Analkrebs (Analkarzinom) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Heilung bei lokalisierter Erkrankung (auf den Ursprungsort begrenzter Erkrankung)
- Lokoregionäre Tumorkontrolle (Kontrolle des Tumors am Ursprungsort und in der angrenzenden Region) unter Erhalt der Sphinkterfunktion (Funktion des Schließmuskels)
- Bei inoperabel (nicht operierbar) lokal rezidivierter (wiederaufgetretener) oder metastasierter Erkrankung (Erkrankung mit Tochtergeschwülsten): Verlängerung des progressionsfreien Überlebens (Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung) und des Gesamtüberlebens (gesamte Überlebenszeit), Symptomkontrolle und Erhalt der Lebensqualität
Geltungsbereich
Die folgenden Empfehlungen beziehen sich primär auf das Plattenepithelkarzinom (Krebs aus Zellen der oberflächlichen Gewebeschicht) des Analkanals (innerer Abschnitt des Afters) und des Analrands (äußerer Rand des Afters). Seltene Adenokarzinome (Krebserkrankungen des Drüsengewebes), Melanome (schwarzer Hautkrebs) und andere Histologien (feingewebliche Tumorarten) werden nach entitätsspezifischen Konzepten behandelt. Die Therapieentscheidung soll in einem interdisziplinären Tumorboard erfolgen.
Therapieempfehlungen
- Lokalisierte Erkrankung, Stadium I-III:
- Die simultane Radiochemotherapie mit Mitomycin und einem Fluoropyrimidin, 5-Fluorouracil oder Capecitabin, ist die medikamentöse Standardkomponente der kurativ intendierten (auf Heilung ausgerichteten) Behandlung. Mitomycin plus 5-Fluorouracil ist der in der deutschen S3-Leitlinie verankerte Referenzstandard [1, 2, LL1, LL2].
- Capecitabin kann 5-Fluorouracil als orale Alternative ersetzen. Die Anwendung beim Analkarzinom ist ein Off-Label-Use [LL1, LL2].
- Cisplatin plus 5-Fluorouracil ist eine Alternative, insbesondere bei Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) oder erhöhtem Risiko einer Mitomycin-bedingten Myelosuppression (Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark). Cisplatin ist bei relevanter Nierenfunktionsstörung, erheblicher Neuropathie (Nervenschädigung) oder Hörminderung ungeeignet. Carboplatin soll in der lokalisierten Situation nicht ohne entsprechende Evidenz anstelle von Cisplatin eingesetzt werden [LL2].
- Eine routinemäßige Induktionschemotherapie vor der Radiochemotherapie und eine zusätzliche Erhaltungs- oder adjuvante Chemotherapie nach der Radiochemotherapie sind nicht empfohlen [2, LL1, LL2].
- Eine Immuncheckpoint-Inhibition gehört bei lokalisierter Erkrankung außerhalb klinischer Studien nicht zum Standard.
- Inoperabel lokal rezidiviertes oder metastasiertes Plattenepithelkarzinom des Analkanals:
- Erstlinienstandard ist Retifanlimab in Kombination mit Carboplatin und Paclitaxel. Diese Kombination ist in der Europäischen Union für Erwachsene mit metastasiertem oder inoperabel lokal rezidivierendem Plattenepithelkarzinom des Analkanals zugelassen [4, 5, FI1].
- In POD1UM-303/InterAACT-2 verlängerte Retifanlimab plus Carboplatin/Paclitaxel das mediane progressionsfreie Überleben gegenüber Carboplatin/Paclitaxel allein. In der finalen Analyse betrug das mediane Gesamtüberleben 32,8 gegenüber 22,2 Monaten, Hazard Ratio 0,75 [4, 5].
- Bei Kontraindikation (Gegenanzeige) gegen einen PD-1-Inhibitor bleibt Carboplatin/Paclitaxel eine evidenzbasierte zytotoxische (zellschädigende) Option. In der InterAACT-Studie war die objektive Ansprechrate (Anteil der Patienten mit messbarer Tumorverkleinerung) mit Cisplatin/5-Fluorouracil vergleichbar, Carboplatin/Paclitaxel war jedoch besser verträglich und mit längerem Gesamtüberleben verbunden [3, LL3].
- Nach Progress (Fortschreiten der Erkrankung) unter der Erstlinie besteht kein einheitlich etablierter Standard. Eine klinische Studie ist zu bevorzugen. Je nach Vortherapie, Allgemeinzustand, Organfunktion und Therapieziel kommen Cisplatin/5-Fluorouracil, FOLFOX, Irinotecan- oder Taxan-basierte Regime sowie modifiziertes Docetaxel/Cisplatin/5-Fluorouracil infrage; diese Anwendungen sind beim Analkarzinom überwiegend Off-Label-Use [LL3].
