Apolipoprotein B (ApoB)
Apolipoprotein B (ApoB) ist das strukturgebende Hauptapolipoprotein der meisten atherogenen (gefäßverkalkungsfördernden) Lipoproteine (Blutfett-Transporteiweiße). ApoB-100 kommt jeweils einmal pro Very-low-density-Lipoprotein (VLDL), Intermediate-density-Lipoprotein (IDL), Low-density-Lipoprotein (LDL) und Lipoprotein(a)-Partikel (Teilchen) vor; ApoB-48 ist Bestandteil von Chylomikronen (Nahrungsfett-Transportteilchen) und Chylomikronen-Remnants (Restpartikel von Nahrungsfett-Transportteilchen). Die ApoB-Konzentration reflektiert damit näherungsweise die Anzahl zirkulierender (im Blut kreisender) apoB-haltiger, potenziell atherogener Partikel und ergänzt die konventionelle Lipiddiagnostik (Blutfettdiagnostik), insbesondere wenn LDL-Cholesterin und Partikelzahl diskordant (nicht übereinstimmend) sind [1-3, LL1-LL3].
In der klinischen Labordiagnostik wird ApoB zur erweiterten kardiovaskulären (Herz-Kreislauf-betreffenden) Risikostratifizierung (Risikoeinstufung), zur Einordnung gemischter Dyslipidämien (Fettstoffwechselstörungen), zur Beurteilung des residualen (verbleibenden) atherogenen Lipoproteinrisikos und zur Therapiekontrolle unter lipidsenkender Therapie eingesetzt. Der diagnostische Zusatznutzen ist besonders relevant bei Hypertriglyceridämie (erhöhten Triglyceridwerten), Typ-2-Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit Typ 2), metabolischem Syndrom (Stoffwechsel-Syndrom), Adipositas (Fettleibigkeit), chronischer Nierenerkrankung und bereits manifester (bestehender) atherosklerotischer (durch Gefäßverkalkung bedingter) kardiovaskulärer Erkrankung [1-3, LL1-LL3].
Synonyme
- ApoB
- Apolipoprotein B
- Apolipoprotein B-100
- Apolipoprotein B-48
- apoB-haltige Lipoproteinpartikel
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Serum
- EDTA-Plasma oder Heparinplasma, abhängig vom Laborverfahren
Vorbereitung des Patienten
- Für ApoB allein ist eine Nüchternblutabnahme in der Regel nicht zwingend erforderlich.
- Eine Nüchternblutabnahme über 8-12 Stunden ist sinnvoll bei gleichzeitiger Bestimmung von Triglyceriden, Chylomikronen, LDL-Cholesterin-Berechnung, Remnant-Diagnostik oder bei ausgeprägter postprandialer (nach dem Essen auftretender) Lipämie (Fetttrübung des Blutes).
- Die Blutentnahme sollte möglichst nicht während akuter schwerer Erkrankung, unmittelbar postoperativ (nach einer Operation) oder im Rahmen ausgeprägter akuter Entzündungsreaktionen erfolgen, sofern keine Akutindikation (dringender Untersuchungsgrund) besteht.
Störfaktoren
- Ausgeprägte Lipämie kann methodenabhängig die photometrische (lichtmesstechnische), turbidimetrische (trübungsmesstechnische) oder nephelometrische (Streulicht-messtechnische) Messung beeinflussen.
- Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) und Ikterus (Gelbsucht) können methodenabhängig Interferenzen (Störeinflüsse) verursachen.
- Akute Entzündung, Trauma (Verletzung), Operation, schwere Infektion (Ansteckung) und akute Phase können Lipoproteinkonzentrationen vorübergehend verändern.
- Schwangerschaft, deutliche Gewichtsveränderung, Alkoholabusus (Alkoholmissbrauch), schlecht eingestellter Diabetes mellitus, nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit starkem Eiweißverlust), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) und Cholestase (Gallenstauung) können ApoB erhöhen.
- Medikamente wie Glucocorticoide (Kortisonpräparate), Retinoide (Vitamin-A-Abkömmlinge), Ciclosporin, Proteaseinhibitoren (Proteasehemmer), einige Diuretika (Entwässerungsmittel) und bestimmte hormonelle Therapien können ApoB beziehungsweise apoB-haltige Lipoproteine erhöhen.
- Intensive lipidsenkende Therapie, Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), schwere Leberinsuffizienz (Leberfunktionsschwäche), Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme) und Mangelernährung können ApoB erniedrigen.
