Prostataentzündung (Prostatitis) – Differentialdiagnosen

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Chlamydia-trachomatis-Urethritis (Harnröhrenentzündung durch Chlamydia trachomatis) – wichtige Differentialdiagnose bei Dysurie (schmerzhaftem Wasserlassen), urethralem Ausfluss (Ausfluss aus der Harnröhre), sexueller Exposition (möglichem Kontakt mit sexuell übertragbaren Erregern) und fehlendem prostatischem Druckschmerz (Druckschmerz der Prostata)
  • Gonorrhoische Urethritis (Harnröhrenentzündung durch Gonokokken) – akute Dysurie und eitriger urethraler Ausfluss können eine akute Prostatitis (Entzündung der Prostata) imitieren oder begleiten
  • Herpes genitalis (Genitalherpes) – Dysurie und perineale Schmerzen (Schmerzen im Dammbereich) bei vesikulären oder ulzerierenden Läsionen (bläschenförmigen oder geschwürigen Haut- und Schleimhautveränderungen); Fieber möglich
  • Mycoplasma-genitalium-Urethritis (Harnröhrenentzündung durch Mycoplasma genitalium) – relevante Differentialdiagnose bei persistierender oder rezidivierender Urethritis (anhaltender oder wiederkehrender Harnröhrenentzündung) ohne typische Harnwegsinfektkonstellation
  • Trichomoniasis (Infektion durch Trichomonaden) – seltenere Differentialdiagnose beim Mann, insbesondere bei Urethritiszeichen (Zeichen einer Harnröhrenentzündung) und entsprechender Sexualanamnese
  • Urogenitale Tuberkulose (Tuberkulose der Harn- und Geschlechtsorgane) – seltene Ursache chronischer urogenitaler Beschwerden (Beschwerden der Harn- und Geschlechtsorgane), steriler Pyurie (Eiter im Urin ohne bakteriellen Nachweis), Epididymitis (Nebenhodenentzündung) oder granulomatöser Prostatitis (knötchenbildender Prostataentzündung)

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Analfissur (Afterriss) – defäkationsabhängiger (vom Stuhlgang abhängiger), stechender Analschmerz mit oder ohne hellroter Blutung; wichtige Abgrenzung bei perinealem oder analem Schmerz
  • Analfistel (entzündlicher Gang am After) – perianaler Schmerz (Schmerz um den After), Sekretion (Flüssigkeitsabsonderung), Schwellung oder rezidivierende Abszesse (wiederkehrende Eiteransammlungen) können als urogenitaler Beckenschmerz fehlinterpretiert werden
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (langandauernde entzündliche Darmerkrankung) mit Proktitis (Enddarmentzündung) – rektaler Schmerz (Schmerz im Enddarm), Tenesmen (schmerzhafter Stuhldrang), Diarrhö (Durchfall), Blut- oder Schleimabgang als gastrointestinale Ursache (Ursache im Magen-Darm-Trakt) pelviner Beschwerden (Beschwerden im Beckenbereich)
  • Funktionelles anorektales Schmerzsyndrom (Schmerzsyndrom im After-Enddarm-Bereich ohne nachweisbare Gewebeschädigung), insbesondere Levator-ani-Syndrom (Schmerzsyndrom des Beckenbodenmuskels) – chronischer anorektaler Schmerz mit Druckschmerz der Beckenbodenmuskulatur und fehlendem Infektnachweis
  • Hämorrhoidalleiden (Beschwerden durch vergrößerte Hämorrhoiden) – fokussiert relevant bei Blutung, Prolaps (Vorfall), Ulzeration (Geschwürbildung) oder thrombosierter äußerer Hämorrhoide (Blutgerinnsel in einer äußeren Hämorrhoide); innere Hämorrhoiden verursachen ohne Prolaps oder Ulzeration typischerweise keinen prostatitistypischen Schmerz
  • Reizdarmsyndrom (funktionelle Darmstörung) – nur fokussiert relevant bei stuhlassoziierter Symptomatik (mit dem Stuhlgang verbundener Beschwerdekonstellation), Blähungen, abdominopelvinen Beschwerden (Bauch- und Beckenbeschwerden) und fehlendem urologischem Infektionsnachweis