- Bei bisher fehlender Exposition gegenüber einem Immuncheckpoint-Inhibitor kann nach Platinversagen eine PD-1-Inhibitor-Monotherapie individuell oder im Rahmen einer klinischen Studie erwogen werden. Retifanlimab, Pembrolizumab und Nivolumab sind als Monotherapie beim Analkarzinom in der Europäischen Union nicht zugelassen, somit Off-Label-Use. Für Retifanlimab zeigte POD1UM-202 eine objektive Ansprechrate von 13,8 % [6]. Nach Progress unter Retifanlimab ist der Nutzen einer erneuten PD-1-Blockade nicht belegt.
- Bei oligometastatischer Erkrankung (Erkrankung mit wenigen Tochtergeschwülsten) oder symptomatischem Primärtumor (ursprünglichem Tumor) soll ergänzend eine lokale Therapie durch Operation oder Bestrahlung im Tumorboard geprüft werden [LL1, LL3].
Wirkstoffe bei kurativ intendierter Radiochemotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Mitomycin plus 5-Fluorouracil | Referenzstandard parallel zur Radiotherapie. Die zweite Mitomycin-Dosis erhöht die Hämatotoxizität (Schädigung der Blutbildung) und erfordert eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1, LL2]. |
| Mitomycin plus Capecitabin | Orale Alternative zu 5-Fluorouracil; Off-Label-Use beim Analkarzinom [LL1, LL2]. |
| Cisplatin plus 5-Fluorouracil | Alternative bei hohem Myelosuppressionsrisiko oder Immunsuppression; engmaschige Kontrolle erforderlich [LL2]. |
- Wirkweise: 5-Fluorouracil und Capecitabin hemmen als Fluoropyrimidine die DNA-Synthese; Mitomycin wirkt DNA-vernetzend; Cisplatin bildet DNA-Addukte. Alle Regime dienen zugleich der Radiosensibilisierung (Erhöhung der Strahlenempfindlichkeit).
- Indikationen (Anwendungsgebiete): Simultane Radiochemotherapie des lokalisierten Plattenepithelkarzinoms des Analkanals sowie, abhängig von Lokalisation, Stadium und Resektionsrand (Rand des entfernten Gewebes), des Analrands.
- Kontraindikationen: Regimespezifisch insbesondere komplette Dihydropyrimidin-Dehydrogenase-Defizienz bei 5-Fluorouracil oder Capecitabin, relevante Knochenmarkdepression (verminderte Blutbildung im Knochenmark) bei Mitomycin sowie relevante Nierenfunktionsstörung, erhebliche Neuropathie oder Hörminderung bei Cisplatin. Vor 5-Fluorouracil oder Capecitabin ist eine Testung auf Dihydropyrimidin-Dehydrogenase-Defizienz erforderlich [FI2].
- Nebenwirkungen: Myelosuppression, Infektionen, Mukositis (Schleimhautentzündung), Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit, Erbrechen und radiogene Hauttoxizität (strahlenbedingte Hautschädigung); zusätzlich Hand-Fuß-Syndrom (schmerzhafte Hautreaktion an Händen und Füßen) und Kardiotoxizität (Schädigung des Herzens) bei Fluoropyrimidinen, selten hämolytisch-urämisches Syndrom (schwere Erkrankung mit Zerfall roter Blutkörperchen und Nierenschädigung) und pulmonale Toxizität (Schädigung der Lunge) bei Mitomycin sowie Nephrotoxizität (Schädigung der Nieren), Ototoxizität (Schädigung des Gehörs), Neuropathie und Elektrolytverluste (Verlust von Blutsalzen) bei Cisplatin.
Wirkstoffe bei inoperabel lokal rezidivierter oder metastasierter Erkrankung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Retifanlimab plus Carboplatin und Paclitaxel | Zugelassene Erstlinie für Erwachsene mit metastasiertem oder inoperabel lokal rezidivierendem Plattenepithelkarzinom des Analkanals [4, 5, FI1]. |
| Carboplatin plus Paclitaxel | Zytotoxisches Backbone; insbesondere bei Kontraindikation gegen einen PD-1-Inhibitor [3, LL3]. |
- Wirkweise: Retifanlimab blockiert den PD-1-Rezeptor und reaktiviert die antitumorale T-Zell-Antwort (Abwehrreaktion bestimmter Immunzellen gegen den Tumor); Carboplatin bildet DNA-Quervernetzungen; Paclitaxel stabilisiert Mikrotubuli (Röhrchen des Zellskeletts) und hemmt die Zellteilung.
- Indikationen: Erstlinientherapie des metastasierten oder inoperabel lokal rezidivierten Plattenepithelkarzinoms des Analkanals.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen die Wirkstoffe; besondere Vorsicht bei aktiver Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch einen Angriff des Immunsystems auf den eigenen Körper), Organtransplantation oder vorausgegangenen schweren immunvermittelten Reaktionen (durch das Immunsystem ausgelösten Reaktionen). Bei Carboplatin und Paclitaxel sind Knochenmarkreserve, Nierenfunktion und Neuropathie zu berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Neutropenie, Lymphopenie, Anämie, Thrombozytopenie, Infektionen, Alopezie (Haarausfall), Übelkeit und periphere Neuropathie; unter Retifanlimab zusätzlich immunvermittelte Pneumonitis (Entzündung des Lungengewebes), Kolitis (Entzündung des Dickdarms), Hepatitis (Leberentzündung), Endokrinopathien (Erkrankungen der Hormondrüsen), Nephritis (Nierenentzündung), Hautreaktionen und selten Myokarditis (Herzmuskelentzündung) sowie infusionsbedingte Reaktionen. Blutbild, Leberwerte, Nierenfunktion und Schilddrüsenfunktion sind regelmäßig zu kontrollieren [FI1].
