Atherogener Index (AI)
Der Atherogene Index (AI) (Gefäßverkalkungs-Risikoindex) ist ein berechneter Lipidquotient (Fettwert-Verhältnis) zur orientierenden Einschätzung des atherogenen Lipoproteinprofils (ungünstigen Blutfett-Eiweiß-Profils). Unter dem Begriff werden unterschiedliche Quotienten verwendet. Klinisch am besten definiert ist der Atherogenic Index of Plasma (AIP), berechnet als dekadischer Logarithmus aus Triglyceriden/HDL-Cholesterin in molaren Einheiten. Der AIP korreliert mit der LDL-Partikelgröße, remnantreichen Lipoproteinen und kardiometabolischen Risikokonstellationen (Herz-Stoffwechsel-Risikokonstellationen) und kann als ergänzender Risikomarker (Risikohinweis) verwendet werden [1, 2].
Der Atherogene Index ersetzt keine leitliniengerechte kardiovaskuläre Risikostratifizierung (Herz-Kreislauf-Risikoeinschätzung) mit SCORE2/SCORE2-OP, LDL-Cholesterin, Non-HDL-Cholesterin, Apolipoprotein B und Lipoprotein(a). In den aktuellen ESC/EAS-Leitlinien ist der AIP kein primärer Therapiezielparameter (Behandlungszielwert); therapeutische Entscheidungen richten sich weiterhin nach dem globalen kardiovaskulären Risiko und den etablierten Lipidparametern [LL1, LL2].
Synonyme
- Atherogener Quotient
- Castelli-Risikoindex I
- Castelli-Risikoindex II
- Atherogenic Index of Plasma (AIP)
- Atherogenic Coefficient
- AI
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum
- EDTA-Plasma (flüssiger Blutanteil) oder Heparinplasma, abhängig vom verwendeten Analysensystem (Messsystem)
Vorbereitung des Patienten
- Für die Routine-Lipidbasisdiagnostik ist eine nicht nüchterne Blutentnahme häufig ausreichend.
- Für die Berechnung des AIP wird eine Nüchternblutabnahme (Blutabnahme im nüchternen Zustand) empfohlen, da Triglyceride postprandial (nach dem Essen) deutlich variieren können.
- Vor der Blutentnahme sollten Alkoholexzesse, sehr fettreiche Mahlzeiten und außergewöhnliche körperliche Belastung möglichst vermieden werden.
- Bei Verlaufskontrollen sollte die Blutentnahme unter vergleichbaren Bedingungen erfolgen.
Störfaktoren
- Präanalytische Störfaktoren
- Nicht nüchterne Blutentnahme, insbesondere bei Berechnung des AIP
- Alkoholkonsum in den vorausgehenden 24-72 Stunden
- Akute Infektionen, Entzündungen, Trauma (Verletzung) oder Operation
- Schwangerschaft und Wochenbett
- Ausgeprägte Lipämie (Fetttrübung) oder Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), abhängig vom Messsystem
- Unvollständige Dokumentation einer laufenden lipidsenkenden Therapie
- Analytische und rechnerische Störfaktoren
- Verwendung unterschiedlicher Formeln unter identischer Bezeichnung „Atherogener Index“
- Berechnung des AIP mit mg/dl statt mmol/l ohne Umrechnung; der AIP muss aus molaren Konzentrationen berechnet werden.
