Virales hämorrhagisches Fieber – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Bei Verdacht auf ein virales hämorrhagisches Fieber (Fiebererkrankung durch Viren, bei der Blutungen auftreten können) hat die sichere Durchführung der Untersuchung Vorrang. Besteht aufgrund einer passenden Exposition und einer vereinbaren Symptomatik ein begründeter Verdacht auf eine von Mensch zu Mensch übertragbare Form, sind vor direktem Patientenkontakt die sofortige räumliche Isolierung, geeignete persönliche Schutzausrüstung und die Abstimmung mit einem spezialisierten Behandlungsteam erforderlich. Die Untersuchung erfolgt durch geschultes Personal, strukturiert und auf klinisch entscheidende Befunde konzentriert. Unnötige Kontakte und nicht indizierte Wiederholungen von Untersuchungen sind zu vermeiden. Die klinische Beurteilung muss auch bei zunächst unauffälligem Erscheinungsbild den möglichen raschen Verlauf berücksichtigen.
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls und Körpertemperatur sowie Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung. Körpergewicht und Körpergröße werden nur erhoben, wenn dies ohne Verzögerung und unter sicheren Bedingungen möglich ist. Bereits bei der ersten Beurteilung sind Allgemeinzustand, Bewusstseinslage, Spontanmotorik (spontane Körperbewegungen), Atemarbeit und erkennbare Blutungen zu erfassen. Einzelmessungen sind im Verlauf einzuordnen; insbesondere Veränderungen von Kreislauf, Atmung und Vigilanz (Wachheit) können eine klinische Verschlechterung früh anzeigen.
- Inspektion von Haut, Schleimhäuten und Skleren (weißen Außenhäuten der Augen) – Beurteilung von Hautfarbe, Exanthemen (Hautausschlägen), Petechien (punktförmigen Einblutungen), Ekchymosen (flächigen Hautblutungen) und sichtbaren Blutungen. Mund- und Nasenschleimhaut werden auf spontane Blutungen untersucht, soweit dies sicher möglich ist. Bereits vorhandene Punktionsstellen sind auf Nachblutungen zu kontrollieren. Ein makulopapulöses Exanthem (Hautausschlag mit Flecken und kleinen Erhebungen) kann beispielsweise bei Ebola- oder Marburgvirus-Erkrankungen auftreten; ein Exanthem ist nicht grundsätzlich petechial. Skleren und Haut werden auf Ikterus (Gelbsucht) beurteilt, der unter anderem bei Gelbfieber relevant sein kann. Konjunktivale Rötung (Rötung der Augenbindehaut) ist zu dokumentieren, besitzt jedoch keine beweisende diagnostische Bedeutung.
- Hydratation (Flüssigkeitsversorgung des Körpers) und periphere Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche) – Erfassung von Schleimhauttrockenheit, Rekapillarisierungszeit, Temperatur und Marmorierung der Extremitäten (fleckiger Hautzeichnung an Armen und Beinen) sowie Qualität der peripheren Pulse. Blutdruck und Herzfrequenz werden gemeinsam mit diesen Befunden bewertet. Ein normaler Blutdruck schließt eine beginnende Kreislaufbeeinträchtigung nicht aus. Verminderte Flüssigkeitsaufnahme, Erbrechen und Diarrhö (Durchfall) können den Untersuchungsbefund wesentlich beeinflussen. Hautturgor (Spannungszustand der Haut) und Schleimhautbefunde sind insbesondere bei älteren Menschen nur im Gesamtbild zu interpretieren. Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe) werden hinsichtlich Lokalisation und Ausprägung dokumentiert.
- Untersuchung des Abdomens (Bauchs) – zunächst Inspektion auf Distension (Aufblähung) und erkennbare Atemabhängigkeit der Bauchbewegungen, anschließend Auskultation der Darmgeräusche und vorsichtige Palpation. Erfasst werden lokalisierter oder diffuser Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürliches Anspannen der Bauchmuskeln bei der Untersuchung) und Hinweise auf eine Organvergrößerung. Eine schmerzhafte Hepatomegalie (Lebervergrößerung) kann je nach Erreger und Krankheitsphase vorkommen. Bei ausgeprägten Bauchschmerzen ist besonders auf eine zunehmende Abwehrspannung oder ein gespanntes Abdomen zu achten. Sichtbares Blut in Erbrochenem oder Stuhl ist zu dokumentieren, sofern solche Ausscheidungen vorliegen; zusätzliche provozierende Untersuchungen sind dafür nicht erforderlich.
