Knochenbruch (Fraktur) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – bei Hochenergietrauma (schwerer Verletzung durch starke Gewalteinwirkung), Mehrfachverletzung (Verletzung mehrerer Körperregionen) oder möglicher relevanter Blutung einschließlich Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, Hautperfusion (Hautdurchblutung) und Bewusstseinslage; bei Thoraxtrauma (Brustkorbverletzung) zusätzlich Bestimmung der pulsoxymetrischen Sauerstoffsättigung
    • Bei schwer verletzten oder kreislaufinstabilen Patienten strukturierte Untersuchung und Behandlung nach traumatologischer Priorität; die lokale Frakturdiagnostik darf lebensrettende Maßnahmen nicht verzögern.
  • Inspektion der verletzten Körperregion – vollständige, seitenvergleichende Beurteilung unter Einbeziehung der angrenzenden Gelenke
    • Schonhaltung und spontane Beweglichkeit [Schonhaltung oder vollständige Entlastung der betroffenen Extremität (Arm oder Bein)]
    • Kontur, Achse, Länge und Rotation [sichtbare Fehlstellung, Achsenabweichung (Fehlstellung der Knochenachse), Verkürzung oder Rotationsfehler (Verdrehfehlstellung)]
    • Haut- und Weichteilverhältnisse [lokalisierte Schwellung, Hämatom (Bluterguss), Blasenbildung, ausgeprägte Hautspannung oder drohende Hautperforation (Durchspießung der Haut)]
    • Beurteilung auf eine offene Fraktur (offenen Knochenbruch) [Wunde mit möglicher Verbindung zum Frakturspalt (Bruchspalt), sichtbare Knochenfragmente (Knochenbruchstücke), Kontamination oder anhaltende Blutung]
  • Palpation der verletzten Körperregion – vorsichtige Untersuchung ohne unnötige Manipulation
    • Systematische Palpation des Knochens und der angrenzenden Gelenke [umschriebener knöcherner Druck- oder Klopfschmerz, tastbare Stufenbildung oder Fragmentenden (Enden der Knochenbruchstücke)]
    • Prüfung der Weichteilspannung [prall gespannte oder verhärtete Muskelloge (von Muskelhaut umschlossener Muskelraum)]
    • Eine pathologische Beweglichkeit (krankhafte Beweglichkeit) oder knöcherne Krepitation (Knochenreiben) kann den Frakturverdacht erhärten, darf jedoch nicht gezielt provoziert werden.
  • Funktionsprüfung – nur soweit aufgrund der Schmerzen und der vermuteten Frakturstabilität (Stabilität des Knochenbruchs) vertretbar
    • Aktive Beweglichkeit und Belastungsfähigkeit [schmerzbedingte Bewegungseinschränkung, Funktionsverlust oder Unfähigkeit zur Belastung]
    • Passive Beweglichkeit der angrenzenden Gelenke nur vorsichtig und ohne forcierte Provokationsmanöver [frakturnaher Bewegungsschmerz]
    • Bei möglicher Ermüdungs- oder Insuffizienzfraktur (Knochenbruch durch wiederholte Überlastung oder verminderte Knochenfestigkeit) [umschriebener belastungsabhängiger Knochenschmerz und lokaler Druckschmerz ohne erkennbare Fehlstellung]
  • Neurovaskuläre Untersuchung – seitenvergleichend und mit zeitlicher Dokumentation
    • Durchblutung: Hautfarbe und Hauttemperatur, kapilläre Wiederfüllungszeit sowie frakturnahe und frakturferne Pulse [Blässe, Kühle, verzögerte kapilläre Wiederfüllung, abgeschwächter oder fehlender Puls]
    • Motorik (Bewegungsfähigkeit): gezielte Prüfung der für die betroffene Region relevanten peripheren Nerven [umschriebene Parese (Muskelschwäche) oder Lähmung]
    • Sensibilität (Gefühlsempfinden): Prüfung der Versorgungsgebiete der relevanten peripheren Nerven [Hypästhesie (vermindertes Gefühlsempfinden), Anästhesie (fehlendes Gefühlsempfinden) oder Parästhesien (Missempfindungen)]
    • Ein tastbarer Puls schließt eine relevante Gefäßverletzung oder ein beginnendes Kompartmentsyndrom (Druckschädigung in einer Muskelloge) nicht sicher aus.
    • Prüfung auf ein akutes Kompartmentsyndrom [im Verhältnis zur Verletzung unverhältnismäßig starke oder zunehmende Schmerzen, Schmerzverstärkung bei passiver Dehnung, prall gespannte Muskelloge, Sensibilitätsstörung oder motorisches Defizit (Ausfall der Bewegungsfähigkeit)]
  • Untersuchung angrenzender Strukturen
    • Untersuchung der Gelenke ober- und unterhalb der vermuteten Fraktur sowie der gesamten betroffenen Extremität [zusätzlicher lokalisierter Knochenschmerz, Gelenkfehlstellung oder weitere Funktionsstörung]
    • Beurteilung auf begleitende Band-, Sehnen-, Muskel- und Hautverletzungen, soweit ohne Gefährdung möglich
  • Regionsspezifische ergänzende Untersuchung
    • Wirbelsäule: achsengerechte Untersuchung unter Vermeidung unnötiger Bewegungen; Palpation der Dornfortsatzreihe (Reihe der tastbaren Knochenfortsätze) und vollständiger neurologischer Status (Nervenfunktionsstatus) [lokaler Mittellinienschmerz, Stufenbildung, sensomotorisches Defizit (Ausfall von Gefühl und Bewegung) oder Blasen-Mastdarm-Funktionsstörung (Störung der Blasen- und Darmkontrolle)]
    • Thorax (Brustkorb): Inspektion, Palpation, Perkussion und Auskultation [lokalisierter Thoraxwandschmerz, knöcherne Krepitation, paradoxe Thoraxbewegung (gegenläufige Brustkorbbewegung), Hautemphysem (Luftansammlung unter der Haut), abgeschwächtes Atemgeräusch oder hypersonorer (überlauter) beziehungsweise gedämpfter Klopfschall]
    • Becken: Inspektion von Becken, Leisten und Perineum (Dammregion); wiederholte manuelle Kompressions- oder Stabilitätsprüfungen sind zu vermeiden [Beckenasymmetrie, perineales Hämatom, Blutung aus Harnröhre oder Vagina, offene Wunde]
    • Schädel und Gesicht: Inspektion und vorsichtige Palpation einschließlich Augenstellung, Pupillen, Okklusion (Zusammenbiss) und Hirnnervenfunktion (Funktion der Nerven im Kopfbereich) [Stufenbildung, Fehlbiss, Doppelbilder, Liquorrhö (Austritt von Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit) oder neurologisches Defizit (Ausfall einer Nervenfunktion)]
  • Verlaufskontrollen – erneute Prüfung und Dokumentation von Haut- und Weichteilverhältnissen, Schmerzen, Durchblutung, Motorik und Sensibilität insbesondere nach Reposition (Einrichten des Knochenbruchs), Immobilisation (Ruhigstellung), Verband- oder Gipsanlage sowie bei jeder klinischen Verschlechterung