- Indirekt berechnetes LDL-Cholesterin, insbesondere bei erhöhten Triglyceriden
- Sehr hohe Triglyceridkonzentrationen, bei denen Quotienten nur eingeschränkt interpretierbar sind
- Methodenwechsel zwischen verschiedenen Laboren
- Klinische Einflussfaktoren
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung) und metabolisches Syndrom (Stoffwechselsyndrom)
- Adipositas (Fettleibigkeit) und viszerale Fettverteilung (bauchbetonte Fettverteilung)
- Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
- Nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit Eiweißverlust) und chronische Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche)
- Cholestatische Lebererkrankungen (Lebererkrankungen mit Gallenstau)
- Medikamente, z. B. Glukokortikoide (Kortisonpräparate), Retinoide (Vitamin-A-Abkömmlinge), Proteaseinhibitoren (Enzymhemmer), bestimmte Diuretika (Entwässerungsmittel), Betablocker (herzentlastende Medikamente), Ciclosporin, Tacrolimus und atypische Antipsychotika (Medikamente gegen Psychosen)
Methode
- Enzymatische Bestimmung von Gesamtcholesterin, HDL-Cholesterin, LDL-Cholesterin und Triglyceriden
- Direkte LDL-Cholesterin-Messung oder LDL-Cholesterin-Berechnung, abhängig von Triglyceridkonzentration und Laborstandard
- Berechnung je nach Formel:
- Castelli-Risikoindex I = Gesamtcholesterin/HDL-Cholesterin
- Castelli-Risikoindex II = LDL-Cholesterin/HDL-Cholesterin
- Atherogenic Coefficient = Non-HDL-Cholesterin/HDL-Cholesterin beziehungsweise (Gesamtcholesterin - HDL-Cholesterin)/HDL-Cholesterin
- Atherogenic Index of Plasma (AIP) = log10(Triglyceride/HDL-Cholesterin), jeweils in mmol/l
Normbereiche (je nach Labor)
| Index/Formel | Orientierende Bewertung |
|---|---|
| Castelli-Risikoindex I = Gesamtcholesterin/HDL-Cholesterin | Je niedriger, desto günstiger; häufig orientierend <4,5 bei Männern und <4,0 bei Frauen |
| Castelli-Risikoindex II = LDL-Cholesterin/HDL-Cholesterin | Je niedriger, desto günstiger; häufig orientierend <3,0 |
| Atherogenic Coefficient = Non-HDL-Cholesterin/HDL-Cholesterin | Je niedriger, desto günstiger; kein einheitlicher internationaler Grenzwert |
| AIP = log10(Triglyceride/HDL-Cholesterin), jeweils in mmol/l | <0,11 niedriges Risiko; 0,11-0,21 intermediäres Risiko; >0,21 erhöhtes Risiko, orientierend und nicht als alleiniger Therapieentscheid zu verwenden |
Normbereiche sind methoden-, populations- und laborabhängig. Für den AIP existieren keine einheitlich leitlinienverbindlichen Entscheidungsgrenzen.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Erweiterte kardiometabolische Risikostratifizierung
- Ergänzende Beurteilung bei Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), insbesondere bei erhöhten Triglyceriden und niedrigem HDL-Cholesterin
- Risikokonstellationen mit Verdacht auf atherogene Dyslipidämie
- Metabolisches Syndrom, Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2
- Adipositas, insbesondere viszerale Adipositas
- Verlaufskontrolle
- Beurteilung der Veränderung des atherogenen Lipidprofils unter Lebensstilintervention (Lebensstiländerung)
- Ergänzende Verlaufskontrolle unter lipidsenkender Therapie, ohne Ersatz etablierter Zielparameter
- Differentialdiagnostische Einordnung
- Abklärung einer Hypertriglyceridämie
- Abklärung sekundärer Dyslipidämien
- Ergänzende Bewertung bei diskrepanten Befunden, z. B. LDL-Cholesterin im Zielbereich, aber persistierend erhöhte Triglyceride und niedriges HDL-Cholesterin
Interpretation
Erhöhte Werte
- Atherogene Dyslipidämie mit erhöhten Triglyceriden und/oder niedrigem HDL-Cholesterin
- Hinweis auf vermehrte triglyceridreiche Remnant-Lipoproteine
- Assoziation mit kleineren, dichteren LDL-Partikeln
- Erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) und ungünstigere kardiovaskuläre Prognose (Herz-Kreislauf-Vorhersage) in Beobachtungsstudien und Metaanalysen [2, 3]
- Metabolisches Syndrom
- Diabetes mellitus Typ 2 und Insulinresistenz
- Viszerale Adipositas
- Sekundäre Dyslipidämie, z. B. bei Hypothyreose, Nierenerkrankung, Lebererkrankung oder medikamentöser Ursache
Erniedrigte Werte
- Günstigeres Lipidprofil mit niedrigen Triglyceriden und/oder höherem HDL-Cholesterin
- Geringere atherogene Lipoproteinlast, sofern LDL-Cholesterin, Non-HDL-Cholesterin, Apolipoprotein B und Lipoprotein(a) ebenfalls unauffällig sind