Beachte
- Eine HPV-Impfung mit dem Ziel eines therapeutischen Nutzens für ein bereits bestehendes Analkarzinom soll vor, während oder nach der regulären Behandlung nicht durchgeführt werden [LL1]. Eine unabhängig davon bestehende prophylaktische Impfentscheidung bleibt hiervon unberührt.
- Bei 5-Fluorouracil oder Capecitabin ist vor Therapiebeginn eine DPD-Testung durch Genotypisierung und/oder Phänotypisierung erforderlich. Bei vollständiger DPD-Defizienz dürfen diese Wirkstoffe nicht angewendet werden; bei partieller DPD-Defizienz ist eine reduzierte Anfangsdosis zu erwägen [FI2].
- Unter Retifanlimab müssen neue pulmonale, gastrointestinale, hepatische, endokrine, renale, neurologische, kardiale oder dermatologische Beschwerden unverzüglich auf eine immunvermittelte Toxizität abgeklärt werden [FI1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, K, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphor)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Fluorid, Jod, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäuren: Linolsäure)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- ASCO: American Society of Clinical Oncology
- DNA: Desoxyribonukleinsäure
- DPD: Dihydropyrimidin-Dehydrogenase
- ESMO: European Society for Medical Oncology
- FI: Fachinformation
- FOLFOX: Folinsäure, 5-Fluorouracil und Oxaliplatin
- HPV: Humane Papillomviren
- LL: Leitlinie
- PD-1: Programmed Cell Death Protein 1
Literatur
- Loch H, Loch F. Analkarzinom: Wann operieren, wann bestrahlen? coloproctology. 2019;41(4):243-249. doi: 10.1007/s00053-019-0372-y
- James RD, Glynne-Jones R, Meadows HM et al.: Mitomycin or cisplatin chemoradiation with or without maintenance chemotherapy for treatment of squamous-cell carcinoma of the anus (ACT II): a randomised, phase 3, open-label, 2 × 2 factorial trial. Lancet Oncol. 2013;14(6):516-524. doi: 10.1016/S1470-2045(13)70086-X
- Rao S, Sclafani F, Eng C et al.: International Rare Cancers Initiative Multicenter Randomized Phase II Trial of Cisplatin and Fluorouracil Versus Carboplatin and Paclitaxel in Advanced Anal Cancer: InterAAct. J Clin Oncol. 2020;38(22):2510-2518. doi: 10.1200/JCO.19.03266
- Rao S, Samalin-Scalzi E, Evesque L et al.: Retifanlimab with carboplatin and paclitaxel for locally recurrent or metastatic squamous cell carcinoma of the anal canal (POD1UM-303/InterAACT-2): a global, phase 3 randomised controlled trial. Lancet. 2025;405(10495):2144-2152. doi: 10.1016/S0140-6736(25)00631-2
- Rao S, Samalin-Scalzi E, Evesque L et al.: Survival outcomes in POD1UM-303/InterAACT-2: a phase III study of retifanlimab plus carboplatin-paclitaxel in first-line advanced squamous anal cancer. Ann Oncol. 2026;37(8). doi: 10.1016/j.annonc.2026.04.016
- Rao S, Anandappa G, Capdevila J et al.: A phase II study of retifanlimab (INCMGA00012) in patients with squamous carcinoma of the anal canal who have progressed following platinum-based chemotherapy (POD1UM-202). ESMO Open. 2022;7(4):100529. doi: 10.1016/j.esmoop.2022.100529
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Analkarzinom (Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Analkanal- und Analrandkarzinomen). (AWMF-Registernummer: 081-004OL), Version 1.2, Dezember 2020. Langfassung [LL1]
- Morris VK, Kennedy EB, Amin MB et al.: Systemic Therapy for Stage I-III Anal Squamous Cell Carcinoma: ASCO Guideline. J Clin Oncol. 2025;43(5):605-615. doi: 10.1200/JCO-24-02120 [LL2]
- Rao S, Guren MG, Khan K et al.: Anal cancer: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol. 2021;32(9):1087-1100. doi: 10.1016/j.annonc.2021.06.015 [LL3]
Fachinformationen
- European Medicines Agency. ZYNYZ 500 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Wirkstoff Retifanlimab. Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Revision 2, März 2026. Fachinformation [FI1]
- European Medicines Agency. EMA recommendations on DPD testing prior to treatment with fluorouracil, capecitabine, tegafur and flucytosine. 30. April 2020. Behördliche Sicherheitsinformation [FI2]