Norovirusinfektion – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Norovirusinfektion mitbedingt sein können:

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode (Zeitraum um die Geburt) haben (P00-P96)

  • Nekrotisierende Enterokolitis (schwere Darmentzündung mit Absterben von Darmgewebe) (NEC) bei Frühgeborenen – seltene, jedoch in mehreren Ausbruchs- und Beobachtungsstudien mit Norovirusinfektionen assoziierte schwere Komplikation; die systematische Übersichtsarbeit von Petrignani et al. identifizierte hierzu acht Studien [1]

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Dehydratation (Austrocknung) mit Hypovolämie (vermindertem Blutvolumen) – wichtigste klinisch relevante Akutkomplikation bei ausgeprägtem Erbrechen und/oder Diarrhö (Durchfall); besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder sowie ältere bzw. gebrechliche Patienten und Patienten mit relevanten Grunderkrankungen [1, LL1, LL2]
  • Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) – insbesondere Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut); bei ausgeprägter Dehydratation sind außerdem Hypo- oder Hypernatriämien (zu niedrige oder zu hohe Natriumwerte im Blut) möglich [LL2]
  • Metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes) – insbesondere bei ausgeprägter Dehydratation und Hypovolämie infolge gastrointestinaler Bikarbonatverluste und/oder Gewebehypoperfusion (Minderdurchblutung des Gewebes) [LL2]
  • Mangelernährung (unzureichende Nährstoffversorgung) – vor allem bei chronisch persistierender Norovirusinfektion unter Immundefizienz (Abwehrschwäche) bzw. Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems); häufig verbunden mit erheblichem Gewichtsverlust oder Gedeihstörung (unzureichender körperlicher Entwicklung) und ggf. der Notwendigkeit einer enteralen oder parenteralen Ernährung (Ernährung über den Magen-Darm-Trakt oder unter Umgehung des Darms) [1, 2]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Chronisch persistierende Norovirusinfektion bzw. chronische Norovirus-Gastroenteritis (lang anhaltende Magen-Darm-Entzündung durch Noroviren) – vor allem bei primären Immundefekten, hämatologischen bzw. onkologischen Erkrankungen, nach solider Organ- oder hämatopoetischer Stammzelltransplantation (Übertragung blutbildender Stammzellen) sowie unter Chemotherapie oder immunsuppressiver Therapie; rezidivierende bzw. persistierende Diarrhö und Virusausscheidung können über Monate bis Jahre bestehen [1, 2, LL1]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Chronische Enteropathie (lang anhaltende Darmerkrankung) mit Malabsorption (unzureichender Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) und Zottenatrophie (Rückbildung der Dünndarmzotten) – insbesondere bei persistierender Norovirusinfektion immundefizienter Patienten beschrieben; histologisch kann eine Überlappung mit anderen Enteropathien, insbesondere Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) oder gastrointestinaler Graft-versus-Host-Erkrankung, bestehen [2]
  • Postinfektiöses Reizdarmsyndrom (nach einer Infektion auftretende funktionelle Darmstörung) – nach Norovirus-Gastroenteritis beschrieben; in einer prospektiven Ausbruchskohorte entwickelten etwa 13 % der Betroffenen innerhalb von 12 Monaten ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom. Metaanalysen infektiöser Enteritiden (Darmentzündungen) bestätigen grundsätzlich ein erhöhtes Risiko, sind jedoch nicht Norovirus-spezifisch [3, 4]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Norovirusassoziierte Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörung) bzw. Enzephalitis (Gehirnentzündung) – sehr seltene neurologische Komplikation; die Evidenz beruht überwiegend auf Fallserien, Kohorten und Kasuistiken, sodass die Kausalität im Einzelfall sorgfältig zu prüfen ist [1, 5]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Benigne afebrile Krampfanfälle (gutartige Krampfanfälle ohne Fieber) bei milder Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung) – vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern beschrieben; Noroviren gehören neben Rotaviren zu den am häufigsten dokumentierten viralen Auslösern. Der Verlauf ist in der Regel günstig [1, 5, LL2]
  • Hypovolämischer Schock (Kreislaufschock durch starken Flüssigkeitsverlust) – seltene, potenziell lebensbedrohliche Folge ausgeprägter gastrointestinaler Flüssigkeitsverluste und schwerer Dehydratation [LL1, LL2]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Nierenschädigung (plötzliche Verschlechterung der Nierenfunktion) – überwiegend prärenal infolge ausgeprägter Dehydratation und Hypovolämie; Oligurie (stark verminderte Urinausscheidung) bzw. Anurie (fehlende Urinausscheidung) sind Warnzeichen eines drohenden oder manifesten prärenalen Nierenversagens (Nierenversagen infolge unzureichender Nierendurchblutung) [1, LL2]

