Knienaher Oberschenkelbruch (distale Femurfraktur) – Einleitung
Bei der distalen Femurfraktur (kneenahe Oberschenkelknochenfraktur) handelt es sich um eine Fraktur des Oberschenkelknochens (Femur) im kniegelenksnahen Abschnitt. Sie umfasst Frakturen der suprakondylären, interkondylären sowie kondylären Region des distalen Femurs und stellt eine klinisch und funktionell hoch relevante Verletzung des Erwachsenen- und höheren Lebensalters dar, die mit erheblichen Auswirkungen auf Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität verbunden ist.
Thesaurussynonyma und ICD-10 (internationale Krankheitsklassifikation): Kniegelenksnahe Femurfraktur; distale Femurfraktur; distale Oberschenkelfraktur; suprakondyläre Femurfraktur; interkondyläre Femurfraktur; kondyläre Femurfraktur; Fractura femoris distalis; Fractura supracondylaris femoris; Fractura intercondylaris femoris; mediale distale Femurfraktur; laterale distale Femurfraktur; offene distale Femurfraktur; multiple distale Femurfrakturen; ICD-10-GM S72.4-: Fraktur des unteren Endes des Femurs
Anatomie
Im Bereich des distalen Femurs (kniegelenksnaher Abschnitt des Oberschenkelknochens) lassen sich folgende knöcherne Strukturen unterscheiden:
- Medialer Femurkondylus (innerer Gelenkknorren)
- Lateraler Femurkondylus (äußerer Gelenkknorren)
- Interkondyläre Region (Zwischenraum zwischen den Gelenkknorren)
- Suprakondyläre Region (Bereich oberhalb der Gelenkknorren)
- Gelenkfläche des distalen Femurs zur Artikulation mit der Tibia (Schienbein) und der Patella (Kniescheibe)
Formen der distalen Femurfraktur
Die distale Femurfraktur wird in Abhängigkeit von der Gelenkbeteiligung, dem Frakturmechanismus und der Stabilität in verschiedene Formen unterteilt:
Suprakondyläre Femurfraktur
- Extraartikuläre Fraktur (Fraktur ohne Gelenkbeteiligung) proximal der Femurkondylen.
- Häufig osteoporotisch bedingt (durch Knochenschwund verursacht) bei älteren Patienten.
- Meist operative Stabilisierung erforderlich.
Interkondyläre Femurfraktur
- Intraartikuläre Fraktur (Fraktur mit Gelenkbeteiligung) mit Beteiligung der Gelenkfläche.
- Hohe Anforderungen an anatomische Reposition (exakte Wiederherstellung der Knochenstellung).
- Erhöhtes Risiko für posttraumatische Gonarthrose (Kniegelenksverschleiß nach Verletzung).
Kondyläre Femurfraktur
- Isolierte Fraktur eines Femurkondylus (einzelner Gelenkknorren).
- Kann medial oder lateral lokalisiert sein.
- Häufig instabil bei Gelenkbeteiligung.
Epidemiologie
Die distale Femurfraktur ist insgesamt seltener als die proximale Femurfraktur, weist jedoch insbesondere im höheren Lebensalter eine relevante klinische Bedeutung auf und ist mit einer erhöhten Morbidität (Krankheitsbelastung) assoziiert.
Geschlechterverhältnis: Frauen sind häufiger betroffen als Männer, insbesondere bei osteoporotischer Knochenstruktur.
Häufigkeitsgipfel: Bimodale Verteilung mit einem Gipfel bei jüngeren Patienten nach Hochenergietrauma (schwerem Unfall) und einem zweiten Gipfel bei Patienten über 70 Jahre.
Inzidenz: Etwa 5-10 distale Femurfrakturen pro 100.000 Einwohner und Jahr, mit steigender Tendenz im geriatrischen Patientenkollektiv (hochbetagte Patienten).
Verlauf und Prognose
Verlauf
Die distale Femurfraktur stellt in der Regel eine operationspflichtige Verletzung dar. Eine zeitnahe operative Versorgung ist entscheidend für die Wiederherstellung der Gelenkfunktion und zur Vermeidung langfristiger Bewegungseinschränkungen.
Eine frühfunktionelle Mobilisation (frühes Bewegen des Gelenks) unter Berücksichtigung der Osteosynthesestabilität (Stabilität der Knochenfixierung) ist zentraler Bestandteil des Therapiekonzepts.
Prognose
Die Prognose hängt maßgeblich von der Gelenkbeteiligung, der Repositionsqualität (Qualität der Wiederherstellung der Knochenstellung), dem Osteosyntheseverfahren (Operationsmethode zur Knochenfixierung) sowie von patientenspezifischen Faktoren ab.
- Extraartikuläre Frakturen: Bei stabiler Fixation meist gute funktionelle Ergebnisse.
- Intraartikuläre Frakturen: Erhöhtes Risiko für Bewegungseinschränkung und Arthroseentwicklung (Gelenkverschleiß).
Komplikationen
- Posttraumatische Gonarthrose: Insbesondere bei intraartikulären Frakturen.
- Pseudarthrose: Vor allem bei osteoporotischem Knochen.
- Thromboembolische Ereignisse: Klinisch relevante Blutgerinnsel trotz Prophylaxe.
- Infektionen: Postoperativ, insbesondere bei komplexen Frakturen.
Langzeitmanagement
Das Langzeitmanagement umfasst eine strukturierte Rehabilitation (gezielte Wiederherstellungsbehandlung) mit Wiederherstellung der Kniegelenksbeweglichkeit, Osteoporose-Diagnostik und -Therapie sowie Maßnahmen zur Sturzprävention. Ziel ist die möglichst vollständige Wiedererlangung der Mobilität und die Vermeidung sekundärer Gelenkschäden.