Methode
- Immunnephelometrie
- Immunturbidimetrie
- Enzymimmunoassay in Speziallaboren
- Massenspektrometrische Verfahren in Spezialdiagnostik und Forschung
Normbereiche (je nach Labor)
| Konstellation | ApoB-Bereich beziehungsweise Zielwert | Einordnung |
|---|---|---|
| Orientierender Referenzbereich bei Erwachsenen | laborabhängig, häufig etwa 60-120 mg/dl | Referenzbereich, nicht identisch mit kardiovaskulärem Therapieziel |
| Moderates kardiovaskuläres Risiko | <100 mg/dl | Europäischer sekundärer Zielwert nach ESC/EAS |
| Hohes kardiovaskuläres Risiko | <80 mg/dl | Europäischer sekundärer Zielwert nach ESC/EAS |
| Sehr hohes kardiovaskuläres Risiko | <65 mg/dl | Europäischer sekundärer Zielwert nach ESC/EAS |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. ApoB-Zielwerte sind klinische Risikozielwerte und dürfen nicht mit populationsstatistischen (bevölkerungsstatistischen) Referenzbereichen gleichgesetzt werden [LL1, LL2].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Erweiterte kardiovaskuläre Risikostratifizierung zusätzlich zu Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceriden und Nicht-HDL-Cholesterin
- Verdacht auf Diskordanz zwischen LDL-Cholesterin und atherogener Partikelzahl
- Hypertriglyceridämie und gemischte Dyslipidämie
- Typ-2-Diabetes mellitus
- Metabolisches Syndrom
- Adipositas
- Chronische Nierenerkrankung
- Manifeste atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung
- Residualrisiko trotz erreichter LDL-Cholesterin- und Nicht-HDL-Cholesterin-Zielwerte
- Therapiekontrolle unter lipidsenkender Therapie, insbesondere bei Statinen, Ezetimib, Bempedoinsäure, PCSK9-Inhibitoren, Inclisiran oder Kombinationstherapien
- Verdacht auf familiäre kombinierte Hyperlipidämie (kombinierte Blutfetterhöhung)
- Verdacht auf familiäre Hypercholesterinämie (erblich bedingte Cholesterinerhöhung) in Kombination mit klinischem Befund, LDL-Cholesterin, Familienanamnese (familiäre Krankengeschichte) und genetischer Diagnostik (Erbgutdiagnostik)
- Abklärung sehr niedriger LDL-Cholesterin- beziehungsweise ApoB-Werte bei Verdacht auf Hypobetalipoproteinämie (erniedrigte ApoB-haltige Blutfettpartikel) oder Abetalipoproteinämie (fehlende ApoB-haltige Blutfettpartikel)
Interpretation
Erhöhte Werte
- Erhöhte ApoB-Werte sprechen für eine erhöhte Zahl apoB-haltiger atherogener Lipoproteinpartikel.
- Typische Konstellationen sind familiäre Hypercholesterinämie, familiäre kombinierte Hyperlipidämie, polygenetische (durch mehrere Erbanlagen bedingte) Hypercholesterinämie, gemischte Dyslipidämie, Hypertriglyceridämie, metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes mellitus, Adipositas, nephrotisches Syndrom, chronische Nierenerkrankung, Hypothyreose und Cholestase.
- Bei LDL-Cholesterin/ApoB-Diskordanz ist das kardiovaskuläre Risiko häufig stärker durch ApoB beziehungsweise Nicht-HDL-Cholesterin als durch LDL-Cholesterin abgebildet, insbesondere bei triglyceridreichen, cholesterinarmen LDL- und Remnant-Partikeln [1-3].
- Ein erhöhtes ApoB trotz erreichtem LDL-Cholesterin-Zielwert weist auf residuale atherogene Partikelbelastung hin und kann eine Therapieintensivierung (Verstärkung der Behandlung) unterstützen [1, LL3].
Erniedrigte Werte
- Erniedrigte ApoB-Werte finden sich unter wirksamer lipidsenkender Therapie.
- Pathologisch (krankhaft) erniedrigte Werte können bei familiärer Hypobetalipoproteinämie, Abetalipoproteinämie, schweren Malabsorptionssyndromen (Erkrankungen mit gestörter Nährstoffaufnahme), ausgeprägter Mangelernährung, fortgeschrittener Leberinsuffizienz und Hyperthyreose auftreten.
- Sehr niedrige ApoB-Werte in Kombination mit Fettmalabsorption (gestörter Fettaufnahme), neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems), Akanthozytose (stachelige Verformung roter Blutkörperchen) oder Vitamin-E-Mangel erfordern eine gezielte Abklärung seltener hereditärer (erblicher) Lipoproteinstörungen (Störungen der Blutfett-Transporteiweiße).