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Beckenbodendysfunktion (Funktionsstörung des Beckenbodens) – perinealer, penile (den Penis betreffender), suprapubischer (oberhalb des Schambeins gelegener) oder rektaler Schmerz mit Triggerpunkten (schmerzhaften Muskelreizpunkten) und erhöhter Beckenbodenspannung; häufige Abgrenzung beim chronischen Beckenschmerz
  • Myofasziales Schmerzsyndrom (Schmerzsyndrom von Muskeln und Faszien) der Bauchwand, Adduktoren (heranführenden Oberschenkelmuskeln) oder Beckenmuskulatur – lokalisierbare Druckschmerzen und belastungsabhängige Beschwerden ohne urologischen Infektbefund
  • Osteitis pubis (Schambeinentzündung) – suprapubischer Schmerz, Belastungsschmerz und Druckschmerz über der Symphyse (Schambeinfuge); kann als prostatitischer Unterbauch- oder Beckenschmerz fehlgedeutet werden

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Analkarzinom (Afterkrebs) – persistierender analer Schmerz, Blutung, tastbare Läsion oder atypisch lokalisierte Fissur als wichtige Abgrenzung bei anorektalen Beschwerden
  • Harnblasenkarzinom (Blasenkrebs) – irritative Miktionsbeschwerden (reizbedingte Beschwerden beim Wasserlassen), Makro- oder Mikrohämaturie (sichtbares oder nur im Labor nachweisbares Blut im Urin) und suprapubische Beschwerden ohne bakterielle Prostatitiskonstellation
  • Prostatakarzinom (Prostatakrebs) – kann LUTS (Lower Urinary Tract Symptoms; Beschwerden der unteren Harnwege), PSA-Erhöhung (Erhöhung des prostataspezifischen Antigens), Knochenschmerz oder auffälligen Tastbefund verursachen; akute fieberhafte Symptomatik spricht eher gegen ein isoliertes Prostatakarzinom
  • Rektumkarzinom (Enddarmkrebs) – Tenesmen, Blutabgang, Stuhlkaliberveränderung (Veränderung der Stuhlform), rektaler Druck oder Beckenschmerz als gastrointestinale Tumorursache