- Untersuchung von Herz und Kreislauf – Auskultation des Herzens sowie Beurteilung von Herzfrequenz, Rhythmus und Pulsqualität. Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), schwache periphere Pulse, verlängerte Rekapillarisierungszeit und Hypotonie (niedriger Blutdruck) können auf eine relevante Kreislaufbeeinträchtigung hinweisen. Die Untersuchung muss eine mögliche Diskrepanz zwischen äußerlich geringem Blutverlust und ausgeprägter Kreislaufstörung berücksichtigen. Auch ohne sichtbare Blutungen kann eine schwere systemische Erkrankung (den gesamten Körper betreffende Erkrankung) vorliegen.
- Untersuchung der Lunge – Inspektion von Atemfrequenz, Atemtiefe, Thoraxbewegungen (Bewegungen des Brustkorbs) und Einsatz der Atemhilfsmuskulatur sowie Auskultation auf Rasselgeräusche und abgeschwächtes Atemgeräusch. Sauerstoffsättigung und klinische Atemarbeit werden zusammen beurteilt. Eine zunehmende Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten) oder neu auftretende Dyspnoe (Atemnot) ist als mögliche Organbeteiligung ernst zu nehmen. Bei schlechter peripherer Perfusion kann die pulsoxymetrische Messung eingeschränkt zuverlässig sein.
- Orientierende neurologische Untersuchung – Prüfung von Wachheit, Orientierung, Sprache und angemessener Reaktion auf Ansprache sowie Beurteilung der Pupillen und groben Motorik. Auf Unruhe, Verlangsamung, Verwirrtheit, fokale Ausfälle (umschriebene Störungen von Nervenfunktionen) und Krampfanfälle ist zu achten. Veränderungen gegenüber dem Ausgangsbefund müssen eindeutig dokumentiert werden. Umfang und Wiederholung der Untersuchung richten sich nach dem klinischen Zustand und den Möglichkeiten einer sicheren Durchführung.
- Gezielte ergänzende Befunde – abhängig vom vermuteten Erreger und der Symptomatik. Bei Lassa-Fieber können Gesichts- oder Halsödeme und eine Pharyngitis (Rachenentzündung) auffallen. Bei passender Hantavirus-Konstellation werden Flankenschmerzen und eine mögliche Nierenlagerdruckempfindlichkeit (Schmerz bei Druck auf die Gegend der Nieren) berücksichtigt. Diese Befunde werden nicht pauschal auf alle viralen hämorrhagischen Fieber übertragen.
Keiner der genannten körperlichen Befunde ist pathognomonisch (allein für eine bestimmte Krankheit beweisend). Insbesondere schließt das Fehlen von Petechien oder sichtbaren Blutungen ein virales hämorrhagisches Fieber nicht aus. Entscheidend sind die klinische Gesamtkonstellation und die systematische Verlaufsbeobachtung von Bewusstsein, Vitalparametern, Perfusion, Hydratation, Blutungszeichen und Organfunktion. Manöver, die Blutungen provozieren können, einschließlich einer Stauungsprobe oder einer routinemäßigen rektalen Untersuchung, sind zu unterlassen.
Red Flags (Warnzeichen) bei viralem hämorrhagischem Fieber
- Schockzeichen (Anzeichen eines Kreislaufversagens) – Hypotonie, schwache Pulse, kalte oder marmorierte Extremitäten und deutlich verlängerte Rekapillarisierungszeit.
- Relevante Blutungen – anhaltende Schleimhautblutungen, Hämatemesis (Bluterbrechen), blutige Stühle oder ausgeprägte Nachblutungen.
- Respiratorische Insuffizienz (unzureichende Aufnahme von Sauerstoff oder Abgabe von Kohlendioxid durch die Lunge) – zunehmende Atemarbeit, ausgeprägte Tachypnoe, Zyanose oder fallende Sauerstoffsättigung.
- Bewusstseinsstörung – neu auftretende Verwirrtheit, Somnolenz (krankhafte Schläfrigkeit), fehlende adäquate Reaktion oder Krampfanfälle.
- Akutes Abdomen (bedrohliches Krankheitsbild mit starken Bauchbeschwerden) – starke oder rasch zunehmende Bauchschmerzen mit Abwehrspannung oder ausgeprägter Distension.
- Oligurie (stark verminderte Urinausscheidung) oder Anurie (nahezu fehlende Urinausscheidung) – deutlich verminderte oder ausbleibende Urinausscheidung als Hinweis auf relevante Perfusionsstörung oder Nierenbeteiligung.
Bei diesen Warnzeichen ist unverzüglich eine spezialisierte Versorgung unter konsequenter Einhaltung der erforderlichen Schutzmaßnahmen sicherzustellen.