Norovirusinfektion – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Symptomlinderung
- Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten
- Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung einer ausreichenden Ernährung
- Vermeidung von Komplikationen, insbesondere Dehydratation (Austrocknung) und prärenalem akutem Nierenversagen (plötzlicher Einschränkung der Nierenfunktion durch unzureichende Nierendurchblutung)
Therapieempfehlungen
- Rehydratation (Ausgleich eines Flüssigkeitsmangels): Flüssigkeits- und Elektrolytverluste frühzeitig ersetzen; nicht erst bei einem bestimmten prozentualen Gewichtsverlust beginnen. Bei leichter bis mittelschwerer Dehydratation ist eine standardisierte, hypoosmolare orale Rehydrationslösung (ORL) die Therapie der ersten Wahl [LL1, LL2].
- Die ORL ausschließlich mit der auf der Packung angegebenen Wassermenge zubereiten. Tee, Cola, unverdünnte Fruchtsäfte und ausschließlich Wasser sind kein geeigneter Ersatz für eine ORL bei Dehydratation [LL1, FI1].
- Bei Erbrechen häufig kleine Mengen anbieten, bei Kindern beispielsweise 5 ml alle 1 bis 2 Minuten mit Löffel oder oraler Dosierspritze. Erbrechen schließt einen oralen Rehydratationsversuch nicht grundsätzlich aus [LL2].
- Flüssigkeitsdefizit, Erhaltungsbedarf und fortlaufende Verluste berücksichtigen. Bei Kindern den Erfolg nach spätestens 4 Stunden anhand von Allgemeinzustand, Gewicht und Urinproduktion überprüfen [LL2].
- Ernährung:
- Allgemein: Keine „Teepausen“ und keine länger dauernde Nahrungskarenz. Die orale Rehydrationslösung dient dem Flüssigkeits- und Elektrolytersatz, nicht als Nahrungsersatz [LL1, LL2].
- Gestillte Säuglinge: Stillen während der Rehydratation fortsetzen; die orale Rehydrationslösung zusätzlich nach Bedarf anbieten [LL2].
- Nicht gestillte Säuglinge: Die gewohnte Säuglingsnahrung spätestens 4 bis 6 Stunden nach Beginn der Rehydratation wieder geben; nicht routinemäßig verdünnen [LL2].
- Kinder nach dem Säuglingsalter: Altersübliche Nahrung spätestens 4 bis 6 Stunden nach Beginn der Rehydratation wieder anbieten [LL2].
- Erwachsene: Die gewohnte Ernährung nach Verträglichkeit fortsetzen beziehungsweise wieder aufnehmen [LL1].
- Eskalation der Flüssigkeitstherapie: Bei Kindern kann nach erfolgloser oraler Gabe eine nasogastrale Rehydratation (Flüssigkeitszufuhr über eine durch die Nase in den Magen eingeführte Sonde) erfolgen. Bei Schock (lebensbedrohlichem Kreislaufversagen), schwerer Dehydratation, Bewusstseinsstörung oder gescheiterter enteraler Rehydratation (Flüssigkeitszufuhr über den Magen-Darm-Trakt) ist eine stationäre Behandlung mit intravenöser Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution (Ersatz von Flüssigkeit und Salzen über eine Vene) erforderlich [LL1, LL2].
- Antiemetika: Keine routinemäßige Anwendung bei Kindern. Bei starkem Erbrechen, das die orale Rehydratation behindert, kann Ondansetron ärztlich kontrolliert erwogen werden. Die Anwendung bei akuter Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung) erfolgt Off-Label; die Dosierung und Darreichungsform müssen alters- und gewichtsgeeignet sein [2, LL2, FI2].
- Alters- und Risikogrenzen: Dimenhydrinat bei Kindern mit unkomplizierter Gastroenteritis nicht einsetzen, insbesondere nicht bei Kindern unter 3 Jahren. Domperidon kommt nur für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren mit mindestens 35 kg Körpergewicht infrage; bei signifikanten Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) oder relevanten kardialen Risiken ist es kontraindiziert [4, LL2, FI3, FI4].
- Spezifische Therapie: Eine zugelassene, etablierte antivirale Therapie der Norovirus-Infektion (Ansteckung mit Noroviren) steht nicht zur Verfügung. Antibiotika sind bei einer isolierten Norovirus-Infektion nicht indiziert [1, LL1].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Glucose-Elektrolyt-Lösungen zur oralen Rehydratation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Glucose, Natriumchlorid, Kaliumchlorid und Citrat als standardisierte ORL | Hypoosmolare Zubereitung, beispielsweise 240 mOsm/l mit 60 mmol/l Natrium. Bei Oralpädon 240 einen Beutel in genau 200 ml Wasser lösen. Bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) Flüssigkeits- und Natriumzufuhr individuell festlegen. Ernährungsmanagement gemäß aktueller Leitlinie; keine prolongierte Nahrungskarenz [LL2, FI1]. |
- Wirkweise: Glucosegekoppelte Natriumresorption fördert die Wasseraufnahme im Dünndarm; Ersatz von Elektrolytverlusten [LL1, FI1].