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom beim Mann (langandauerndes Schmerzsyndrom im Beckenbereich des Mannes), chronisches Prostatitissyndrom/Chronic Pelvic Pain Syndrome (CPPS; chronisches Beckenschmerzsyndrom) bzw. primäres Prostataschmerzsyndrom (Schmerzsyndrom der Prostata ohne nachweisbare andere Ursache) – chronischer pelviner, perinealer, penile, testikulärer (den Hoden betreffender) oder ejakulationsassoziierter Schmerz (mit dem Samenerguss verbundener Schmerz) über mindestens drei Monate ohne nachweisbare bakterielle Infektion oder andere eindeutige lokale Pathologie (krankhafte Veränderung); kann mit LUTS, sexueller Dysfunktion (Störung der Sexualfunktion), Beckenbodendysfunktion und psychosozialer Belastung assoziiert sein
  • Lumbosakrale Radikulopathie (Nervenwurzelreizung im unteren Rücken-Kreuzbein-Bereich) – ausstrahlender Schmerz in Leiste, Perineum, Genitale oder Beinregion mit neurologischen Zeichen (Zeichen einer Nervenbeteiligung), Rückenbezug oder dermatomaler Verteilung (Ausbreitung entlang eines Nervenversorgungsgebiets)
  • Pudendusneuralgie (Nervenschmerz des Schamnervs) – brennender oder einschießender Schmerz im Versorgungsgebiet des Nervus pudendus (Schamnervs), häufig sitzabhängig und ohne Infektzeichen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Pyelonephritis (akute Nierenbeckenentzündung) – Fieber, Flankenschmerz und systemisches Krankheitsgefühl mit Nierenlagerklopfschmerz (Klopfschmerz über der Niere); Abgrenzung zur akuten Prostatitis bei fehlendem prostatischem Leitsymptom
  • Akute Zystitis (akute Blasenentzündung) – Dysurie, Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen) und suprapubischer Schmerz ohne Fieber, Schüttelfrost, perinealen Schmerz oder prostatischen Druckschmerz
  • Benigne Prostatahyperplasie (BPH; gutartige Prostatavergrößerung) – chronische LUTS, Restharn und obstruktive Miktionsbeschwerden (abflussbehindernde Beschwerden beim Wasserlassen) ohne infektiöse Systemzeichen; kann mit Harnwegsinfekten koexistieren
  • Blasenhalsobstruktion (Verengung am Blasenausgang) – obstruktive LUTS, abgeschwächter Harnstrahl, Restharn und Harnverhalt ohne primäre Entzündungszeichen
  • Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis (Nebenhodenentzündung bzw. Nebenhoden-Hoden-Entzündung) – skrotaler Schmerz (Schmerz im Hodensack), Schwellung und Druckschmerz von Nebenhoden bzw. Hoden; kann mit Urethritis oder Harnwegsinfekt assoziiert sein
  • Granulomatöse Prostatitis – knotige oder indurierte Prostata (verhärtete Prostata), PSA-Erhöhung und teils tumorähnlicher Befund; relevant nach intravesikaler BCG-Therapie (Behandlung mit abgeschwächten Tuberkulosebakterien in der Blase), bei Tuberkulose, systemischen granulomatösen Erkrankungen (den ganzen Körper betreffenden knötchenbildenden Erkrankungen) oder idiopathisch (ohne erkennbare Ursache)
  • Harnröhrenstriktur (Harnröhrenverengung) – abgeschwächter Harnstrahl, Sprühstrahl, Restharn, rezidivierende Harnwegsinfekte und Dysurie als strukturelle Ursache prostatitisähnlicher Beschwerden
  • Interstitielle Zystitis/Bladder Pain Syndrome (IC/BPS; chronisches Blasenschmerzsyndrom) – chronischer Blasen- oder suprapubischer Schmerz, typischerweise verstärkt bei Blasenfüllung und gebessert nach Miktion (Wasserlassen), ohne nachweisbare bakterielle Infektion
  • Prostataabszess (Eiteransammlung in der Prostata) – wichtige Differentialdiagnose bzw. Komplikation bei persistierendem Fieber, Sepsiszeichen (Zeichen einer Blutvergiftung), fehlendem Ansprechen auf Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) oder Risikofaktoren wie Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems)
  • Urethralschmerzsyndrom (Schmerzsyndrom der Harnröhre) – chronischer oder rezidivierender urethraler Schmerz ohne nachweisbare Infektion oder strukturelle Ursache
  • Urolithiasis (Harnsteinleiden) – kolikartige Flanken-, Leisten- oder Genitalschmerzen, Hämaturie (Blut im Urin) und bewegungsunabhängige Schmerzspitzen; kann Dysurie und Pollakisurie auslösen
  • Vesikulitis (Samenblasenentzündung) – Schmerzen bei oder nach Ejakulation (Samenerguss), Hämatospermie (Blut im Sperma), perineale Beschwerden und gegebenenfalls begleitende Prostatitiszeichen

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Postinterventionelle Reizung oder Infektion nach Prostatabiopsie (Gewebeentnahme aus der Prostata), Katheterisierung (Einführen eines Blasenkatheters), Zystoskopie (Blasenspiegelung) oder transurethralem Eingriff (Eingriff durch die Harnröhre) – zeitlicher Zusammenhang mit Manipulation am unteren Harntrakt; Abgrenzung zwischen steriler Reizung, Harnverhalt, Harnwegsinfekt und akuter bakterieller Prostatitis erforderlich

Medikamente

  • Anticholinergika (Medikamente mit hemmender Wirkung auf bestimmte Nervenbotenstoffe), trizyklische Antidepressiva (bestimmte Medikamente gegen Depressionen), Opioide (starke Schmerzmittel), Sympathomimetika (Medikamente mit aktivierender Wirkung auf das Stressnervensystem) und antipsychotische Medikamente (Medikamente gegen psychotische Beschwerden) – können Harnverhalt, Restharn, Dysurie oder irritative LUTS auslösen und dadurch eine prostatitisähnliche Symptomatik vortäuschen oder verstärken
  • Intravesikale BCG-Therapie – kann eine granulomatöse Prostatitis verursachen und dadurch Prostatakarzinom, bakterielle Prostatitis oder chronische Prostatitis imitieren