Spezifische Konstellationen
- LDL-Cholesterin normal, ApoB erhöht
- Hinweis auf viele cholesterinarme atherogene Partikel, typisch bei Hypertriglyceridämie, Insulinresistenz (verminderter Insulinwirkung), Typ-2-Diabetes mellitus, metabolischem Syndrom und Adipositas.
- LDL-Cholesterin erhöht, ApoB nicht entsprechend erhöht
- Hinweis auf weniger, aber cholesterinreichere LDL-Partikel; die Gesamtbeurteilung erfolgt risikoadaptiert (an das Risiko angepasst) unter Einschluss von Nicht-HDL-Cholesterin, Lipoprotein(a), Familienanamnese und klinischer Atherosklerose (Gefäßverkalkung).
- Lipoprotein(a) erhöht
- Lipoprotein(a) enthält ApoB-100; sehr hohe Lipoprotein(a)-Konzentrationen können zur ApoB-Gesamtbelastung beitragen und sollten separat bestimmt werden.
- Therapiekontrolle
- ApoB eignet sich besonders zur Beurteilung der gesamten atherogenen Partikelbelastung unter lipidsenkender Kombinationstherapie.
Weiterführende Diagnostik
- Atherosklerose-Parameter
- Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceride, Nicht-HDL-Cholesterin
- Lipoprotein(a)
- Apolipoprotein A1
- ApoB/ApoA1-Quotient, falls laborseitig etabliert
- Glucosestoffwechsel
- Nüchternglucose, HbA1c, ggf. oraler Glukosetoleranztest
- Schilddrüsenparameter
- TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), fT3, fT4
- Nierenparameter
- Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C beziehungsweise Kreatinin-Clearance
- Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin bei Verdacht auf diabetische oder chronische Nierenerkrankung
- Leberparameter
- Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Proteinurie-/Nephrose-Diagnostik
- Gesamteiweiß, Albumin, Urinstatus, Protein-Kreatinin-Quotient oder Albumin-Kreatinin-Quotient
- Genetische Diagnostik
- LDLR, APOB, PCSK9 bei Verdacht auf familiäre Hypercholesterinämie
- APOB, MTTP, SAR1B bei sehr niedrigen ApoB-Werten und Verdacht auf hereditäre Hypolipidämie (erblich bedingte erniedrigte Blutfette) beziehungsweise Chylomikronenbildungsstörung (Störung der Bildung von Nahrungsfett-Transportteilchen)
- Medizingerätediagnostik
- Karotisduplexsonographie (Ultraschall der Halsschlagadern), Koronarkalk-Score mittels Computertomographie (CT), Koronar-Computertomographie-Angiographie (CT-Darstellung der Herzkranzgefäße) oder weitere vaskuläre Diagnostik (Gefäßdiagnostik) nur bei entsprechender klinischer Indikation und Risikokonstellation
Literatur
- Soffer DE, Marston NA, Maki KC, Jacobson TA, Bittner V, Peña JM et al.: Role of apolipoprotein B in the clinical management of cardiovascular risk in adults: An Expert Clinical Consensus from the National Lipid Association. J Clin Lipidol. 2024;18(5):e647-e663. https://doi.org/10.1016/j.jacl.2024.08.013
- Glavinovic T, Thanassoulis G, de Graaf J, Couture P, Hegele RA, Sniderman AD. Physiological Bases for the Superiority of Apolipoprotein B Over Low-Density Lipoprotein Cholesterol and Non-High-Density Lipoprotein Cholesterol as a Marker of Cardiovascular Risk. J Am Heart Assoc. 2022;11(20):e025858. https://doi.org/10.1161/JAHA.122.025858
- Toth PP, Banach M. It is time to address the contribution of cholesterol in all apoB-containing lipoproteins to cardiovascular risk. Eur Heart J Open. 2024;4(4):oeae057. https://doi.org/10.1093/ehjopen/oeae057
Leitlinien
- ESC/EAS Scientific Document Group. 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J. 2025;46(42):4359-4378. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf190
- Mach F, Baigent C, Catapano AL, Koskinas KC, Casula M, Badimon L et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. Eur Heart J. 2020;41(1):111-188. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz455
- Blumenthal RS, Morris PB, Gaudino M et al.: 2026 ACC/AHA/AACVPR/ABC/ACPM/ADA/AGS/APhA/ASPC/NLA/PCNA Guideline on the Management of Dyslipidemia: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation. 2026. Online ahead of print. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001423