- Keine eigenständige Entwarnung bei sehr hohem Gesamtrisiko, manifester Atherosklerose (Gefäßverkalkung), Diabetes mellitus, chronischer Niereninsuffizienz oder stark erhöhtem Lipoprotein(a)
Spezifische Konstellationen
- AIP erhöht bei LDL-Cholesterin im Zielbereich
- Hinweis auf residuales Risiko (Restrisiko) durch Hypertriglyceridämie, remnantreiche Lipoproteine, niedriges HDL-Cholesterin oder Insulinresistenz
- Ergänzende Bestimmung von Non-HDL-Cholesterin, Apolipoprotein B und Lipoprotein(a) sinnvoll
- AIP erhöht bei Diabetes mellitus Typ 2
- Typische Konstellation einer atherogenen diabetischen Dyslipidämie mit erhöhten Triglyceriden, niedrigem HDL-Cholesterin und vermehrten kleinen dichten LDL-Partikeln
- Therapieentscheidungen richten sich dennoch nach dem Gesamtrisiko und den etablierten Lipidzielwerten
- AIP erhöht bei Hypertriglyceridämie
- Abklärung sekundärer Ursachen erforderlich, insbesondere Alkohol, Adipositas, Diabetes mellitus, Hypothyreose, Niereninsuffizienz, Lebererkrankung und Medikamente
- Bei sehr hohen Triglyceriden zusätzlich Bewertung des Pankreatitisrisikos (Risiko für Bauchspeicheldrüsenentzündung)
- AIP in der Primärprävention
- Nur ergänzend zu SCORE2/SCORE2-OP, klinischem Risikoprofil und etablierten Lipidparametern verwenden
- Kein validierter alleiniger Screening- oder Therapieentscheidungsparameter
Weiterführende Diagnostik
- Basis-Lipidprofil
- Gesamtcholesterin
- LDL-Cholesterin
- HDL-Cholesterin
- Triglyceride
- Non-HDL-Cholesterin
- Erweiterte Lipiddiagnostik
- Apolipoprotein B
- Lipoprotein(a), mindestens einmal im Leben beziehungsweise bei familiärer Belastung, vorzeitiger Atherosklerose oder unklar hohem Risiko
- Apolipoprotein A1, insbesondere bei spezieller lipidologischer Fragestellung
- Remnant-Cholesterin, sofern laborseitig verfügbar
- Abklärung sekundärer Dyslipidämien
- Nüchternglucose, HbA1c, ggf. oraler Glukosetoleranztest
- TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Nierenparameter – Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Kreatinin-Clearance
- Urinstatus, ggf. Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin
- Medikamentenanamnese (Medikamentenvorgeschichte) und Alkoholanamnese (Alkoholvorgeschichte)
- Medizingerätediagnostik bei entsprechender Indikation
- Duplexsonographie (Ultraschalluntersuchung der Gefäße) der Karotiden bei klinischer Fragestellung
- Koronarkalkmessung mittels Computertomographie (CT) bei moderatem Risiko oder grenzwertiger Therapieentscheidung
- Weitere kardiologische Diagnostik bei Symptomen oder manifester kardiovaskulärer Erkrankung
- Genetische Diagnostik
- Bei Verdacht auf familiäre Hypercholesterinämie (erblich erhöhtes Cholesterin) oder familiäre kombinierte Hyperlipidämie (erblich kombinierte Fettstoffwechselstörung)
- Bei ausgeprägter Hypertriglyceridämie, positiver Familienanamnese (familiäre Krankengeschichte) oder vorzeitiger Atherosklerose
Literatur
- Dobiásová M, Frohlich J. The plasma parameter log(TG/HDL-C) as an atherogenic index: correlation with lipoprotein particle size and esterification rate in apoB-lipoprotein-depleted plasma (FER(HDL)). Clin Biochem. 2001;34(7):583-588. https://doi.org/10.1016/S0009-9120(01)00263-6
- Rabiee Rad M, Ghasempour Dabaghi G, Darouei B, Amani-Beni R. The association of atherogenic index of plasma with cardiovascular outcomes in patients with coronary artery disease: A systematic review and meta-analysis. Cardiovasc Diabetol. 2024;23(1):119. https://doi.org/10.1186/s12933-024-02198-y
- Assempoor R, Daneshvar MS, Taghvaei A, Abroy AS, Azimi A, Nelson JR et al.: Atherogenic index of plasma and coronary artery disease: a systematic review and meta-analysis of observational studies. Cardiovasc Diabetol. 2025;24:35. https://doi.org/10.1186/s12933-025-02582-2
Leitlinien
- Mach F, Koskinas KC, Roeters Van Lennep JE, Tokgözoğlu L, Badimon L, Baigent C et al.: 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J. 2025;46(42):4359-4378. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf190
- Mach F, Baigent C, Catapano AL, Koskinas KC, Casula M, Badimon L et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J. 2020;41(1):111-188. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz455