Hämoglobin-Elektrophorese
Hämoglobin-Elektrophorese ist ein Verfahren zur Auftrennung und quantitativen bzw. semiquantitativen Beurteilung von Hämoglobinfraktionen (rote Blutfarbstoff-Bestandteile) und Hämoglobinvarianten anhand ihrer unterschiedlichen Mobilität im elektrischen Feld. In der heutigen Labordiagnostik erfolgt die Hämoglobinfraktionierung meist mittels Kapillarelektrophorese (Trennverfahren im elektrischen Feld) und/oder Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (chemisches Trennverfahren). Sie dient vor allem der Abklärung von Hämoglobinopathien (Erkrankungen des roten Blutfarbstoffs) und Thalassämiesyndromen (erblich bedingte Blutbildungsstörungen).
Synonyme
- Hb-Elektrophorese
- Hämoglobinfraktionierung
- Hämoglobin-Analyse
- Kapillarelektrophoretische Hämoglobinanalyse
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- EDTA-Vollblut
- Gegebenenfalls zusätzlich EDTA-Blut für molekulargenetische Untersuchungen (Erbgutanalysen)
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Eine kürzlich erfolgte Erythrozytentransfusion (Übertragung roter Blutkörperchen) muss bei der Befundinterpretation berücksichtigt werden
- Störfaktoren
- Frische oder zurückliegende Bluttransfusionen
- Eisenmangel mit möglicher Erniedrigung des HbA2
- Koinzidenz weiterer Hämoglobinvarianten oder Thalassämien
- Schwangerschaft und neonatales Alter mit physiologisch veränderter Hämoglobinverteilung
- Methodenspezifische Koelutionen (gemeinsames Auftreten) bzw. Überlappungen einzelner Varianten bei Kapillarelektrophorese oder Hochleistungsflüssigkeitschromatographie
- Methode
- Kapillarelektrophorese
- Alternativ bzw. ergänzend Kationenaustausch-Hochleistungsflüssigkeitschromatographie
- Bei unklaren oder diskrepanten Befunden Bestätigung durch eine orthogonale Methode (zweites unabhängiges Messverfahren) und gegebenenfalls molekulargenetische Diagnostik
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe / Alter | Referenzbereich |
| Erwachsene | HbA meist ca. 96,8-97,8 % |
| HbA2 meist ca. 2,2-3,2 % | |
| HbF meist 0-1,0 % | |
| Kinder 1-18 Jahre, Kapillarelektrophorese | HbA2 ca. 2,2-3,0 % |
| HbF in der Regel nicht nachweisbar bis niedriger Prozentbereich; altersabhängig | |
| Neugeborene | Keine Erwachsenen-Referenzbereiche anwendbar; physiologisch hoher HbF-Anteil |
Normbereiche sind methoden-, alters- und laborabhängig.
Indikationen
- Mikrozytäre Anämie (Blutarmut mit kleinen roten Blutkörperchen) ohne gesicherte Eisenmangelursache
- Verdacht auf β-Thalassämie oder andere Thalassämiesyndrome
- Verdacht auf Sichelzellkrankheit oder Sichelzelltrait
- Nachweis bzw. Abklärung einer Hämoglobinvariante
- Familienanamnese für Hämoglobinopathien
- Präkonzeptionelle (vor geplanter Schwangerschaft), pränatale (vorgeburtliche) oder populationsbezogene Trägerdiagnostik in Risikokonstellationen
- Abklärung hämolytischer Anämien (Blutarmut durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen) mit Verdacht auf strukturelle Hämoglobinopathie
- Ergänzende Diagnostik bei auffälligem Blutbild mit erniedrigtem mittlerem korpuskulären Volumen (durchschnittliches Volumen der roten Blutkörperchen) und/oder erniedrigtem mittlerem korpuskulären Hämoglobin (durchschnittlicher Hämoglobingehalt der roten Blutkörperchen)
Interpretation
- Erhöhte Werte bzw. pathologische Fraktionen
- Erhöhtes HbA2 spricht im passenden hämatologischen Kontext für einen β-Thalassämie-Trägerstatus
- Erhöhtes HbF findet sich physiologisch bei Neugeborenen sowie pathologisch unter anderem bei β-Thalassämien, hereditärer Persistenz von fetalem Hämoglobin (anhaltendes Vorhandensein des kindlichen Blutfarbstoffs) und einzelnen kombinierten Hämoglobinopathien
- Der Nachweis von HbS, HbC, HbE, HbD-Punjab oder anderen Varianten weist auf eine strukturelle Hämoglobinopathie hin
- HbH oder Hb Bart’s sprechen für Formen der α-Thalassämie
- Erniedrigte Werte bzw. irreführende Konstellationen
- Ein Eisenmangel kann HbA2 erniedrigen und einen β-Thalassämie-Trägerstatus maskieren
- Einzelne Varianten können je nach Methode zu Fehlquantifizierungen von HbA2 führen
- Spezifische Konstellationen
- Die Diagnose einer Hämoglobinopathie darf nicht allein aus einem Elektrophoresemuster abgeleitet werden, sondern muss mit Blutbild, Erythrozytenindices, Familienanamnese, ethnogeografischem Hintergrund und gegebenenfalls molekulargenetischen Befunden korreliert werden
- Bei klinisch relevantem Verdacht wird die Bestätigung mit einer zweiten Methode und/oder genetischer Diagnostik empfohlen
Weiterführende Diagnostik
- Kleines Blutbild
- Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen)
- Erythrozytenindices, insbesondere mittleres korpuskuläres Volumen und mittleres korpuskuläres Hämoglobin
- Ferritin, Transferrinsättigung und weitere Eisenstatusparameter
- Peripherer Blutausstrich
- Quantifizierung von HbA2 und HbF
- Hämoglobin-Löslichkeitstest bei Verdacht auf HbS
- Kapillarelektrophorese beziehungsweise Hochleistungsflüssigkeitschromatographie als komplementäre Methode
- Molekulargenetische Diagnostik der HBA1/HBA2- und HBB-Gene bei unklarer oder klinisch relevanter Konstellation
Literatur
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