- Indikationen: Prävention und Behandlung einer Dehydratation bei akuter Diarrhö (Durchfall); Ersatz fortlaufender Flüssigkeitsverluste [LL1, FI1].
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten; bei Oralpädon 240 insbesondere akute oder chronische Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion), metabolische Alkalose (stoffwechselbedingte Verschiebung des Säure-Basen-Haushalts zur basischen Seite) und Monosaccharid-Malabsorption (gestörte Aufnahme von Einfachzuckern im Darm). Bei Schock, Bewusstseinstrübung, Ileus (Darmverschluss) oder unstillbarem Erbrechen keine alleinige orale Behandlung [FI1].
- Nebenwirkungen: Übelkeit und Erbrechen; bei fehlerhafter Zubereitung oder gestörter Ausscheidung Elektrolytstörungen beziehungsweise Volumenüberlastung (übermäßige Flüssigkeitsansammlung im Körper) [FI1].
Antiemetika: Serotonin-5-HT3-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ondansetron | Off-label bei Gastroenteritis. Erwägen bei starkem Erbrechen und erschwerter beziehungsweise gescheiterter oraler Rehydratation. Keine routinemäßige Anwendung unter 6 Monaten. Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut) und Hypomagnesiämie (Magnesiummangel im Blut) vor Gabe korrigieren; bei kardialen Risikofaktoren EKG und Elektrolyte prüfen. Keine routinemäßige Kombination mit weiteren QT-verlängernden Antiemetika [LL2, LL3, FI2]. |
- Wirkweise: Selektive Blockade von 5-HT3-Rezeptoren an vagalen Afferenzen und im zentralen Nervensystem [FI2].
- Indikationen: Ausgewählte Kinder mit gastroenteritisbedingtem Erbrechen zur Unterstützung der oralen Rehydratation; keine spezifische Wirkung gegen Noroviren [2, LL2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und gleichzeitige Anwendung von Apomorphin. Bei angeborenem Long-QT-Syndrom (angeborener Störung der elektrischen Erregungsrückbildung des Herzens mit erhöhtem Risiko gefährlicher Herzrhythmusstörungen) vermeiden. Bei Bradyarrhythmien (Herzrhythmusstörungen mit langsamem Herzschlag), Herzinsuffizienz oder QT-verlängernder Begleitmedikation besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Im ersten Schwangerschaftstrimenon nicht anwenden [FI2].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Obstipation (Verstopfung); bei Gastroenteritis vermehrte Diarrhö möglich. QT-Verlängerung und Torsade-de-Pointes-Tachykardien (besondere Form lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen mit schnellem Herzschlag); selten Serotonin-Syndrom (potenziell lebensbedrohliche Reaktion durch übermäßige Serotoninwirkung), insbesondere bei serotonerger Begleitmedikation [LL2, FI2].
Antiemetika: Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Domperidon | Keine Standardtherapie der Norovirus-Infektion. Erhöhtes kardiales Risiko insbesondere über 60 Jahren. Bei schwerer Niereninsuffizienz bei wiederholter Gabe Einnahmehäufigkeit auf ein- bis zweimal täglich reduzieren; gegebenenfalls Dosisreduktion [FI3]. |
- Wirkweise: Überwiegend peripherer Dopamin-D2-Rezeptorantagonist mit antiemetischer und prokinetischer Wirkung [FI3].
- Indikationen: Kurzzeitige Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei geeigneten Patienten; keine routinemäßige Verordnung [FI3].
- Kontraindikationen: QTc-Verlängerung, signifikante Elektrolytstörungen, relevante Herzerkrankungen einschließlich Herzinsuffizienz, mäßige oder schwere Leberfunktionsstörung, gleichzeitige QT-verlängernde Arzneimittel oder starke CYP3A4-Inhibitoren; ferner Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor der Hirnanhangsdrüse), Phäochromozytom (hormonbildender Tumor, meist des Nebennierenmarks), gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), mechanische Obstruktion (Verschluss durch ein körperliches Hindernis) oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand) sowie Überempfindlichkeit [FI3].
- Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel im Blut); QT-Verlängerung, schwerwiegende ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) und plötzlicher Herztod [FI3].
Antiemetika: H1-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dimenhydrinat | Bei Kindern mit unkomplizierter Gastroenteritis nicht einsetzen. Bei Erwachsenen allenfalls kurzzeitig nach individueller Abwägung. Bei älteren Patienten Sedierung, Delir- (akute Verwirrtheit) und Sturzrisiko beachten; bei Leber- oder schwerer Niereninsuffizienz besondere Vorsicht. Kein Alkohol und keine unkritische Kombination mit zentral dämpfenden Arzneimitteln [4, FI4]. |
- Wirkweise: Zentraler H1-Rezeptorantagonist mit anticholinerger und sedierender Wirkung [FI4].