Prognosefaktoren

  • Erhöhtes Risiko für Dehydratation und schweren Akutverlauf: Säuglings- und Kleinkindalter, hohes Alter bzw. Gebrechlichkeit, ausgeprägtes Erbrechen und/oder hohe Diarrhöfrequenz, unzureichende orale Flüssigkeitsaufnahme, relevante Komorbiditäten, ausgedehnte Darmresektionen (operative Entfernung von Darmabschnitten) und vorbestehende Mangelernährung [LL1, LL2]
  • Erhöhtes Risiko für einen chronisch persistierenden Verlauf: primäre Immundefizienz, hämatologische bzw. onkologische Erkrankung, solide Organtransplantation (Übertragung eines Organs), hämatopoetische Stammzelltransplantation sowie Chemotherapie oder sonstige relevante Immunsuppression [1, 2, LL1]
  • Ungünstige klinische Verlaufsparameter: höhergradige Dehydratation/Hypovolämie, relevante Elektrolyt- oder Säure-Basen-Störungen (Störungen des Gleichgewichts von Säuren und Basen im Körper), Vigilanzminderung (Bewusstseinsminderung) sowie Oligurie bzw. Anurie [LL2]

Literatur

  1. Petrignani M, Verhoef L, de Graaf M et al.: Chronic sequelae and severe complications of norovirus infection: A systematic review of literature. J Clin Virol. 2018;105:1-10. doi:10.1016/j.jcv.2018.05.004
  2. Smielewska A, Klotsas P, Gkrania-Klotsas E: Chronic persistent Norovirus in the immune-compromised host. Curr Opin Infect Dis. 2025;38(6):554-559. doi:10.1097/QCO.0000000000001152
  3. Zanini B, Ricci C, Bandera F et al.: Incidence of post-infectious irritable bowel syndrome and functional intestinal disorders following a water-borne viral gastroenteritis outbreak. Am J Gastroenterol. 2012;107(6):891-899. doi:10.1038/ajg.2012.102
  4. Klem F, Wadhwa A, Prokop LJ et al.: Prevalence, Risk Factors, and Outcomes of Irritable Bowel Syndrome After Infectious Enteritis: A Systematic Review and Meta-analysis. Gastroenterology. 2017;152(5):1042-1054.e1. doi:10.1053/j.gastro.2016.12.039
  5. Deb S, Mondal R, Lahiri D et al.: Norovirus-associated neurological manifestations: summarizing the evidence. J Neurovirol. 2023;29(4):492-506. doi:10.1007/s13365-023-01152-0

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen, Version 2.1. (Registernummer 021-024) November 2023 Langfassung [LL1].
  2. S2k-Leitlinie: Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter – Update 2024, Version 4.1. (Registernummer 068-003) April 2024 Langfassung [LL2].
  3. Robert Koch-Institut (RKI): RKI-Ratgeber Norovirus-Gastroenteritis. Stand 29.11.2019. RKI-Ratgeber; aktuelle Themenseite Noroviren, Stand 12.02.2026: Noroviren [LL3].