Red Flags (Warnzeichen) bei Frakturen

  • Offene Fraktur, starke Kontamination oder nicht kontrollierbare Blutung
  • Fehlender Puls, kalte oder blasse Extremität, verlängerte kapilläre Wiederfüllungszeit oder andere Zeichen einer akuten Extremitätenischämie (Durchblutungsstörung eines Arms oder Beins)
  • Neu aufgetretenes oder zunehmendes motorisches beziehungsweise sensibles Defizit (Ausfall der Gefühlswahrnehmung)
  • Unverhältnismäßig starke oder zunehmende Schmerzen, Schmerz bei passiver Muskeldehnung oder prall gespannte Muskelloge als Verdacht auf ein akutes Kompartmentsyndrom
  • Ausgeprägte Fehlstellung mit gefährdeter Haut, Blasenbildung oder drohender Hautperforation
  • Kreislaufinstabilität (instabiler Kreislauf) bei Becken-, Femur- (Oberschenkelknochen-) oder multiplen Frakturen
  • Atemnot, Zyanose (Blaufärbung von Haut oder Schleimhäuten), asymmetrische Thoraxbewegung oder deutlich einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch bei Thoraxverletzung
  • Neurologisches Defizit oder Blasen-Mastdarm-Funktionsstörung bei möglicher Wirbelsäulenfraktur

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.