- Indikationen: Kurzzeitige symptomatische Behandlung belastender Übelkeit und Erbrechens bei geeigneten Erwachsenen [FI4].
- Kontraindikationen: Unter anderem Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars mit verengtem Abflusswinkel für die Augenflüssigkeit), Prostatahyperplasie (Vergrößerung der Vorsteherdrüse) mit Restharn, Krampfanfälle, akuter Asthmaanfall (plötzliche Atemnot durch Verengung der Bronchien), Phäochromozytom, Porphyrie (Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs), Herzrhythmusstörungen und gleichzeitige MAO-Hemmer [FI4].
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Benommenheit, Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Harnblase zu entleeren) und Sehstörungen; paradoxe Erregung, Krampfanfälle und QT-Verlängerung. Überdosierungen können insbesondere bei Kindern lebensbedrohlich sein [FI4].
Weitere Hinweise
- Neue Evidenz zu Ondansetron: Eine randomisierte Studie von 2025 bei Kindern ab 6 Monaten bis unter 18 Jahren zeigte nach einer Notaufnahmebehandlung einen Nutzen einer bedarfsweisen weiteren Gabe über 48 Stunden hinsichtlich des Risikos einer mittelschweren bis schweren Gastroenteritis. Dies begründet keine pauschale Verordnung bei jeder Norovirus-Infektion. Eine Fortführung erfordert einen konkreten ärztlichen Einnahmeplan und bleibt off-label [3, FI2].
- Risikopatienten: Säuglinge, ältere Menschen und Patienten mit relevanten Begleiterkrankungen benötigen eine engmaschige Verlaufskontrolle. Bei Oligurie (stark verminderter Urinausscheidung), Kreislaufinstabilität, Bewusstseinsstörung oder nicht ausreichender Flüssigkeitsaufnahme ist eine dringliche ärztliche Beurteilung erforderlich [1, LL1, LL2].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CYP3A4: Cytochrom P450 3A4, ein Enzym des Arzneimittelabbaus
- D2: Dopaminrezeptor vom Typ 2
- DHA: Docosahexaensäure
- EKG: Elektrokardiogramm
- EPA: Eicosapentaensäure
- FI: Fachinformation
- H1: Histaminrezeptor vom Typ 1
- kg: Kilogramm
- l: Liter
- LL: Leitlinie
- MAO: Monoaminoxidase, ein Enzym zum Abbau bestimmter Botenstoffe
- mg: Milligramm
- ml: Milliliter
- mmol: Millimol
- mOsm: Milliosmol
- ORL: orale Rehydrationslösung
- QT: Zeitintervall im EKG, das die elektrische Erregung und Erregungsrückbildung der Herzkammern umfasst
- QTc: an die Herzfrequenz angepasstes QT-Intervall
- RKI: Robert Koch-Institut
- S2k: Entwicklungsstufe einer Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung
- 5-HT3: Serotoninrezeptor vom Typ 3; 5-HT steht für 5-Hydroxytryptamin (Serotonin)
Literatur
- Robert Koch-Institut: Norovirus-Gastroenteritis. RKI-Ratgeber. RKI-Ratgeber.
- Freedman SB et al.: Oral ondansetron for gastroenteritis in a pediatric emergency department. N Engl J Med. 2006;354:1698 bis 1705. doi: 10.1056/NEJMoa055119.
- Freedman SB et al.: Multidose Ondansetron after Emergency Visits in Children with Gastroenteritis. N Engl J Med. 2025;393:255 bis 266. doi: 10.1056/NEJMoa2503596.
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Sachstand zu den Antihistaminika Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Doxylamin. Sachverständigen-Ausschuss für Verschreibungspflicht, Juli 2018. Sachstand und Sicherheitsbewertung.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen. (AWMF-Registernummer: 021-024). Version 2.1, November 2023. Langfassung [LL1]
- S2k-Leitlinie: Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer: 068-003). Version 4.1, Juni 2024. Langfassung [LL2]
- Canadian Paediatric Society: Emergency department use of oral ondansetron for acute gastroenteritis-related vomiting in infants and children. Position Statement, Dezember 2018. Empfehlung und Dosierung [LL3]
Fachinformationen
- STADA Consumer Health Deutschland GmbH: Oralpädon 240. Stand Januar 2026. Fachinformation [FI1]
- ratiopharm GmbH: Ondansetron-ratiopharm 4 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI2]
- ratiopharm GmbH: Domperidon-ratiopharm 10 mg Filmtabletten. Stand September 2025. Fachinformation [FI3]
- Klinge Pharma GmbH: Vomex A Dragees, 50 mg. Fachinformation [FI4]