zur Erfassung geringer Restsekretion
Mischmahlzeit-Test C-Peptid-Messung nach standardisierter Mischmahlzeit, häufig nach 90-120 Minuten Sehr geeignet zur Beurteilung residualer Betazellfunktion, insbesondere bei Typ-1-Diabetes und Studienfragestellungen
Glukagonstimulationstest C-Peptid-Bestimmung basal und etwa 6 Minuten nach intravenöser Glukagongabe (Gabe in die Vene) Alternative stimulierte Messung der Betazellreserve; Nebenwirkungen wie Übelkeit möglich; lokale Testprotokolle beachten
72-Stunden-Fastentest bei Hypoglykämieabklärung Stationär überwachter Fastentest mit Messung von Glucose, Insulin, C-Peptid, Proinsulin, β-Hydroxybutyrat und Sulfonylharnstoff-/Glinid-Screening während Hypoglykämie Diagnostik bei Verdacht auf endogenen Hyperinsulinismus, insbesondere Insulinom, sofern spontane Hypoglykämie nicht dokumentiert werden kann

Indikationen 

  • Beurteilung der endogenen Insulinsekretion bei Diabetes mellitus
  • Differenzierung zwischen Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes, latentem Autoimmundiabetes des Erwachsenenalters (latent autoimmune diabetes in adults, LADA) und monogenem Diabetes bei unklarer klinischer Konstellation
  • Abschätzung eines absoluten Insulinmangels bei insulinbehandeltem Diabetes
  • Therapieplanung bei unklarer Insulinpflichtigkeit
  • Abklärung rezidivierender Hypoglykämien (wiederkehrender Unterzuckerungen), insbesondere zur Differenzierung zwischen exogener Insulingabe, Sulfonylharnstoff-/Glinid-Wirkung und endogenem Hyperinsulinismus (körpereigener Überproduktion von Insulin)
  • Verdacht auf Insulinom (insulinbildender Tumor)
  • Beurteilung der Betazellreserve nach Pankreasoperation, Pankreaserkrankungen oder Pankreas-/Inselzelltransplantation (Übertragung von Inselzellen)
  • Verlaufskontrolle in Studien oder spezialisierten Fragestellungen zur Erhaltung der Betazellfunktion

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Postprandialer Zustand (Zustand nach Nahrungsaufnahme)
  • Insulinresistenz, z. B. bei Adipositas (Fettleibigkeit), metabolischem Syndrom (Stoffwechselstörung mit mehreren Risikofaktoren) oder frühem Typ-2-Diabetes
  • Endogener Hyperinsulinismus, z. B. Insulinom
  • Sulfonylharnstoff- oder Glinid-Einnahme
  • Niereninsuffizienz mit verminderter C-Peptid-Clearance
  • Therapie mit Glucocorticoiden (Kortisonpräparaten), Wachstumshormon oder anderen insulinresistenzfördernden Faktoren
  • Selten insulinsezernierende oder insulinsekretagog wirkende Tumorkonstellationen (Tumorsituationen)

Erniedrigte Werte

  • Typ-1-Diabetes mit ausgeprägtem Betazellverlust
  • Langjähriger Typ-2-Diabetes mit Betazellerschöpfung
  • Absoluter Insulinmangel
  • Exogene Insulingabe mit supprimierter endogener Insulinsekretion
  • Hypoglykämie zum Zeitpunkt der Blutentnahme
  • Ausgeprägte akute Stoffwechselentgleisung (akute Entgleisung des Stoffwechsels) mit Glucotoxizität und vorübergehend verminderter Betazellantwort
  • Zustand nach Pankreatektomie (operativer Entfernung der Bauchspeicheldrüse) oder ausgeprägter Pankreaserkrankung

Spezifische Konstellationen

  • Exogene Insulingabe
    • Insulin erhöht oder nachweisbar, C-Peptid supprimiert, Proinsulin niedrig oder nicht adäquat erhöht
    • Konstellation typisch für eine insulininduzierte Hypoglykämie, sofern gleichzeitig eine Hypoglykämie dokumentiert ist
  • Sulfonylharnstoff- oder Glinid-induzierte Hypoglykämie
    • Insulin erhöht, C-Peptid erhöht, Proinsulin häufig erhöht
    • Abgrenzung vom Insulinom nur durch Medikamentenanamnese (Medikamentenvorgeschichte) und Sulfonylharnstoff-/Glinid-Screening möglich
  • Insulinom / endogener Hyperinsulinismus
    • Während Hypoglykämie inadäquat erhöhtes Insulin, C-Peptid und Proinsulin
    • β-Hydroxybutyrat typischerweise supprimiert
    • Glucoseanstieg nach Glukagongabe spricht für insulinvermittelte Hemmung der hepatischen Glucosefreisetzung
    • Sulfonylharnstoff-/Glinid-Screening negativ
  • Typ-1-Diabetes versus Typ-2-Diabetes
    • Sehr niedriges oder nicht nachweisbares C-Peptid bei ausreichend hoher Glucose spricht für ausgeprägten Betazellverlust.
    • Normales oder erhöhtes C-Peptid schließt einen frühen autoimmunen Diabetes (durch das Immunsystem verursachte Zuckerkrankheit) nicht sicher aus, insbesondere bei kurzer Krankheitsdauer.
    • Die Klassifikation (Einordnung) muss zusammen mit Diabetesautoantikörpern, Krankheitsdauer, Body-Mass-Index, Insulinbedarf, Familienanamnese (Krankheitsvorgeschichte in der Familie) und klinischem Verlauf erfolgen.
  • Niereninsuffizienz
    • C-Peptid kann trotz unveränderter Insulinsekretion erhöht sein.
    • Bei eingeschränkter glomerulärer Filtrationsrate (Filterleistung der Nierenkörperchen) ist die Interpretation nur im klinischen Kontext und mit Nierenparametern valide.

Weiterführende Diagnostik

  • Plasma- oder Serumglucose, obligat zeitgleich mit C-Peptid
  • Insulin
  • Proinsulin
  • β-Hydroxybutyrat
  • Sulfonylharnstoff-/Glinid-Screening bei Hypoglykämie
  • HbA1c
  • Diabetesautoantikörper, insbesondere GAD-Antikörper, IA-2-Antikörper, ZnT8-Antikörper und Insulin-Autoantikörper, abhängig von Vortherapie und Fragestellung
  • Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Lipidprofil und Parameter der Insulinresistenz bei Verdacht auf metabolisches Syndrom
  • Genetische Diagnostik (Untersuchung des Erbguts) bei Verdacht auf monogenen Diabetes
  • Bildgebung (bildgebende Untersuchung) bei biochemisch gesichertem endogenem Hyperinsulinismus, z. B. Endosonographie (Ultraschall von innen), Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) oder nuklearmedizinische Spezialdiagnostik in spezialisierten Zentren

Literatur

  1. Vinay ES, Rao BLN, Saf N, Gautam D. C-peptide in Precision Diabetes Care and Beyond: A Comprehensive Review. Clin Med Insights Endocrinol Diabetes. 2026;19:11795514251397811. https://doi.org/10.1177/11795514251397811
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Leitlinien

  1. American Diabetes Association Professional Practice Committee. 2. Diagnosis and Classification of Diabetes: Standards of Care in Diabetes-2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl 1):S27-S49. https://doi.org/10.2337/dc26-S002
  2. Cryer PE, Axelrod L, Grossman AB, Heller SR, Montori VM, Seaquist ER, Service FJ. Evaluation and management of adult hypoglycemic disorders: an Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2009;94(3):709-728. https://doi.org/10.1210/jc.2008-1410